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Lawinenwarndienst-Blog Tirol (sporadisch):

Thu, 15 Apr 2021 21:31:00 +0000

Aktuell noch viel Pulverschnee bei meist recht guten Bedingungen - lokal vermutlich zunehmend heimtückische Lawinensituation aufgrund von gm.4 (kalt auf warm)

Mögliche Ausbildung neuer Schwachschichten

Gerade macht uns das unbeständige Wetter mit zum Teil beachtlichen Temperaturschwankungen etwas Kopfzerbrechen. Wir haben nämlich aktuell perfekte Voraussetzungen für die Ausbildung des Gefahrenmusters "kalt auf warm" (gm.4). Dieses ist dafür bekannt, dass sich nach Schneefällen verzögert Schwachschichten innerhalb des Schneedecke ausbilden können. Seit heute, 15.04.2021 haben wir erstmals Anhaltspunkte, die für diese Problematik sprechen: In der Glocknergruppe wurde von Setzungsgeräuschen im Sonnensektor oberhalb von 2700m berichtet. Am Tschadinhorn in der Schobergruppe löste sich ebenso auf etwa 2700m in einer SW-ausgerichteten Rinne eine 100m lange und ebenso breite Schneebrettlawine aufgrund künstlicher Zusatzbelastung. Unweit von Tirol - in der Sesvennagruppe - spricht auch Vieles dafür, dass eine oberflächennahe Schwachschicht zu einer erhöhten Störanfälligkeit der Schneedecke, insbesondere in größeren Höhen in besonnten Hängen führt. Es werden Erinnerungen an eine ähnliche Situation vor vier Jahren wach.

Anhaltspunkte inwieweit schattiges Gelände von dieser Entwicklung betroffen ist, haben wir aktuell wenige. Fakt ist, dass zumindest die Schneeoberfläche am vergangenen Wochenende auch nordseitig bis in größere Höhen angefeuchtet war und von kaltem Neuschnee überlagert wurde.


Schneebrettauslösung aufgrund einer Lockerschneelawine. Art der Schwachschicht nicht bekannt. 2700m Nord, Lüsener Villerspitze



Seit Beginn dieses Monats dominiert ein Wechsel von warmen und kalten Wetterphasen 



Markante Temperaturunterschiede während der Woche. Anfangs kalt, dann warm mit Ausbildung einer feuchten Schneeoberfläche, dann wieder kalt mit Schneefall. Hier eine jener Stationen mit den größten gemessenen Neuschneemengen. Franz-Senn-Hütte in den Stubaier Alpen


Ähnlich im Süden. Dort wehte tendenziell stärkerer Wind. Station Zischke im Defereggental



24h-Schneedifferenz vom 12.04. auf den 13.04.2021



Eine der neuschneereichen Orte während der vergangenen Woche: Halltal im Karwendel (Foto: 14.04.2021) 



Ein oftmaliger "Begleiter" während der Schneefälle: Graupel. Gleirschtal in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 12.04.2021)


Problembereiche in oberflächennahen Schichten


Für die Ausbildung eines Schneebretts benötigt man nicht nur eine Schwachschicht, sondern auch ein darüber gelagertes, gebundenes Schneepaket. Letzteres findet man vermehrt in größeren Höhen aufgrund von kürzlichem Windeinfluss, aber auch in Sonnenhängen, wo sich die Schneedecke trotz der kalten Temperaturen aufgrund des Strahlungseinflusses langsam setzt und etwas verdichtet. Wichtig erscheint v.a., dass wir es aktuell v.a. mit oberflächennahen Problembereichen zu tun haben. Mögliche Schwachschichten sind entweder kantige Kristalle aufgrund von gm.4, kurzfristig noch lockerer, überwehter Pulverschnee oder lokal massivere Graupeleinlagerungen. 



Bei diesem Profil fehlt das Brett. Der Neuschnee ist locker. Mögliche Schwachschichten Graupel und kantige Kristalle in Oberflächennähe (Pfeil aufwärts)



Ein recht dünnes Brett über einer dünnen, lockeren Schwachschicht (Pfeil symbolisiert den möglichen, oberflächennahen Problembereich). Interessant auch der Temperatursprung in Oberflächennähe: Kurzwellige Strahlung führte wenige cm unterhalb einer sehr lockeren Schneeoberfläche zu einer Anfeuchtung ("radiation recrystallisation")



Hauptkonzentration im markierten Bereich. Gut zu erkennen auch die von Anfang Februar stammende Saharastaubschicht. Jamtal, Silvretta (Foto: 14.04.2021)



Bezeichnend für kammnahes, höher gelegenes Gelände: Windeinfluss samt Triebschneepaketen sowohl in Schatten-, als auch in Sonnenhängen.



