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Autor Thema: 31.10.16: Kaisergebirge: Via dem „Kraxelgrat“ auf die Kopfkraxe  (Gelesen 1342 mal)

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Offline geroldh

  • roBergler
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    • climbing Chulu Far East (6059m), Annapurna Himalaya, Nepal (Okt.2007)
Für unsere diesjährige Kraxelei über den Kopftörlgrat nach dessen Topo „gegoogelt“, bin ich durch einen Erlebnisbericht auf einen parallelen Tourenbericht „Kraxengrat“ aufmerksam geworden – und habe dadurch von dieser rel. „neuen“ Kraxelmöglichkeit im Wilden Kaiser erfahren.

...
Bin ganz überrascht, dass im Kaiser doch so wenig Schnee liegt. ... Da könnt man sich ja direkt noch überlegen eine (Kletter-)Tour anzugehen.

Prachtwetter an einem „Fenstertag“ – also auf in die roBerge und diese Tour (Topo; Wandbild) ausprobiert: Zusammen mit AndiN und „Opa“ bin ich im morgendlichen Nebelgrau am P Jagerwirt (ca. 900m) gestartet. Nach dem Passieren der Wegscheid-Hochalm kam auf etwa 1250m auch die wunderbare Landschaft „über der Suppe“ zum Vorschein und bis zum fast ausgetrocknetem Wasserfall wurde uns bereits kräftig warm. An einem solch schönen Tag wie heute „menschelt“ es (auch) hier im Kaiser, aber wem möchte man es verdenken? Anfangs folgen wir noch dem Steig in Richtung Treffauer, und als dieser sich südwärts in die Felsen windet, steigen wir auf Trittspuren ins herbstlich schotterige Schneekar hinein. Im oberen Kar ziehen ein paar Gämsen mit ihren Kitzen vorbei, in der Kopfkraxen- und der Sonneck-Südwand sind bereits zwei Seilschaften am werkeln.

Bis zum Einstieg auf etwa 1750m benötigen wir relaxte 2 Std. – etwas oberhalb der „gelben Sonne“ setzen wir die Helme auf und packen das weitere Klimbim aus dem Rucksack. Mit der entsprechenden Erfahrung und Übung ausgestattet, hatten wir am Auto noch kurzfristig auf das 60m-Halbseil verzichtet und uns den 30m-Strick gegriffen – dürften es doch nur kürzere Stücke sein, die gesichert werden wollen. Die ersten beiden „Seillängen“ auf die grasige Terrasse sind ideal zum Warmklettern, das Gelände lässt für jeden eine kleine Kraxelvariante zu. Bei der vorabendlichen Vorbereitung las ich, dass sich der „BH auf Felsinsel“ nicht (leicht) finden ließe, doch wir stolpern an einer kleinen Felsplatte im Grashang direkt über diesen Standring.  :azn:

Den nächsten Erfahrungs-Hinweis im Touren-Kommentar hatte ich mir gut eingeprägt: „Danach vom Topo nicht nach rechts abdrängen lassen...“ In der Tat verleitet der Topo-Strich in Zusammenhang mit dem grasigen Gelände dazu, sich hier stärker nach rechts zu orientieren – ich rufe die Begleitung zurück und doch etwas skeptisch entdecken wir genau oberhalb des „BH’s“ die beiden Seilstücke in den Sanduhren als Routen-Orientierung. Doch danach fallen auch wir etwas auf das Topo herein: Nach der links um’s Eck versteckten zweiten Schlinge stehen wir in einer felsigen Rinne – und steigen diese in leichtem I-er und II-er Gelände weiter empor – bis wir schließlich auf einem grasigen Rücken stehend bemerken, dass diese Route zwar ganz bequem ist, aber nicht wirklich stimmen kann. ??? Wir rätseln – im Topo heißt es: „1. Turm wird re. umgangen“ - OK, aber was ist denn der „1.Turm“? Zu erkennen waren linkerhand nur ein, zwei aufwärts ziehende Felsrippen. Doch es hilft nix, wenn wir den eigentlichen Kraxengrat kraxeln wollen, dann müssen wir wieder hinunter – und suchen. Andi klettert unten von der größeren Rinne in leichtem Gelände nach links in einer kleineren Rinne hinauf – und findet tatsächlich auf dem Felsgrat einen Sicherungshaken. Aha, das nächste Mal wissen wir es – und nun verstehe ich auch den zweiten Satzteil im Kommentar „...sondern links den Grad in Augenschein nehmen“ – aber am „Abzweiger“ aus der Felsrinne wäre in diesem Fall ein „Pfeilchen“ kein allzu großer Luxus, alternativ könnte es im Topo auch heißen: „1. Kamm wird re. umgangen“ – und auf Lese-Höhe des nächsten Buckels: „Gratkante anstreben“.

