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Autor Thema: 22.-29.Aug.2016: Hohe Tauern: Großvenediger – und Umgebung (1)  (Gelesen 8559 mal)

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Offline geroldh

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Das schöne Spätsommerwetter war viel zu schade, um am Rechner Tourenberichte zu tippen: „Dies lässt sich später im schmuddeligen Herbst immer noch machen...“ – aber da hinderte einem dann der Alltag, der innere Schweinehund – und so manches andere... Nun, drei Monate später, ist der „Nikolaus Contest“ eine gute Motivation doch noch in die Tasten zu klimpern:

Tag 1: Nachdem der Sommer’16 wieder mal eher unterkühlt und feucht gestartet war, ist endlich abzusehen, dass ein paar stabile Hochdrucktage kommen werden, es also ideal für eine Hochtour wird – in diesem Fall die Besteigung des Großvenedigers über die Ostflanke, die ein Cousin mit seinem Jüngsten angehen möchte.
Der Start im Inntal ist etwas „holprig“, als sich vier Personen und ein Auto auf den Weg machen wollen, dazu später auch noch das Verkehrsnadelöhr Kitzbühel – aber an diesem Montag eilt es nicht ganz so sehr, denn außer der Anfahrt steht nur der Hüttenaufstieg bei sich auflösender Bewölkung auf dem Programm.

So haben wir am frühen Nachmittag am gebührenpflichtigen Pp am Matreier Tauernhaus (1511m), unter dem südl. Ausgang des Felbertauerntunnels, unsere Bergstiefel geschnürt und die Rucksäcke geschultert, um auf dem Wanderweg entlang des Tauernbaches an Außergschlöß (Bild 1) vorbei nach Innergschlöß (1689m / Bild 2) zu wandern. Inzwischen zeigt sich auch der Schlatenkees, der sich ostseitig vom Venediger ins Tal herabzieht, aber die Neue Prager Hütte als Tagesziel wird sich noch eine Weile ums Eck verbergen. Mit einer kleinen Brotzeitrast wechseln wir vom ebenen Talboden am Gschlößbach in den Aufstiegsmodus, wir haben uns hierfür den südlichen Gletscherweg (@roBerge-Tour) (Bild 3) ausgewählt, der uns Abwechslung und schöne Ausblicke verspricht.

Am „Auge Gottes“, einem kleinen dreieckigen Tümpel mit kleiner runder Grasinsel in der Mitte (Bild 4), ist der „Venediger Höhenweg“ und ein Zwischenscheitelpunkt erreicht, es muß nun leicht absteigend gequert werden, um über ein vom Gletscher abgeschliffenes Felsplatau (Bild 5) den üblichen Hüttenweg zu erreichen. Dieser führt nach einem weiteren Aufschwung unmittelbar an der Alten Prager Hütte (2489m) vorbei, von der es noch eine gute Aussicht zurück ins Gschlößtal gibt, und die entsprechend dem Piktogramm auf den Wegweisern wohl noch bis vor einigen Jahren als Zwischenstation bewirtschaftet war. Inzwischen ist aber alles verrammelt, der Zaun abgebaut und die kleine Steinhütte wohl dem Verfall preisgegeben.

Ab hier ist unser Übernachtungsziel in der Entfernung sichtbar, der Steig wird überwiegend leicht ansteigend, aber er wird sich schon noch etwas „ziehen“, insbesondere für mich, der den größten und schwersten Rucksack aufgeschultert hat. Aus den verschiedensten Gründen wollen die anderen drei am nächsten Tag nach der Gipfelbesteigung wieder ins Tal hinunter und heimfahren, ich aber habe Urlaub und mit DIESER Prognose von gut einer Woche stabilstem Hochdruckwetter möchte ich einige Tage hier bleiben und versuchen das Wetter bestmöglich auszunutzen – bei relativ großer Flexibilität und Unabhängigkeit.

Die Neue Prager Hütte (2796m) ist am frühen Abend erreicht, wir wechseln nur kurz die verschwitzten Klamotten und stellen die Rucksäcke ins Lager, denn das Abendessen mit erfrischendem „Hopfensmoothie“ wartet. Noch vor 21:30 Uhr steigen wir ins Lager hinauf, in das sich bereits ein paar „Schläfer“ zurückgezogen haben. Nicht nur wir müssen noch etwas mit der Hirnbirn gruscheln, was aber ziemlich schnell als „Rücksichtslosigkeit“ verurteilt wird, doch sind wir nicht in den Westalpen und mit der Hüttenruhe um 22:00 Uhr liegen auch wir flach. An sich ist in dieser Nacht sowieso nicht viel mit schlafen, denn mit den ausgegebenen hölzernen Hüttenclogs gibt’s die halbe Nacht neben Stahltürenschlagen ein stetes „klack-klack“ im benachbarten gefliesten Treppenhaus – das „gesoffene“ möchte halt irgendwann wieder hinaus...

(Fortsetzung folgt)

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« am: 26.11.2016, 12:00 »

Offline geroldh

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Tag 2: Noch vor dem Ende der Hüttenruhe (6:00 Uhr) wird es im Lager unruhig, wir warten noch etwas ab, richten dann unsere Sachen zusammen und sind genau mit dem Aufsperren der Gaststube beim Frühstück. Vor der Hütte packe ich meinen kleinen Tagesrucksack mit allem was ich für die Tour auf dem Gletscher benötige zusammen und deponiere den großen Tourenrucksack neben der Hütte (2796m). Der Steig hinüber zum Gletscher führt bald über größere Steinblöcke, die durch die klare Nacht leicht angereift, also etwas rutschig, sind. Die Gruppe mit dem Bergführer ist bald überholt und mit einigen weiteren kleinen Teams erreichen wir den sonnigen Gletscherrand, an dem wir uns für den weiteren Aufstieg fertig machen.

Meine Frage nach der „Seilführung“ ergibt, dass der Cousin, der diesen Anstieg bereits vor ein paar Jahren gemacht hatte, als Gruppenältester und Toureninitiator diese Position einnehmen möchte – gut, dann werde ich den „Lumpensammler“ machen. Beim ersten aperen Aufschwung bekommen die Steigeisen gleich was zu beißen, aber nun stehen wir als Tages-Vorhut auf einem frisch verschneiten Plateau ohne Spur – und versuchen uns vorausschauend zu orientieren. Auch ohne Nebel bleibt der Blick von unten auf einen Gletscher einfach die ungünstigere Perspektive, Spaltenzonen sind kaum zu erkennen und schon gar nicht, wie es hinter der nächsten Aufwölbung aussieht. Während auf der AV-Karte die „Spur“ als „Empfehlung“ über den sog. Ersten und Zweiten Keesboden in leichter Kurve zum Gipfel des Großvenedigers führt, geraten wir auf direkterer Linie sogleich etwas zu weit rechts/nördl. in steileres Gelände (Bild 6 oben) und damit zu kleineren verschneiten Spalten. Auch wenn zu viert am Seil die Gefahr des „Verschwindens“ eher gering ist, wünscht man sich doch gerne festen Boden unter den Füssen. Inzwischen hat die Bergführergruppe linkerhand und tiefer heraufgespurt, wir diskutieren eine Hangquerung (quasi-parallel zu möglichen Spalten) zu ihnen hinüber – und entscheiden, unsere Richtung dennoch aufmerksam prüfend beizubehalten. Hierdurch haben wir zwei Effekte: Wir haben den besseren Ausblick auf den Gletscher und können relativ einfach noch den eher unscheinbaren, dafür aber einsamen Kleinvenediger (3477m) „mitnehmen“ (Bild 6 unten).

Von dieser abgeblasenen unvergletscherten Gratkuppe haben wir einen guten Blick hinunter auf die Spur, die von der nordwestl. gelegenen Kürsinger Hütte herauf führt. Diesen Anstieg bin ich vor vielen Jahren bereits zweimal gegangen (als Skitour und später auf meiner selbstgestrickten Alpenüberquerung „Prien-Venedig“...). Mit wenig Höhenverlust steigen wir zur Venedigerscharte (2413m) ab, queren auf die übliche, nun ausgetretene Aufstiegsspur hinüber und steigen in ihr auf den Gipfel des Großvenedigers (3667m), der um die Mittagszeit gut belegt ist. Das ausgeaperte Gipfelkreuz hat einen neuen Standplatz gefunden, die früheren „Sockelbalken“ liegen unbeachtet herum, es herrscht ein stetes kommen-und-gehen. Die Restfeuchtigkeit der Luft kondensiert auf Gipfelhöhe leicht aus, dennoch ist der Rundumblick faszinierend: Im Norden das Inntal, das Kaisergebirge, die Loferer und Leonganger, der Watzmann, weiter östlich der Dachstein, im Osten der Großglockner und im Süden die Dolomiten... (Bild 7) Nach unserer Gipfel-Mittags-Rast haben wir den Großvenediger tatsächlich für ein paar Minuten für uns alleine und können das Kreuz auch mal ohne Personen fotografieren. Es gibt einmal mittendrinn sehr beeindruckende Spalten (Bild 8 unten), aber ansonsten ist der Abstieg in der weichen Spur über den Oberen Keesboden des Schlatenkees wenig spektakulär. Etwas schwerer bepackt als notwendig plagen sich uns zwei jüngere Alpinisten entgegen, wenn diese keine mehrtägige Überschreitung machen, dann könnte vielleicht ein Gipfelbiwak dies erfordern... Zügig geht es über das nun griffige Blockwerk hinüber zur Neuen Prager Hütte, bei der ich meinen großen Rucksack wieder aufnehme und wir am frühen Nachmittag noch eine kleine Pause machen.

Den mit Felsplatten ausgelegten Hüttenweg steigen wir nun hinunter zur Alten Prager Hütte, einige Bergler kommen uns schwer atmend entgegen, das „Turbowetter“ hat sich offenbar herumgesprochen – die Hütte wird heute definitiv voll sein. Auch ist heute „Flugtag“, ein Hubschrauber bringt über unsere Köpfe hinweg Betonkübel um Betonkübel vom Talschluss herauf zur neuen Umlenkstation der in der Erneuerung befindlichen Materialseilbahn.
Von zuhause weg hatte ich nur eine vage Vorstellung, aber nach der Gipfeltour mit den erworbenen Eindrücken zu den Tourenbedingungen muß ich mich entscheiden und den möglichen Verlauf der nächsten Tage konkretisieren: Ich möchte zu einem Punkt hinwandern, von dem ich einigermaßen gut per Bus/Trampen/Zug nach Hause komme – und der Gerlos mit dem Zillertal und dem Inntal bietet sich hierzu an. Kurz war auch im Gespräch (alleine?) vom Großvenediger zur Kürsinger Hütte abzusteigen, doch selbst ab der Alten Prager Hütte reizt mich die unmittelbare nördl. Richtung zum Pinzgau wenig, da es durch die vielen Seitentäler/grate keine(?) Übergänge gibt, um aussichtsreich in westl. Richtung zum Gerlos zu wandern. Hier ist die südlichere Seite wesentlich ergiebiger, allerdings wird irgendwo die Überschreitung des Alpenhauptkammes erforderlich werden, wofür auf meiner AV-Karte (Gletscherstand: 1991) einige vergletscherte Törl-Passagen verzeichnet sind, für ein weites ausholen über das nördliche Virgental und dann Südtirol/Italien wird mir keine Zeit bleiben – doch mal schau’n was geht...

