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Autor Thema: Piz Bernina (4.049m) über Biancograt ... im zweiten Anlauf  (Gelesen 4200 mal)

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Offline Tom

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Bereits letztes Jahr stand bei Ines und mir die Besteigung des Piz Bernina über den Biancograt auf der To-Do-Liste.

Hierzu zitiere ich auch einfach mal aus einem älteren Schmöcker (1985), dem »Bergsteigen - Band 1 - Klassische Alpengipfel« von Walter & Michael Pause:

Zitat
Modetour oder nicht - Piz Bernina und Biancograt können als Symbole stehen für "klassische" Alpengipfel und Anstiege wie nur ganz wenige andere Berge und Routen. Für Gipfelsammler ist der Piz Bernina eine "Pflicht", weil er der einzige Viertausender der Ostalpen ist. Dieses Spiel mit nackten Zahlen verliert jedoch jegliche Bedeutung und wirkt geradezu lächerlich auf jeden Bergsteiger, der einen Sinn für Bergformen und logische Anstiegslinien entwickelt hat. In der Tat gleicht kein anderer Firngrat der Alpen dieser elegant geschwungenen, den schwarzen Urgesteinsgrund mit einer reinen, üppigen Firnkante krönenden Linie.


Anfang Juli 2011 machten wir uns also mit zwei sehr guten Freunden & Kletterpartnern (Holger & Raphi) auf den Weg nach Pontresina. Auch letztes Jahr war das Sommerwetter mehr als durchwachsen und die Wettervorhersage vielleicht nicht ganz so optimal für diese Tour, aber wir wollten es versuchen.

Bereits auf der Tschiervahütte hätten dann schon erste Bedenken über die anstehende Besteigung aufkommen können, da mit uns insgesamt nur 10 Übernachtungsgäste den Abend auf der Hütte verbrachten - dies ist eher selten. Auch ist zum Frühstück um Punkt 03:00 Uhr außer uns niemand aufgestanden. Der einzige Bergführer, der auf der Hütte war, ist - wie wir später erfahren haben - mit seiner Kundschaft dann nach Sonnenaufgang ins Tal abgestiegen.

Da eine erneute Einschätzung des Wetters bei Dunkelheit um 03:30 Uhr morgens nicht ganz so einfach ist, hielten wir an unserem Plan fest. Auf Richtung Berg!

Als wir nach zwei Stunden Zustieg am Rande des Tschiervagletschers unsere Steigeisen montierten, wurde unser Optimismus noch einmal kurz durch die Morgendämmerung und den sich verziehenden Wolkenbänke gestärkt ... aber nicht für lange - kurz darauf fing es an zu regnen.

Als wir dann eine Stunde später in der Fuorcla Prievlusa (3.430m) am Beginn der ersten Kletterpassage standen setzte der Schneefall ein. Keine Ahnung warum, aber wir kletterten dann trotzdem noch zwei Seillängen in Richtung Firngrat, obwohl sich jeder von uns fragte: "Was mache ich hier eigentlich?".

In Anbetracht dessen, dass wir die einzigen am Berg waren und das Wetter immer schlechter wurde, kamen wir zur Vernunft und entschlossen uns auf knapp 3.500m doch zum Rückzug - der einzig richtigen Entscheidung!

Auf dem langen Abstiegsweg bis zurück nach Pontresina redeten wir nicht viel miteinander. Wir waren uns aber einig ... WIR KOMMEN WIEDER !


... Fortsetzung folgt ...


Gruß. Tom.


Der Biancograt


Frieren im Schnee


Rückzug



Offline Tom

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... ein Jahr später ... im Juli 2012.

Das Sommerwetter lässt zu wünschen übrig, aber die Wettervorhersage versprach wenigstens für 2 Tage stabiles Hochdruckwetter in den Alpen.

Trotz fehlender Vorbereitungstour in der Höhe wollten wir es nochmal anpacken. Diesmal nicht zu viert sondern sogar zu acht - wiederum kannten wir uns alle schon von gemeinsamen Hoch- und Klettertouren. "Blindes Vertrauen" zwischen den Seilschaftspartnern ist für so eine Unternehmung meines Erachtens sehr sehr wichtig.

