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Autor Thema: 01.10.16: Kaisergebirge: Via Roßkaiser-Überschreitung auf die Pyramidenspitze(1)  (Gelesen 1648 mal)

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Offline geroldh

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Als ich gegen „Anfang dieses Jahrtausends“ wieder mal auf der Hint. Goinger Halt stand und der Blick gen Norden zum Zahmen Kaiser schweifte, bekam ich bei einem Gipfelplausch mit, dass der höhere Gipfel im Roßkaiser-Kamm zu besteigen wäre und es auch eine Gratüberschreitung hinüber zur Pyramidenspitze gäbe. Später kam irgendwoher noch die vage Info dazu, dass die Gratfortsetzung in Richtung (Tiroler) Heuberg auch noch ginge...

Mitte Juli 2009 hatten wir uns dann dieses „Experiment“ vorgenommen: Von Durchholzen stieg ich mit dem Bergspezl auf dem Normalweg durchs Winkelkar zur Pyramidenspitze auf, wobei wir am Brunnen an der Winkelalm noch etwa einen halben Liter tranken und unsere Ein-Liter-Flaschen wieder befüllten. Da wir nicht wußten was bei dieser Tour an technischen Schwierigkeiten auf uns zukommen könnte, hatten wir vorsorglich unsere Sitzgurte und ein 30m-Halbseil eingepackt – ggfs. müßten wir ein ausgesetztes Stück sichern, anstatt an dieser Stelle „sicherheitshalber“ umzudrehen...

Es war ein sonnig-warmer Sommertag und wir kamen von der Pyramidenspitze in südöstlicher Richtung zügig voran. Das Gelände beginnt relativ einfach mit Grasleiten und man darf dann zunehmend an Felspassagen auf- und abkraxeln. Extrem respekteinflößend war nur die vom Grat mit einer scharfen Kante abbrechende Nordflanke hinunter ins Winkelkar, die entsprechende Konzentration auf Griff und Tritt erforderte. Wir erreichten gegen Mittag das Gipfelkreuz des Hauptgipfels vom Roßkaiser und machten ausgiebig (Trink-)Pause.

Mit dem Erreichen des Nebengipfels (inkl. Eintrag ins Gipfelbuch) sollte die zweite Etappe beginnen, die „Steigsuche“ hinüber bzw. hinunter zum Jöchl am Heuberg. Wir kletterten in leichtem Gelände ab und achteten auf Hinweise bzgl. einer „Begehbarkeit“. Diese fanden wir durch Ansätze von Steigspuren (Gamswechsel?) und dann vor allem vereinzelt an alten abgeschnittenen Latschenästen. Super, solange wir stets am Grat vorankommen - auch wenn es mal kürzere Stücke zum Auf- und Abkraxeln gibt - und immer wieder eine „Markierung“ in Form eines Schnittes zu erkennen ist, werden wir richtig sein.

Und außerdem wird das Gelände ja immer niedriger und damit einfacher, je weiter wir nach Osten vorankommen – so dachten wir... Blöderweise war das Gegenteil der Fall: Der Grat wurde immer zackiger, der Latschenbewuchs immer verwachsener und echte Gamswechsel verwirrten. Wir suchten, probierten und kamen nur mehr sehr langsam voran. Die Wasserflaschen waren bereits seit einer Weile leer und es machte sich zunehmend ein Durstgefühl im Mund breit. Mist, warum muß es ausgerechnet am Ende so fuxen? Und im Nordwesten in Richtung des Wendelsteins grummelt ein Gewitter vor sich hin...

Irgendwann verloren wir jeden Anhaltspunkt einer „Begehungsmöglichkeit“ – aber irgendwo musste es doch weitergehen!? Inzwischen – und in dieser kurzen Zeit hätte ich es bisher nicht für möglich gehalten – waren wir beide in einer Phase der Dehydratation, die deutlich zu Lasten der mentalen und körperlichen Kräfte ging. Unter anderem versuchten wir einen Ausweg durch Abstieg in einer steileren Grasleite nach Norden, in der Annahme, dort auf den Wanderweg treffen zu können, aber diese Leite wurde immer steiler und würde bald an einer Geländekante abbrechen. Sch... unnötige Kraft und Zeit verschwendet – wir krabbelten wieder zum Grat empor.