Am Wegweiser unterhalb der APH (Bild 9 oben) trenne ich mich von den anderen, auf meiner AV-Karte von 1998 ist noch ein alter Übergang über den Unteren Keesboden des Schlatenkees verzeichnet, der aber inzw. aufgelassen und nicht mehr beschildert ist. Doch ich möchte nicht, wie in der Karte erkennbar, bis zum „Auge Gottes“ bzw. dem Salzbodensee absteigen, um an den gegenüber liegenden Steig auf dem Kamm der Seitenmoräne zum Löbbentörl hinauf zu gelangen, der schließlich als (Venediger) Höhenweg zur Badener Hütte führt. Der Vorsatz ggfs. bei Schwierigkeiten umzukehren, hat im alpinen Bereich so seine Tücken, angefangen vom inneren Ego bis zum manchmal schwierigeren Rückzug. Doch soweit es für mich erkennbar ist, traue ich mir den Abstieg auf dem alten Steig zu, die apere Gletscherzunge scheint eher harmlos und den Gegenhang werde ich auch schon irgendwie hinauf kommen... Anfangs sogar noch „markiert“ (Bild 9 unten) wird das Gelände zum Gletscher hin schon ganz schön steil – hier fehlen mittlerweile einige Meter Eis – und die rundlichen Felsblöcke immer lockerer, doch entlang eines kleinen Baches stehe ich bald am Gletscherrand an einer kleinen blauen Eisgrotte (Bild 10). Wow super, ein solches Juwel wollte ich schon lange mal entdecken und mit entsprechender Umsicht vergnüge ich mich dort eine Weile. Auf dem Eis sind (ohne Steigeisen) ein paar „Risse“ zu überspringen und dann steige ich, mich leicht links/östl. orientierend, der „logischen Linie“ folgend, über mehr oder weniger kompaktes Moränengestein hinauf, finde einen Steinmann und dann sogar den alten Steig, der (ohne Ausschilderung) bei einem Wegweiser in den Venediger Höhenweg mündet. Auf einem älteren Wegweiser sind bis zur Scharte eine Stunde und bis zur nächsten Hütte zwei Stunden angegeben.

Die Uhrzeiger stehen sich in Nord-Süd-Richtung gegenüber, als ich auf dem Kamm der alten Seitenmoräne langsam ansteigend überlege, dass ich eigentlich keine Lust mehr habe, mich in der sonnigen Westflanke zur Scharte hinaufzumühen und dann ostseitig im kühlen Schatten zur Hütte zu wandern (ohne Reservierung ggfs. ohne Lagerplatz?), wozu bin ich denn mit Isomatte und Schlafsack ausgerüstet? Mit dieser Fragestellung finde ich ein schönes eben-grasiges, vom Gletscherfallwind geschütztes Plätzchen neben dem Weg, in der Nähe noch ein kleines Trinkwässerchen – und damit meinen Übernachtungsplatz. Während der Abendbrotzeit beobachte ich, wie gegenüber oberhalb der APH ein roter Rettungsheli in der hinteren Ostflanke sucht, in der Nähe der Materialseilbahnbaustelle zwischenlandet, offenbar mit Bergeseil nach hinten ums Eck fliegt um jemanden aufzunehmen, mit einer weiteren Zwischenlandung diesen einlädt und wegfliegt – endlich Ruhe im Gebirg. Ich liege „zur Tagesschau“ bereits in den wärmenden Daunen, als es wieder rattert: Der Heli ist zurück und sucht in der einsetzenden Dämmerung mit dem Suchscheinwerfer den Hüttenweg unterhalb der APH ab und zieht dann zu „meiner Grotte“ hinüber. Soll die Aktion vielleicht mir gelten, weil mich dort jemand absteigen gesehen hat? Ich habe bisher auch nicht „gefunselt“, was eventuell mißverstanden hätte werden können und halte mich bereit, wenn der Heli zu mir herüberschwenkt, diesem mit der Armdiagonale zu signalisieren, dass ich keiner Hilfe bedarf. Als er die Bergflanke bis unterhalb der NPH absucht, wird mir klar, dass da wohl was anderes schief gegangen sein könnte... Unvermittelt schwenkt er ab und fliegt in das dunkle Tal hinaus, wieder Ruhe, in der Nähe der Seilbahnbaustelle taucht ein Licht auf und bewegt sich langsam auf den Hüttenweg zu und auf diesem zur NPH hinauf. Der Sternenhimmel funkelt ohne Mond, die Hirnbirn wird ihren Träger sicher noch zur NPH hinaufleuchten, ich schlafe ein...

(Fortsetzung folgt)

Offline Zeitlassen

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Da hast du ja eine zackige Tour gemacht: mit Gletschergipfel und Höhenbiwak.  #gutgemacht#
Als ich in der Gegend unterwegs war, war der Gletscher noch weit mächtiger, die Alte Prager noch offen und der Übergang über den unteren Boden des Schlatenkees viel benutzt.
Eine Frage zu deiner Weitwandertour Prien - Venedig über die Kürsinger Hütte: #schnee1#
Da brauchtest du doch Gletscherausrüstung? Hast du die bis Venedig mitgeschleppt?
Wir sind einst vom Tegernsee auf den Großvenediger gestiegen, mit Eisenzeug - 95 % des Weges (Valepp, Kitzbüheler) hat man uns groß angeschaut oder ausgelacht.  #lacher#
Ich habe auf meinen Alpenüberquerungen die Gletscher gemieden.

Offline geroldh

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#hallo# Zeitlassen#danke1# für deine Rückmeldung. Diesen Punkt hast du völlig richtig erkannt.  ;)
Neben dem organisatorischen Vorausschicken von Ausrüstung an einen best. Ort (u/o später zurück nach Hause), hatten wir die Variante „so-wenig-wie-möglich-aber-so-viel-wie-nötig“ gewählt: In den mittleren 90er-Jahren gab’s einen ähnlich unterkühlten Sommer wie dieses Jahr und in der zweiten Juli-Hälfte hatte es bis zur Kürsinger herunter geschneit, damit war der Gletscher wie auch dieses Jahr schneebedeckt. Da im Übergang kein Steileis zu erwarten war, „konnten“ wir alles „Eisen“ zuhause lassen und hatten mit dem Sitzgurt nur die frühere Klettersteigausrüstung (u.a. Seilstück) im Rucksack, da in den Dolomiten auch „Via Ferratas“ eingeplant waren. Zu zweit auf einem (verschneiten) Gletscher unterwegs zu sein ist sowieso suboptimal, deshalb war beabsichtigt, dass wir für diese „Schlüsselstelle“ eine andere Gruppe finden und bitten uns mit ins Seil zu nehmen, ggfs. auf der Südseite den flacheren und damit spaltenreduzierten Abstieg wählen (vgl. unten). Doch wetterbedingt kam es schließlich etwas anders: Wir hatten an einem 8. Aug. tageszeitlich verspätet doch noch zu zweit in einer frischgetretenen Spur den Alpenhauptkamm überschritten - im oberen Bereich kombiniert mit Nebel und leichtem Schneefall. Letztenendes hatten wir an diesem Tag „etwas Glück“ und ich „für’s Leben“ gelernt: Wir sind im gespurten (steileren) Abstieg an einer deutlichen Stelle vorbeigekommen, an der wenige Stunden vorher – so wurde es uns später erzählt – ein älterer Bergführer „die letzte Erfahrung seines Lebens“ mit einer „30m-Spalte“ hatte... :(
Mit dem Obersulzbachtörl gab/gibt es aber eine durchaus anspruchsvolle, heute sogar fast eisfreie Alternative – dazu dann „morgen“ mehr.
Im übrigen hatten wir damals innerhalb der 24 Std. eines Tages stets in irgendeiner Form „Wasser von oben“, so dass wir nach drei Wochen hinter den Drei Zinnen am Missurinasee abgebrochen hatten.


Tag 3: In der zweiten Nachthälfte hat mich der Mond geweckt, außerdem ist es bekanntermaßen kälter geworden, doch meine „Schlaf-Mütze“ leistet mir hier gute Dienste. Nach einer Phase des Dösens hänge ich Gedanken zur Tour nach: Was wird mich die nächsten Tage erwarten? Werde ich das anvisierte Ziel erreichen? Einen Vorgeschmack auf die besondere mentale „Würze“ meiner Unternehmung habe ich mit dem alten Übergang am Vortag bereits verspürt: Der Vorstellung nach bin ich alleine (ohne „Livetracker“) überwiegend auf wenig begangenen Steigen unterwegs, neben flacheren Gletscherpassagen könnte es auch ganz weglos werden – das zu durchquerende Gelände ist groß und unübersichtlich. Vom Wetter her bin ich zwar sicher, aber die anderen alpinen Gefahren muß ich bestmöglich erkennen und versuchen ein ernsthaftes Verletzungsrisiko auszuschalten. Durch den Wunsch nach Flexibilität bin ich in Bezug auf die Ausrüstung gut bestellt, und ich kenne auch meine Fähigkeiten bzw. Grenzen, aber bei unvorhergesehenen Zwischenfällen bin ich (erstmal?) komplett auf mich gestellt. Deshalb möchte ich stets in Hütten- und Gipfelbüchern meine jeweils nächste Etappe/Variante eintragen, doch vor dem nächsten Wochenstart wird mich dennoch niemand „vermissen“.

