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Autor Thema: 26.-28.08.19: H.Tauern: Warnsdorfer Hütte – Großer Geiger  (Gelesen 276 mal)

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Offline geroldh

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Nach drei Jahren (vgl. Aug.‘16 & Sept.‘16) bin ich also wieder zurück – im Krimmler Achental und auf der Warnsdorfer Hütte. In dieser Woche soll es (nur) einen stabilen Schönwettertag geben – und diesen wollen wir zu Zweit für eine einsame Hochtour nutzen.

MO, 26.Aug.‘19:
Mit der Anfahrt zur Mittagszeit geraten wir in St. Johann (in Tirol) genau in eine Verkehrssperrung der Hauptmagistrale (B178) zw. Lofer/Salzburg und Wörgl/Innsbruck wegen einer kreuzenden(?) Radsportveranstaltung. Nach dem wenden und etwas suchen schaffen wir es glücklicherweise auch ohne Navi den kompletten Stillstand (und kilometerlangen Stau) in Richtung Kitzbühel und zum Pass Thurn zu umfahren. Durch das Pinzgau erreichen wir den Touristenort Krimml und finden an der Gerlos-Passstrasse eine kleine Parkmöglichkeit (ca. 1100 m).

Ein kurzes Ausnässen der Wolken warten wir ab, dann starten wir gegen 15:00 Uhr ganz „by-fair-means“ mit dem „MBR“ (MuskelBergRadl) auf der für den öffentl. Verkehr gesperrten Wirtschaftsstrasse. Nach einigen Serpentinen und einem Tunnel erreichen wir den Talboden oberhalb der Wasserfälle, der Wald tritt zurück und ein abwechslungsreiches Almgelände wird in leichtem auf und ab durchfahren. Hinter uns grummelt es zunehmend, doch das Gewitter baut sich über dem Zillertal auf und wird später draußen im Mangfallgebirge und ein weiteres in den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen für reichlich Niederschlag sorgen.

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Im Krimmler Achental mit Simony Spitzen und Dreiherrn Spitz (oben) sowie Maurerkees Kögel (unten) im Talschluss

Im Bereich der Talstation der Materialseilbahn (1825 m) werden die Räder abgestellt (ca. 17:30 Uhr) und mit unseren Rucksäcken steigen wir in etwas über einer Stunde der Warnsdorfer Hütte (2336 m) entgegen. Die Hütte ist nicht voll belegt, im Lager haben wir ausreichend Platz und auch in der gemütlichen Gaststube, in der wir uns Spaghetti Bolognese mit Salat (AV-Bergsteigeressen) und vor allem das naturtrübe Krimmler Helle aus der lokalen Privatbrauerei „Anton Wallner Bräu“ schmecken lassen. Zum Abschluss und als „Betthupferl“ gibt es noch ein Stamperl „Medizin“, den rotbraunen und äußerst leckeren Zirbenschnaps. Noch vor der Hüttenruhe liegen wir im Hüttenschlafsack und sinnieren uns dem nächsten Tag entgegen – bis der Schlaf uns vereinnahmt...

DI, 27.Aug.‘19:
Bereits vor dem Wecker sind wir wach, unsere Rucksäcke sind schnell gepackt und um 6:00 Uhr sind wir mit die ersten, die sich am umfangreichen Frühstücksbuffet bedienen. Ernst, der Hüttenwirt, erkundigt sich nach unserem Tagesziel und mahnt zum rechtzeitigen Aufbruch – nicht nur sind am Maurertörl inzw. auf beiden Seiten heikle Stellen zu passieren, es sei auch eine Zehn-Stunden-Tour.
So sind wir gegen 6:45 Uhr die ersten, die hinter der Hütte dem Gamsspitzl entgegensteigen – etwas später wird uns eine Kleingruppe mit Bergführer folgen, die ein paar Tage von Hütte zu Hütte unterwegs sein möchte. Im Schatten des westl. ausgerichteten Hangs steigen wir dem kleinen Gipfelkreuz entgegen und erkennen silhouettenhaft eine Bewegung am Gripfelgrat – es ist tatsächlich ein Steinbock beim Kräuterfrühstück, der sich dann aber leider vor unserer Ankunft irgendwo ins Gelände verzogen hat. Das Gamsspitzl (2888 m; ca. 8:15 Uhr) ist der Hausberg der Warnsdorfer Hütte und bietet uns einen ersten Blick auf den Großvenediger.

