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Autor Thema: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015  (Gelesen 3099 mal)

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Offline RossiS

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Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« am: 04.05.2017, 12:48 »
Grias eich beinand!

Auch wenn es derzeit noch nicht ganz so ausschaut beginnt doch bald wieder die Outdoor-Klettersaison und aus diesem Anlass möchte ich euch ein kleines Schmankerl aus den vergangenen Jahren vorstellen. Außerdem sitz ich grad krank daheim und hab eh nix besseres vor  ;)
Der Sommer 2015 sollte ein heißer Sommer werden. Das wussten wir zwar zu diesem Zeitpunkt noch nicht aber die erste große Hitzewelle kündigte sich bereits Anfang Juli an und so zog es uns in eine der schattigeren Wände im Wilden Kaiser. Ein Klassiker den wir schon immer mal machen wollten – die Predigtstuhl Nordkante.

Früh morgens fuhren wir also voller Vorfreude in die schöne Griesenau und über die Mautstrasse hinauf zum Parkplatz an der Alm. Nach Sortieren des Materials geht es kurzweilig los Richtung Strips und dann über den Abkürzer zum Eggersteig am Beginn der Rinne. Auch wenn ich hier mittlerweile schon so oft hinaufgestiegen bin dass ich bald jeden Stein mit Vornamen anreden könnte ist es immer wieder beeindruckend in die Felsenwelt um die Steinerne Rinne einzutauchen. Es ist einfach ein besonderer Ort!

Den Originaleinstieg lassen wir links liegen und steigen noch etwas höher bevor wir nach Ende der Seilversicherungen nach links an die Wand queren. Den alternativen Einstieg hatte ich im Jahr zuvor schon mal ausgekundschaftet so dass der erste Ringhaken rel. schnell gefunden war obwohl das Gelände etwas unübersichtlich ist.
Auch wenn ich mir die Fotos jetzt ansehe ist es mir unmöglich die Route durch den Sockel genau auszumachen aber mit Topo in der Hand und dem einen oder anderen Haken auf dem Weg ist es dann doch recht logisch.
Immer links aufwärts haltend geht es in  4-5 Seillängen bis kurz unterhalb der Matejaktraverse wo auch die Originalführe einmündet.
Die Traverse fordert etwas Überwindung aber dann folgt für einige SL wunderschöne leichte Kletterei in bestem Fels. So lieben wir das! :)
Ausstieg auf einem gerölligem Absatz wo wir erst mal ausgiebig Brotzeit machen und die Aus- und Tiefblicke genießen. Inzwischen haben auch einige andere Seilschaften zu und aufgeschlossen so dass wir nicht mehr ganz so einsam unterwegs sind. Aber alles ganz entspannt. Wir lassen sie erst mal ziehen.
Da das Gelände nun für einige SL den III. Grad nur knapp erreicht beschließen wir erst mal seilfrei weiter zu schauen. Das klappt auch ganz gut. Der Fels ist fest und die Kletterei herrlich! Am Absatz vor dem berühmtesten Abschnitt – dem Oppelband – schließen wir wieder zu den anderen auf und beobachten gespannt deren Manöver. Als alle rum ums Eck sind seilen wir wieder an und starten los.

FS folgt...

Bild1: steinerne Rinne in der "Steinernen Rinne"
Bild2: da geht's auffi
Bild3: Predigtstuhl wirft seinen langen Schatten voraus
Bild4: unübersichtliches Einstiegsgelände
Bild5: Fleischbank links, Predigtstuhl rechts

Offline RossiS

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #1 am: 04.05.2017, 12:51 »
Bild6: oberhalb der Matejaktraverse
Bild7: kurz vor dem Oppelband; auch an der Fleischbank gegenüber ist was los
Bild8: Totenkirchl