Irgendwann verblassen die Sterne, die Ankunft eines phantastischen Tages steht bevor. Als die Sonne meinen Schlafplatz auf ca. 2480m berührt frühstücke ich etwas, packe den Rucksack zusammen und steige langsam dem Löbbentörl (2770m) entgegen. Dort treffe ich auf eine kleine geführte Gruppe, die seit einigen Tagen auf einer Durchquerung unterwegs ist und am Vortag vom Defreggerhaus herüber kam - ich kann mich bei ihnen bzgl. meinem angedachten Gletscherübergang erkundigen. Da ich auf meiner Route viele „Spuren hinterlassen“ möchte, springe ich noch kurz auf den Inneren Knorrkogl (2884m; Bild 11 oben) hoch, aber das Gipfelbuch ist dort völlig durchnäßt. So wandere ich den Venediger Höhenweg entlang zur Badener Hütte (2608m; Bild 11 unten), die ich am frühen Vormittag erreiche. Ich schaue mich etwas in der kleinen urigen Hütte um und suche mir das Hüttenbuch, um mich auch ohne Übernachtung mit meinem geplanten Tourenverlauf des heutigen Tages einzutragen. Währenddessen hatte ich die Entscheidung treffen müssen, entweder den VHW weiter zu gehen, um auf diesem etwa doppelt so weit das Bergmassiv südlich zu umgehen oder die „Abkürzung“ über den Gletscher zu nehmen. Meine Entscheidung ist zugunsten der letzteren Variante gefallen, die ich - soweit für mich machbar - antesten möchte.

Am Trinkwassersee oberhalb der Hütte befülle ich meine beiden Flaschen und steige mit den zusätzlichen zwei Kilos im Rücken in der „wärmenden“ Vormittagssonne in Richtung zur Kristallwand. An der beschilderten Abzweigung zum Frosnitztörl verwerfe ich diese (verkürzte) Übergangsmöglichkeit (scheint einsamer zu sein und hat gemäß der Karte einen anspruchsvolleren Gletscher) und stehe bald darauf bei ca. 2920m vor der nächsten Entscheidung: Entweder nehme ich den alten, kartenverzeichneten Aufstieg unterhalb einer schuttigen Wand (Steinschlag?) am Gletscherrand entlang – oder wie mir der Wegweiser andeutet, den neueren Klettersteig, der über den verblockten Südostgrat auf den Gipfel hinaufführt. Da mir die erste Variante unsicherer erscheint, vermute ich auf dem Klettersteig besser aufgehoben zu sein. Mit wenigen Markierungen und Stoamandl zur Orientierung erreiche ich diesen und klettere dem Stahlseil entlang, das immer wieder auch ausgesetzt am Grat entlangführt. Der Steig ist stellenweise schwieriger als vermutet und der Tourenrucksack zieht schwer in die andere Richtung, doch zwischendurch erfreuen mich Hochgebirgsedelweiss (Bild 12). Beständig komme ich immer höher und stehe am frühen Nachmittag am Gipfelkreuz der Kristallwand (3329m; Bild 13 oben). Für dieses wurden offenbar nicht mehr benötigte Leitplanken „upgecycled“. Im Aufstieg sind mir nur wenige Bergler entgegen gekommen, eine vmtl. geführte Gruppe erkenne ich, wie sie hinten über den flachen Gletscher zieht (und nachdem sie auf der Aussichtskuppe Hoher Zaun gestanden ist, später wieder auf diesem zurückkehrt, um dann via dem Frosnitztörl ihre Ausflugsrunde zur Badener Hütte abzuschließen), zwei etwa Gleichaltrige sind gerade im Aufbruch zum Abstieg – und ich habe diese phantastische, absolut klare und wolkenlose Aussicht während meiner verdienten Gipfelbrotzeit für mich alleine - z.B. kann ich von hier aus sehr gut meinen aufgelassenen Übergang „Unterer Keesboden“ vom Vortag erkennen (Bild 13 unten; linkes Anschlussfoto Bild 14 oben). Die Dolomiten erscheinen zum Greifen nah, durch die Bekanntheit kann ich auch die Drei Zinnen am Ende einer Talflucht erkennen. In südöstlicher Richtung am Großglockner vorbei ist am trüben Horizont schwach ein größeres Felsmassiv auszumachen, möglicherweise der Triglav.

Wie auf der Karte erkennbar ist, bildet der Gletscher westwärts eine riesige flache Kuppe, die oberflächlich etwas mit Schnee bedeckt ist, ich schätze die Situation ab und komme zum Entschluss, dass ich es für mich vertreten kann, meine angedachte Überquerung fortzusetzen – in der Spur der Gruppe werde ich vorerst auch gut aufgehoben sein. So steige ich zum Gletscher hinab um dort die Steigeisen anzulegen (gibt ggfs. mehr Grip) und mache mich auf dem Weg durch den gespurten „Sumpf“ – die Sonne leistet heute ganze Arbeit, überall fließt das Wasser und dort wo der Wind den Schneefall verblasen hat, ist auch bereits wieder das apere Eis sichtbar. Auch wenn es harmlos erscheint, vergleiche ich die Situation mit leichtem Felskraxeln, das auch seine Aufmerksamkeit braucht, und so geht mein prüfender Blick stets wenige Meter voraus. In einem großen Bogen ziehe nun auch ich auf den Hohen Zaun (3457m), dem östlichsten „Zacken“ der "Venediger-Krone", hinauf (Bild 14 unten), dessen Kuppe schon lange nicht mehr vom Eis bzw. Schnee bedeckt ist und einige der herumliegenden Steine zu einer kleinen Gipfelpyramide aufgerichtet sind (Bild 15 oben). Auch jetzt am späten Nachmittag hat es nur wenig Wind, ich kann schön auf die gestrige östl. Aufstiegsspur von der NPH auf den Großvenediger hinunter schauen (Bild 15 unten) und erkenne auch noch einige Bergsteiger oben auf dessen Gipfel (Bild 14 unten Mitte). Irgendwie würde es mich schon reizen spontan der erkennbaren Spur am Rainerhorn vorbei übers flache Rainertörl hinweg zu folgen um nochmals auf den Großvenediger zu steigen, ggfs. dann den oben erwähnten steileren Standardweg zum Defreggerhaus abzusteigen... Andererseits würde die grandiose fast-360°-Aussicht für ein spontanes Gipfelbiwak locken, doch ich muß auch meinen angedachten Tagesetappen treu bleiben um mich zeitlich nicht zu verzetteln. So steige ich erneut in einer frischen Spur den flachen Gletscher südwestseitig hinab und folge schließlich einer Felsrippe, dem Mullmitz Aderle, hinunter zum Defreggerhaus (2962m). Wie bei meiner damaligen Alpenüberquerung möchte ich dort nicht übernachten, zumal diese Hütte heute komplett überfüllt zu sein scheint. Während in den Gasträumen offenbar in der „zweiten Schicht“ das Abendessen serviert wird - ein älterer Bergsteiger steht mit Bierflasche in der einen Hand und einem Eispickel (als Flaschenöffner?) in der anderen Hand unschlüssig im Vorraum herum, trage ich mich schnell ins Hüttenbuch ein und schaue, dass ich wieder meine Ruhe auf dem Hüttenweg finde. Hmm, wie wohl war die Frage gemeint, dass einer meine Isomatte zur Übernachtung haben wollte? - Knapp 1½ Stunden später bin ich in der Abenddämmerung an der Johannishütte (2121m) angelangt, in der Küche ist man gerade am Aufräumen, doch auf der Terasse kann ich mein „Feierabend-Bier“ noch mit einer Gulaschsuppe geniessen. Ich war rund 20 Jahre nicht mehr hier - auch diese Hütte wurde in den letzten Jahren renoviert und etwas vergrößert.

(Fortsetzung folgt)

Offline geroldh

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Tag 4 - Aufstieg: Meine Vorstellung für diesen Tag: Den Alpenhauptkamm überschreiten und schauen, ob sich entlang der Kammlinie sowie dem Ostgrat der Große Geiger „mitnehmen“ lässt.
Ich trage mich ins Hüttenbuch ein ohne mich lange mit dem Frühstück aufzuhalten, dieses möchte ich unterwegs in der Morgensonne nachholen. Das Dorfer Tal liegt noch im Schatten, als ich die Johannishütte (2121 m / Bild 16 oben) verlasse und am gleichnamigen Bach entlang wandere, aber ich komme nicht weit, denn leckere reife Blaubeeren verleiten zu einem „Früchtemüsli ohne Müsli“. Auf der hinteren Holzbrücke wechsele ich zum Hauptweg auf die westl. Bachseite hinüber und wandere entspannt das Tal aufwärts (Bild 16 unten), um in der Nähe des sog. Roten Steins zu frühstücken und mich für den sonnigen Tag zu „präparieren“. Wochen später werde ich dank der „großen bunten Gugl“ in einem KameraUserforum einen Bericht „Gletscher, Grate und fünf Gipfel - die Venedigerkrone“ entdecken, in dem jemand als Auszeit vom Familienurlaub von „seinem“ Bergabenteuer erzählt. Am heutigen Tag wird er kurz vor Mittag ein Panorama-Foto machen, dass mich klitzeklitzeklein ganz hinten in Bildmitte das Törl hinaufsteigen zeigt: „Das Dorfertal im Panorama“ – Wow, was für ein phantastisches Aufbäumen des „Tiroler Bergsommers“ !!!  ;)

