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Autor Thema: 13.09.2020: Kaisergebirge: Karlspitzen aus dem Hohen Winkel  (Gelesen 703 mal)

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Offline geroldh

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Vor einigen Jahren wurde eine ältere Ausgabe des Kaiserführers nach Kraxelrouten durchforstet und dabei ist mir auch dieser Aufstieg aufgefallen, den ich bei „passender“ Gelegenheit machen wollte. Hier hatte StefanMuc mit seiner Tour Karlspitzen Überschreitung im Okt. 2013 und auch Ameranger zusammen mit Axel/RossiS im Nov. 2016 mit ihrem "Moderatorenausflug alpin" - auf die Hintere Karlspitze bereits einen Vorsprung. Doch als relaxfex seine Tour Karlspitzen - Überschreitung vom Hohen Winkel zum Ellmauer Tor vom Aug. 2016 kürzlich Ende Juli 2020 wiederholt und mit Begeisterung davon erzählt hatte, sollte die Gelegenheit nun „passender“ gemacht und diese Tourenlücke geschlossen werden.

Kaiserwetter war angesagt, dies sollte entsprechend genutzt werden, also raus zum Kaiser:
Mit dieser Tour möchte ich ferner herausfinden, ob auch noch der Mittelkaiser mit dem ÖPNV via Kufstein und das Kaisertal machbar ist. So fährt mich der erste Zug des Sonntags in „die Perle Tirols“ (Ankunft 7:05 Uhr). Während es an Werktagen eine Verbindung mit dem Stadtbus zum Kaiser(tal)aufstieg gibt, so habe ich ein begleitendes Experiment geplant, das mir auch bereits längere Zeit im Kopf herum ging: Wo möglich, möchte ich mir das „Hatschen“ so angenehm wie möglich machen und habe diesmal aus dem Keller einen Tretroller mit größeren Reifen ausgegraben…
Damit ist der Ortsteil Eichelwang (ca. 500 m; 7:25 Uhr) an der Stadt/Gemeinde-Grenze Kufstein/Ebbs zügig erreicht, der Aufstieg über die mehr als 300 Stufen ins Kaisertal kann beginnen (AV-Wegweiser: Anton-Karg-Haus = 2½ h; Stripsenjochhaus = 4½ h).

Bereits zu Zeiten als die „Bergradl“ noch einen Stahlrahmen hatten und „E-Power“ nicht einmal in den kühnsten „Bergsteiger“-Träumen eine Vision war, ist im Kaisertal durch das Naturschutzgebiet Kaisergebirge (seit 1963) das Fahrradfahren verboten. Aus heutiger Sicht ist dies eine vollkommen vernünftige Maßnahme, würde dieses Tal nun sicherlich von den „E-Bikes“ überrollt werden. Wenn also ganz legal „fahren“, dann muss es etwas Fußgängerzonen-taugliches sein – und damit in gewisser Weise ein Spielzeug für Erwachsene. So schultere ich nun also den Tretroller, neudeutsch „Scooter“, und versuche ihn an geeigneten Abschnitten einzusetzen.
Am Veitenhof vorbei ist wenig später der Pfandlhof (780 m; ca. 8:05 Uhr) erreicht, hinter dem sich die Türme und Zinnen des Mittelkaisers als Silhouette aufbauen. Der (neue) Kaisertalweg ist ein guter „Kilometerfresser“ und nach dem Karg-Gartl ist bald darauf das Anton-Karg-Haus/Hinterbärenbad (829 m) nur zwei Stunden nach meiner Ankunft am Bahnhof Kufstein erreicht. Hier deponiere ich meine rollende „Geheimwaffe“ für den dann hoffentlich angenehmen Einsatz auf dem Rückweg am Abend und wechsele auf einen Pfad, der mich gegen 9:15 Uhr zum Hans-Berger-Haus/Kaisertalhaus (936 m) bringt. Hier stehe ich nun definitiv zu Füßen des Mittelkaisers.