Offline RossiS

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #2 am: 04.05.2017, 15:14 »
Zuerst wird etwas abgeklettert und dann hinauf zum Beginn des hier noch breiten Oppelbandes. Kurz bevor es schmal wird ist noch mal ein Stand.
Ich hatte irgendwo gelesen dass es besser geht wenn man den Rucksack auf die rechte Seite abhängt. Gute Idee dachte ich und schlüpfe links aus dem Träger bevor ich ums Eck verschwinde. Nach wenigen Metern merke ich aber dass das auch nicht so ideal ist. Auf dem Bauch liegend, ein Bein über dem Abgrund baumelnd rutscht mir der Rucksack in alle möglichen ungünstigen Positionen. Außerdem zieht er nach außen. So geht das nicht! Der Rucksack muss wieder gscheid drauf! Fluchend versuche ich meinen linken Arm wieder in den Träger zu bekommen ohne gleichzeitig vom Band zu kippen.
Das dauert meiner Freundin anscheinend zu lange und sie ruft fragend: „Kletterst du noch oder oppelst du schon?“
Die Antwort? Wahrscheinlich ein etwas entnervtes Grunzen. Genau kann ich es nicht mehr sagen.  Jedenfalls ging es dann mit Rucksack am Buckel angemessen geschmeidig robbend durchs Band und an den letzten Stand.
Von hier bietet sich auch wunderbar die Möglichkeit die Bemühungen des Nachsteigers nach Herzenslust zu kommentieren und wenn nötig ein wenig anzufeuern.  ;)

Eine SL schöne Kletterei noch und wir stehen am Gipfel. Es ist früher Nachmittag. Wir genießen die Nah- und Fernblicke und beobachten die Seilschaften die jetzt nach und nach überall auf den Gipfeln um uns herum auftauchen. Vor allem vom Hauptgipfel herüber zum Botzongkamin ist gut Betrieb. Wir überlegen noch ob wir lieber zum Hauptgipfel klettern sollen und von dort über die Predigtstuhlscharte absteigen aber das dauert halt auch wieder und so entscheiden wir uns dagegen. Also auch Richtung Botzongkamin den direkten Weg. 6 mal 20m abseilen. Wenn nicht gelegentlich von oben Steine kommen würden wärs ganz lustig. So aber sind wir froh als uns der Kamin unten heil wieder ausspuckt und wir die letzten heiklen Meter bis in die Steinerne Rinne absteigen können.
Redlich geschafft gibt’s noch ein Erfrischungsgetränk an der Griesener Alm bevor wir wieder heimdüsen. Wieder mal ein erlebnisreicher und eindrücklicher Tag im geliebten Koasa!  #danke1#

Fazit: Nicht umsonst ein Klassiker! Eine der besten Kaisertouren in diesem Schwierigkeitsbereich die ich kenne. Und das Oppelband ist natürlich die Schau! Aber lang, besonders wenn man alles sichert kann sich’s ganz schön ziehen. Absicherung klassikermäßig gut. In den schwierigen Stellen steckt meistens genug. Trotzdem mobile Sicherungen stellenweise nützlich.

Ausrüstung: Topo von Markus Stadler und/oder www.bergsteigen.com
60m Einfachseil, Keile, Bandschlingen, ca. 6 Exressen, Helm!!

Eine erlebnisreiche und unfallfreie Bergsaison 2017 (mit vielen spannenden Beiträgen im Kletterforum  ;)) wünscht euch euer

RossiS


Bild9: Oppelband
Bild10: Hauptgipfel und dahinter Hintere Goinger Halt mit Nordgrat
Bild11: Abseilen im Botzongkamin
Bild12: Da warn wir oben; Botzongkamin rechts
Bild13: Predigtstuhl Westwand im Abendlicht

Offline AndiN

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #3 am: 05.05.2017, 19:52 »
Servus Rossi,

schöne Tour und schöne Fotos.
Die Predigtstuhl Nordakante möchte ich dieses Jahr auch unbedingt noch machen.
Mein letzter Besuch auf dem Predigstuhl ist leider auch aus 2015... allerdings über eine andere Route  ;D

Seitdem geht mir der ausgesetzte Gipfelausblick nicht mehr aus dem Kopf und ich muss da unbedingt wieder hoch.  ;)
Und das Oppelband muss man wohl auch mal gemacht haben.