Der historische(?) Weg das obere Dorfer Tal aufwärts wird anfangs wohl noch von einigen Tagesausflüglern bewandert (Bild 17 oben), doch zunehmend lassen nur mehr kürzere Stücke von alten Pfadspuren und wenige verwitterte Farbmarkierungen an den immer zahlreicher herumliegenden Steinblöcken die Route erahnen. Auf der Karte wird eher symbolhaft eine Bachquerung angedeutet und ich gelange schließlich auch an eine Stelle, an der es auf meiner Bachseite durch einen felsigen Aufschwung nicht so recht weitergehen mag. Dagegen setzt sich das begehbare alpine Gelände auf der anderen Seite ähnlich fort, doch ich kann keine Anhaltspunkte für einen „offiziellen“ Steig oder gar Übergang erkennen. Durch den Neuschnee in der Vorwoche und den aktuellen Temperaturen führt der Bach sicher mehr (Schmelz)Wasser als sonst üblich, ich suche etwas herum, doch nach dem schrittweise balancieren auf einigen Steinblöcken wartet mindestens EIN beherzter Sprung von Stein zu Stein über das quirlige Wasser. Auf nasse, (dauerhaft) überschwemmte Steine zu steigen ist üblicherweise ein rutschiger „Fehltritt“, aber wenn ich nicht bachabwärts weitersuchen oder die Bergstiefel ausziehen möchte, dann muß ich diesen kleinen Sprung auf einen vom erhöhten Wasserstand überschwemmten Felsen wagen. Geschafft – die Bequemlichkeit hat gesiegt! Die Gummisohle hat guten Grip – ich bin drüben und kann auf der östl. Seite vom Bach das Tal weiter aufwärts steigen. Bald läßt sich auch wieder stellenweise die verwitterte Markierung erkennen, die rote Farbe hat weniger gut gehalten als die weiße (Grund)Farbe auf dem Stein. An dieser Stelle kommt mir der Gedanke, inwieweit dieser AV-Steig bzw. auch der Törl-Übergang wohl mittlerweile aufgegeben ist: An sich gibt das Tal den Routenverlauf vor, insbesondere beim heutigen klaren Wetter, aber alleine und erstmalig hier unterwegs, bzw. wenn durch Nebel die Sicht schlecht wäre, dann gibt eine schöne Markierung doch Sicherheit. Ab ca. 2600 m verschwinden die letzten weißen Farbreste, denn nach meiner AV-Karte von 1998 (Gletscherstand 1991) würde hier der Dorfer Kees beginnen (Bild 18). Aber Fehlanzeige: Neben dem Bach gibt es nur Steinschutt in allen Größen und Formen, dazwischen ein paar sandige Stellen – und auf einer solchen sehe ich einen Sohlenabdruck aus den letzten (trockenen) Tagen – ich bin also „richtig“! Der Gletscherbach weitet sich an zwei Stellen zu kleinen flachen Seen auf, wobei der obere bereits wieder am versanden ist, kurz unterhalb von diesem muß ich die Bachseite geländebedingt erneut wechseln. Die Suche nach einer passenden Stelle resultiert wieder in einen beherzten Sprung, diesmal auf eine kleine Sandbank.

Einerseits ist meine Richtung durch den Talverlauf vorgegeben, andererseits sind es die offensichtlich am wenigsten steilen Geländestücke, denen zu folgen ist, doch eine Ideallinie ist von unten nicht ausreichend erkennbar. So ersteige ich nun völlig weglos auf größeren Steinen – die sollten mit ihrer Masse am besten mit dem Untergrund verankert sein – einen Moränenhang, und bin trotzdem stets auf der Hut, nicht dass ein lockerer Stein wegbricht oder ein anderer von oben nachrutscht. Am sichersten fühle ich mich schließlich oben auf dem Rücken, doch dort ist auch zu erkennen, dass ich nun zu hoch bin und so quere ich an einem weiteren Schmelzwassersee vorbei zu einem kläglichen Rest von verschneitem Gletscher, der in einer Geländemulde auf sein abschmelzen wartet. An dieser Stelle muß man den Kopf kräftig in den Nacken legen, um eine völlig neue und ungewohnte Perspektive auf den Großvenediger mit seiner abschmelzenden Westflanke zu haben (Bild 19 oben). Ein weiterer Gletscherrest legt sich in den Weg, doch etwas angenervt vom mühsamen über die Steinblöcke steigen ist mir dies ganz Recht, denn darauf läßt sich wenigstens gleichmäßig aufsteigen. Die Neigung dieses fast aperen Eisstücks ist nicht allzu steil und gepaart mit der Faulheit, für die wenigen Meter nicht die Steigeisen herauszukramen, wage ich mich auf dessen Diagonale. Den steinigen Hang auf der gegenüber liegenden Seite habe ich bis auf einen Meter erreicht, als der bergseitige Fuß abrutscht und ich mir auf dem Schmirgeleis das durch die kurze Hose ungeschützte rechte Knie aufschramme. Mit Schnee etwas den Schmutz herausgewaschen, der Rest wird eintrocknen...

Sand und Schutt werden weniger, die Steinblöcke immer größer, oben am Grat kann ich bereits die Stange erkennen, die das Obersulzbachtörl (2921 m) markiert (Bild 19 unten). Es gilt über die zentnerschweren Steinblöcke, die wie ein großes Stein-Mikado durcheinander und übereinander liegen, einen möglichst guten und vor allem sicheren Aufstieg zu finden. Ich verspüre eine innere Unsicherheit, denn oft abseits von „geputzten“ Wegen unterwegs, habe ich bereits unhaltbare Steine kennengelernt, die förmlich auf der Kippe liegen - oder gelegen sind... Einen kurzen Moment erschreckt mich eine große Wackelplatte als ich auf deren Randbereich steige, doch zum Glück sind die Felsblöcke gut miteinander verzahnt und für die Gummisohle auch schön griffig, die Bergstöcke haben hier allenfalls noch einen balancierenden Charakter. Entlang der am wenigsten steilen Geländeneigung treffe ich etwas unterhalb des Törls auf eine frische rot-weiß-rote Markierung (Bild 20 unten) und stehe kurz nach Mittag tatsächlich auf diesem kammartigen Übergang des Alpenhauptkamms (Bild 21 oben). Allein von der 1:25 000er-Karte weg hatte ich am Morgen eine Differenz von 800 Höhenmeter und eine Distanz von ca. 6 km herausgelesen, diese Werte hatten mich spontan nach meinem Bauchgefühl, bzw. der üblichen Erfahrung, etwa 3 Std. Gehzeit abschätzen lassen, und vllt. war dies vor 25 Jahren auch noch möglich, heute jedenfalls habe ich ziemlich genau 5 Std. bis hierher auf’s Törl benötigt.

(4. Tagesetappe aufgeteilt wg. der Bilderzahl)

Offline geroldh

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Tag 4 - Abstieg: Es ist bereits nach Mittag, als ich ausgiebig Rast mache und die Umgebung auf mich wirken lasse. Der Blick geht zurück auf meine südl. Aufsteigsroute (Bild 20 oben) und interessiert auf die Nordseite (Bild 21 unten): Am Gegenhang ist die Kürsinger Hütte als angedachtes Tagesziel bereits gut auszumachen, so wie sie oberhalb der steilen Geländeabbrüche thront. Eigentlich hätte ich bereits vorgewarnt sein müssen, doch ich erschrecke nun fast ein wenig, als ich meine Abstiegsseite betrachte: Denn während sich auf der Karte zwischen dem Törl und der Hütte noch der Obersulzbachkees breit macht – und zwar komplett von links nach rechts – auch ein ähnlicher, mit Stangen markierter Gletscherübergang wie am Tag 2 verzeichnet ist, so ist heute dort, wo einmal meterdickes Eis bzw. die sog. „Türkische Zeltstadt“ war, nur noch Schutt, Sand – und ein See.
Allzu viele Informationen habe ich im Vorfeld der Tour nicht gefunden und so habe ich es abwartend in Erwägung gezogen, hier am Törl zu entscheiden, dort den großen Tourenrucksack zu deponieren und mit leichtem Gepäck über den Blockgrat und die Ostseite (es soll tw. ausgesetzte IIer und IIIer Kletterei sein, im Kalk für mich kein Problem) den Großen Geiger (3360 m) anzutesten. Als ich am ausgesetzten und verblockten Hauptkamm etwas nach Westen steige und vor dem aufragenden kleinen Felsturm stehe, wird mir jedoch schnell klar, dass dies nicht ganz so einfach und v.a. sicher sein würde, wie erhofft. Der verschneite Eishang am östl. Wandfuss würde mich wohl kaum schrecken, aber den Aufstiegsgrat nach der Gipfel-Besteigung auch wieder zeitaufwändig abklettern zu müssen, lässt angesichts der soeben gemachten Geländeerfahrungen und der bereits fortgeschrittenen Tageszeit vorsichtigen Zweifel in mir aufkommen. Der Berg läuft nicht davon und ich weiß auch nicht, was mich im weiteren Abstieg ggfs. noch erwartet.

Die frische Farbmarkierung hat es bereits angedeutet, ein größeres Materialdepot mit bereitliegenden Stahlseilen u.a., abgelegtes Werkzeug zum alpinem Wegebau (Hebelstangen) sowie weitere neue Markierungen lassen erkennen, dass hier gerade der Übergang hergerichtet wird. Doch ganz so einfach wird der nördl. Abstieg vom Grat hinunter auf ein steileres (Eis-)/Schneefeld für mich heute noch nicht: Der alte, offenbar bisher genutzte „Schlurf“ (schmale schotterige Rinne) erscheint mir unsicherer als die mit neuen Markierungen angedeutete noch ungesicherte Passage, auch wenn dort offenbar vor wenigen Tagen/Wochen (ggfs. bei der Ausputz-Maßnahme?) ein größeres Felspaket auf der schrägen Felsunterlage abgegangen ist (Bild 22 unten). Das abklettern klappt, das steile Schneefeld ist in der Nachmittagssonne schön aufgefirnt, trotzdem steige ich vorsichtig zu einer mannhohen Steinpyramide ab, die den Beginn eines renovierten, eisfreien Steiges markiert (Bild 22 oben) – da ich bereits auch ein ähnlich großes „Stoamandl“ errichtet habe, kann ich die darin verbauten Arbeitsstunden gut abschätzen – Respekt! Am Abend werde ich mich auf der Kürsinger beim Hüttenwirt erkundigen, wer hier so aktiv am Wegebau ist (ÖAV-Sektion Salzburg?). Hiervon hat er noch gar nix mitbekommen, vermutet aber die Nationalparkverwaltung „Hohe Tauern“ dahinter und findet dies sehr gut, da sich in den letzten Jahren die Bergsteiger in diesem unübersichtlichen Gelände und dem „abschmelzendem“ bzw. verfallenden Steig (die Felsen mit alter Wegmarkierung rutschen mit der Zeit immer tiefer!!) häufig gefährlich verstiegen haben (schotterige Steilabbrüche!).