Häufig noch guter Pulverschnee


Trotz der obigen Ausführungen mit schwierig einzuschätzenden Entwicklungen darf der Fokus wohl auch auf den tollen Pulverschnee während der vergangenen Tage gerichtet werden.


Ein Pulvertraum in der Gurgler Gruppe. Hinterer Seelenkogel (Foto: 14.04.2021)



Ähnlich im Jamtal... (Foto: 14.04.2021)


Zahlreiche Lockerschneelawinen


Lockerer Pulverschnee zieht gerade während dieser Jahreszeit eine erhöhte Abgangsbereitschaft von Lockerschneelawinen nach sich. Die unterdurchschnittlichen Temperaturen bremsten die Aktivität zwar etwas, dennoch wurden speziell am 13.04. und 14.04. zahlreiche Lockerschneelawinen beobachtet. 


Ablagerungen von frischen Lockerschneelawinen. Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 14.04.2021)


Vorsicht vor Wechten



Im kammnahen Gelände lauert um diese Jahr eine nicht zu unterschätzende Wechtengefahr. Großglockner (Foto: 15.04.2021)



Ausblick


Es bleibt kühl. Ein Zwischenhoch bringt am Freitag, 16.04. sowie zumindest am Samstag, 17.04.  vormittags Sonne. Danach wird es bei einer Nordostströmung zunehmend unbeständig. An der Lawinensituation ändert sich vorerst wenig. Wir gehen von recht günstigen Verhältnissen zumindest in tiefen und mittleren Höhenlagen und von einer zum Teil heimtückischen Situation in größeren Höhen aus. Sonneneinstrahlung wird zu einer vermehrten Bindung oberflächennaher Schichten führen.

Übrigens können oberflächennahe Stabilitätsuntersuchungen erfahrenen Personen helfen, mögliche Schwachschichten aufzuspüren. Wir sind an solchen Beobachtungen sehr interessiert. Entsprechende Informationen am liebsten samt Angabe der Seehöhe und der Exposition bitte direkt an unsere zentrale e-mail: lawine@tirol.gv.at. Herzlichen Dank für eure Unterstützung!



Nur mehr wenige Lifte geöffnet


Traumhafte Bedingungen u.a. in dem, bis Sonntag, 18.04. noch geöffneten Skigebiet im Kühtai (Foto: 14.04.2021)


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Thu, 08 Apr 2021 18:20:00 +0000

Frischer Triebschnee sowie Lockerschneelawinen bilden die Hauptgefahr

Der Temperaturverlauf - alles andere als gewöhnlich


Wir befinden uns zwar aktuell gerade im April, der für seine Unbeständigkeit bekannt ist, dennoch blicken wir auf sehr ungewöhnliche Temperaturextreme zurück: Am besten lassen wir da einen der Experten der ZAMG-Wetterdienststelle, Alexander Radlherr, zu Wort kommen: 

"Das Auf und Ab bei den Temperaturen ist heuer schon besonders extrem. Vor einer Woche wurden – nur Tage nach dem letzten beachtlichen Wintereinbruch - an vielen Stationen Tirols (auch solchen mit langen Zeitreihen) neue Höchstwerte für den März aufgestellt. Am 07.04.2021 wurden hingegen an einzelnen Stationen mit eher kurzen Reihen Rekordtiefstwerte für April erreicht. An den gleichen Tagen des April 2003 war es in der Höhe noch 1 bis 2 Grad kälter, wobei das an vielen, auch „alten“ Stationen absolute Rekordtiefstwerte für April sind.

Tmax vom 31.03.2021:
Innsbruck +25,5; misst seit 1877
Umhausen +21,5, misst seit 1936
Brunnenkogel +3,1, misst seit 2003
Tmin vom 07.04.2021:
Brunnenkogel -24,6 (alter Rekord -22,5 aus 2015)
Denke, die großen Gegensätze diesen Winter sind nicht nur subjektiv so extrem."



Abweichung der Tagesmittel-Lufttemperatur am 30.03.2021 (auf den Bergen zeigt diese Darstellung noch ausgeprägtere Maxima als am 31.03.)