Noch ein Gipfelfoto von mir, weils so schön war!

Offline RossiS

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #4 am: 08.05.2017, 11:02 »
Servus Andi,

danke für deinen Kommentar und das schöne Gipfelfoto! Die Nordkante ist echt super. Machen, machen, machen....!
Über welche Route seit's ihr damals rauf?

Grüße
Rossi

Offline AndiN

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #5 am: 15.05.2017, 18:38 »
Über welche Route seit's ihr damals rauf?
Wir sind damals über den Westpfeiler hoch. Tour hat uns sehr gut gefallen, deutlich kürzer und einen Tick schwerer als die Nordkante. Vor allem die anhaltende 5er Seillänge fand ich ganz schön kraftig... Naja vmtl hab ichs nur falsch gemacht.  :-\

Ich zietier mal den Herrn Walter Pause: "... wo oft wüste Ausgesetzheit herrscht, heißt die Devise: Viel mit Technik, wenig mit Kraft!"

Das Zitat bezieht sich egtl aufs Oppelband, aber passt zu meinem Fall auch ganz gut. Wenn das mit der Technik nur etwas leichter wär  ;D

Südwandklettern geht jetzt eh schon wieder, mal schauen ob diese Jahr was geht  8)

Offline AndiN

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #6 am: 26.07.2017, 12:50 »
Nachdem ich die Tour nun auch endlich gegangen bin, kann ich auch ein bissl meinen Senf dazu geben...

Die größte Schwierigkeit für uns war den alternativen Einstieg zu finden... wir waren schon deutlich zu hoch dran und haben dann ewig rumgesucht.

Klettertechnisch hats uns sehr gut gefallen, die drei 4er-Seillängen und das Oppelband sind ein Traum.  ;)
Den Rest könnte man jetzt so im Nachhinein betrachtet, wenn man die Tour kennt, ziemlich frei gehen... fürs erste mal haben wir aber fast die komplete Route gesichert.

Ich hätte noch a Frage zum Abkürzer auf den Eggersteig...
Wollt mir die Sache mal im Abstieg ansehen, aber es war nicht so 100% erfolgreich... Haben einen Abseiler über die 30m Platte im Mittelteil gemacht.(Abseilhaken vorhanden) Sah irgenwie schon machbar aus, war mir dann aber zu heiß das im Abstieg klettertechnisch auszuprobieren.
Hat jemand eine Beschreibung oder ein Skizze wies am leichtesten durch die "Wand" geht... oder war ich vlt sogar schon richtig und hab mich nur nicht getraut...

Gruß Andi

Offline RossiS

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #7 am: 26.07.2017, 13:22 »
Erst mal gratuliere! Lohnt sich scho, oder?

Beim Direktabstieg wart ihr wahrscheinlich viel zu weit in der Mitte. In Abstiegsrichtung ganz am Ende der ebenen Querung geht dann rechts ein deutlicher Pfad ab. Ist nie schwerer als II.
Ich hab von unten ein Foto rausgekramt. Ist dann eigentlich ganz offensichtlich..

Grüße
RossiS


Offline AndiN

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #8 am: 26.07.2017, 14:36 »
Erst mal gratuliere! Lohnt sich scho, oder?

Ja auf jeden Fall. Da kriegt man glei Lust auf mehr.

Und danke für dein Foto, werd die direkte Variante bei der nächsten Tour mal ausprobieren.
Wir waren tatsächlich viel zu weit in der Mitte. Haben direkt über die "weiße Platte" abgeseilt. Bis zur Platte und unterhalb der Platte ists auch nur ein IIer.