Der nun folgende Steig ist sowohl frisch und zahlreich markiert, als auch mit Steinen treppenartig ausgelegt, so dass mein Abstieg fast schon entspannend wird. Ein felsiges Steilstück war sicher viele Jahre eine weitere Schlüsselstelle (u.a. zerfetztes Kletterseil), heute sind dort eingebohrte Tritte und ein neues Stahlseil verbaut (Bild 23 oben) – doch die Natur läßt nicht locker und hat durch Steinschlag bereits wieder größere Schäden angerichtet. An den flacheren Pfadstücken wurden die im Weg liegenden Steine nicht einfach zur Seite geworfen, sondern beinahe liebevoll am ca. 1m breiten Pfad als Begrenzung aneinandergelegt. Im Talboden angelangt, dort wo vor nicht allzu vielen Jahren noch meterdickes Eis über die Felsen geschrammt ist, sind auf kleinen Holz- und auch Metallbrücken ein paar Gletscherbäche zu überqueren, die tw. aus weiteren kleinen Schmelzwasserseen abfließen. Die Natur hat sich hier gegenüber dem Kartenbild auf meiner AV-Karte komplett geändert – und auch der kleine Gegenanstieg hinauf auf die Kürsinger wurde über abgeschrammte Felsbänder neu angelegt. Die Sonne nähert sich dem westl. Gebirgsgrat mit der Schlieferspitze, um in kürze dahinter zu verschwinden, als ich die (Neue) Kürsinger Hütte (2547 m / Bild 24 unten) erreiche, mich am dortigen Brunnen etwas erfrische, und - weil ich heute definitiv keine Lust auf ein muffiges „Schnarchlager“ habe - ohne Rucksack über die Hütte hinauf steige, um dort außerhalb der Sichtweite nach etwas suchen ein grasiges und ruhiges Lagerplätzchen „wie auf Balkonien“ zwischen den Felsen zu finden: Mit dem Sonnenaufgang muß das Panorama noch phantastischer werden...

Doch zuerst gibt es noch in der Gaststube das wohlverdiente  „Feierabendbier“ und ein - wie bereits hier erwähnt - leider etwas mißlungenes Abendessen. Noch ein wenig mit anderen Berglern geratscht (eine Dreiergruppe hat heute den Großen Geiger als Überschreitung gemacht und möchte morgen via dem Nordgrat auf den Venediger rauf), mich beim Hüttenwirt nach der Steigrenovierung und meinem Weiterweg erkundigt, mich ins Hüttenbuch eingetragen (aha, eine Frau ist laut Eintrag zu Wochenbeginn über das Obersulzbachtörl gestiegen und nach einer Übernachtung wieder zurück „gewandert“), und mich schließlich mit der „Hirnbirn“ zu meinem Schlafplatz zurückgezogen. Als auch ich zur Hüttenruhe im Schlafsack liege, mir die Milchstrasse und die verstreuten Sternschnuppen betrachte, lasse ich die letzten Tage nochmal Revue passieren, stelle fest, dass ich bei der „Touren-Halbzeit“ angelangt bin, und freue mich auf die nächsten Tage...

(Fortsetzung folgt)

Offline geroldh

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Tag 5: Beim ersten Aufwachen steht das Bergpanorama Großvenediger-Gr.Geiger-Maurerkeeskopf-Schlieferspitz noch im fahlen Licht des abnehmenden Mondes, später hat bereits die Dämmerung eingesetzt, doch die Luft ist einfach zu klar, als dass es eine leuchtende Morgenstimmung gäbe. Zartrosa erleuchtet die aufgehende Sonne die Bergspitzen und arbeitet sich Meter um Meter tiefer, die Farbe über orange und gelb bald wieder in ein gleißendes weiß verändernd. Während ich dieses wunderbare Panorama vom Schlafsack aus genieße, wandern etwas unterhalb von mir die ersten Frühaufsteher in Richtung Großvenediger vorbei. Auch für mich heißt es nun: Frühstücken und Rucksack packen. Heute möchte ich in westl. Richtung über das Krimmler Törl (Bild 26 oben) zur Warnsdorfer Hütte rüber und am Nachmittag noch auf die Schlieferspitz hinauf...

Für mich geht es kurz hinab zur Hütte und an die Ecke des südl. Geländeabbruchs, denn dort beginnt ein (Kletter)Steig, der laut einem Schild in den Jahren 2008/9 unter dem Hütten- und Wegewart der Kürsinger errichtet wurde und heute dessen Namen trägt („Schmuck-Steig“). Den wertvollen Hinweis auf diese rel. neue Möglichkeit habe ich am Abend zuvor erhalten, denn nach meiner Karte würde eine „Empfehlung“ noch über Eis im Bereich der „ehem. Türkischen Zeltstadt“ führen: Deshalb auch meine gestrige Frage, wie ich heutzutage am See vorbei käme - und die erläuternde Antwort mit dem finalen Hinweis: „Der See macht nur Probleme“. Der Steig führt mich, tw. mit „Seilgeländer“ versehen, noch nicht allzu steil hinab auf ein kleines Geländeplateau (Bild 26 unten), an dem sich offenbar der hütteneigene Klettergarten, aber auch die Grundmauern der um einiges kleineren Alten Kürsinger Hütte befinden. Noch etwas Grashang, dann aber beginnt der eigentliche Klettersteig, der mit Eisenbügel und Stahlseil über vom „Urgletscher“ polierten Fels auf natürliche Bänder führt. Es empfiehlt sich, an günstigen Punkten zum Schauen stehen zu bleiben. Etwas östl. kann ich im grasigen Gelände die Zick-Zack-Trasse des alten, auf meiner Karte verzeichneten, aber inzw. aufgelassenen Steiges erkennen, der sich unten im steilen Geröllhang verliert. Einige Wochen später werde ich zufällig einen Bericht entdecken, in dem erklärt wird, wie kurz nach der Jahrtausendwende unten bei der Querung zw. Hang und Gletscher(rest) drei Mitglieder einer dt. Wandergruppe „durch Steinschlag“ zu Tode kamen. Vorsichtig steige ich auf den Stahlbügeln und -stiften hinab und erkenne im unteren Bereich einen alten, aufgelassenen Verlauf des Klettersteigs, der durch eine (inzw. aktive) Steinschlagzone geführt hatte und nun in fast senkrechte polierte Wände verlegt wurde. Hier sind kleine Schilder angebracht, die auf die ehemaligen Gletscherstände 1980 und 1990 hinweisen, ersteres noch in einer Höhe über Talgrund, von der ein heutiges Hinunterfallen mit Sicherheit ziemlich böse enden würde. Seit geraumer Zeit ist unten über dem Abfluss des Sees die kleine Brücke erkennbar („Gletscherstand 1996“) und unweit davon nahe dem Ufer eine längliche Kiste, in der ein Rettungsruderboot der Bergwacht deponiert ist, für den Fall, dass der See wieder „Probleme macht“. Eine von der Natur zurückgewonnene Grünfläche lädt zum idyllischen Rasten ein (Bild 27 oben) und eine Informationstafel „Gletschersee“ gibt am Ende des Gletscherlehrwegs Obersulzbachtal Auskunft über den „jungen“ Obersulzbachsee (2216 m). Weitere Fotos und Infos zu diesem Abschnitt sind in meinem Bericht „Gletscherschmelze: Großvenediger & Obersulzbach-Gletschersee“ zu finden.

Von der Hütte ohne Trinkwasser abgestiegen, finde ich unmittelbar neben dem breiten Lehrweg eine sprudelnde Felsenquelle, die mir wieder zwei Kilogramm Gewicht in den Rucksack befördert. Hatte sich früher (bzw. auf meiner Karte) der nun folgende Aufstieg ein Stück südl. der Brücke befunden, so muß man heute etwas nördl. gehen, bis linkerhand der tw. seilversicherte Steig hinauf auf den großen Geländerücken abzweigt. Die Vormittagssonne brennt mir kräftig ins Genick, es weht kein Lüftchen, als ich mich hier schwitzend hinauf arbeite. Wenn ich einen Vorteil bei dieser Schinderei erkennen kann, dann den, dass die Aussicht zunehmend interessanter wird (Bild 27 unten). Als sich der Rücken nach hinten neigt, geben alte Stangen eine zusätzliche Orientierung zu den älteren Farbmarkierungen – und schließlich ist es vollbracht, ich stehe völlig alleine auf dem mit der letzten Markierungsstange versehenen höchsten Wegpunkt des Rückens und blicke hinunter auf den größtenteils aperen Gletscher, der mich hinauf auf’s Krimmler Törl führen soll. Einen Müsliriegel und einige Schlucke Wasser später muß ich über große und kleine Felsblöcke steigend den zunehmend steiler werdenden Hang hinunter klettern – auch hier fehlen inzw. ein paar Meter Eis – und (wieder einmal) hoffen, dass kein Stein ausgerechet jetzt einen Gewichtsausgleich anstrebt. Mit etwas Abstand zum Bröselfels lege ich trotz der Flachheit des Eises die Steigeisen an, denn im Bereich von möglicherweise auftretenden Spalten brauche ich guten Halt und später wird sich der Gletscher auch etwas aufsteilen. So steige ich über den aperen Gletscher langsam höher, die nicht allzu großen Spalten sind durch den jüngsten Sommerschnee meißt noch verschlossen (zugeweht), aber durch die abweichende Färbung gut zu erkennen (Bild 28 oben). Abseits eines Modegipfels wird diese Etappe kaum begangen (lt. meiner Karte gab es hier auch mal Markierungsstangen) und ich erreiche nun eine überschaubare Fläche, die etwas einstrahlungsgeschützt noch homogen mit einer dünnen Schneeschicht überzogen ist. Vom Gelände her sind keine großen Verwerfungen im Eis zu erwarten und wie auf einem Altschneefeld in den Voralpen stapfe ich einen Schritt vor den anderen – doch „aus den Augen, aus dem Sinn“, denn „ich bin dann mal weg“ sagt sich der linke Fuß bis zum Knie und hatte ausgerechnet einen 30cm-Riss gefunden. „Mist“ – und ich dachte, ich hätte den Überblick bzw. die notwendige Aufmerksamkeit. Es folgt noch ein aperes Stück Gletscher und erst vor dem Krimmler Törl (2789 m) gibt es wieder Schnee – doch anstatt über steiles Blockgestein am Nordgrat steige ich am frühen Nachmittag über die weiche verschneite Nordostseite auf den Gipfel des Gamsspitzl (2888 m / Bild 28 unten).