Ich folge dem ausgetretenen Weg in Richtung Stripsenjoch hinauf, ein wasserführender Seitenbach gibt mir die Gelegenheit das Rucksack-Gewicht um drei Kilogramm zu erhöhen – wenig später würde die Quelle „Jagabrünndl“ die letzte Möglichkeit des Wassertankens für die heute gewählte Route darstellen.
Am oberen Rand einer Wiese (ca. 10:00 Uhr) zweigt auf 1265m etwas unscheinbar der Pfad ab, in den etwa 150m höher der Abkürzungspfad von der Strips herüber einmündet und der im weiteren Verlauf via dem Übergang Kopftörl zur Gruttenhütte führt. An der markanten Winklerschlucht vorbei erreiche ich nun tatsächlich zum allerersten Mal das etwas abgelegene Seitental Hoher Winkel im Wilden Kaiser. Dort mache ich etwas Pause – jetzt erst wird der angenehme Schatten durch die Sonne abgelöst – und versuche bei etwa 1725 m, dort wo der Steig aus dem Geröllfeld heraus kurz in den grasigen Bereich übergeht, den Einstieg in die Kraxelroute zu finden, was mir kurz vor dem „Mittagsläuten“ am Totenkirchl auch gelingt. Grundsätzlich ist mir klar, dass es hier über diese ausgewaschenen Platten nach oben geht, um einen bereits sichtbaren Grasfleck zu erreichen, doch nach etwas suchen kann ich auch den alten verwaschenen Pfeil entdecken.

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Einstiegsbereich: Platte, Grasfleck und Felsstufe (Schlüsselstelle)

Ähnlich wie auf einer schräg angelehnten Leiter geht es in leichter I-IIer Kraxelei hinauf, zunehmend Höhe gewinnend, und dann auf einer kurzen luftigen Querung nach links auf den kleinen Grasfleck hinüber. Hier ist etwas Orientierung angesagt, denn über mir steilt sich der Fels zu einer Stufe auf und es ist keine alte Markierung zu erkennen. Das Gelände abschätzend, entscheide ich mich leicht links/nördlich haltend aufzusteigen, um nach wenigen Metern eine luftige Kletterstelle zu erreichen. Ja, dies ist die kurze Schlüsselstelle (UIAA II): Wie es sich für diese Schwierigkeitsbewertung gehört sind ausreichend gute Griff- und Trittmöglichkeiten vorhanden – man darf nur nicht nach unten schauen – und auch einige blasse Punkte geben hier wieder die richtige Rückmeldung. Kurz weiter links haltend ist wenig später mit einem kleinen Geröllfeld das untere Ende einer breiten, schrofigen Rinne erreicht, die hier in südöstl. Richtung nach oben zieht – dem nun wieder sichtbaren Türmchen entgegen.
Hier bin ich nun völlig alleine unterwegs, da ist am benachbarten Kopftörlgrat schon wesentlich mehr los – die Seilkommandos schallen herüber. Stets die leichteren Varianten in diesem Schrofengelände aufsteigend, geben immer wieder dunkelrote Farbreste die Rückmeldung richtig zu sein. Es wird ein kleines Törl („Felsenfenster“) erreicht mit einem interessanten Rückblick das Kaisertal hinaus. Etwas ausgesetzt und brüchig muss nun auf einem Band gequert werden und dann stehe ich direkt unterhalb des Felsturms (ca. 13:00 Uhr). Kann es sein, dass sich dieser Turm Kufsteinerkarl nennt?

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Blick zurück: Am Kufsteinerkarl vorbei in den Hohen Winkel

Hier hinter dem Turm kraxelt man eine breite, verblockte Felsrinne empor, um dann durch Farbreste unterstützt leicht links vor einem sich öffnenden Gelände zu stehen. Nach oben hin lädt eine breite grasige Rinne ein dort weiter aufzusteigen, doch ich erinnere mich in der Vorbereitung gelesen zu haben, dass man sich eher rechts/südlich halten muss. Dies tue ich noch bevor sich die erste kleine Felsrippe aufbaut, aber nach alten Markierungen Ausschau haltend, sind hier keine mehr zu entdecken. Mich rechts haltend steige ich weiter auf, bis mich eine weitere kleine Felsrippe zwingt wieder korrigierend zu queren. Das Gelände hier ist im Anblick wirklich faszinierend, aber auch etwas unübersichtlich und bietet viele gut machbare Möglichkeiten nach oben zu kraxeln. Doch was kommt höher?

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Unübersichtliches Gelände: Wie geht es weiter?