Abweichung der Tagesmittel-Lufttemperatur am 07.04.2021 


Auswirkung auf die Lawinengefahr


Anfangs Nassschneeproblem...


Bis inklusive 02.04.2021 befanden wir uns in einem Nassschnee-Lawinen-Zyklus. Mitte vergangener Woche waren u.a. die angesprochenen extrem warmen Temperaturen samt dem Strahlungseinfluss dafür verantwortlich. Am 02.04. beschleunigte dann nächtlicher Regen samt einem feuchtwarmen Wettergeschehen die Durchfeuchtung der Schneedecke - insbesondere in Schattenhängen. Die Schneefallgrenze variierte dabei stark und lag meist zwischen 1800m und 2400m.



Regenverteilung in Tirol vom 01.04. auf den 02.04.2021.  - dadurch meist fehlende nächtliche Ausstrahlung und raschere Durchfeuchtung der Schneedecke in Schattenhängen am 02.04.2021



Vereinzelt gabs sogar Blitz und Donner - wie hier in den Brandenberger Alpen (Foto: 02.04.2021)


Erstmals wurde am 02.04. in diesem Winter die Schneedecke in Schattenhängen in einem Höhenbereich zwischen etwa 2000m und 2200m (lokal etwas höher) tiefgreifend durchfeuchtet und geschwächt. Es lösten sich dort vermehrt feuchte bzw. nasse Lockerschneelawinen. Nur vereinzelt konnten wir auch Schneebrettlawinen beobachten. Eine dieser Lockerschneelawinen verschüttete den Weg zur Sulztalalm im Ötztal, auf der sich gerade ein Rodler bergwärts bewegte. Die Person wurde von der Lawine verschüttet und konnte nach 5 Stunden von einem Lawinenhund lebend geborgen werden. Eine große Atemhöhle ermöglichte ihm das lange Überleben in der Lawine. Inzwischen konnte die Person das Spital wieder verlassen.


Übersichtsbild des Einzugsgebietes der nassen Lockerschneelawine im Sulztal (Foto: 02.04.2021)



Der Pfeil zeigt auf die Verschüttungsstelle der Person (Foto: 02.04.2021)


Weitere Fotos von Lockerschneelawinen vom 02.04.2021...


Lockerschneelawine vom 02.04. am Weg zur Vennspitze in den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 06.04.2021)



Lockerschneelawinen vom 02.04. in den Nauderer Bergen (Foto: 08.04.2021)


Ab 03.04. zunehmende Stabilisierung, dann örtlich begrenztes Triebschneeproblem, verstärkt durch die Ausbildung des Gefahrenmusters kalt auf warm (gm.4)...


Als am Karsamstag, 03.04. die Lufttemperatur stetig abnahm, war die Nassschnee-Problematik rasch kein Thema mehr. Die Schneedecke stabilisierte sich. Am Osterwochenende war in Sonnenhängen (bei gedämpften Temperaturen) oftmals sogar guter Firn angesagt. Erst mit der Kaltfront, die am Ostermontag abends mit Temperatursturz und starkem Wind v.a. in den nördlichen Regionen vermehrt Schnee brachte, bildete sich ein Triebschneeproblem aus.



Eine jener Bereiche, wo es seit Ostermontag am meisten geschneit hat - Ulmerhütte (Arlberggebiet). Man erkennt aber auch den Temperatursturz samt kräftigem Windeinfluss



72h-Schneedifferenz für Tirol. Am meisten schneite es im Norden des Landes.


Vermehrt betroffen davon sind primär natürlich die schneereichen Regionen im Norden des Landes. Dort wiederum sollte vermehrt noch in kammnahem, sehr steilen, besonnten Gelände aber auch generell in schattigem Gelände, insbesondere in einem Höhenbereich zwischen etwa 2000m und 2500m aufgepasst werden. Dies erklärt sich v.a. dadurch, dass sich durch den extremen Temperaturgegensatz an der Grenzfläche zu Alt- und Neuschnee (zuvor Durchnässung der Schneedecke, dann Neuschnee samt Temperatursturz) vermehrt filzig-kantige Kristalle ausgebildet haben (Gefahrenmuster 4: kalt auf warm). Diese bilden aktuell eine mögliche Schwachschicht für die kürzlich gebildeten Triebschneepakete. 