Offline geroldh

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So-so, der AndiN hat’s also Mitte Juli „getan“ – nun sind also auch der „Kraxelopa“ und ich „geoppelt“:

Eine Kaltfront hatte am WE die schwül-heiße und labile Gewitterluft weggeräumt und nach einem völlig verregneten Sonntag mit eingelagerten Gewittern kündigte sich für Montag (wieder mal) ein kurzes Zwischenhoch an, bevor der Dienstag bereits wieder mit einer gewittrigen Front enden soll... Wir wollen nicht länger warten und diesen Kletterklassiker in Angriff nehmen. Nach bald 30 Jahren wird es für‘n „Kraxelopa“ zwar eine Wiederholung sein, doch sein Erinnerungsvermögen wird ihm helfen, dass er heute mit mir diese Route wieder „völlig neu“ erleben wird.
Mit der Einstellung, dass es nach dem Regentag nicht wirklich eilt (der Fels darf trocken werden), starten wir nach 8:00 Uhr in RO und tuckern bis Kössen gemütlich den vielen LKW’s hinterher. Die Mautstrasse (derz. 4.- € Strassenerhaltungsgebühr) ist aber frei und noch vor 10:00 Uhr steigen wir am P Griesener Alm (988 m) ins Abenteuer. Wie es sich für Kletterer gehört, nehmen wir brav die Abkürzung hinauf zum versicherten Eggersteig in die Steinerne Rinne – lt. der Beschreibung R 54a im älteren Kaiserführer soll es sich nur um 15 min Zeitersparnis handeln...

Zitat von: AV-Führer Kaisergebirge, 11. Aufl. 1990 (Auszug)
...
Zugang: ...in die Steinerne Rinne und auf dem Eggersteig durch sie empor bis kurz vor die erste große Steilstufe, in Fallinie der Beichtstuhlscharte. Links wenig empor zum E am Beginn der am weitesten rechts verlaufenden (südlichsten) Steilrinne.

Nach der langen Querung in die Steinerne Rinne hinein, schickt sich bald oberhalb einer Rechts-Kehre der Eggersteig an, an einer Felsstufe Höhe zu gewinnen. Nach oben hin ist durch Restfeuchte (Nebel) die Sicht begrenzt und wir rätseln, wohl wie bereits viele andere vor uns (entsprechend der ausgetretenen Spur zu den Felsrinnen hin), ob dies bereits hier die „erste große Steilstufe“ sein könnte und damit die originale Führe „R 393 Nordkante“ beginnt. Doch der feuchte, moosdurchsetzte Fels überzeugt uns nicht – unbemerkt ist dabei eine viertel Stunde vergangen – und mit dem Gedanken, dann halt den etwas oberhalb gelegenen alternativen Einstieg R 393a zu verwenden, steigen wir höher. Doch dann gelangen wir an einen „größeren“ und steileren Felsaufschwung in der Rinne – und sehen auch die (steinerne Gedenk)„Tafel“, von der im älteren Topo von 2003 aus Bergsteigen.com die Rede ist (ca. 1550 m).

Heute sind (für mich) erstmals die Kletterpatschen dabei, da mehrere IVer-Stellen in der Führe liegen werden, auch verspreche ich mir von den zahlreichen IIIer-Passagen einen „technischen“ Vorteil. Es ist 11:45 Uhr, als wir uns die „1. SL“ in einer breiten Rinne mit noch aufgenommenem Seil „warmkraxeln“, doch bald nach dem ersten Standring steilt sich der ggfs. brüchige Fels auf, der hier in seiner nordseitigen Ausrichtung auch noch etwas feucht ist. Da mir der seilfrei voraussteigende „Kraxelopa“ nach unten meldet, dass diese Möglichkeit wohl schwerer als die beschriebene III sein könnte, baue ich mir einen provisorischen Stand – und lasse mir von oben das Seil zum gesicherten Nachstieg über diese Stelle kommen – doch wiederum wird uns dieses Manöver mind. eine viertel Stunde in Anspruch nehmen. Im Rinnensystem, mit einer kurzen feuchten III+ Stelle am Klemmblock, klettern wir im Nebel weiter nach oben – und sind recht froh, wenn einer der wenigen (gesehenen) alten Normalhaken uns zurückmeldet, noch auf dem „rechten Weg“ zu sein. Gegen 13:45 Uhr erreichen wir den Grat etwas oberhalb der Beichtstuhlscharte und lassen uns mehr durch das „sprechende“ Gelände als durch die magere Beschreibung bzw. das Topo aufwärts leiten. Irgendwie haben wir es heute aber nicht so mit der Orientierung, denn als ich um 14:15 Uhr eher zufällig einen „unscheinbaren“ Ringhaken entdecke, haben wir völlig den Bezug zur Zeichnung auf dem Topo verloren. Auch fällt es uns schwer, die Begriffe „Riß“, „Band“ oder „Zacken“ aus der Beschreibung des Kaiserführers eindeutig in die Natur zu übertragen, es gibt diese tatsächlich mehrfach... – und wie ist „eine kleine Mulde am Ende einer von oben herabziehenden Rinne“ zu interpretieren? Bei der Vorbereitung am Vorabend auf der gemütlichen Couch mit Sicherheit anders als heute im Gelände. Wie „groß“ darf eine „kleine Mulde“ aussehen und wie „flach“ eine „herabziehende Rinne“?