Dieses „Fast-3000er-Gipfelchen“ wird über meinen weiteren Abstiegsweg sehr häufig besucht, ist es doch der Hausgipfel der Warnsdorfer Hütte. Für mich hat dieser Steinhaufen noch eine besondere Bedeutung, denn als Zwei-Tages-Hatschertour von Krimml aus hatte ich diesen vor etwa 35 Jahren in meiner späten Kindheit mit dem Vater bestiegen und damit in gewisser Weise meine „alpine Karriere“ begründet. Von hier aus ist der Großvenediger letztmalig in seiner ganzen Größe zu bewundern, in südl. Richtung wird der Blick schnell vom schwindenden Krimmler Kees unterhalb der Barriere Maurerkeesköpfe-Simonyspitzen-Dreiherrnspitz gebremst. Doch dafür öffnet sich in der anderen Richtung eine neue Perspektive: Oberhalb des Krimmler Achentals zieht die vergletscherte Reichenspitz den Blick auf sich (Bild 29 oben) und am Bruchhaufen Krimmler Törlkopf vorbei ist die Schlieferspitz zu erkennen (Bild 29 unten). Am Gipfelkreuz ist der Platz nicht allzu üppig bemessen und ich bleibe dort auch nicht lange allein – nach dem gegenseitigen Fotografieren trete ich den Abstieg an und verlasse somit das Venedigergebiet. Der Steig hinunter zur Warnsdorfer Hütte (2336 m / Bild 30 oben) wurde erst kürzlich hergerichtet und neu markiert – heute ahne ich noch nicht, dass ich hier bereits in vier Wochen erneut unterwegs sein werde. An der Hütte angekommen hole ich mir erst mal ein kühles „Krimmler Märzen“ und mache auf der Terasse, die vor allem von Tagesausflüglern besucht ist, ausgiebig Brotzeit. Eigentlich war nun mit leichtem Gepäck die Besteigung der Schlieferspitz angedacht, doch bereits beim Gipfelratsch wurde mir signalisiert, dass allein der Aufstieg mit 4 Std. angegeben ist – ich würde also erst zur Abendessenszeit am Gipfel sein und nicht in der Gaststube. Auch knallt jetzt am Nachmittag die Sonne voll in die breite Westflanke hinein, durch die der lange Anstiegsweg verläuft – auch nicht wirklich erquickend. Es ist also nur konsequent, flexibel zu sein und diesen Berg auf morgen früh zu verschieben – jetzt am Spätnachmittag lädt der nahe Gletschersee zu einem Besuch, vllt. auch Bad, ein (Bild 30 unten). Dieser ist nach kurzer Wanderung erreicht und wird von zwei Wasserfällen gespeist. Diese bringen neben eiskaltem Wasser vom darüberliegenden Gletscher auch einen kühlen Fallwind mit nach unten, der das Wasser kräuselt – aber direkt an der westseitigen Felswand steht die Sonne bei Windstille schön an. Ich ziehe die Bergstiefel aus und steige zum Testen bis zu den Knien in den klaren See – das Wasser ist so eiskalt, dass es mir fast die Zehennägel aufdreht... Ich scheue sonst kaum kaltes Wasser – aber nein, dort gehe ich nicht freiwillig hinein, da genieße ich doch viel lieber die Wärme der untergehenden Sonne.

Zurück an der Hütte sind die letzten Tagesgäste abgestiegen und dafür füllen sich die Gasträume mit den Übernachtungsgästen, es ist Freitagabend und ein weiterhin sonniges Wochenende steht bevor. Die Warnsdorfer Hütte wurde kürzlich um einen Anbau mit Kletterwand, Schulungsraum und erneuerter Materialseilbahn erweitert, bereits einige Jahre früher wurde der Winterraum im Untergeschoss und die darüberliegende, mit hellem Holz verkleidete Gaststube renoviert, in der ich jetzt an einem der vollbesetzten Tische sitze. Wie am Vorabend probiere ich es wieder mit dem Bergsteigeressen, Spaghetti Bolognese, zu dem neben einer vernünftigen Portion auch ein Teller vom Salatbuffet gehört – hier auf dieser Hütte darf man(n) und frau sich wohlfühlen! Neben dem Fasslbier einer größeren österreichischen Brauerei steht auch eine kleine, lokale Brauerei in Krimml auf der Getränkekarte, dessen „Zirbenbier“ ich nun probiere, später wird noch ein mir bis dato unbekannter, leicht rosafarbener Zirbenschnaps den heiteren Abend beschließen. Da zwei Besucher, die Lagerplätze reserviert hatten, nicht gekommen sind, kann ich für diese Nacht spontan eine Matratze belegen.

(Fortsetzung folgt)

Offline geroldh

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Tag 6: Also wenn ich es vorher gewußt hätte, wie das reichhaltige Frühstücksbuffet auf der Warnsdorfer Hütte aussieht, dann hätte ich mir nicht so viel zum Essen in den Rucksack gepackt. So aber gibt es zum frischen Kaffee die Vorräte aus meinem Rucksack – oder soll ich die vllt. vergraben? Bereits am Abend hat es sich herausgestellt, dass zwei Burschen aus dem südl. LK von München, mit denen ich diese Nacht das kleine Lager geteilt habe, heute auch auf die Schlieferspitz hinaufwollen und so ist es naheliegend, dass wir gemeinsam Frühstücken und zusammen aufbrechen. Der Hüttenwirt Ernst hat die angegebene Gehzeit nochmals bestätigt und uns für den Gipfelbereich die beste bzw. sicherste Aufstiegsroute erklärt.

Von der Warnsdorfer Hütte (2336 m) geht es kurz in den Graben des Törlbachs hinab und nur wenig später ziemlich steil auf das gegenüberliegende Plateau hinauf (Bild 31 oben), so dass wir bei einem Kaltstart bereits gut gefordert werden. Der markierte Steig verläuft nun überwiegend leicht ansteigend durch das Gelände und quert dabei einige Bäche, die aus der noch schattigen Westflanke herabplätschern. Zu Beginn führt der Weg noch durch Grasflächen, in die sich ein paar Sträucher verirrt haben, wird dann aber zunehmend steiniger mit größeren eingesäten Felsblöcken. Eine einsame Gämse springt einen steilen Felsrücken herab, kreuzt unseren Weg und verschwindet in tieferes Äsungsgebiet, das mit den verstreuten Bergwaldbäumen Schutz und Schatten verspricht. Von einem ausgetretenen Pfad ist bei uns immer weniger zu sehen, zunehmend müssen wir auf größere Steine steigen (Bild 31 unten) und als wir das ausgedehnte Plateau gequert haben, führen uns die Markierungen sogar über größere Felsblöcke in die Höhe, wobei stellenweise die Hände bei kleinen Kraxeleien abstützend eingreifen müssen (Bild 32 oben). Die Sonne hat sich bereits über den Grat herüber gearbeitet und beginnt ordentlich zu heizen. Inzwischen haben wir drei uns auch insoweit ausgetauscht, als dass ich erfahren habe, dass die Beiden ein solches Blockgelände nicht so gut kennen und es sich offen halten, wie weit sie aufsteigen und dann ggfs. umkehren werden. Ich hätte vllt. etwas flotter unterwegs sein können, doch einmal gemeinsam losgezogen bleiben wir zusammen, jedenfalls bis zu einer Stelle, an der wir nach ca. 2½ Std. den herabführenden Westgrat erreichen, sich ein erweiterter Ausblick auftut und kurz darauf die Markierungen an einem Warnschild aufhören (3076 m / Bild 32 unten). Hier möchte Andreas (Name geändert) zurückbleiben und auf uns warten, denn Markus möchte es gemeinsam mit mir noch weiter hoch versuchen. In einer kurzen Kommunikation wird auch erwähnt, dass es später zwischen den Steinblöcken mangels Schatten wohl ziemlich warm werden könnte. Entsprechend dem Hinweis vom Hüttenwirt, nicht direkt auf dem Westgrat weiter zum Gipfel aufzusteigen, so führen uns nun vereinzelt kleine Stoamandl durch ein ziemlich grobes und lockeres Gelände auf der Südwestflanke (Bild 33 oben). Markus fehlt es mir nachsteigend ein wenig an alpiner Kenntnis bzw. „Technik“ und nach einem kleinen Lehrstück, bei dem ein größerer Stein, an dem er sich festgehalten hatte, zum Glück folgenlos auf seinen Fuß gerutscht ist, hat auch er verstanden, dass hier alle Sinne gefordert werden. Wir sind nicht ganz allein unterwegs, ein älterer Bergsteiger überholt uns, ein jüngerer kommt uns bereits entgegen. Das Gelände ist ziemlich steil und mit Felsen in allen Größen und Formen überzogen, der jeweilige Weiterweg muß trotz der vereinzelten Stoamandl mit großer Umsicht gewählt werden und stellenweise müssen wir auch ein paar Meter zurücksteigen, um eine andere, einfachere und v.a. sicherere Variante über das Blockgelände zu wählen . Schließlich erreichen wir kurz unter dem Gipfel den Südgrat und klettern mit UIAA II noch die letzten großen Blöcke zum Gipfelkreuz der Schlieferspitz (3289 m / Bild 33 unten) hinauf. Bis hierher waren wir tatsächlich die vollen 4 Std. unterwegs, doch nun machen wir die verdiente Mittagsrast bei einem phantastischen Rundumblick (Bilder 34).