Der Vorteil: Mit etwas Erfahrung lassen sich Triebschneepakete derzeit recht gut im Gelände erkennen und diesen entsprechend ausweichen. Weiter im Süden sind die Triebschneepakete meist nur gering mächtig. Zudem wird der wiederum zunehmende Strahlungseinfluss bei steigenden Temperaturen das Triebschneeproblem vielerorts rasch beseitigen.



Gut erkennbarer, in diesem Fall allerdings nur gering mächtiger Triebschnee. Nauderer Berge (Foto: 08.04.2021)



In Oberflächennähe erkennt man eine dünne schwache Schicht aus filzigen und kantigen Kristallen, die sich während der vergangenen Tage gebildet hat. SO, 2650m, Nauderer Berge


 
Ähnliches Bild wie oben: Oberflächennahe Schwachschicht. Hier irrelevant, da kein Brett darüber. Nord, 2350m, Nauderer Berge



Hier eine Schwachschicht unterhalb einer dünnen, am 02.04. gebildeten Schmelzkruste. Nord, 2440m, Stubaier Alpen



Kurzfristig Lockerschneelawinen...


Zusätzlich wird man insbesondere morgen am 09.04. vermehrt Lockerschneelawinen aus extrem steilem, besonnten Gelände beobachten können. Strahlungseinfluss und Temperaturanstieg werden zu einer oberflächigen Durchfeuchtung / Durchnässung samt Destabilisierung oberflächennaher Schichten führen.


Wie geht es weiter...


Bis zum Wochenende dominiert Hochdruckeinfluss mit milderem Wetter. Die Lawinengefahr wird tendenziell zurückgehen, der Tagesgang der Lawinengefahr allerdings wieder vermehrt zu beachten sein. In Summe werden durchaus recht günstige Verhältnisse überwiegen.


Ein noch kurzzeitiger Genuss: Pulverschnee auf einer harten Schneeoberfläche. (Foto: 08.04.2021)


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Thu, 01 Apr 2021 19:56:00 +0000

Im Norden anfangs ungünstige Lawinensituation - Abkühlung bringt Entspannung der Nassschneeproblematik

Schwierige Lawinenvorhersage


Wir befinden uns gerade in einer Zeit, während der die Lawinenvorhersage besonders fordernd ist. Dies hat damit zu tun, weil kleine Unterschiede bei unterschiedlichsten meteorologischen und nivologischen Parametern große Wirkung auf die Lawinengefahr haben können. Konkret geht es insbesondere um folgendes Wechselspiel:

  • Wolkenbedeckung während der Nacht
  • Wolkenbildung während des Tages in verschiedensten Höhenbereichen samt Bedeckungsgrad
  • lokale Regenschauer 
  • absolute Luftfeuchtigkeit
  • (diffuser) Strahlungseinfluss
  • Luft-Temperaturentwicklung
  • Schneeoberflächen-Temperaturentwicklung samt Taupunkt
  • Temperaturreserven der Schneedecke samt Wassereintrag in die Schneedecke
  • Schneedeckenaufbau in unterschiedlichsten Expositionen und Höhenlagen
Aktuell gehen wir für den morgigen Karfreitag, 02.04.2021, davon aus, dass weiter im Norden die Nacht großteils bedeckt ist, es zudem immer wieder lokale Schauer geben kann. Die Schneedecke wird deshalb nicht oder nur ungenügend auskühlen können. Die Bedingungen sollten deshalb bereits während der Morgenstunden ungünstig sein. Besser ist es dann nur schattseitig in großen Höhen - aber da kommt man ja nicht ganz so leicht, ohne einen ungünstigen Bereich passieren zu müssen...
Weiter im Süden hingegen soll die Nacht klarer, die Schauerneigung gering sein. Wirklich günstig sind die Verhältnisse dort allerdings auch nur in größeren Höhen, weil der sich über Nacht bildende Harschdeckel aufgrund des bereits massiven Wärmeeintrages meist eher brüchig sein wird.



Blick von der Meilerhütte im Karwendel Richtung Norden. Vermehrtes Wolkenaufkommen (Foto: 01.04.2021)



Blick von der Zugspitze Richtung Süden. Tendenziell weniger Wolkenaufkommen (Foto: 01.04.2021)



Am 01.04. erkennt man sehr gut den Anstieg des Taupunktes gegen 0°C, aber auch die sich verflachende Kurve der Schneeoberflächentemperatur. Beides ein Zeichen für die zunehmende Durchnässung der Schneedecke.



