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Skitouren



Karwendlreibn (moderne Richtung) am 18.5.15

Begonnen von Bernhard G., 19.05.2015, 23:41

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Bernhard G.

Die klassische Karwendlreibn ist laut Walter Pause wohl die extremste "Münchner Skitour", die man über Samstag-Sonntag unternehmen kann. Sie beginne mit einer kalten Nacht im Winterraum des Karwendelhauses.

Das mit der kalten Nacht im Winterraum des Karwendelhauses schreckt mich schon! Aber natürlich übertreibt der Pause maßlos - als roBergler kann man das Ding als Tagestour vom warmen heimischen Bett aus durchziehen. Einziger Wermutstropfen: die Nacht wird verdammt kurz.

Aber keine Frage: die Karwendlreibn ist eine der großartigsten Skitouren, die man in den Ostalpen unternehmen kann.

Die Route der modernen Karwendlreibn ist schnell beschrieben: man düst im Morgengrauen mit dem MTB von Scharnitz durchs Karwendlbachtal, versteckt selbiges bei der Wildfütterung im Gebüsch, steigt zufuß ins Neunerkar auf, marschiert weiter mit Ski zur Großen Seekarspitze, fährt vom Gipfel ins Marxenkar ab, steigt über dessen Ostarm Richtung Ödkarspitzen auf, überschreitet diese, pfeift das Schlauchkar runter und quält sich dann zufuß einen unbequemen Steig wieder ins Karwendelbachtal runter und hatscht schließlich talauswärts zurück zum MTB-Depot. Man durchläuft also die Runde genau entgegengesetzt zur klassichen Karwendlreibn, was skifahrerisch anspruchsvoller, aber auch risikoreicher ist, weil man das sehr steile Schlauchkar erst am Vormittag erreicht, wo bereits die Gefahr von Naßschneelawinen ansteigt. 

Letzten Montag stand mir der Sinn wieder mal nach der Karwendlreibn. Zu Beginn gab es erst mal einen großen Schock: der kostenlose Parkplatz an der B2 war gesperrt. Schxxx G7-Gipfel?! Da ich in der Dunkelheit nicht nach einem anderen Loch zum Parken suchen wollte, mußt ich mich in Scharnitz abzocken lassen! Grummelnd bin ich dann mit dem MTB durch das Karwendelbachtal  gerollt. Mit der aufgehenden Sonne und den herrlichen Blicken auf die Schönheiten der Karwendelberge ist dann mein Groll verflogen (Bild 01).

Etwas Sorge hatte ich schon, ob der Schnee noch reichen würde, aber mit dem Eintritt ins Neunerkar waren mein Zweifel verflogen: nicht berauschend, aber mehr als ausreichend (Bild 02).

Die Schneedecke hatte sich in der Nacht trotz der hohen Tagestemperaturen gut verfestigt und so kam ich zügig voran. Hier habe ich bereits das halbe Neunerkar durchschritten (Bild 03).

Mit jedem Meter wurde die Schneedecke fester und kurz unterhalb der Breitgrießner Scharte waren wegen beinhartem Firn Harscheisen notwendig (Bild 04).




Bernhard G.

Mit dem Erreichen der Breitgrießner Scharte ist ein guter Teil des ersten Anstiegs bereits geschafft und  es eröffnen sich  Blicke nach Norden (Bild 05) und  Süden (Bild 06). Hier oben schauts noch richtig gut nach Winter aus!

Vor einem präsentiert sich dann der Gipfel der Großen Seekarspitze in nicht mehr ganz makellosem Schneekleid (Bild 07).  Aber immerhin: ich bin mit Ski fast bis zum Gipfel gekommen. Erst die letzten Meter mußte ich mich zufuß über Geröll hochkämpfen. Zur Belohnung stand ich dann vor dem einzigen, richtigen Gipfelkreuz der ganzen Runde (Bild 08).


Bernhard G.

Am Gipfel der Großen Seekarspitze hat man einen herrlichen Rundblick, gen Süden zum Alpenhauptkamm (Bild 09), gen Norden zur Vogelkarspitze (Bild 10) und zur Östlichen Karwendelspitze und tief unten macht sich die junge Isar auf die Reise (Bild 11).