Schließlich steige ich auf die große Rippe hinauf, die sich vom Turm heraufzieht – und entdecke dort wieder schwache Farbreste. OK, hier bin ich wieder richtig, ich war einfach nur etwas zu hoch unterwegs.
Durch die jahrelange Verwitterung sind die alten Markierungen eher abgeplatzt als verblichen, was das Auffinden dieser Reste aus einiger Entfernung fast unmöglich macht. Weiter nach oben steigend wird das Gelände bald wieder unübersichtlich, die Rippe geht in eine kleine felsige Rinne über. Was nun? Hier wieder rechts haltend ausqueren – das bereits sichtbare Gipfelkreuz der Vorderen Karlspitze würde dies verlockend unterstützen – oder die kleine Rinne weiter aufsteigen? Ich entscheide mich für letzteres und erkenne bald darauf auch wieder etwas dunkelrote Farbe am Fels - Bingo. Die Richtung haltend geht es in leichter Kraxelei weiter hinauf, einmal muss ich allerdings etwas absteigend korrigieren, jedoch Farbreste habe ich nun wiederum keine mehr gesehen, und dann zwingt mich der sich aufsteilende Fels wieder zu einer südlichen Richtungskorrektur in eine parallele Schrofenrinne hinein. Doch dort gibt es wieder alte Farbreste und die weiteren Meter hinauf sind nun auch wirklich selbsterklärend. Um 14:30 Uhr stehe ich am Grat, der etwas südlich des Aufstiegs vom Ellmauer Tor fast an der tiefsten Stelle erreicht wird.

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Kaiser pur: Hier wird es für das Auge nie langweilig

Entlang des Grates ist wenig später die Vordere Karlspitze (2263 m; ca. 14:45 Uhr) mit seinem hölzernen Gipfelkreuz und der umfassenden Aussicht erreicht. Zeit für die sehnlichst erwartete Gipfelbrotzeit – doch obwohl die Sonne noch hoch am blauen Himmel steht, schwant mir, dass es heute wieder mal eine „späte Nummer“ bzw. Heimfahrt werden dürfte...

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Gipfelblick: Von der Vorderen Karlspitze über die Aufstiegsroute das Kaisertal hinaus

(Fortsetzung folgt)

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« am: 26.09.2020, 17:25 »

Offline geroldh

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Ich bin alleine auf dem Gipfel, es ist warm und windstill – und doch finde ich keine richtige Ruhe: Hatte vor der Tour noch herumtelefoniert, aber niemand von denen ich diesen Aufstieg zugetraut hätte konnte oder wollte mitkommen, so bin ich heute in allen Entscheidungen mein eigener Herr – und da geht mir, wenn ich denn schon mal hier bin, ein weiterer Lückenschluss durch den Kopf: Ich war bisher noch nie…

Nach einer guten viertel Stunde Pause verlasse ich diesen Panoramagipfel und kraxele den Grat entlang zur etwas höheren Hinteren Karlspitze (2279 m; ca. 15:30 Uhr) hinüber. Über den üblichen „Normalweg“ war ich vor einigen Jahren bereits hier und auch dieser Gipfel hat seinen ganz eigenen (ruhigen) Charme: In nördlicher Richtung lässt es sich sehr schön auf die Strips und die berühmten Klettergipfel hinab blicken – auf der Fleischbank machen sich gerade zwei Seilschaften an den Abstieg in die Scharte. Auch hier hält es mich keine viertel Stunde lang, meine Gedanken machen mich nun etwas zum Getriebenen…

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Hintere Karlspitze: Blick auf Stripsenkopf und Zahmer Kaiser mit Pyramidenspitze

Zügig geht es ostseitig den anspruchsvollen Steig mit abschnittsweiser Unterstützung durch Stahlbügel hinab, ich kreuze das Ellmauer Tor (1980 m; ca. 16:15 Uhr) – und steige auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf. Vor einigen Wochen hatte Nic, alias schrofenkraxler diesen alternativen Aufstieg auf die VGH wiederholt – und nach der heutigen Westflanke auf die Karlspitzen kann dieser Anstieg für mich nur die logische Fortsetzung des Tages darstellen: An der Stelle, an der der „touristische“ Steig in die nördliche Richtung zur HGH abknickt steige ich noch etwas gerade hinauf, um dann auf Trittspuren in südlicher Richtung eine kleine markante Rinne anzusteuern. Durch diese steige ich in der warmen Spätnachmittagssonne in südöstl. Richtung aufwärts und über schrofiges Gelände weiter dem Gipfel entgegen. Doch Leichtigkeit fühlt sich anders an: Meine Beinmuskulatur würde sich inzwischen gerne verkrampfen, wenn ich es zuließe, doch auch diese Höhenmeter werden noch überwunden – und ich stehe erstmalig auf der Vorderen Goinger Halt (2242 m; ca. 17:00 Uhr), ein Gipfel(chen), das ich bisher stets rechts liegen gelassen hatte…