Nassschnee-Lawinenaktivität - Beobachtungen im Gelände


Die vergangenen Tage standen bei uns ganz im Zeichen der Beobachtung der Nassschnee-Lawinenaktivität und von Schneedeckenuntersuchungen. Ein massiver spontaner Nassschnee-Zyklus ist zwar bisher ausgeblieben, dennoch wurden uns jeden Tage spontane Lawinenabgänge gemeldet bzw. von uns beobachtet. Schneebrettlawinen lösten sich beispielsweise fast ausschließlich in oberflächennahen Schichten (Schneefälle ab März). Auffallend war zudem die sehr hohe Störanfälligkeit der Schneedecke im Steilgelände überall dort, wo die Schneedecke massiver durchfeuchtet wurde. Auffallend war auch die weite Verbreitung solcher Gefahrenstellen im Gelände. Diese Kriterien spiegelten sich auch in der kürzlichen Gefahreneinschätzung wieder.



Spontane Schneebretter der vergangenen Tage. Weißkugelgruppe (Foto: 01.04.2021)



Lawinenkegel im Pollestal. Auch zu erkennen: ein Gleitschneemaul (Foto: 01.04.2021)



Kaserer Winkl in den Westlichen Tuxer Alpen. Aufnahme: 01.04.2021 07:06 Uhr



Kaserer Winkl in den Westlichen Tuxer Alpen. Aufnahme: 01.04.2021 12:14 Uhr. Die spontane Nassscheelawine löste sich auf 2200m im Sektor ONO



Schneedeckenuntersuchungen


Sonnenhänge


Bei den Sonnenhängen bestätigte sich die erhöhte Störanfälligkeit der Schneedecke in oberflächennahen Schichten. 


Pfeil zeigt auf eine durchnässte oberflächennahe Schwachschicht auf 2215, Süd in der Silvretta



Dieses, von einem Wintersportler ausgelöste Schneebrett in der Weißkugelgruppe löste sich oberflächennah bei einer Schwachschicht aus kantigen Kristallen unterhalb einer Kruste (Foto: 01.04.2021) - ähnlich wie bei obigem Profil 


"Krusten-Sandwich" in extrem steilem Südhang auf 2850 in den Nördlichen Stubaier Alpen. Die untere, sehr dicke Kruste wirkt vorerst noch stabilisierend, verliert aber durch Wassereintrag an Festigkeit.




Schattenhänge


Da Schattenhänge während des massiven Lawinenzyklus um den 23.02.2021 noch nicht durchnässt und dadurch geschwächt wurden, konzentrierten wir uns auch auf den bevorstehenden Nässeeintrag in Schattenhängen. In großen Höhen gibt es noch ausreichend Temperaturreserven. Unterhalb etwa 2200m könnte sich für morgen, 02.04. insbesondere in den nördlicheren Regionen lokal bereits eine erhöhte Störanfälligkeit von Schattenhängen ergeben.


Wichtig erscheint v.a. die Temperaturkurve. Außer oberflächennah schon überall isotherm. Nord, 2150m. Die Pfeile zeigen auf mögliche Schwachschichten, die durch Wassereintrag aktiviert werden können



Foto zu obigem Profil. Lukas, einer unserer Zivildiener, zeigt auf die zwei potentiellen Schwachschichten bei Nässeeintrag (Foto: 01.04.2021)



Schattig auf 2740m ist die Schneedecke noch kalt und an diesem Profilstandort stabil


Schneequalität


Typisch für die Jahreszeit ist ein rascher Wechsel der Schneequalität ja nach Höhenlage und Exposition. Alles wurde geboten: Top-Firn, immer noch guter Pulverschnee, eine sehr harte Schneeoberfläche,  vermehrt jedoch Bruchharsch und natürlich eine durchnässte Schneedecke am Nachmittag. (Foto: 30.03.2021)



Ausblick


Laut ZAMG-Wetterdienststelle lässt der Hochdruckeinfluss nach. Während der Norden immer wieder etwas Regen abbekommt, ist der Süden wetterbegünstigt. Die Temperaturen gehen langsam zurück. Dadurch wird die Nassschneeproblematik spätestens am Karsamstag deutlich zurückgehen. Nach einem sehr sonnigen Ostersonntag und teils sonnigen Ostermontag erreicht uns aus Nordwesten eine Kaltfront mit Neuschnee...