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Auf dem Gamsspitzl mit Dreiherrn Spitz (oben) – Auf dem Weg zum Maurer Törl (unten)

Auf der Ostseite beginnt wenig unterhalb des Gipfels der überwiegend apere Gletscher, an dessen Rand wir uns mit Sitzgurt und Steigeisen ausstatten, bis zu einer zu überquerenden Felskante können wir noch ohne Seil gehen. Danach kommt auch das Halbseil zum Einsatz und wir steigen an offenen Spalten vorbei, anfangs auf Altschnee, über den westl. Teil des Obersulzbach Kees dem Maurer Törl entgegen. Aus der westl. gelegenen, steil aufragenden Nordostwand des Ht. Maurerkees Kogels hat es vor kurzem einen größeren Felssturz gegeben, dieser Gefahrenbereich – wir erkennen einen nachrutschenden Steinblock auf dem schneebedenkten, steileren Gletscherstück – müßte zusätzlich zu den vorhandenen Spalten überwunden werden. Ostseitig schwingt sich der Gletscher etwa 30° steil, aper und mit einigen Querspalten durchsetzt zu einer Art Kuppe auf – doch im Rahmen einer Risikoabschätzung ist mir dieser Aufstieg zur Scharte lieber – wenig später wird sich die geführte Gruppe für die westl. Variante entscheiden. Mit einem leichten Zick-Zack-Anstieg, die offenen Spalten umgehend, erreichen wir problemlos das felsige Maurer Törl (3108 m; ca. 10:30 Uhr) und machen dort kurze Rast. Hier wird mit der Landesgrenze Salzburg/Osttirol der Alpenhauptkamm überschritten, eine neue Perspektive auf die südlichen Täler und Berge öffnet sich.

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Rückblick auf den westl. Teil des Obersulzbach Kees mit Reichenspitzgruppe (oben) – Ausblick auf den Großen Geiger und Gr. Happ (unten)

Ohne Steigeisen und Seil wird etwas steiler auf der Törlsüdseite zu einem kleinen Gletscherrest abgeklettert (T5; ca. 20 hm), von dort geht es wieder mit Steigeisen (aber ohne Seil) zuerst auf Altschnee, dann durch ziemlich loses Geröll weiter hinab, um eine Felsrippe nach Osten abbiegend zu umgehen. Die Gruppe ist ohne Gipfelampitionen und hat die Essener-Rostocker-Hütte als Tagesziel, ihr weiterer Abstieg durch den mit Felsen und Schutt durchsetzten Steilhang, völlig ohne Markierungen, ist auch nicht zu unterschätzen. Wir müssen nun einen steileren Gletscherbuckel parallel einiger Spalten leicht aufwärts queren. Wir entscheiden uns hier für die schneelose Zone zwischen den Spalten in äußerst konzentrierter Eigenverantwortung – das Seil bleibt hier im Rucksack, die Mitreißgefahr in die sich unter uns öffnende Spaltenzone wäre einfach zu groß. Hier ist es sinnvoller, mit umfänglicher Aufmerksamkeit alle Zacken des Steigeisens sauber aufs Eis zu setzen, sich mit dem Pickel leicht abzustützen und stets bereit zu sein, ein mögliches Ausgleiten gleich im Ansatz zu unterbinden. Geschafft! (ca. 11:30 Uhr)

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Rückblick auf den Ht. Maurerkees Kogel mit dem Maurer Törl (oben) – dito plus Reichenspitzgruppe und Schliefer Spitze (unten)

