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Autor Thema: 06.07.17: Kaisergebirge: Scheffauer-Nordwand und Zettenkaiser-Überschreitung

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Offline geroldh

  • "Berg ist niemals Alltag"
  • Ultra-roBergler (ab 50 Beiträge)
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    • climbing Chulu Far East (6059m), Annapurna Himalaya, Nepal (Okt.2007)
Das einzig beständige am derzeitigen Sommerwetter scheint zu sein, dass die stabileren Sonnentage für anspruchsvollere Bergfahrten rechts und links vom Wochenende liegen – und so wurde in Absprache mit “Kraxelopa” der Donnerstag freigeschaufelt. Ich war zuvor zwar am überlegen, ob ich (auch) in diesem Jahr an seiner jährlichen Kraxelei durch die große Ostlerplatte dabei sein wollte, aber “Berg ist niemals Alltag” – und von letzterem hatte ich irgendwie genug…

Am Beginn des Fahrwegs in Kufstein-Mitterndorf (480 m; ca. 8:00 Uhr) bekomme ich einen Vorsprung, um mit “E-hrlicher M-Power” (und zwei Bananen im Magen als “Treibstoff”) loszutreten – und interessanterweise werde ich erst beim “Kühlwasserfassen” an der Quelle „Petersbründl“ eingeholt – da hat sich also jemand ganz schön zurück gehalten… Die Bergradl werden in der Nähe der Kaindlhütte (1293 m; ca. 9:45 Uhr) abgestellt, am nahen Brunnen die Wasserflasche gefüllt und es beginnt der Aufstieg an den Einstieg oberhalb des sog. Großen Friedhofs. Dort legen wir unser (abgespecktes) Kletterklimbim an, erkennen, dass wir heute wohl alleine in dieser Nordwand-Führe (Übersicht: Rot=Ostlerführe, Gelb=Widauersteig) unterwegs sein werden und beginnen gegen 11:00 Uhr uns mit den ersten Klettermetern vorsichtig an den Fels zu gewöhnen.

Mit Sicherheit spielt die zunehmende (alpine) Kletterpraxis (=Übung) eine entscheidende Rolle, aber auch das Wissen um die “Machbarkeit” und der heute überaus trockene Fels läßt mich die erste kurze 3er-Stelle ohne Einsatz der (Selbst)Sicherung mit konzentrierten Bewegungen bewältigen. Bereits der untere Teil der Ostlerführe würde durch seine Steilheit keine (“größeren”) Fehler verzeihen, doch das folgende 2er-Gelände kann ich mit der entsprechenden Umsicht (d.h. sorgfältige Prüfung der Griffe und Tritte) ohne Unsicherheit bewältigen – und die nächste 3er-Stelle in einem kurzen Kamin umkraxle ich, wie beim ersten Mal intuitiv entdeckt (aber auch im Buch Kaisergebirge von Horst Höfler beschrieben), elegant rechts-oberhalb. Zum mentalen “Verschnaufen” folgen nun zwei “Seillängen” leichteres Schrofengelände, bevor es durch eine kurze Rinne in den großen Schuttkessel hinein geht. Etwas oberhalb wird es mit der nächsten 3er-Stelle kleingriffig bzw. -trittig und ich spüre eine kurze Unsicherheit, finde aber im zweiten Anlauf die passenden Stellen und ziehe konzentriert durch. Der nun folgende Quergang (UIAA 2-3) in die sog. “nasse Nische” ist deutlich ausgesetzt, im “Nachstieg” gilt meine Konzentration voll und ganz dem Fels in meiner unmittelbaren Umgebung, aber es gibt ausreichend große Griffe und Tritte. Im Gegensatz zu verg. Jahr, in dem die hohe Luftfeuchtigkeit am kühlen Fels auskondensiert ist, ist der 3er-Schlupf heute fast trocken und mit der richtigen “Knietechnik” auch gut zu bewältigen. Es folgt kurz darauf noch eine kurze steile 3er-Stelle, mit der ich mich wieder erst nach etwas antesten im zweiten Anlauf anfreunde, dann können wir auf die große, markante “Ostlerplatte” blicken (12:30 Uhr), durch dessen mittleren Querriss wir ziemlich luftig von rechts-unten nach links-oben steigen. Hier nehme ich mir das erste Mal so richtig Zeit, um während eines kurzen Innehaltens den Tiefblick über die steile Platte hinab zu “genießen” – ich verspüre keinerlei Unsicherheit. Die bisherigen beiden Male (mit mir) sind wir nach der Platte über den verblockten “Notausstieg” aus der Wand heraus geklettert, doch heute geht es auf der Querung oberhalb der Platte zum kleinen (Ausstiegs)Überhang, der die einzige kurze 4er-(Schlüssel)Stelle der Originalführe darstellt. Nun kommt auch das kurze Seil zum Einsatz und im Nachstieg ist diese Passage mit etwas klemmen und stemmen alsbald überwunden.