Wir starteten wieder am Bahnhof in Pontresina (1.775m) ... und da die bevorstehende Bergtour anstrengend genug ist, entschieden wir uns im Zustieg für eine gemütliche Kutschenfahrt durch das Val Roseg und sparten uns somit einen Talhatscher von gut 225 Hm auf 7 km. Nach gut einer Stunde Fahrt war der nicht ganz so kostengünstige Spaß dann am Hotel Roseg aber vorbei und wir mussten unsere schweren Rucksäcke selbst weitertragen. Ein schön angelegter Steig führt dann noch knapp 600 Hm durch den Talschluß des Val Roseg rauf zur Tschiervahütte (2.573m). Dort oben bietet sich schon eine einzigartige Kulisse: Piz Bernina, Piz Scerscen und Piz Roseg ... einfach Wahnsinn  :o

Nachdem uns im Zustieg noch ein kurzer Regenschauer erwischte, schien sich das Wetter - wie vorhergesagt - wirklich zu bessern. Die Wolken verzogen sich und der blaue Himmel kam zum Vorschein. Diesmal waren auch viele Bergführer mit Kundschaft auf der fast ausgebuchten Hütte, was ebenfalls darauf hindeutete, dass wir gute Bedingungen für die bevorstehende Besteigung haben werden.

Unser Abend dauerte nicht sehr lange. Für die Biancograt-Besteiger war das Frühstück für 03:00 Uhr angesagt und so lagen wir nach dem Abendessen, noch vor Einbruch der Dunkelheit, gg. 20:30 Uhr im Lager und versuchten zu schlafen.


... Fortsetzung folgt ...


Gruß. Tom.


Pontresina
http://www.pontresina.ch

Wohli's Kutschenfahrten
http://www.engadin-reiten.ch/kutschen-schlittenfahrten.html

Tschiervahütte (Chamanna da Tschierva)
http://de.wikipedia.org/wiki/Tschiervahütte
http://www.sac-bernina.ch/tabid/92/Huetten/Tschierva.aspx


kraftsparender Zustieg durch das Val Roseg


ein letzter kurzer Regenschauer


die versprochene Wetterbesserung


traumhafte Kulisse


die Tschiervahütte am Fuße des Piz Morteratsch

Offline Tom

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+ + +   J a h r   2 0 1 2   -    D e r   z w e i t e   A n l a u f   /   G i p f e l t a g   + + +

... der Wecker schreit um 02:45 Uhr ... was für eine unchristliche Zeit!

Egal ob gut geschlafen oder nicht - aufstehen war angesagt und zwar flott. Klamotten anziehen, Klettergurt herrichten, Sonnencreme auftragen, Zähne putzen, Toilette ... und ab zum Frühstück, welches für 03:00 Uhr angekündigt war. Meine Uhr zeigte 03:05 Uhr und ich war mit der Letzte im Gastraum. Eine trockene Scheibe Brot und zwei Löffel Bircher Müsli ... das war der Rest, der übrig war. Scheinbar waren die ersten schon um 02:00 Uhr auf den Beinen und haben alles geplündert. Egal, um diese Uhrzeit fällt es sowieso schwer etwas zu essen ... trotzdem Frechheit. Kurzes Zitat der mürrischen Hüttenwirtin: "Es gibt nichts mehr".

Statt Essen dann doch noch einmal Ausrüstung kontrollieren. Stöcke, Pickel, Steigeisen, Seil, etc. ... alles dabei? Helm und Stirnlampe auf den Kopf und raus in die Kälte. Über Nacht hatte der Himmel vollständig aufgeklart ... dafür war es aber auch um einiges kälter geworden.

Abmarsch kurz vor 03:45 Uhr im Dunkeln Richtung Fuorcla Prievlusa. Der Weg am Gletscherrand ist zwar mit Stoamandl'n und einigen Reflektoren markiert, sollte aber am Vorabend schon mal ausgekundschaftet werden um ein unnötiges "Umherirren" auszuschließen. Ein paar exponierte Stellen des Weges sind sogar mit Eisenketten gesichert ... an diesem Morgen sehr von Vorteil, da der Fels an manchen Stellen noch vereist war. Dies war wohl auch mit der Grund, warum alle (auch wir) mit Steigeisen rechts über die steile Firnflanke (40-45°) zur Fuorcla Prievlusa aufstiegen und nicht den "neu" versicherten Steig über die linke Seite durch die Felsflanke benutzten.