Das Team des Lawinenwarndienstes Tirol wünscht allen Frohe Ostern!


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Wed, 31 Mar 2021 08:01:00 +0000

Erhöhte spontane Nassschnee-Lawinenaktivität - Zudem lokales Altschneeproblem schattig, schneearm, sehr steil - Lawinenunfallanalyse Brennerspitze

Außergewöhnlich warm - Zeitreserven für Touren und Variantenfahrten schwinden - spontane Lawinenaktivität nimmt zu!


Aktuell befinden wir uns in einer für die Jahreszeit außergewöhnlich warmen Phase. Die Nullgradgrenze liegt heute laut ZAMG-Wetterdienststelle auf 3300m. Trotz klarer Nacht und oberflächige Ausstrahlung und Abkühlung der Schneedecke beginnt die Schneedecke bereits während des Vormittags rasch wieder aufzuweichen. Die Lawinengefahr steigt entsprechend rasch an. Aktuell befinden wir uns ab den Nachmittagsstunden bei einer durchwegs kritischen Stufe 3 "erheblich", also im Nahbereich von "großer Lawinengefahr". 

Bereits gestern am 30.03.2021 konnte man im Tagesverlauf aus Sonnenhängen vermehrt spontane Nassschneelawinen (v.a. Lockerschnee- und Schneebrettlawinen) beobachten. Dieser Trend wird sich weiter verschärfen, also die Gefahrenstellen für Lawinenauslösungen sowie die spontanen Lawinen während des Tages weiter zunehmen.


Typisch für die aktuelle Situation: Sonnseitig brechen Schneebrettlawinen bevorzugt in oberflächennahen Schichten (Schneefälle ab 05.03.2021) (Foto: 30.01.2021)


Die Temperatur steigt, die Schneeoberfläche wird während des Tages nass, der Schnee schmilzt dahin. Station Muttekopfhütte (Östliche Lechtaler Alpen)




Expertenfalle: Schneearme Bereiche, schattig, sehr steil - bevorzugt kammnah


Die vergangenen, bekannt gewordenen Lawinenereignisse, bei denen Personen beteiligt waren, hatten bevorzugt mit einem lokalen Altschneeproblem zu tun, bei dem die tageszeitliche Erwärmung keine Rolle spielte. Solche Gefahrenbereiche gibt es weiterhin in größeren Höhen im schattigen Gelände. Schneebrettlawinen können dort bevorzugt an schneearmen Stellen im sehr bis extrem steilen, kammnahen Gelände ausgelöst werden. Neben der Mitreißgefahr muss dort nicht selten auch die Absturzgefahr entsprechend beachtet werden. Der Lawinenunfall unterhalb der Brennerspitze vom 28.03.2021 fiel auch in diese Kategorie. Darauf soll nun detaillierter eingegangen werden: 


Lawinenunfall Brennerspitze in den Stubaier Alpen am 28.03.2021


Gestern am 30.03.2021 analysierten wir gemeinsam mit der Alpinpolizei den Lawinenunfall. Es handelte sich um ein hartes Schneebrett, das im Anrissbereich ca. 25m breit und in Summe 1200m lang war. An der breitesten Stelle des Lawinenkegels wurden 90m gemessen. Die Lawine löste sich unmittelbar nach Einfahrt einer Person in den ca. 45° steilen Nordhang auf 2870m. In Folge wurde die Person von der Lawine erfasst, über felsdurchsetztes Gelände mitgerissen und in Folge total verschüttet. Unter Reanimation musste die Person ins Krankenhaus geflogen werden.



Schneebrettlawine Brennerspitze mit Verschüttungsstelle (Foto: 30.03.2021)



Der obere Pfeil zeigt den Bereich an, wo die Person eingefahren ist, der untere Pfeil die Spur bei der Anrisskante. Die Anrissmächtigkeit betrug dort ca. 1m, rechts versetzt um 2m, ganz oben 0,2 bis 0,3m. (Foto: 30.03.2021)



Blick vom Grat: Von hier sprang der Wintersportler in den Hang. Aufgrund der großen Belastung drang dieser anfangs etwas tiefer in die harte Schneedecke ein. Rechts dieser Spur erkennt man einen Riss. Das Schneebrett löste sich in Folge aber erst seitlich und unten versetzt. Am Lawinenkegel ist die Verschüttungsstelle eingezeichnet. (Foto: 30.03.2021)



Wir führten unsere Schneedeckenuntersuchungen im unmittelbaren Nahbereich der Einfahrtsspur durch. Maßgeblich für den Lawinenabgang war die Abfolge von harten und sehr weichen Schichten. Der oberste Teil der Schneedecke war massiv vom Wind geprägt und sehr hart. Darunter fanden wir eine sehr lockere Schicht aus Schwimmschnee und kantigen Kristallen. Nach unten zu wechselten weitere härtere und weichere Schichten ab.