Jetzt, am Rande des „Wohlbefindens“, kam deutliche Unruhe in uns auf: Wie können wir uns aus dieser Situation befreien? Für den „ganzen“ Grat bis zum Gipfel zurück und dann Abstieg auf die verkehrte Bergseite mit noch längerem Weg zum „Basislager“ Auto sahen wir keine akzeptable Option, wo der Heuberg und das davor liegende Jöchl doch so nah war – jedenfalls in Luftlinie. Müssen wir heute erstmalig die „Option Joker“ spielen, also zum Mobiltelefon zu greifen und eben mal kurz den „alpinen Abholdienst“ zu benachrichtigen, der uns (die Sitzgurte hatten wir ja dabei) an der „langen Leine“ aus dieser „Sch...“ holt...?

„Nein, wir müssen uns hier (erstmal) selbst helfen!“ Unser einziges Problem war an sich „nur“ die Dehydratation, das Gelände selbst war zwar ein Labyrinth, aber nicht allzu gefährlich. Wir wühlten uns durch die Latschen in nordöstlicher Richtung abwärts - und standen dann über einem kleineren Abbruch: Unten ist das Gelände offen und wir erkannten auch eine Möglichkeit zum weiteren Abstieg. Zum Abklettern zu kraftlos, kam an dieser Stelle unsere „Sicherheitsausrüstung“ zum Einsatz: Die Gurte angezogen und die fünf bis sieben Meter abgeseilt. Damit hatten wir offenbar den „Ausgang“ gefunden, wir sahen wieder geschnittene Latschengassen und standen bald darauf am Jöchl – puh.

„Nun also den Wanderweg hinunter ins Winkelkar folgen und an der ehemaligen Jöchlalm wird es hoffentlich Wasser geben!“ So war es dann auch, die Wasserflaschen wurden am Brunnen gefüllt – und wir konnten nicht trinken! Der Körper weigerte sich größere Schlucke aufzunehmen und auf den Rastbänken liegend tröpfelten wir das Wasser nur in uns hinein. Doch langsam wurde es besser, die Lebensgeister kehrten zurück und mit der Wasserflasche in der Hand stiegen wir ab zu unserem „mobilen Basislager“, das wir dann am Spätnachmittag und glücklicherweise noch vor dem richtigen Gewitter erreichten.

Also, wenn wir hier nochmal unterwegs sein sollten, dann auf jeden Fall von der anderen Richtung – einfach auch um zu sehen, wie sich der Aufstieg vom Jöchl weg dann „richtig“ auflöst...

(Fortsetzung folgt)

Bild 1: Blick vom (Tiroler) Heuberg (1603m) auf einen Teil der Chiemgauer Alpen – vom Spitzstein (links) bis Geigelstein (rechts)
Bild 2: Vom Jöchl (Vordergrund) steigt der Roßkaiser zackig auf, bis zum Hauptgipfel Gr. Roßkaiser (1971m)
Bild 3: Im weiteren Verlauf biegt sich der Grat um das Winkelkar hinüber zur Pyramidenspitze (1997m)
Bild 4: Blick zurück zum (Tiroler) Heuberg und der Linie Geigelstein-Hochplatte-Hochgern
Bild 5: Blick voraus zum Gr. Roßkaiser und den weiteren Gratverlauf

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« am: 02.10.2016, 23:45 »

Offline geroldh

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So waren wir ein paar Jahre später wieder hier unterwegs, um diesmal vom PP hinter Durchholzen noch vor der Winkelalm nach Osten abzubiegen und an der Ruine der alten Jöchlalm vorbei auf die Jöchl-Scharte und den (Tiroler) Heuberg zu steigen. Da wir nun wußten, was uns auf dieser Überschreitung erwarten würde, hatten wir keine Kletterausrüstung mehr dabei, dafür aber immerhin 1½ Liter Flüssigkeit im Gepäck.

Zuerst können wir entlang des Geländekammes aufsteigen, dann aber wird der Baumbestand von Latschen abgelöst und wir weichen durch eine kleine Latschengasse in den Hang hinein aus, um dort in einer Grasrinne weiter aufzusteigen. Wenig später stehen wir unter unserer damaligen Abseilstelle - und folgen dem offenen Gelände - leicht abwärts! Noch um einen kleinen Felsgrat unten herum und wir können „irgendwie“ zum Grat hinauf aufsteigen. Auf die umgekehrte Wegführung kann man eigentlich von der anderen Richtung her nicht wirklich kommen, doch dafür führt offenbar ein kleiner Latschenschlurf am Grat weiter, den wir damals wohl auch genommen hatten...