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Blick vom Karlspitzengrat auf den Ostkaiser: Im Hintergrund die Ackerlspitze
Linke Bildhälfte: Route von links-unten nach rechts-oben auf die Vordere Goinger Halt


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Oberhalb des Ellmauer Tors: Rechts die Aufstiegsrinne zur Vorderen Goinger Halt

Hier ist der Blick in das Griesner Kar hinab und hinüber auf die dieses große Kar umgebenden Gipfel ein visueller Höhepunkt. Erst kürzlich war ich dort drüben auf einem kleineren Gratabschnitt im Ostkaiser unterwegs… Ich trage mich in das Gipfelbüchlein ein und schaue mir die Einträge auf der linken Seite an:
"12.9.20 - Hannes - Griesner Kar Umrahmung ab Lärcheck" lese ich (gleicher Text wie kürzlich auf der Regalmspitze), aber irgendwie wollen da zwei mentale Puzzleteile in meinem Gehirn nicht zusammen passen… Doch dann wird's mir klar: Es wurde vollbracht! Dem Hannes hat es keine Ruhe gelassen und er hat die im August auf den letzten Metern “gescheiterte” Mammuttour am Vortag erneut angegangen – und vollendet, wie dann auch am Folgetag nachzulesen ist:
Ostkaiser | Umrahmung des Griesner Kars (komplett)

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Der Ostkaiser mit Ackerlspitze und Regalmspitze: Nur ein Teil der Griesner Kar Umrahmung

Ich versuche mich in Hannes hineinzuversetzen als ich den mit vielen Steinmännern markierten Gratabschnitt entlang kraxele. Vielleicht würde ich in einem direkten Vergleich mit ihm hier wie eine Schnecke wirken als es etwas westlich unterhalb der Gratlinie nach Norden geht. Oder war er am Vortag nach den vielen Stunden Klettern hier kaum schneller unterwegs? Mit dieser mentalen Ablenkung schaffe ich auch noch die letzten (Gegen)Anstiegsmeter zur Hinteren Goinger Halt (2192 m; ca. 17:45 Uhr) hinauf. Dieser „Touristengipfel“ war meine letzte Tagespflicht, um das heutige Gipfelquartett, auch schon mal als „Ellmauer Quartett“ bezeichnet, zu vollenden. Natürlich bin ich um diese Tageszeit der letzte Besucher am Gipfelkreuz und auch am Sonnenstand lässt sich nun das Tagesende erahnen: In zwei Stunden wird die Dämmerung der Nacht Platz machen…

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VGH: Fleischbank (links) – Pyramidenspitze (Hintergrund) – Hintere Goinger Halt (rechts)

Die Zeit lässt sich in ihrem Ablauf einfach nicht anhalten… dies gäbe wohl einen gewaltigen Ruck auf der Erde und im Sonnensystem… 18:00 Uhr ist die Zeitmarke an der ich mich an den unvermeidlichen Abstieg mache. Gefühlt auf einer Steig-Autobahn ist das Ellmauer Tor (1980m) um 18:20 Uhr wieder erreicht (AV-Wegweiser: Stripsenjochhaus = 2¼ h; Griesner Alm = 3 h), ich orientiere mich nun nordwärts, der Steinernen Rinne entgegen. Der Abstieg ist durch das lose Gebrösel tückisch, doch zuletzt haben Kraxelopa und ich diese auch schon mal bei Dunkelheit bewältigt, als auf unserer Klettertour via Nordgrat/Oppelband auf den Predigtstuhl die Zeit davon gelaufen ist…