„Nur der Gipfel zählt!“ – Wirklich? – Jeder erfahrene Bergsteiger hat irgendwann gelernt, dass der Gipfel zwar ein motivierendes Ziel sein kann, aber üblicherweise nur „den halben Weg“ darstellt, denn eine Bergtour ist erst dann erfolgreich zu Ende, wenn man wieder „auf festem Boden“ steht. So müssen auch wir nach rund einer halben Stunde Gipfelhocken nicht nur an den Abstieg denken, sondern diesen auch antreten. Vorsichtig kletternd geht es auf der Aufstiegsroute hinab, der Vorteil eine Passage bereits zu kennen relativiert sich mit dem Nachteil, dass abklettern schwieriger ist und die Dynamik des Körpergewichts die Steine nicht unkontrolliert belasten darf. So sind wir abwärts nur unwesentlich schneller und Markus, der ohne mich nicht bis auf den Gipfel gestiegen wäre, und ich erreichen unbeschadet die Stelle am Westgrat, an der wir auf Andreas zu treffen hoffen. Wir schauen, wir rufen, wir können niemanden entdecken – eine ungute Situation, die aber ein klein wenig dadurch verständlich wird, als dass es hier inzwischen, gut 2½ Std. später, schon unangenehm warm geworden ist. Ich schaue noch in die schattigere, aber steil abbrechende Nordflanke und dann können wir nichts weiter tun als unseren Abstieg fortzusetzen, in der Annahme, etwas tiefer jemanden aus einem schattigen „Felsloch“ aufzusammeln. Es war aus meiner Sicht auf jeden Fall wert, sich diesen Gipfel heute zu erarbeiten, aber zwei Gedanken hatten sich inzw. bei mir breit gemacht: Wenn es mich nicht täuscht, dann habe ich vllt. vor vielen Jahren mal gehört, wie jemand gesagt hatte: „Die Schlieferspitz machst du am besten mal mit Ski.“ – und ich denke dies wäre sogar die angenehmere Touren-Option. Der andere Gedanke ist der, dass heute Samstag ist und ich eigentlich morgen Abend am Gerlos bzw. zuhause sein wollte. Als Lösungsansatz hatte ich hierfür angedacht, dass wenn ich die beiden Begleiter wieder zusammengebracht habe, ich im Abstieg etwas Gas gebe und noch heute in das Krimmler Achental absteige, um in der Nähe des Krimmler Tauernhauses zu nächtigen. Doch diese Vorstellung geht gerade gar nicht auf, wir steigen nur langsam ab ohne einen Anhaltspunkt von Andreas zu erhalten. Markus kann nicht so flott über die Steine springen, wie ich es sonst täte – doch mich nun von ihm zu trennen um vorauszulaufen, das geht gar nicht! Am besten die Situation annehmen wie sie ist – und dies bedeutet, dass ich im Laufe des langen Abstiegs umentscheide und eine weitere Nacht auf der Warnsdorfer Hütte übernachten werde, wenigstens das Abendessen möchte ich dort nicht missen. Ich ahne, dass heute die Bude komplett voll sein wird, das kleine Lager war mir mit einer Matrazenlänge von ca. 1,80m und entsprechendem Holzumbau ohnehin ein paar Zentimeter zu kurz zum entspannten ausstrecken, und so wird mein „Notlager“ heute ganz sicher unter dem Sternenhimmel sein. Als ich an einem der letzten zu querenden Bäche stehe und auf Markus warte, kommt mir noch ein erfrischender Gedanke: Aufgeheizt und verschwitzt fallen die Hüllen und schon liege ich im Whirlpool mit wunderbarer Aussicht (Bilder 35) – doch weil es wohl „nur Schneewasser“ ist und bereits etwas über sonnige Felsen geplätschert ist, hat das Wasser ein paar wenige Grad Celsius mehr als der gestrige, etwas tiefer liegende Gletschersee. Bereits von der Plateaukante ist zu erkennen, dass einiges mehr los ist vor der Hütte – und als wir diese erreichen, sehen wir auch Andreas gemütlich auf der Hausbank in der Sonne sitzen, wir müssen also nicht mehr zu einer Suche aufbrechen... Nach der äußeren Erfrischung folgt auf der Terasse noch die innere Erquickung, dann streife ich um die Hütte, um nach einem Lagerplatz Ausschau zu halten, den ich später mit der Hüttenruhe belegen werde.

(Fortsetzung folgt)

Offline RossiS

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Servus Gerold,

da werden Erinnerungen wach! Auch ich war als kleiner Bub mit meinem Vater auf der Warnsdorfer Hütte und auf dem Gamsspitzl. Auch bald 30 Jahre her. Wie die Zeit vergeht!
Am nächsten Tag wollten wir auch auf die Schlieferspitze aber das war mir dann zu lang und ich bin lieber im Blockgelände unterhalb herumgeturnt. Seit dem war ich nicht mehr dort. Wird mal wieder Zeit!
Danke für deinen Bericht und die vielen tollen Fotos!

Grüße
Rossi

Offline geroldh

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#hallo# RossiS#danke1# für deine Rückmeldung, interessant diese Gemeinsamkeit. :azn:  Ich denke „als kleiner Bub“ hätten wir beide mit der Schlieferspitz keine so große Freude gehabt, war das Gelände wohl auch früher schon brüchig und der Weg laaang. Mit dem in der Nähe der Hütte gelegenen Eissee gibt es jedenfalls heute eine von den Familien gerne genutzte Ausflugsmöglichkeit.
Ich denke, dass mich die Warnsdorfer Hütte (und so mancher Spitz im Umkreis) bald wiedersehen werden...  ;)


Tag 7: Es war wieder eine wunderbar klare Nacht, wenige Sternschnuppen hatten mich in den Schlaf geführt, der weiterhin abnehmende Mond erst am frühen Morgen geweckt. Wie in den anderen Nächten gab es durch die geringe Luftfeuchtigkeit keinen Morgentau und ich kann, da alles herumliegende trocken ist, meinen Rucksack fertig packen und zum Frühstücken in die Gaststube gehen. An diesem Morgen übersehe ich den Eintrag in das Hüttenbuch der Warnsdorfer Hütte (2336 m), dies wird mir erst später im Abstieg bewußt werden – aber womöglich war dies bereits ein „Hinweis“, dass der heutige Tag bzw. meine vorgesehene Route ganz anders verlaufen wird, als ich es am Morgen noch in das Buch hätte hineinschreiben können...

In der Kühle des morgendlichen Schattens steige ich auf dem gut gepflegten Hüttenweg hinab und erreiche den hinteren Talboden in der Nähe des Materiallifts, dessen „kuhfreie“ Talstation auch als Bergradl-Parkplatz dient. Doch damit ist für mich der (langweilige) Fahrweg erreicht, der im Laufe der Zeit wohl den uralten Hirtenweg geschluckt oder überflüssig gemacht hat. Die Sonne steigt nun schräg hinter mir über den Bergkamm herüber und leuchtet das vor mir liegende Krimmler Achental vollständig aus (Bild 36 oben), im nordwestlichen Sichtbereich quellen heute Wolken etwas unstrukturiert in den Himmel und lassen auf eine Labilisierung der Luftmasse schließen. Ich trabe an den hintersten kleinen Almhütten vorbei und denke mir, dass sich solche Fahrwege wenigstens hervorragend für einen „Hans-guck-in-die-Luft“ eignen, die Stolpergefahr ist gering, die beidseitig aufragende Umgebung mit zum Teil uralten Zirbenbäumen schön anzuschauen. Mit der Einsamkeit der letzten Tage ist es hier aber vorbei, bereits am frühen Sonntag-Vormittag kommen mir einige Bergradler entgegen, die das lange Tal entweder fairerweise mit vollständiger Muskelkraft durchtreten haben – oder mehrheitlich mit Unterstützung durch „grünen-Strom-aus-Wasserkraft“ eine relativ entspannte Fahrt hinter sich haben. Noch „entspannter“ sind jedoch die „Wandertouris“ unterwegs, die sich mit Hütten- und Tälertaxi durch diese schöne Landschaft schaukeln lassen, dass es nur so staubt... Dadurch dass der Talboden für die Almwirtschaft verwendet wird, sind mehrere Weidegatter zu „überwinden“ und als ich in der Nähe einer Käserei einen kleinen hölzernen Butterfassldreher fotografiere (Bild 36 unten), gelüstet es mich spontan, nach den Wandertagen meinen Calciumhaushalt mit frischer Buttermilch aufzufüllen – die paar Minuten müssen drin sein. Doch indem ich nun vom Fahrweg abbiege, wird sich meine „Tages- und Resttourenplanung“ vollständig ändern...

Den Rucksack abgesetzt, ein großes Glas mit frischer Buttermilch bestellt – und während ich nun vor der Hütte brav auf mein Knochendoping warte, überkommt mich leiser Zweifel über diese Idee: In der Hütte ist mächtig was los: Ein lautes Gezetere der Sennerin gegenüber den alten Bauern, der mit seinen Stallstiefeln in „ihrer“ Käserei steht und nach der „Fingerprobe“ meint, der Inhalt eines mächtigen Kupferkessels hätte bereits die richtige Temperatur... Doch während zwei sich zanken, hat ein drittes Männlein seinen Spaß: Amüsiert streut es kleine Neckereien auf beiden Seiten aus – und wird sogleich mal aus der Hütte heraus zu mir auf die Terasse befördert. Hmm, so langsam kann auch ich mich an der Situation erheitern. Während ich nun vor der Hütte am Tisch sitze und die Buttermilli trinke, ist auch der „oide Oimerer“ hinausgeworfen worden: Er mustert mich und stellt anschließend die Frage nach meinem Beruf. Häh, daran habe ich seit über einer Woche nicht mehr gedacht, aber was will denn der damit? In manchen (Trekking)Ländern ist es ja erforderlich, dass medizinisch versierte Wanderer auch mal „Arzt“ spielen müssen, doch für einen „Notfall“ ist mir der hier zu lebendig. Hmm, mit „Elektriker“ bleibe ich der Wahrheit am nächsten – und habe damit ziemlich genau „ins Schwarze getroffen“: „Dann kannst du sicher meinen Fernseher reparieren!?“ Upps, der hat vielleicht Vorstellungen! „Da hat gestern schon eine Frau dran rumgezupft, aber die hat’s nicht hinbekommen“ erklärt langsam die Situation, dass es sich eher um ein „Kontaktproblem“ handeln könnte. Ich bin einfach zu gutmütig, ich lasse das Milchglas in der Sonne stehen und gehe mit ihm in die Stube hinein, um dort auf einem Wandboard ein ziemliches Kabelwirrwarr um so manchen Steck-/Wickelkontakt und elektrischem Gerät, z.B. DC/AC-Wandler, gezeigt zu bekommen. Er schaltet einen Radiorecorder mit CD-Player ein und demonstriert mir das „Knacken“ im Lautsprecher. Mit etwas gemischten Gefühlen beginne ich mir einen Überblick zu verschaffen, die Kabel zu sortieren, einen möglichen Wackelkontakt zu finden, ohne Phasenprüfer nach dem Ausschlussprinzip einen Funktionstest der Geräte zu machen. OK, der Fernseher funktioniert, der von einem Aggregat gepufferte Akku liefert „Saft“, der dann auf 220V heraufgesetzt wird. Jetzt noch der knackende Radiorecorder angeschaut, da tut sich nix – oder vielleicht doch? Minuten später lässt sich die Situation weiter eingrenzen, hier im Tal gibt es keinen Radioempfang, die Kiste wird nur als CD-Player benutzt und wenn ich daran herumspiele, kommt ab und zu ein Fetzen volkstümliche Musik heraus. Kein Sichtfenster, aber aha, die CD dreht sich, auch die Funktionstasten scheinen zu funktionieren, dann könnte möglicherweise die Laserabtastung „einen Wackler“ haben... Ich nehme die eingelegte CD heraus, drehe diese eher beiläufig um – und kann mir ein erhellendes Lachen nicht verkneifen: Die Unterseite ist total zerkratzt und zusätzlich klebt noch angetrocknete Aprikosenmarmelade von schmutzigen Frühstücksfingern daran... Ich denke den „Fehler“ nun gefunden zu haben! Ich lasse mir andere CDs geben und lege versuchsweise die nur wenig angekratzten Kastelruther Spatzen ein: Ja, die Abtastung (und Fehlerkorrektur) funktioniert und damit sollte es nun erledigt sein. Ich versuche dem alten Bauern die Funktionsweise der CD zu erklären... und lande bald beim direkten Vergleich mit der ihm bekannten Schallplatte: Optik versus Nadel – so kann ich ihm das Thema näherbringen. Inwieweit lassen sich die versandelten CDs „retten“? Ich frage nach Alkohol bzw. Spiritus und einem sauberen Tuch – er bringt einen Birnenschnaps und Küchenrolle – doch ich kann ihm zeigen, wie er seine „Tonträger“ sternförmig von innen nach außen wischend sauber machen kann – doch gegen die matte Oberfläche läßt sich hiermit nix ausrichten und die Erklärung bzgl. einem „polieren der Oberfläche“ bleibt abstrakte Theorie. Allerdings in die Praxis umgesetzt wird ein Stamperl „Willi“ und eine kleine Verköstigung des vor Ort hergestellten Almkäses.