So kommt es, dass wir eher intuitiv dem Gelände ein Stück aufwärts folgen und in eine kleine Scharte mit steilerem Abbruch gen Osten gelangen. Schräg über uns sehen wir eine Bandschlinge in einer nordostseitig ausgerichteten, glatten und steilen Wand hängen, die sich nach oben hin weiter aufsteilend für viele Höhenmeter fortsetzt. Nein, hier muß es sich um eine andere Kletterführe handeln, viel schwieriger als das was wir vorhaben – nein, hier geht’s für uns nicht weiter – und außerdem müssen wir eher auf die Westseite, schließlich soll von dieser Seite auch die „Ostlerführe“ (R 392) in unsere „Nordkantenführe“ einmünden, so jedenfalls zeigt es auch ein Fotoausschnitt vom unteren Teil der Predigtstuhl-Westwand im Kaiserführer. Als wir von der kleinen Scharte wieder nach unten steigen, entdecke ich wiederum eher zufällig einen „unscheinbaren“ Ringhaken in einem niedrigen Felswanderl, nicht allzu weit oberhalb des vorherigen – und schon gar nicht im annäherndem Abstand einer Seillänge – Verwirrung pur. OK, unter der Annahme, dass diese beiden Ringhaken etwas mit unserer Tour zu tun haben, was wäre dann eine logische Fortsetzung? Diese Erklärung finden wir eigentlich nur in einer etwas luftigen Schrofen-/Felsquerung in Richtung Westen (ca. 1850 m). Ungesichert, jeder das halbe Seil aufgenommen über den Körper gelegt kraxeln wir der Sonne entgegen, das Gelände ist nicht schwer, nur können wir nicht sicher sein, ob die Steine nur auf uns „gewartet“ haben... Noch bevor wir an der Westwand ankommen, kommen mir Zweifel, zu wenig „aufgeräumt“ ist es hier und es ist auch kein (alter) Haken zu entdecken. Nochmal laut die Beschreibung lesen, eine Zuordnung im Topo versuchen zu finden, keine Idee... – aber das vor uns aufstrebende Gelände betrachtend, könnte hoch über uns in der Steilwand ein Felsband verlaufen... Hmm, erstmal wieder zurück zum letzten „sicheren Eisen“. Aha, in einem kleinen Felsspalt steckt ein flacher, von der Position her eher unbrauchbarer Edelstahlhaken, hier über dem Abgrund sind also wohl schon andere Kletterer herum geirrt. Zurück am „Eisen“ steht bereits der Gedanke des „geordneten Rückzuges“, sprich das Umkehren, im Raum unter dem inzwischen tiefblauen Himmel – doch noch einmal die Beschreibung lesend (die neuen Ringhaken können dort nicht erwähnt sein), das an dieser Stelle (wirklich) unbrauchbare Topo betrachtend (es fehlen eindeutige Begriffe aus der alten Beschreibung bzw. eine Expositionsangabe), steigen wir einer schwachen Vermutung folgend – und der Annahme, die beiden Ringhaken könnten doch eine logische Anordnung haben – noch einmal in die kleine Scharte hinauf. Von dem möglichen Felsband oben ist von hier kaum mehr etwas zu sehen, der Zweifel versucht wieder die Oberhand zu gewinnen, doch ich klettere von der kleinen Scharte noch schnell ein paar Meter einen Felsabsatz hinauf (über das hinunter kommen mache ich mir keine Gedanken...), bis auf die Höhe der Bandschlinge in der Wand – und wow, wirklich, unsichtbar von unten klebt dort im Fels ein neuer Bohrhaken, aber ohne Ring.