Der Blick nach Osten zeigt den Weiterweg: im Vordergrund die schneebedeckte Marxenkarspitze und dahinter, genau in der Bildmitte, spitzt die Östliche Ödkarspitze hervor (Bild 12). Die Marxenkarspitze umrundet man, wogegen die Ödkarspitzen überschritten werden.

Fortsetzung folgt.

Bernhard G.

Zunächst gings erst mal ins Marxenkar runter. Die Abfahrt war umittelbar vom Gipfel der Großen Seekarspitze möglich. Die Sonne hat inzwischen eine enorme Kraft: waren die Nordhänge beim Aufstieg noch beinhart gefrohren, so war der sonnenbeschienene  Osthang bereits vollkommen durchweicht - und das um 8 Uhr! Etwas weiter unten, im schattigen Kar, hatte die Sonne ihr zerstörerisches Werk noch nicht verrichten können, der Harschdeckel war tragend. Im Talboden des Marxenkars war dann erst mal Schluß mit den (nicht ganz perfekten) Abfahrtsfreuden. Leider, denn da unten hatte es wunderbar zu fahrenden Sommerfirn. Hier der Blick zurück vom Auffellplatz auf die Abfahrtsroute (Bild 13). Ich weiß, der Schnee sieht recht krank aus, aber das täuscht - auf sowas läßt sich spielerisch leicht schwingen!

Am Karboden türmten sich riesige Berge von Lawinenschnee auf (Bild 14). Das waren die Folgen von Abgängen aus den sonnenbeschienenen Hängen des Ostastes des Marxenkars. Wenn einen so ein Monster erwischt, sind Lawinenrucksack und LVS überflüssig!

Jetzt hieß es aber erst mal auffellen und zu den Ödkarspitzen aufsteigen. Der Weiterweg durch den Ostast des Marxenkars war der Teil der Tour mit der schlechtesten Schneelage (Bild 15).  Im unteren Bereich kommt da die Sonne gut rein und so war bereits ein kurzes Stück Skitragen notwendig. Weiter oben wurde dann Schneelage wieder prächtig, wie der Blick zurück auf die umrundete Marxenkarspitze zeigt (Bild 16).


Bernhard G.

Nun stand die Überschreitung der drei Ödkarspitzen an. Das ist der heikelste Teil der Tour. Was im Sommer mit leichter Kraxelei auf einem stellenweise versicherten Grat für den geübten Bergsteiger kein größeres Problem darstellt, kann im Frühjahr den versierten Umgang mit Steigeisen und Pickel erfordern. Beides hatte ich natürlich zuhause gelassen, da ich auf ein weitgehend schneefreien, südseitigen Grat spekulierte. Ganz so war es nicht, es lag auch auf der Südseite noch erstaunlich viel Schnee, wie der Blick zur Mittleren Ödkarspitze zeigt (Bild 17).

Am Grat hab ich dann schon mal einen prüfenden Blick ins Schlauchkar geworfen und war beruhigt. Das Schneeband ging noch bis zum Karboden (Bild 18).  Weiter runter kommt man im Mai auch in Jahren mit guter Schneelage nicht. Zwar hat es dann mehr Schnee an den Rändern, doch das ist für die Abfahrt irrelevant.

Auf dem Weg zur Mittleren Ödkarspitze konnte ich einen Blick auf die Östliche Ödkarspitze werfen und war zufrieden: der Felskopf war weitgehend schneefrei (Bild 19). Meine Entscheidung, auf das Gewicht von Steigeisen und Pickel zu verzichten, war richtig gewesen.

Der Aufstieg zur Östlichen Ödkarspitze stellte kein Problem dar - ein Mix aus Gehgelände und leichter  Gratkletterei (Bild 20). Ganz anders präsentierte sich der Ostgrat zur Mittleren Ödkarspitze, da wo ich gerade hergekommen war (Bild 21). Aber da war die gute Schneelage eigenlich kein Schaden!

Bernhard G.