In der Zwischenzeit ist es fast Mittag geworden und der witzelnde Dritte in der Hütte bietet mir an, mich in den nächsten Minuten mit dem Auto zum bewirtschafteten Krimmler Tauernhaus mitzunehmen. Oh ja gerne, damit kann ich die „verlorene Zeit“ wieder hereinholen – und der Strassenhatsch ist sowieso nicht so toll. Den Rucksack aufgeladen und wenig später sitze ich mit Heinz beim Mittagsbier am Krimmler Tauernhaus (1622m) auf der Terrasse. Er hat in den letzten Tagen hier im Tal ausgeholfen, würde morgen nach Hause fahren und könnte mich nach Rosenheim mitnehmen – erzählt er mir. Aha, morgen am Montag also – und Rosenheim liegt voll auf seinem Weg... Welch ein verlockendes Angebot. Ich krame die Wanderkarte heraus und kann mich mit seinem Vorschlag, für diese Nacht zur Richterhütte hinaufzuwandern, anfreunden – aber morgen müßte ich um 9:00 Uhr wieder hier am Tauernhaus sein. Ja, das geht klar, dies sollte sich einrichten lassen...

In der Nähe des Tauernhauses sprudelt der Rainbach aus dem gleichnamigen Seitental herab (Bild 37 oben) und ich mache etwas abseits des Weges ein Materialdepot: Alles Gewicht, das ich nicht zur Wanderung und Übernachtung benötige, fliegt aus dem Rucksack heraus. In einem alten Zirbenwald, der durch die hochstehende Sonne herrlich duftet, führt ein kleiner Fahrweg anfangs steil nach oben und legt sich, den Talboden erreichend, zurück, an verwitterten Holzhütten vorbeiführend (Bilder 38, Bild 39 oben). Ich passiere den Steigabzweiger, der mich ursprünglich auf die Rainbachscharte (2724m) hinauf und drüben an der Zittauer Hütte vorbei zum Gerlos hätte führen sollen. Nach dem touristischen Haupttal bin ich nun auf einem lieblichen Weg unterwegs, der durch eine wunderbare Wandernatur führt, würden nicht alle paar Meter die weggeworfenen Papiertaschentücher meinen Blick auf sich ziehen. Der Zirbenbestand wird zunehmend durch Latschenbewuchs abgelöst und entlang des Baches gewinnt die Fahrspur schließlich in südwestlicher Richtung weiter an Höhe (Bild 39 unten), bis sie an einem kleinen Materiallift endet. Von oben auf einem Felsplateau grüßt bereits die Richterhütte herunter, dahinter baut sich der Felskamm der „Rainbachspitzen“ auf - und darüber eine immer dunkler werdende Wolkenwand (Bild 40 oben). Ich beeile mich den Pfad hinaufzusteigen und erreiche die Richterhütte (2367m) gerade in dem Moment, als die ersten schweren Tropfen fallen. Eine Wandergruppe, die ich unterwegs überholt habe, trifft angenässt ein, als sich das (Sonntags-)Gewitter soeben richtig zu entladen beginnt. Es ist Nachmittag und anstelle von Kaffee erfrische ich mich mit einem kühlen Bier in der warmen Gaststube. Mit der leeren Bierflasche ist auch die Front durch, die Sonne zupft zaghaft an den Wolken und bis zum Abendessen möchte ich noch etwas Bewegung haben. In südöstl. Richtung steht der Hausberg der Richterhütte, die verblockte Warze, dem Namen nach ein interessantes Ziel. Vorbei an angehäuftem Graupel und zwei wenig scheuen Schneehühnern steige ich den plattigen Steig zur Westl. Windbachscharte (2697m) hinauf und habe bereits von hier einen schönen Blick auf das durchwanderte Gebiet der letzten Tage (Bild 40 unten). Zur Essensausgabe möchte ich nicht zu spät kommen, deshalb husche ich flott zur Hütte hinab. In der Dunkelheit nach dem Abendessen rumpelt draußen noch eine weitere Gewitterfront durch, doch ich habe heute Nacht ein kleines ruhiges Zimmerchen für mich alleine.

(Fortsetzung folgt)

Offline Zeitlassen

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  • ...und immer schön zeitlassen...
da werden Erinnerungen wach! Auch ich war als kleiner Bub mit meinem Vater auf der Warnsdorfer Hütte und auf dem Gamsspitzl. Auch bald 30 Jahre her. Wie die Zeit vergeht!

Dass wir uns nicht getroffen haben #hihi# ! Auch ich war vor über drei Jahrzehnten mit Papa hier unterwegs (Defereggen - Prägraten - Krimml).
 #danke1# Toller Bericht, Gerold! Das ist ja fast ein Roman. Dass verlangt nach offizieller Anerkennung... Wir freuen uns auf den Abschluss.

Offline SvL78

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  • Oiwei aufi auf'm Berg!
Lieber GeroldH, ein super toller Bericht, habe mich regelmäßig auf die Fortsetzungen gefreut!  #danke1#
Eine schöne Woche hast du da verbracht!
LG S.

Offline geroldh

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  • "Berg ist niemals Alltag"
    • climbing Chulu Far East (6059m), Annapurna Himalaya, Nepal (Okt.2007)
Tag 8: Damit am letzten „Touren-Tag“ nichts mehr schiefgeht, piepst mich mein Wecker um 6:00 Uhr wach. Ich bleibe noch etwas liegen, lasse auch den Kreislauf wach werden und in Gedanken die vergangene Woche in groben Zügen Revue passieren. Dann wird ein letztes Mal der Rucksack gepackt, das Lager gerichtet und zwei Müsliriegel mit Wasser gefrühstückt. Mit der Öffnung der Gasträume zum Hüttenfrühstück ab 7:00 Uhr stehe ich bereits in meinen Bergstiefeln vor der Hütte und atme die frische Morgenluft ein.

Auf dem Hüttensteig geht es in einem knappen halben Stünderl zum Jeepweg hinab und diesen nun leicht abfallend entlang des Baches das Tälchen hinaus (Bild 41). An der Rainbachalm bleibt mir abschätzend etwas Zeit zum Fotografieren: Der Himmel ist heute morgen nicht wolkenlos und ich warte ein paar Minuten, bis die Sonne durch ein Wolkenloch das Motiv anstrahlt (Bild 43).
Meine deponierte Ausrüstung ist, geschützt in einer kleinen Felsspalte, sogar trocken geblieben. Ich stopfe das Material in den Rucksack obenauf, auf eine Packordnung brauche in nun nicht mehr zu achten, bin ich in wenigen Minuten und ein „bergsteigerisches Viertel“ zu früh am Krimmler Tauernhaus. Am geparkten Fahrzeug erkenne ich, dass Heinz auch schon hier ist und bei einem Schwätzchen mit den Wirtsleuten einen Kaffee trinkt.

Am heutigen Montag wird am Dach des neuen Anbaus bereits fleißig gehämmert und gesägt, das Krimmler Tauernhaus „geht mit der Zeit“ und möchte, neben einem Einkehrziel für Tagesgäste und Übernachtungsstätte für Wanderer, zum (ganzjährigen) „Wellness-Hotel“ werden. Nun, die Schneesicherheit zum Langlaufen auf den ausgedehnten Almflächen dürfte hier auf rund 1600 m NN gegeben sein.
Der Rucksack wird ins Fahrzeug verladen und schon geht es das Tal hinaus in Richtung Heimat. So manches Handwerkerfahrzeug kommt uns auf der einspurigen Fahrpiste entgegen, und da noch Urlaubssaison ist, auch einige „Biker“ und „Hiker“. Von den Krimmler Wasserfällen bekommt man auf dem Fahrweg nix mit, diese sind nur zu Fuß zu besichtigen.

Wir fahren inzwischen bei Sonnenschein das Pinzgau hinab nach Mittersill, über den Pass Thurn nach Kitzbühel – und stecken dort (wieder) im Montag-Vormittags-Durchgangs-Verkehrsstau drin – die „Zivilisation“ hat mich wieder. Da Heinz noch ein paar Stunden Heimfahrt vor sich hat, machen wir im Rosenheimer Süden einen Mittagsstopp und wenig später werde ich so gut wie vor der Haustüre abgesetzt: Diese abschließende Fügung hätte ich mir noch auf der Warnsdorfer Hütte nie und nimmer vorgestellt – aber herzlichen Dank Heinz, vielleicht sehen wir uns in vier Wochen wieder...
(Anm.: Dies haben wir: 24./25.09.16: östl. Zillertaler Alpen: Krimml– Warnsdorfer Hütte– Gamsspitzl)

< ENDE >


#hallo# & #danke1# allen für eure sichtbaren und „unsichtbaren", jedoch positiven Rückmeldungen zu diesem Tourenbericht. Damit habe ich auch mal „noch was längeres“ ausprobiert, stehen in meinem Regal doch einige Taschenbücher zu alpinen Erlebnisberichten in den Bergen der Welt. Respekt den Autoren, die es schafften um die 250-400 Buchseiten zu schreiben und z.B. mich damit in ihren Bann zu ziehen.
Doch so schön es auch ist, sich später u.a. mithilfe der Fotos wieder auf seine Tour zu besinnen, sich in die Erlebnisse hineinzuversetzen, um beides niederzuschreiben – um einiges erfreulicher ist es jedoch für mich, bei passendem Wetter draußen unterwegs zu sein, auch im Heimatgebiet, um dort unbekannte Ecken zu erforschen und dabei manchmal auch interessante Entdeckungen zu machen.
Na ja, vielleicht fühlt sich der ein oder andere roBergler ermuntert, auch mal „vage“, aber umsichtig loszuziehen, um zu sehen, wohin ihn seine Füße tragen...