Die östl. Richtung grundsätzlich beibehaltend, müssen wir erneut etwas absteigen, um eine weitere Felsrippe zu umgehen. Der nun folgende größere Gletscheranstieg führt uns jetzt wieder mit Seil über weichen Altschnee – einige Spalten sind sichtbar – dem Felsaufbau des Großen Geigers entgegen. Der unten steilere Westgrat bricht nach Norden steil ab und macht auf der Südseite mit dem losen Gestein auch keinen vertrauenserweckenden Eindruck. Dagegen erscheint der Südgrat (aus der Ferne) leichter überkletterbar, so ziehen wir als „Versuch“ dem kleinen Gletscherplateau entgegen. Dort dürfen wir gegen 12:30 Uhr unseren „Irrtum“ erkennen, hier auf der Ostseite steil abbrechend ist dieser Gratabschnitt scheinbar noch verblockter mit unsicherem Gestein. Also dann doch zum Westgrat. Es sind nur wenige Höhenmeter, die wir wieder absteigen müssen, um eine kleine Felsflanke zu umgehen. Doch habe ich dort die Möglichkeit an einem kleinen plätschernden Rinnsal meinen Wasservorrat wieder aufzufüllen. Steigeisen, Gurt und Seil können nun am Gletscherrand unterhalb des Westgrats verbleiben (ca. 13:15), ein kleines Steintürmchen deutet nun auch auf den „richtigen“ Einstieg hin. Anfangs steiler, später sanfter aufsteigend führt uns ein Steigansatz über und durch tw. lockere Steinplatten hinweg. Das Gipfelkreuz ist bereits sichtbar und wird wenig später erreicht – wir stehen auf dem Großen Geiger (3360 m; ca. 13:45 Uhr), dem einsamen, da unbeachteten Vetter des nebenan gelegenen Großvenedigers (3657 m). Jetzt haben wir uns die Gipfelrast redlich verdient, jedoch werden vorher noch die obligatorischen Fotos gemacht, nicht dass uns die Quellwolken noch die eindrucksvolle Sicht verwehren.

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Großvenediger vom Großen Geiger (oben) – Blick auf Gr. Happ und oberes Prägraten-Tal (unten)

Das Gipfelbuch verrät mir, dass wir heute doch nicht die einzigen Besucher heroben sind, denn „die Berndlalmer“, eine Alm und bewirtschafteter Berggasthof im Obersulzbachtal, haben zu viert mit zwei Bergführern entweder über den Nord- oder den Ostgrat den Gr. Geiger erklettert. Beide Varianten werden z.B. via der Kürsinger Hütte im Sommer überwiegend unternommen, während unsere Route vielmehr der Skibesteigung im Spätwinter zuzuordnen ist.
Bei hochliegender und stabiler Quellbewölkung, eher in südöstlicher Richtung, ist es leicht diesig. Doch im Süden lassen sich unter den Wolken hindurch die markanten Drei Zinnen in den Dolomiten ausmachen, während im Norden links vom Kaisergebirge das Kranzhorn (Gipfelnase) und der Kitzstein/Heuberg (Hellwand) perspektivisch miteinander verschmelzen.

Abstieg folgt...  ;)

roBerge.de

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« am: 01.09.2019, 12:05 »

Offline geroldh

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26.-28.08.19: H.Tauern: WarnsdorferH. – Gr.Geiger / Abstieg
« Antwort #1 am: 03.09.2019, 08:48 »
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Keeskogel mit dem östl. Obersulzbach Kees – oder was davon übrig ist... :-\

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Schliefer Spitze mit dem westl. Obersulzbach Kees

Auf dem Gipfel vergisst man gerne die Zeit – einmal oben möchte man kaum mehr zum Abstieg aufbrechen...
Aber es hilft nix, ist doch am gleichen Tag der komplette Weg zurück und die Heimfahrt vorgesehen, da der Bergspezl mit seiner Freizeit haushalten muß und sich tags darauf wieder ins Büro hocken möchte. So packen wir nach einer guten Dreiviertelstunde zusammen (ca. 14:15 Uhr) und steigen zu unserem Depot hinab. Der Abstieg entspricht ziemlich genau der Route des Aufstiegs, auch was das gehen am Seil oder das vorübergehende Ausziehen der Steigeisen betrifft. Lediglich beim steileren Gletscherbuckel des Maurer Kees, an dem wir im Aufstieg eine schneelose Zone zwischen den Spalten leicht aufwärts querend nutzten (diagonal), wird für einen etwas höher gelegenen ebenen Rückweg im weichen Schnee entschieden. Meine Erfahrung ist, dass mit Steigeisen sicherer steiler bergauf gestiegen werden kann, als bergab, da dabei durch den Schwung mehr Kraft über die Zacken aufgefangen werden muß und deshalb die Gefahr des Ausgleitens erhöht ist. Die Option später die Höhenmeter im steilen Gletscherteil rückwärts abzusteigen müssen wir nicht wählen, da die Schneeauflage dort noch griffig genug ist.
Die Sonne knallt fast senkrecht auf die Gletscherflächen hinab, ohne Wind empfinden wir es förmlich als heiß, dadurch werden die erforderlichen beiden Gegenanstiege ziemlich mühsam und am Maurer Törl angekommen (ca. 16:00 Uhr), ist der dortige Schatten durch den Ht. Maurerkees Kogel eine wahre Wohltat. Auch bin ich jetzt froh, meine Wasserreserve unterhalb des Gipfels nachgefüllt zu haben.