In der Fuorcla Prievlusa konnten wir bereits bei einer kurzen Anseilpause die ersten Sonnenstrahlen genießen. Mittlerweile war unsere 8köpfige Mannschaft in drei eigenständige Seilschaften aufgeteilt, um schneller und vor allem etwas 'flüssiger' voranzukommen. Raphi, Ines und ich bildeten (mal wieder) das jüngste Seilschaftsteam.

Obwohl der erste Felsabschnitt immer wieder von Eis und Neuschnee vom Vortag überzogen war, entschlossen wir uns ohne Steigeisen zu klettern, da die technischen Schwierigkeiten sich mit max. III (UIAA) in Grenzen hielten. Wir kamen recht zügig voran und waren froh, dass wir vor der Kletterei noch ein paar Seilschaften hinter uns lassen konnten. Nach gut einer Stunde Kraxelei dann endlich der erste Blick auf den eleganten Firngrat. Yippieee!  8)

Die Freude auf dieses alpine Highlight wurde kurz darauf schon wieder etwas gedämpft, da wir noch vor Erreichen des Firngrates schon die ersten Windböen von gut 80 km/h abbekamen. Unschöne Sache, vor allem wenn die Temperaturen so um die Nullgrad-Grenze liegen. Ansonsten waren die Bedingungen am Grat nahezu perfekt. In schönem Trittfirn stapften wir weiter nach oben. Was von unten bzw. von weitem relativ flach wirkt ist in Wirklichkeit ein 'ziemlich steiles Stück' Arbeit. In dem bereits erwähnten »Klassische Alpengipfel« von Pause wird noch eine Firn- bzw. Eisneigung bis 40° angegeben. In neuerer Literatur sind es bereits 45°-50°, was wohl eher der Realität entspricht.

An zwei Stellen ist der Grat so schmal, dass ich leider mehr mit meinem Gleichgewicht und dem präzisen Setzen meiner Füße beschäftigt war, als an Fotos zu denken. Kurz bevor wir den Piz Bianco (auch Piz Alv; 3.995m) erreichten hat der Wind nacheinander erst Ines dann auch mich mal von den Füßen gerissen ... zum Glück ein einer Stelle, an der Stürzen erlaubt war - ein ungutes Gefühl war es trotzdem. Ab dem Piz Bianco hatten wir dann für längere Zeit mal ziemlich schlechtes Wetter ... und das ausgerechnet zum zweiten Felskletterabschnitt. Einige Seilschaften drehten wohl deswegen auch um.

Aufgrund der Wind-/Wetterbedingungen und der Tatsache, dass wir mit Steigeisen und Fäustlingen klettern mussten, brauchten wir für den Übergang vom Piz Bianco zum Piz Bernina genau 3 Stunden. Immerhin gab es in der Zeit doch die ein oder andere windstille Nische mit Tiefblick vom Feinsten  :o. Zum Glück verzogen sich die Wolken dann auch wieder und die Sonne sorgte für etwas mehr Wärme.

Den Gipfel des Piz Bernina (4.049m) konnten wir während unseres kurzen Aufenthalts ganz stolz alleine genießen. Der Ausblick vom einzigen 4.000er der Ostalpen ist wirklich einzigartig. Nach ein paar Fotos und einem Powerriegel machten wir uns dann aber auch schon wieder an den Abstieg zum Rifugio Marco e Rosa. Eigentlich nur gut 450 Hm, aber die haben es nochmal in sich. Der sogenannte Spallagrat weißt nochmals ein paar äußerst exponierte Stellen auf, die frei gegangen werden. Die Rufe meiner Nachsteiger, ob wir vielleicht schneller gehen könnten, wurden von mir ohne zu zögern mit NEIN beantwortet  ;).

Ab der Hälfte des Abstiegs sind zwei Felsstufen durch viermaliges Abseilen zu überwinden. Wir sparten uns etwas Zeit und kletterten einen großen Teil ab. Für den steileren Abschnitt im Mittelteil arrangierten wir uns mit den anderen zwei Seilschaften unserer Mannschaft, indem wir durch Zusammenlegen der Seile gleich eine Abseilpiste einrichten konnten. Der Auslauf zur Hütte war dann nur noch Kür und hätte lediglich Probleme bereitet, wenn wir keine Sicht gehabt hätten ... dem war aber nicht so.

Trotz Reservierung nur noch Plätze im Winterraum und zum Abendessen Kartoffeln, Bohnen und Spiegelei ... nach gut 12 Stunden auf Tour wären wir an diesem Abend wohl auch mit viel weniger zufrieden gewesen. Immerhin liegt die Hütte auf knapp 3.600m.