Offenbar sind wir nun an der 5. SL angekommen, das Felstürmchen scheint zwar beidseitig „umgehbar“ zu sein, aber die Bohrhaken leiten uns linkslastig etwas ausgesetzt direkt hinauf – nun packen wir das Seil aus und sichern uns dieses Türmchen hinauf. Am Grat kraxeln wir dann wieder seilfrei weiter aufwärts, bis sich uns eine Felswand in den Weg stellt. Hier orientieren wir uns wieder etwas links in eine leichte Verschneidung hinein, in der wir unten zwei Haken, dann eine Seilschlinge und schließlich wieder einen Haken erkennen können. Nach dem (gesicherten) Durchstieg – es war mit den Bergschuhen schon etwas tricky – scheint dies die „4-“ Stelle am Beginn der 7. SL gewesen zu sein, aber so ganz zusammenpassen möchte die vorhandene Sicherung mit dem „Topo auf Papier“ wohl nicht... Während ich mich in das „Wandbuch“ eintrage, verschwindet das Seil wieder im Rucksack und stets entlang des Grates geht es mal leichter und mal anspruchsvoller hinauf. Doch was ist das? :o Nachdem wir unten in der Felsrinne bereits eine leere Plastikflasche „Apfelschorle“ in einer Felsnische gefunden haben, liegt hier direkt auf dem Grat mal wieder so ein „Corpus delicti“, ein vom Regen reingewaschenes und gequollenes weißes „Zäpfchen“ mit hellblauer Schnur dran... :( Fragt sich, wie biologisch abbaubar diese „Hilfe-ich-blute-Trophäen“ der „Kaiser-Gämsen“ eigentlich sind... ::)
Nach etwa 3 Std. Kraxelzeit machen wir kurz unter dem Grat der Kopfkraxe (2178m) unsere Gipfelrast und genießen die phantastische Fernsicht, die uns bereits auf den letzten „Seillängen“ abzulenken versucht hat und heute entlang des Alpenhauptkammes von Horizont zu Horizont reicht.

Doch so angenehm und schön es hier oben heute auch ist, die tiefstehende Sonne mahnt zum Abstieg und mit der Aussicht auf ein kühles Bierchen auf der sonnigen Terrasse des Jagerwirts motivieren wir uns zum Aufbruch. Über den markierten Normalweg steigen wir steil hinab am Wasserfällchen vorbei, wobei die durch den Herbst eingefärbten Buchenblätter in der gelben Sonne förmlich aufglühen. Als bei den Wegscheid-Almen die Sonne hinter dem Pölven verschwindet, dämmert es uns, dass der Jagerwirt nicht nur keine Sonne mehr hat, sondern wohl am Montag (und Dienstag) auch seinen Ruhetag hat. Auch in Scheffau ist es überall dunkel, doch unten an der Hauptstrasse können wir den Tag noch gemütlich ausklingen lassen. Schee war’s scho wieda amoi in de Berg'...

Bild 1: Am Übergang von der „Unterwelt“ in die „Oberwelt“ ...
Bild 2: Do gähts aufi – von rechtsunten nach linksoben – rechte Bildhälfte: die Südwand des Sonnecks
Bild 3: oben: durch die rechte Bildhälfte mittig aufsteigen und „nicht nach rechts abdrängen lassen...“
         unten: die Fortsetzung der Rinne ist zwar einladend, aber eine „andere Baustelle“...
Bild 4: ohne Worte – einfach nur ein Traum!
Bild 5: Ein „letztes Aufbäumen“ der Farben des Herbstes, bald ist es hier grau-weiß...

Sowie zwei weitere Fotos bereits hier: Treffauer und Tuxegg vor Großglockner – sowie Scheffau, Hintersteiner See, Inntal, ...