Später, am nächsten Tag beim Auswerten der Zeitstempel von den gemachten Fotos werde ich erkennen, dass wir in diesem Bereich mit unserer Suche tatsächlich mind. 1,5 Std. versch...n haben!! Im nachhinein, nun die gesamte Nordkantenführe kennend, ist mir auch klar, dass wir hier unmittelbar vor der (nur!) in der Kaiser-Beschreibung genannten „Matejaktraverse“ gestanden sind, über unser schrofiges „Suchgelände“ wohl die Einstiegsvariante (R 393a) zur Nordkante heraufkommt – und dass es sich bezogen auf das Topo um den Beginn der „7. SL“ handeln muß. Das nächste Mal (in 25 Jahren?) weiß ich es hoffentlich besser (wenigstens wo ich nachsehen muß!) – und vielleicht spart diese Zuordnung hier ja mal einem Leser wertvolle Zeit...

Es ist inzwischen etwa 16:00 Uhr, als wir diesen Bohrhaken (und nicht den Ringhaken einige Meter tiefer) als Standplatz verwenden und „Kraxelopa“ dankenswerterweise im Vorstieg „sehr ausgesetzt nach links „Matejaktraverse“ in eine kurze kaminartige Steilrinne“ quert. Die Exposition ist dabei ostseitig – und die kurze Schlinge aus Reepschnur hinter der längeren Bandschlinge hat in dieser glatten Steilwand durchaus seine (technische) Berechtigung... In der vom Schärtchen bzw. meinem Standplatz nicht einsehbaren Steilrinne geht es mehrere Meter nach oben – und dann noch einige Meter weiter bis zu einem alten Schlaghaken, an dem „Kraxelopa“ endlich auch mal eine überfällige Zwischensicherung einhängen kann, ich atme durch. Wir benötigen fast das gesamte 50m-Seil, bis er oben den ziemlich luftigen Standplatz im(!) sog. „1. Nord-Kantenaufschwung“ erreicht. Im Nachstieg nun diese IVer-Traverse mit den ziemlich kleinen und äußerst wenigen Griffen/Tritten hinüberbalancierend, bin ich mir ziemlich sicher, dass mich der Fels hier ohne die Kletterpatschen wohl „abgeworfen“ hätte. So kann auch ich die Steilrinne (IV-) zügig hinaufklettern und vor dem Stand sogar die direktere „Abkürzung“ (III). Die nächste SL in einem längeren Doppelriß (III/III+/IV-) gehört mir im Vorstieg und ein breiterer, aber luftiger Sims in der fast senkrechten (Nord)Wand leitet nun westlich hinüber hinter einen markanten Zacken aus einer abstehenden Felsschuppe (17:00 Uhr). Nach diesem Schärtchen verhauen wir uns wieder etwas (Lesefehler: aufwärts -> abwärts), indem wir die versperrende Rippe der offensichtlicheren Möglichkeit geradeaus folgend abwärts und kompliziert umklettern – ein größerer Stein verabschiedet sich polternd hinab in die Steinerne Rinne – anstatt diese zu übersteigen. Doch wenig später haben wir die schrofige NW-Flanke erreicht, an der nun die wenige Jahre ältere „Ostlerführe“ (Juli 1904) herauf kommt. Abgeleitet aus der SL-Einteilung im Topo sind wir etwas über der Hälfte, aber endlich doch mal Zeit für eine knapp halbstündige (Regenerations)Pause im warmen Licht der Nachmittagssonne.