... Fortsetzung folgt ...


Gruß. Tom.


Piz Bernina
http://de.wikipedia.org/wiki/Piz_Bernina
http://www.bergsteigen.at/de/touren.aspx?ID=2339

Rifugio Marco e Rosa
http://it.wikipedia.org/wiki/Rifugio_Marco_e_Rosa
http://rifugiebivacchi.cailugo.it/

PANORAMA 4/2012 - Magazin des Deutschen Alpenvereins (aktueller Bericht)
http://www.alpenverein.de/dav-services/panorama-magazin/


erstes Sonnenlicht am Nordgrat des Piz Roseg


hinauf zur Sonne in der Fuorcla Prievlusa


Piz Palü noch unter der Schlafdecke


erster Blick auf den Firngrat


starke Windböen erschweren den Weiterweg


Stairway to Heaven


bitterkalt am Piz Bianco


letzter imposanter Aufschwung zum Piz Bernina


am höchsten Gipfel der Ostalpen


ohne Worte  ::)


hinab zur Hütte

Offline Tom

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Wider Erwarten haben wir im Winterraum alle super geschlafen und sind morgens auch nur sehr schwer aus den Betten gekommen ... schließlich hatten wir es nicht eilig ... es stand schließlich "nur" noch der Abstieg nach Morteratsch an.

Beim Frühstück waren wir fast die einzigen, viele sind mit ihren Bergführern bereits zeitig wieder losgezogen um die Palü-Überschreitung - die wir schon 2010 gemacht haben - anzuhängen.

Bei herrlichem Wetter zogen wir gemütlich los in Richtung Osten. Der "Weg" führt von der Hütte leicht abwärts an Crast'Agüzza und Piz Argient vorbei und unterhalb des Piz Zupó durch einen sehr beeindruckenden Eisbruch. Anschließend steilt es nochmal richtig auf. Ein kurzer Gegenanstieg schlägt nochmal mit gut 250 Hm zu Buche und man erreicht fast nochmal "Glocknerhöhe". Fast schon flach verläuft der weitere Weg unterhalb der vier Bellavista-Gipfel - der sogenannten »Bellavista-Terrasse« - hinüber zum Fortezzagrat.

Am Fortezzagrat ging es dann durch viermaliges Abseilen den Felsriegel hinab auf's Eis des Vadret da la Fortezza und nochmals mit Steigeisen weiter steil abwärts zum Fuße der Isla Persa (2.720m). Der weitere Abstieg wies keine weiteren Schwierigkeiten mehr auf. Auf der kürzesten Variante (mit Stoamandl'n markiert) stiegen wir hinab zu den Ausläufern des Persgletschers, tangierten diesen jedoch nur und betraten ein paar hundert Meter weiter den östlichen Rand des Morteratschgletschers. Auf dessen aperen Gletscherzunge spazierten wir bis zu seinem Ende ... echt traurig wie das Eis hier abschmilzt. Der Rückgang der Gletscherzunge wird talauswärts immer wieder durch Infotafeln angezeigt ... allein der Rückgang der letzten zwei Jahre ist kaum in Worte zu fassen  :o.

Der Marsch auf dem breit ausgebauten Weg talauswärts zum Bahnhof Morteratsch (1.900m), auf dem man unzählige "Nichtbergsteiger" begegnet, dauerte zwar laut meiner Uhr nur noch gut 30 Minuten, zog sich aber eine gefühlte Ewigkeit hin. Dafür stimmte das Timing, denn die nächste Bahn zurück nach Pontresina war bereits angeschrieben.


... Fortsetzung folgt irgendwann, da ich bestimmt nicht zum letzten mal in diesem Eck war ...


Gruß. Tom.


Morteratsch- und Persgletscher
http://de.wikipedia.org/wiki/Morteratschgletscher
http://de.wikipedia.org/wiki/Persgletscher
http://www.swisseduc.ch/glaciers/morteratsch

Berninabahn
http://it.wikipedia.org/wiki/Berninabahn
http://www.rhb.ch/Bernina-Express




durch den Eisbruch


Piz Argient und Crast'Agüzza (Felsturm)


»Bellavista-Terrasse«


Abseilen am Fortezzagrat


Piz Bernina mit Biancograt im Profil


Piz Bernina mit Biancograt im Rückblick


Bernina-Express am Bahnhof Morteratsch