Für heute dürfte ich hier der „Lumpensammler“ sein. Die steile Rinne fordert trotz Seilführung nochmals die volle Aufmerksamkeit, dennoch eilen meine Gedanken den weiteren angedachten Rückweg voraus – es wird wohl gerade Nacht werden, wenn ich nach einem lästigen Gegenanstieg an der Strips ankommen werde…
Im unteren Bereich der Steinernen Rinne hole ich zwei absteigende Kletterer ein – und „traue“ mich zu fragen, ob sie wohl Richtung Inntal hinausfahren würden. Ein wenig hadere ich nun mit meinem Ehrgeiz und dem inneren Schweinehund, nach diesem großartigen Tag vor meinem selbstauferlegten Rückweg kneifen zu wollen, doch meinem Körper reicht es langsam – ja, und wenn sich die Chance anböte…
Tatsächlich wird ihre Heimfahrt sie in Richtung München führen, und auch kein Problem, ich könne gerne mitfahren – nur wollen sie nun die steile Abkürzung der Kletterer hinab ins Tal benutzen… Da kann ich jetzt wirklich nicht mehr nein sagen, ich verwerfe meinen nächtlichen Rückweg das Kaisertal hinaus, die letzten Züge des Tages im Hinterkopf kreisend, ich schließe mich ihren Abstieg an.
Im Licht der Dämmerung wird die Griesner Alm (ca. 990 m; ca. 19:45 Uhr) erreicht und während wir uns auf der Terrasse noch mit einer hopfigen Erfrischung belohnen, bricht die klare Nacht herein. Auf der Strasse sind es nun ganz schön viele Kilometer das Kaiserbachtal hinaus, dann via Kössen/Walchsee um das Kaisergebirge herum ins Inntal, doch am Bahnhof Raubling kann ich nach einigen Minuten warten in einen Zug einsteigen, den ich sonst niemals hätte erreichen können...

(Fortsetzung folgt)

Wieso „Fortsetzung“? Die Tour ist doch nun zu Ende?
Ja, dieser Tag ist vorbei, aber ich habe immer noch einen „Ausrüstungsgegenstand“ hinten im Kaisertal liegen – und den gilt es zeitnah zu holen – bei einer anderen Tour!

Offline geroldh

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19.09.2020: Kaisergebirge: Karlspitzen aus dem Hohen Winkel
« Antwort #2 am: 30.09.2020, 23:25 »
Der Spätsommer meint es in diesem Jahr gut mit uns: Erneut ist „Kaiserwetter“ für das anstehende Wochenende vorhergesagt. Mein mentaler „Anker“ für eine weitere „kaiserliche“ Tour liegt am Ende des Kaisertals – und davor soll mich nach Möglichkeit eine kaiserliche Route ab Kufstein dorthin führen. Ich überlege hin und her, schaue auf die Karte, "gugel" zu einer Idee für einen unkonventionellen Übergang – und bekomme gleich als erstes Ergebnis den Bericht eines aufwändigen Bergwachteinsatzes ebendort. Hmm, dies muss zwar nicht die grundsätzliche Machbarkeit in Frage stellen, doch scheint es Sinn zu machen, diese Ecke vorab zu sondieren und sich nicht vor Ort im Gelände mit einem „es muss jetzt aber gehen“ unter Druck zu setzen.

Den voran gegangenen Aufstieg vom Hohen Winkel durch die Westflanke auf die Karlspitzen empfinde ich als einen der attraktivsten Anstiege im Kaisergebirge – jedenfalls wenn man grundsätzlich diesem Gelände gewachsen ist. Da ist der Gedanke an eine Wiederholung nicht weit – und mit der Zielsetzung die ursprüngliche Routenführung mit der ehemals engmaschigen Markierung „auf den Meter genau“ zu suchen, bekommt diese zeitnahe Wiederholung auch gleich eine neue Qualität. Noch habe ich die entscheidenden Abschnitte in guter Erinnerung. Doch damit diese Originalroute wieder sichtbarer wird, möchte ich diese dezent, aber an den entscheidenden Stellen mit frischer Farbe auffrischen – bei schlechter Sicht kann dies auch unmittelbar einen Sicherheitsvorteil bedeuten.

So ist es wieder der erste Zug, der mich, diesmal am Samstag, nach Kufstein bringt (7:05 Uhr). Die Entfernung zum Tourenziel werde ich aber heute mittels ÖPNV „verkürzen“: Per Regionalbus 4902: Kufstein – Söll-Dorf (Abfahrt: 7:40 Uhr; ~15 km, 24 Min.) mit Umsteigen am Ortsrand von Söll an der Haltestelle „Söll-Kreisverkehr” (8:04 Uhr) wenige Minuten später in die Linie 4060 in Richtung St. Johann i.T. bis nach Ellmau zur Haltestelle „Ellmau-Dorf/Bauhof“ (~10 km, 14 Min.).
Tipp: Als Überbrückung der halben Stunde Wartezeit auf den Bus bietet es sich an, über den Inn und durch die Fußgängerzone Stadtplatz (Spar-Markt Sa. ab 07:00 Uhr) bis zur Haltestelle „Oberer Stadtplatz“ hinauf zu gehen und dort einzusteigen.
Dies ist bereits die zweite Bus-Verbindung des Samstags nach Ellmau, doch am Sonntag geht diese Öffi-Anreise erst eine Stunde später...