So manchen Felszacken überkraxelnd, aber auch seitwärts umgehend, kommen wir heute zügig voran, blicken immer wieder zurück auf die ungewohnte Perspektive mit dem Heuberg und erreichen schließlich einen kleinen Gratgipfel, auf dem ein bekannter roBergler im Jahr 2012 ein kleines Kreuzerl aufgestellt hat – ein passabler Platz für eine kleine Rast. Das kleine Gipfelhefterl im Schraubglas weist für die ersten Jahre kaum Eintragungen auf, erst in diesem Jahr sind wohl mehrere Begeher hier vorbei gekommen.
Unsere nächste Rast machen wir am kleinen Gipfelkreuz des Kl. Roßkaisers und steigen dem Gr. Roßkaiser mit dem größeren Kreuz aufs Haupt. Hier treffen wir einen jungen Bergler, der erzählt, dass er vor zwei Monaten mit einem großem Rucksack diese Überschreitung gemacht hatte, sich aber an einer späteren Stelle am Grat nicht weitergetraut hatte und es heute nun erneut versuchen wollte. Da er erst seit wenigen Jahren in der Nähe wohnt, ist seine alpine Erfahrung noch nicht so groß und auch heute ist er, wieder allein unterwegs, an der gleichen Stelle umgedreht.
Wir bieten ihm an, sich uns anzuschließen und gelangen alsbald an „seine Schlüsselstelle“. Es ist ein steilerer Abstieg mit kleinen Trittflächen auf denen kleines Gestein herumliegt und im ungünstigsten Fall als „Rolllager“ dienen kann. Gemeinsam meistern wir dieses Gratstückchen und steigen vorsichtig entlang der Gratschneide über die Kesselschneid-Gratgipfeln hinüber zur Pyramidenspitze. Wir plaudern noch eine Weile, dann wird er in südl. Richtung zu seinem deponiertem Rucksack an der Hochalm absteigen, wir dagegen auf dem Normalweg hinunter ins Winkelkar und zum Brunnen an der Winkelalm, der heute nur ein müdes Rinnsal ist. Macht aber nix, wir sind heute mit unserem Wasservorrat hervorragend ausgekommen...


Nachtrag (05.10.2016) - Vergleich mit der Hackenkopf-Überschreitung:
Diese wird - wie BFklaus später auch erwähnt - im AV-Führer Kaisergebirge (11.Aufl. 1990) in der Kurzbeschreibung mit der alpinen Schwierigkeit "II (eine Stelle), überwiegend leichter und Gehgelände" angegeben.
Für die hier beschriebene Tour schreibt dieser AV-Führer für den Übergang von der Vord. zur Hint. Kesselschneid: "II (wenige Stellen), überwiegend leichter, tw. luftige Gratkletterei an stellenweise brüchigem Fels" und für die weitere Etappe  zum Roßkaiser: "II, überw. leichter, tw. brüchig".
Im Haupttext wird dann von einer "Grat- bzw. Felsschneide" gesprochen (vgl. Bilder) - und genau hier liegt m.E. die größere Schwierigkeit gegenüber den Hackenköpfen: Mann bzw. Frau muß hier noch konzentrierter, trittsicherer und v.a. schwindelfreier sein, denn an der Nordseite geht's abrupt um einige hundert Meter nach unten...


Bild 6: Kreuzerl eines bekannten roBerglers auf einem Zwischen-Gipfelchen im Roßkaiser-Grat (Hintergrund: Wendelstein-Inntal-Kranzhorn-Heuberg)
Bild 7: Blick zurück zum Hauptgipfel Gr. Roßkaiser (1971m)
Bild 8: Blick voraus zu den Kesselschneid-Gipfeln und der Pyramidenspitze (1997m)
Bild 9: Pyramidenspitze und dessen kleinere Schwester, die Jofenspitze (1892m)
Bild 10: Das ersetzte und nur wenige Tage alte Gipfelkreuz der Pyramidenspitze, dahinter Gr. Roßkaiser und Ht. Kesselschneid