FS folgt...  :azn:

Offline geroldh

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Gegen 18:00 Uhr steigen wir weiter hinauf, aber nicht in die verlockende Grasleite, sondern etwas rechts in einer versteckten Felsrinne, so wie es uns die Beschreibung verrät, die hier das Gelände recht gut abbildet. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit heißt es nun zügig unterwegs zu sein, jedoch auch noch ausreichend konzentriert zu bleiben. Ohne einen weiteren Verhauer bringen wir so in dem schön gestuften Gratbereich einige „Seillängen“ hinter uns und stehen nach einer dreiviertel Stunde in der Scharte vor der nordseitigen Gipfelwand, durch die die originale „Ostlerführe“ hinauf führt. Wir aber wollen „oppeln“ – und streben die bereits sichtbare, aufwärts führende Rampe an. Oben an der Stelle, an der sie schmäler wird und sich anschließend waagrecht ausrichtend ums Eck in die Westwand legt, ist ein schöner Standplatz. „Kraxelopa“ oppelt vorraus, der Seilzug ist ziemlich langsam, ich kann nichts sehen, aber seine Kommentare hören – na da bin ich ja mal gespannt... Irgendwann kommt (etwas leise) das Kommando zum nachkommen – ich gehe in die Hocke und krieche los.
Aha, so schaut es hier also aus: Die Rampe geht ab der Ecke ziemlich unmittelbar in einen waagrecht verlaufenden Felswulst über, der „bergseitig“ noch einen schmalen Riß bietet, aber außen leicht überstehend in die mindestens senkrecht abfallende Felswand übergeht, die dann einige hundert Meter tiefer im Schutt der oberen Steinernen Rinne ausläuft. Dazu kommt aber, dass der obere Wandteil ebenso nach außen drängt und den Raum über dem Wulst begrenzt. Im AV-Führer wird diese Passage wie folgt beschrieben: „Nun auf dem schmalen, ungemein luftigen und abdrängenden Band kriechend etwa 7 m hinüber und ...“ – So liege ich also der längs nach auf dem Bauch, das linke Bein kann ich zum Halten noch im Riß belassen, aber das rechte pendelt frei über dem Abgrund. Ich schaue in die Tiefe und würde gerne eine Weile so verbleiben, um diese ungewöhnliche Perspektive aufzusaugen... Jetzt gilt es nach vorwärts zu robben, aber mit dem Rucksack verbleibt kaum Platz für eine aufwärts gerichtete Bewegung. Also versuchen, sich mit den Händen etwas nach vorne zu ziehen, doch der Fels ist glatt, die Finger finden kaum Angriffspunkte. Doch mit meinem langen rechten Bein kann ich leicht angewinkelt den Fels unter dem Wulst berühren, meinen Körper so etwas anheben und mir einen Vorwärtsantrieb verschaffen. Wohl genauso schnell wie sich diese Zeilen lesen, bin ich über die wenigen wirklich engen Meter drüber und das Band wird wieder breiter und der Raum höher. RossiS hat die Situation in seinem „Bild 9: Oppelband“ im Beitrag #3 unten ganz gut eingefangen, lediglich die abfallende Felskante hebt sich etwas wenig ab. Am dahinter liegenden Stand angekommen, schickt mich „Kraxelopa“ gleich weiter in die letzte Seillänge. Eine schöne Kletterei noch (IV/IV-/III) und wir stehen am Nordgipfel (2092 m) des Predigtstuhls. Es ist früher Abend (19:45Uhr).