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Tuxegg – Ellmauer Halt – Kopftörl – Vordere Karlspitze – Ellmauer Tor – Vordere Goinger Halt - … - Kl. Törl – Regalmspitze – Westl. Hochgrubachspitze

Die Haltestelle „Ellmau-Dorf/Bauhof“ (ca. 800 m; 8:25 Uhr) liegt genau an der kleinen (Maut)Strasse, die zur Wochenbrunneralm hinaufführt. Jetzt am späten Morgen biegt ein Auto nach dem anderen in diese Straße ein, kein Problem also, den Daumen zu heben – und keine fünf Minuten später werde ich auf Ledersitz zum Tourenstartpunkt chauffiert. Auf dem großen Parkplatz (1085 m; 8:45 Uhr) verspüre ich eine größere Unruhe, die legt sich aber schnell, als es die ersten Meter auf dem allseits bekannten Wanderweg bergan geht. Die Massen kennen hier nur zwei Richtungen: Unten an der Gaudi-Hütte vorbei zum Ellmauer Tor hinauf mit Gipfel-Ziel Hint. Goinger Halt – und oben an der Grutten vorbei den „Klettersteig“ zur Ellmauer Halt hinauf.

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(Renovierte) Gruttenhütte vor Kaiserkopf und Ellmauer Halt mit Kopftörlgrat

Bis zur Gruttenhütte (1620 m; ca. 10:00 Uhr) bin ich also „in guter Gesellschaft“, doch so manche/r bleibt dort auf der Terrasse hängen, aber mit meiner Steigwahl zum Kopftörl wird es gleich ruhiger. Die Kopftörlgrat-Aspiranten sind schon vor mir durch, einige sehe ich dort oben bereits am Klettern. Ich habe meine Ruhe, als ich am und im Durchschlupf des Felsspaltes des Kaindl-Stewart-Turms eine kleine Fotosession einlege. Unmittelbar darauf ist die Scharte (2058 m; ca. 11:45 Uhr) erreicht, an der eine Jugendgruppe ihre verdiente Mittagsrast macht. Ihren Aufstieg habe ich nun als Abstieg - diese Passage ist zugleich ein weiterer Lückenschluss für mich - und mir ist bald bewusst, dass ich mich hier freiwillig nie aufwärts plagen möchte (einen Schritt vor, einen halben zurück). Es sind etwa 300 Höhenmeter, die in den Hohen Winkel hinunter zu vernichten sind, aber wenigstens lassen sich diese im überwiegend groben Geröll gut hinunterspringen. Unten im grasigen Bereich angekommen kann ich bei meiner kurzen Mittagspause all die eingesammelten kleinen Steine wieder aus meinen Schuhen heraus in die Freiheit schütteln…

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Blick vom Kopftörl auf den unscheinbaren Turm und seinen grasigen Verbindungsgrat

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Blick voraus: Vom Hohen Winkel hinauf zum Turm Kufsteinerkarl

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Einstiegsbereich: Platte, Grasfleck und Felsstufe (Schlüsselstelle)

(Fortsetzung folgt)

Offline geroldh

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Dieses Mal bin ich mit ca. 12:30 Uhr eine gute halbe Stunde später am Einstieg. Hatte ich eine knappe Woche zuvor hier – und vor allem dann oben unter der luftigen Schlüsselstelle (UIAA II) – eine „gesunde“ innere Unsicherheit aufgrund des unbekannten Geländes verspürt, so fühle ich mich heute schon fast „wia dahoam“. Nun den Anstieg kennend, lege ich jetzt meine Aufmerksamkeit in das Auffinden der alten Markierungsreste – und darauf, welche Orientierungsangabe man hier gerne beim ersten Mal vor Ort vorfinden möchte. Bis zum Turm hinauf ist die ursprüngliche Kennzeichnung überwiegend gut erhalten und ausreichend.