Die Überschreitung der Ödkarspitzen zog sich - trotz des geringen Höhenunterschieds braucht man für dem guten Kilometer zum Schlachkarsattel lang. Hier angekommen, böte sich die Besteigung der Birkkarspitze an. Die 100 Zusatzhöhenmeter hätten mich nicht geschreckt, aber angesichts der fortgeschrittenen Morgenstunde (10:30) und der Bullenhitze bin ich sofort ins Schlaukar eingefahren.

Ein erster, vorsichtiger Schwung - und wie befürchtet löste der bereits oberflächliche Schneerutsche aus, die sich in Zeitlupentempo Richtung Felsabbrüche bewegten. Sehr gefährlich sind diese Schneerutsche zwar nicht, es sind nur die obersten, aufgefirnten Zentimeter die da in Bewegung geraten, aber man sollte sich halt nicht von dem abrutschenden Zeug mitnehmen lassen. Also in Schußfahrt den steilen Hang unter dem Schlachkarsattel gequert, um im schattigeren Teil des Kars abfahren zu können.  Dort war noch alles stabil, aber der weiche Schnee war recht anstrengend zu fahren. In der unteren Hälfte des Kars gab es dann wunderbar zu fahrenden Sommerfirn, der eine mühelose Abfahrt bis zur Wasserfassung des Karwendelhauskraftwerks ermöglichte (Bild 22).

Nun stand der masochistische Teil der Tour an. Der Abstieg längs des Schlauchkargrabens (Bild 23) ist zwar landschaftlich wunderschön, aber der wilde, unmarkierte Steig ist mit Skischuhen und müden Beinen keine reine Freunde. Doch so richtig hart wurde dann auf dem Fahrweg zum Karwendelhaus. Nicht endend wollende Kilometer zurück zum MTB-Depot in voller Skitourenmontur stellten das Durchhaltevermögen auf eine harte Probe. Die irritierten Blicke der entgegenkommenden Biker in Sommeroutfit machten die Sache auch nicht besser. Aber ein letzter Blick zurück Richtung Schlauchkar (Bild 24) stärkte mein Durchhaltevermögen. Mit brennenden Fußsohlen und Löchern in den Socken (ungelogen!) kam ich dann irgendwann doch bei meinem MTB an und konnte es Richtung Scharnitz rollen lassen.

Noch immer glücklich und zufrieden sitze ich jetzt vor dem Rechner und tippe diesen Bericht. Mal sehen, ob es schon die Saisonsabschlußtour war - ein würdiges Ende des doch nicht so schelchten Winters 2014/15 wäre es jedenfalls.

eli

Servus Bernhard,

gleichermaßen beeindruckend : Tour - Bericht und Aufnahmen!  :)

Hawedere

eli

Bernhard G.

Hallo eli,

vielen Dank für das Lob!

Herzliche Grüße,
Bernhard

Zwerch

Servus Bernhard,

toller Bericht und tolle Tour! Merci für die Infos zur Schneelage dort.
Das Neunerkar und die Große Seekarspitze stehen für heuer auch noch auf meinem Plan. Aber erst im Juni nach Elmau.

Gruß
Zwerch

Bernhard G.

Zitat von: Zwerch am 20.05.2015, 19:34
Aber erst im Juni nach Elmau.
Na, vielleicht darfst Du dann auch wieder kostenlos an der B2 parken.

MANAL

Zitat von: Bernhard G. am 20.05.2015, 21:40
Zitat von: Zwerch am 20.05.2015, 19:34
Aber erst im Juni nach Elmau.
Na, vielleicht darfst Du dann auch wieder kostenlos an der B2 parken.

Gibt übrigens auch noch einen weiteren kostenlosen Parkplatz in Scharnitz... zumindest vor 1-2 Jahren gab es ihn.

Zitat von: Zwerch am 20.05.2015, 19:34
Servus Bernhard,

toller Bericht und tolle Tour! Merci für die Infos zur Schneelage dort.
Das Neunerkar und die Große Seekarspitze stehen für heuer auch noch auf meinem Plan. Aber erst im Juni nach Elmau.

Gruß
Zwerch

Mich hat der Bericht auch sehr gefreut. Bei mir steht die Große Seekarspitze auch schon seit langen als Sommerziel auf der Wunschliste :)


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