Das metallene Gipfelkreuz ist dem am Broad Peak in Pakistan verunglückten Markus Kronthaler aus Kufstein gewidmet – die Doku "Galileo Spezial: Grab in eisigen Höhen - Bergung aus der Todeszone" hatte ich seinerzeit im TV gesehen. Von unten aus der Rinne herauf höre ich schuttrauschen bzw. steinepoltern, es sind vermutlich die beiden Kletterer, die gleichzeitig drüben am Nordgrat der Fleischbank unterwegs waren und vmtl. über den Normalweg ins Ellmauer Tor abgestiegen sind. Für einen bedächtigen Gipfelgenuss haben wir nun leider keine Zeit mehr, der etwas niedrigere Mittelgipfel wird ostseitig ausgequert und nach wenigen Minuten sind wir in der schattigen Scharte unterhalb des Hauptgipfels, von der die „Abseilpiste“ durch den sog. Botzongkamin hinab führt. Dort verräumen wir einen Teil des Klettermaterials und richten uns für’s Abseilen her, vor allem aber schlüpfen wir nach mehr als acht Stunden (ein ganzer Arbeitstag!) aus den engen Kletterpatschen heraus und wechseln in die bequemeren Halbschuhe hinein. Zügig seilen wir mit dem 50m-Strick in dem stark eingeschnittenem und zunehmend dunkler werdenden Kamin teilweise überhängend mehrere Male ab. Sonnenuntergang war etwa um 20:30 Uhr und unten angekommen ist es bereits ziemlich duster (ca. 21:00 Uhr) – welch eine „Punktlandung“. Trotzdem müssen wir vorsichtig noch etwas abklettern, wenn der Fels einheitlich dunkelgrau wird gar nicht so einfach... – für eine leichte IIIer-Stelle abwärts holen wir aber nochmals das bereits verpackte Seil aus dem Rucksack heraus – Risikominimierung.
Inzwischen ist die Dämmerung an ihrem Ende angekommen, aber glücklicherweise sind die Trittspuren hinab in die Rinne auf den markierten Steig einigermaßen gut auszumachen. Am gegenüberliegenden Berg erkennen wir, dass der Vollmond aufgegangen sein muß, aber die gleichzeitig stattfindende partielle Mondfinsternis wird ohne uns als Bewunderer stattfinden – wir müssen nun ohne zusätzliches Licht nordseitig im „Schatten“ die Steinerne Rinne hinab steigen. Ich gehe konzentriert voraus und zermattere mir dabei doch den Kopf, was abgesehen von der fehlenden „Hirnbirn“ im Rucksack (selbst Anfang August), heute „schief gelaufen“ ist... – dieser späte Abstieg war einfach nicht in unserer Vorstellung. Eine Kombination von alpiner Intuition und Synchronisation mit den weißen Strichen der Wegmarkierung leitet uns über den Schotter hinunter in den felsigen Bereich, in dem die Seilversicherung beginnt und uns - gerade so sichtbar - weiter hinunter leitet. Den „Abkürzer“ können wir nun vergessen, somit führt uns ein seilversicherter Gegenanstieg dem Stripsenjochhaus zu in den Wildanger. Völlig verschwitzt ziehen wir dort die Gurte aus und stopfen das letzte Kletterklimbim in den Rucksack – es ist etwas nach 22:00 Uhr und oben im Unterkunftshaus hat die Hüttenruhe begonnen. Aufgeschreckt flüchten zwei Gämsen vor uns den nun grasigen Hang hinab hinter die Latschen, wir treffen bald auf den breiten Hüttenweg und steigen nun mit der Handy-LED leuchtend durch den bewaldeten Teil zur Griesener Alm hinab. Nach 23:00 Uhr gibt es dort natürlich kein Abschlussbier mehr, aber der dortige Brunnen bietet uns noch etwas Erfrischung an. Immerhin sind um diese Uhrzeit die Strassen schön frei, doch bis ich am Kissen lauschen kann, werden die Uhrzeiger am nächsten Tag auf der „1“ stehen.

Offline RossiS

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Re: Predigtstuhl Nordkante am 04.07.2015
« Antwort #11 am: 12.08.2017, 16:06 »
Servus geroldh,

ganz schöne Expedition habt ihr da hinter euch gebracht!  ;D Aber solang's nicht wettertechnisch oder sonst irgendwie gefährlich wird passt's ja eh und gehört vielleicht auch ab und zu einfach dazu. So habt ihr wenigstens eure Ruhe gehabt in der Route. Und ein spannender Erlebnisbericht ist dabei auch noch rausgekommen!
Wenn ihr aber auch erst um 10 Uhr los geht wundert's mich nicht wenn's hinten raus a bissl eng wird. Ist ja doch keine ganz kurze Tour...

VG
Rossi