Noch etwas Kraxelei in der Steilrinne, dann steigen wir nach knapp 2½ Std. Nordwand auf der grasigen Ostflanke dem Gipfelkreuz des Scheffauers (2111 m; ca. 13:15 Uhr) entgegen – und haben diesen aussichtsreichen Ort sogar einige Minuten lang für uns alleine. Doch dann kommen auch schon wieder die nächsten (alpinen) Gäste mit ihrer Klettersteigausrüstung vom versicherten Widauersteig herauf – und mit der Ruhe ist’s vorbei... Mit dem Eintrag ins GB wird es nun Zeit, sich auch über den Abstieg Gedanken zu machen…


Bei meinem ersten Mal Ostler-Führe sind wir via der Normalroute “Widauersteig” abgestiegen, im verg. Jahr via der benachbarten Leuchs-Führe abgeklettert – aber für heute habe ich eine andere Idee, zumal ich von vor knapp drei Wochen noch eine Erkundung offen hatte. Der Wettercheck – hoch über dem Wilden Kaiser quellen einige größere Cumuli, im Westen ist es wie üblich etwas stärker bewölkt, aber nicht allzu hochschießend – fiel positiv aus, die Begleitung vertraut auch heute meiner Vorstellung, und so steigen bzw. kraxeln wir gegen 14:00 Uhr den Scheffauer-Westgrat (Übersicht: Rot=Westgrat Scheffauer und Zettenkaiser, Gelb=Widauersteig (li) und Riegensteig (re)) hinab in die Grübler Lucke (ca. 1850 m; ca. 14:45 Uhr).

Dort lese ich die Routenbeschreibung von [R 137] (Erstbegehung “G. Herold (allein) im Abstieg, im Sept. 1897”. Schwierigkeit “II (überwiegend), stellenweise brüchig.”) aus dem älteren AV-Kaiserführer laut vor. Das Gelände betrachtend, fällt es nicht leicht, daran zu glauben, dass dies “so einfach” funktionieren soll, aber nach der “Ostler” und mit dem Wissen, heute etwas Kletterausrüstung für eine Kurzsicherung (oder einen möglichen Rückzug) dabei zu haben, steigen wir in Richtung der markanten “Kaindlnadel” empor. Nach einem kurzen Abstieg geht es ein Stückchen auf der Abseilstrecke (ggfs. Steinschlag durch Abseilende!) empor, bevor unterhalb der gelbgestreiften Gipfelwand westl. ausgequert und durch die zweite Rinne der beginnende Zettenkaiser-Westgrat erreicht wird. Hier angekommen empfinde ich ein größeres Glücksgefühl als nach der vorherigen “Ostler”, denn nun kenne ich “den Weg der Gämsen” und weiß, dass ich mit entsprechendem Können trotz der Ausgesetztheit der Route auch ganz ohne Abseilen auskommen könnte…

Bei der Rast am Gipfelkreuz vom Zettenkaiser (1968 m; ca. 15:30 Uhr) stellt sich dann die weitere Frage: Abstieg über die Normalroute “Riegensteig” – oder etwas weiter (und mit mehr Spass) via dem Westgrat. Kürzlich erst von drüben begangen, kenne ich die Route mit ihren Tücken – und biege an der richtigen Stelle vom rot markierten Riegensteig nach links ab. Entsprechend von Beschreibungen (z.B. AV-Führer) ließe sich die “technische” Schlüsselstelle (glattes Wandl am “zweiten Zahn”) auch “an festem, griffigem Fels (II)” [Horst Höfler: Kaisergebirge] umklettern, aber da wir immer noch unsere Gurte anhaben, wählen wir die elegantere Möglichkeit Abseilen, mit der Umlenkung an einem alten Schlaghaken (ca. 15m Seil erforderlich). Am “ersten Zahn” den Überstieg sparend wollend, lasse ich mich von Trittspuren verleiten höhenneutral um diesen herum zu steigen und komme so in etwas anspruchsvolleres Felsgelände, das ich risikominimierend nun doch kurz aufkletternd korrigiere. Am Grüblerkaiser (1866 m; ca. 16:45 Uhr) angekommen wird die Kletterausrüstung im Rucksack verstaut, aus der großen Wolke über dem Scheffauer beginnt es etwas zu tröpfeln, und zügig wird über den weiteren Grat und im Anschluss durch die moorigen Latschengasseln hinab zum Sattel des Hocheck (ca. 1450 m) abgestiegen. Von dort ist auf dem nun angenehmen Wanderweg bald der erfrischende Brunnen oberhalb der Kaindlhütte erreicht (18:00 Uhr), aber das dunkle „isotonische Kaltgetränk mit Hefe und Hopfen“ (WB) auf der nun wieder sonnigen Terrasse mit beeindruckendem Blick hinauf zur großen “Ostlerplatte” ist einfach ein größerer Genuss…

Heute bin ich froh, nicht mehr nach Kufstein hinunter laufen zu müssen, der Gegenanstieg auf der Almstrasse hinauf zum Brentenjoch ist zwar noch etwas lästig, aber die nun lange Abfahrt am Berghaus Aschenbrenner vorbei hinab ins Inntal nur noch angenehm…