Schneedeckenuntersuchungen bei der Einfahrtsspur (Pfeil). Wenig Schnee, harte Schneeauflage, im Bereich der waagrecht am Bild erkennbaren Säge war der Schnee sehr locker - Schwimmschnee und kantige Kristalle. (Foto: 30.03.2021)




Schneeprofil orographisch rechts neben der Einfahrtsspur. Der Block brach, nachdem dieser seitlich und hinten abgesägt wurde.



Profil orographisch links der Einfahrtsspur. Hier konnten zwei Brüche initiiert werden. Maßgeblich für den Lawinenabgang war der untere Bruch



Die Kollegen der Alpinpolizei bei der Verschüttungsstelle (Foto: 30.03.2021)


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Sun, 28 Mar 2021 19:15:00 +0000

Lawinenunfall Brennerspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen - während der kommenden Tage (raschen) tageszeitlichen Anstieg der Gefahr beachten

Lawinenunfall Brennerspitze


Heute am 28.03. passierte ein Lawinenunfall unterhalb der Brennerspitze im Oberbergtal - einem Seitental des Stubaitales. Eine vom Gipfel abfahrende Person wurde von einer Schneebrettlawine erfasst, mitgerissen und total verschüttet. Die Person musste unter Reanimation in die Klinik nach Innsbruck geflogen werden.

Der Lawinenunfall erinnert an jenen vom 24.03. unterhalb der Giggler Spitze: Die Lawine löste sich kammnah an einer schneearmen Stelle in extrem steilem, schattigen Gelände. Vieles deutet auf ein kleinräumiges Altschneeproblem hin. Neuerlich werden wir gemeinsam mit der Alpinpolizei nähere Erhebungen zu diesem Unfall vornehmen. Details dazu werden frühestens am Dienstag abends publiziert werden.


Luftaufnahme Lawinenunfall Brennerspitze: Der Pfeil zeigt die Einfahrtsspur, die Ellipse die Fundstelle. Die Lawine löste sich im unmittelbaren Kammbereich. (Foto: 28.03.2021) 


Draufsicht Lawinenanriss samt Einfahrtsspur (Pfeil). Im Hintergrund das Gipfelkreuz der Brennerspitze (Foto: 28.03.2021)


Frühjahrsverhältnisse mit von Tag zu Tag rascherem Anstieg der Lawinengefahr im Tagesverlauf


Die kommenden Tage stehen im Zeichen klassischer Frühjahrsverhältnisse. Wichtig erscheint dabei immer, wie gut die Schneedecke während der Nachtstunden abkühlen kann: Je klarer die Nacht, je trockener die Luft, desto besser. Zu beachten ist allerdings, dass die Sonneneinstrahlung inzwischen sehr intensiv und die Temperaturen recht hoch sind. Dadurch wird die Schneedecke im Tagesverlauf aktuell v.a. noch in Sonnenhängen feucht bzw. nass. Eindringendes Wasser schwächt die Schneedecke. Speziell dort, wo wir aktuell ein oberflächennahen Altschneeproblem haben (stellenweise in weiten Teilen Nordtirols sowie im nördlichen Osttirol) können Schneebrettlawinen im Tagesverlauf immer leichter ausgelöst werden. Auch spontane Lawinen sind durchaus denkbar. Betroffen ist davon vorerst vermehrt O- und W-seitiges Gelände zwischen etwa 2200m und etwa 2700m, S-seitiges, extrem steiles Gelände zwischen etwa 2700m und 3000m. Gegen Wochenmitte könnten langsam auch Nordhänge um 2000m vermehrt betroffen sein. 

Quintessenz 

Eine gute Tourenplanung mit vernünftiger Zeiteinteilung wird während der kommenden Tage immer wichtiger!


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Lawinenwarndienst-Blog Tirol