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Kaiser pur: Hier wird es für das Auge nie langweilig

Am oberen Ende der verblockten Rinne wird es dann aber kniffliger, hier hatte ich die Markierungsreste verloren und war etwas zu hoch unterwegs. Mit diesem Wissen und einer intensiveren Suche zeigt sich, dass die alte Routenführung praktisch der Höhenlinie nach rechts/südlich folgt und in einem kleinen Riss auf die Rippe oberhalb des Turms hinaufführt. Dies sollte nun auch ohne diese Richtungskenntnisse klarer erkennbar sein.

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Auf dem Verbindungsgrat vom Turm zum „Felslabyrinth“ – mit Vorderer Karlspitze (rechts)

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Im “Wohnzimmer der Gämsen“: Der Turm Kufsteinerkarl in seiner ganzen Pracht

Anhand der gefundenen Farbreste lässt sich erkennen, dass die Markierungen früher durchaus engmaschig gesetzt wurden. An den Stellen, an denen ich beim ersten Anstieg meine Probleme mit der Markierungsfindung hatte, verwende ich heute einiges mehr an Zeit, es ist fast kriminalistischer Spürsinn zu entwickeln, um auch noch die kleinsten dunkelroten Farbreste zu erkennen. Weiter oben mache ich wie in der Vorwoche die gleichen Orientierungsfehler, hier steige ich auch zweimal einige Höhenmeter hinab, um die alte Routenführung intensiv zu suchen – und wieder deutlicher zu machen. Dies erfordert natürlich seine Zeit, kein Wunder also, dass ich diesmal zwei Stunden später oben am Grat und anschließend dem Gipfel der Vorderen Karlspitze (2263 m; ca. 16:45 Uhr) bin.

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Predigtstuhl und Hintere Goinger Halt mit Lärchegg und Hint. Gamsflucht im Hintergrund

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Vordere Karlspitze – und im Hintergrund: Großer Rettenstein … Großvenediger … Tre Cime di Lavaredo (Drei Zinnen) … :D

Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit und meines noch bevorstehenden Rückwegs verabschiede ich mich gegen 17:30 Uhr vom Verbindungsgrat zwischen den beiden Gipfeln der Karlspitzen. Das Ellmauer Tor lässt sich nur unwesentlich abkürzen, die Steinerne Rinne ist mit der gleichen Aufmerksamkeit der Vorwoche zu begehen, nur dass ich diesmal darauf verzichte die absteigenden Kletterer anzusprechen und auf dem Eggersteig bleibe, der nach einem ersten kleinen Gegenanstieg in den Aufstiegsweg zum Stripsenjochhaus (1577 m; ca. 19:00 Uhr) einmündet. Dieses erreiche ich kurz vor Sonnenuntergang, ich hole mir eine hopfige Belohnung vom Ausschank und setze mich auf der Terrasse zu anderen Hüttengästen. Aber es wird schnell frisch im luftigen Abendwind, und damit Zeit für meinen finalen Abstieg in der einsetzenden Dämmerung. Der Weg in das Kaisertal hinab ist hervorragend hergerichtet, ich erreiche bei beginnender Dunkelheit das Hans-Berger-Haus (936 m) und zehn Minuten später das Anton-Karg-Haus bzw. Hinterbärenbad (829 m; 20:20 Uhr).

Bis zur alten Trift-Klause bzw. der Klaus-Hütte verläuft der Fahrweg parallel zum Kaiserbach – und damit bergab. Diesen Abschnitt kann ich flott hinter mich bringen, doch ab dem Tunnel steigt der Weg kontinuierlich an, um kurz vor dem Pfandlhof seine höchste Höhe zu erhalten. Dies würde sonst kaum auffallen, doch hier rollt es sich nicht gut, der Roller wird getragen. Am Pfandlhof darf er jedoch wieder mich tragen, jedenfalls solange es noch gut zu bremsen ist. Während der steilen Stiegen hinunter merke ich den langen Tag in den Beinen, aber mit dem Erreichen des Talgrunds Kaisertalaufstieg (ca. 500 m; ca. 21:25 Uhr) ist zuerst die Erfrischung am Brunnen und dann auch der Bahnhof Kufstein (21:45 Uhr) nah. Es passt noch hervorragend zum Umziehen am Bahnsteig, dann geht’s auch schon zügig nach Hause und ein toller Bergtag findet sein - Ende.

Offline abi

  • roBergler
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Danke für die tollen Berichte und Fotos, die Hannes auch nicht besser machen hätte können  :)