8_Grosser Geiger.JPG

Gr. Geiger (verdeckt) und Gr. Happ mit dem sich zurückziehenden Maurer Kees

Nun wieder auf der Kammnordseite unterwegs wird eine vom Altschnee freigegebene Isoliertasche (etwa 5 kg schwer) voll gefüllt mit Proviant, etc. vom Gletscher „gerettet“. Die überwiegend italienischen Produkte und das tw. kürzlich abgelaufene MHD lassen den Schluss zu, dass im Spätwinter einem italienischen Skitourengeher auf seiner „Tauern-Ronda“ der Rucksack zu schwer geworden ist und er sich dieser Last vor dem nächsten Anstieg ins Törl durch „vergessen“ entledigt hat.
Gegen 17:30 Uhr stehen wir in der wenig ausgeprägten Scharte neben dem Gamsspitzl, verräumen unsere Eisausrüstung im Rucksack und machen uns an den weiteren Absteig hinab zur Warnsdorfer Hütte (ca. 18:45 Uhr).

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Kleine Kunst beim Abstieg vom Gamsspitzl zur Warnsdorfer Hütte

Bereits unterwegs ist mir aufgefallen, dass der Bergspezl immer langsamer wird, aber die letzten Höhenmeter zur Hütte sind schon sehr auffällig. Die rund 1500 hm Abstieg (inkl. aller „Gegenabstiege“) vom Gipfel bis hierher machen sich in seinen Füßen bemerkbar – da kann selbst das erfrischende Krimmler Helle, das ich ihm entgegenhalte, nicht mehr locken – wir brauchen auf jeden Fall eine größere Pause, bevor es weiter hinab gehen kann. Er hat für sich offenbar eine Entscheidung getroffen, verschwindet in der Hütte und kommt zurück mit der Nachricht, zuhause angerufen zu haben und es sei alles geregelt, wir können dort noch eine weitere Nacht bleiben. Auch sei das Krimmler Achental viel zu schön, um dort in der Dämmerung oder mit Licht hinauszuradeln. Da ich selbst gerade im Urlaubsmodus bin, ist diese Entscheidung für mich vollkommen in Ordnung, lagen zwei Übernachtungen auf dieser Hütte in der Tourenplanungsphase doch eher in meiner Vorstellung.
Dass der leckere Zirbenschnaps auch an diesem Abend als „Betthupferl“ den Tagesabschluss bildet ist sicher nicht verwunderlich... ;)

MI, 28.Aug.‘19:
Heute morgen können wir es ebenso handhaben wie die meisten Übernachtungsgäste auf der Hütte – zwar nicht ausschlafen, aber doch erst nach 7:00 Uhr aufstehen. Auch können wir uns heute beim Frühstücken mehr Zeit lassen – und dann auch noch beim Aufbruch herumtrödeln...
Der Abstieg in den Talboden ist heute für uns beide angenehmer, die ersten Tagesgäste der Hütte werden bereits am Ende der Fahrstrasse aus dem Täler-Taxi ausgeladen (ca. 9:15 Uhr). Wir kommen mit den Rädern vorerst nur bis zur Außerkeesalm, eine der Käsereien des Tales, in der wir in der schwachen Morgensonne ein großes Glas Buttermilch verköstigen. Hier bin ich vor drei Jahren kurz vor Abschluss meiner Mehrtages-Wanderung hängengeblieben und ein kleiner Ratsch mit dem Almbauern ist obligatorisch.
Heute wird der Himmel durch eine dichte hohe Cirrenbewölkung verdeckt, die aber von Norden her langsam dünner wird. Dennoch ist es warm und das kilometerweite hinausrollen aus dem Tal wird ein Genuss.

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Die Schöpplalm im vorderen Krimmler Achental

Gegen 11:15 Uhr sind wir zurück beim Auto, verladen die Räder im Kofferraum und fahren in das Krimmler Ortszentrum um noch ein paar Flaschen des süffigen Krimmler Biers zu kaufen. Da gekühlt zwitschern wir gleich eine Flasche und sind am frühen Nachmittag schließlich wieder zuhause. – Schee war’s! :)