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Autor Thema: 26.06.17: Kaisergebirge: Überschreitungs-Versuch der Jovenspitze(n)...  (Gelesen 1673 mal)

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Offline geroldh

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„Petrus‘ Blase“ hatte am SO-Morgen doch noch die Glut der letzten Sonnwendfeuer abgelöscht, aber für den Wochenstart sollte ein kleines Zwischenhoch für ein sonnig-klares Wetter mit viel blauem Himmel sorgen – da lag es nahe, sich kurzfristig einen „Blue Monday“ zu generieren.

Es sollte eine Rundtour mit „Überschreitung“ der uns bisher unbekannten Jovenspitze(n) werden (via Nordostgrat), mit „Abstieg“ über die Pyramidenspitze (1997 m) und Vorderkaiserfeldenhütte.
Im Zahmen Kaiser hatten wir bereits einiges an Geländeerfahrung gesammelt, u.a. den Roßkaiser-Kamm sowohl „hinüber“ (2009) als auch „herüber“ (Okt.‘16) überschritten. Hierfür beschreibt der AV-Kaiserführer den Übergang von der Vord. zur Hint. Kesselschneid [R109b]: "II (wenige Stellen), überwiegend leichter, tw. luftige Gratkletterei an stellenweise brüchigem Fels" und für die weitere Etappe zum Roßkaiser [R114]: "II, überw. leichter, tw. brüchig. Gratlänge 0,8 km". Der weitere Gratverlauf in Richtung (Tiroler) Heuberg ist überwiegend ein Latschen-Fels-Mix, der Durchhaltevermögen und Orientierungssinn erfordert.

Für die Jovenspitzen ist bisher nicht viel an Beschreibungen zu finden. Ein kleines Gipfel- bzw. Tourenportrait findet sich zwar hier bei roBerge, aber sonst steht mir nur wieder der ältere AV-Kaiserführer zur Verfügung:
Zitat von: AV-Führer Kaisergebirge, 11. Aufl. 1990 (Auszug)
...
[R108A] Abstieg von der Kaiserzinne
Abseilen, AH vorhanden. Selten begangen, ..., 15 Min. ...  (Anm.: Beispiel für eine Abstiegsbeschreibung)
...
[R118] Jovenspitzen (1892 m)
Drei Erhebungen, welche der von der Pyramidenspitze sich ablösende, nordöstl. streichende Seitenkamm aufwirft. Bestiegen wird fast ausschließlich der Hauptgipfel, die südl. Erhebung. Gipfelkreuz und Buch.
[R118a] Aus dem Winkelkar über den Südgrat
I, stellenweise leichter. ... Steile, brüchige Schrofen; bei Nässe zu widerraten. ...
...
[R120] Nordwestwand
III (eine Stelle), überwiegend II. Höhenunterschied ca. 400 m. 3-4 Std. ...
[R121A] Abstieg über den Nordostgrat
II (stellenweise), im unteren Teil Schrofen und Latschen. Kaum begangen. Gratlänge 0,8 km, Höhenunterschied ca. 550 m. Im Abstieg 2-3 Std.
Beschreibung siehe Kaiserführer, 10. Aufl. 1978, R 121 A

Damit erscheinen die möglichen Anforderungen einschätzbar – dennoch war neben Sitzgurt und kurzem Seilstück noch etwas Sicherungsausrüstung mit im Rucksack dabei, denn kurze ausgesetzte Stufen sollten uns keine Probleme bereiten...


Entsprechend der Rundtourenvorstellung parken wir um 8:00 Uhr bereits auf ca. 600 m an der Almstrasse von Ebbs zur Aschingeralm. Dort steigen wir auf dem Pfad „AV 811“ bis zur „Ebbser J.H.“ (800 m) auf und wenden uns, nun wenig ansteigend, auf einem eingewachsenen Forstweg in östl. Richtung, bis wir auf eine beweidete Almwiese gelangen – dort „wo der Fuchs von unten nach oben in den Wald hinein flüchtet“. Hier öffnet sich auch ein schöner Blick ins Inntal hinaus und wir steuern nun weglos durch den Wald leicht aufsteigend einen anderen Forstweg an, der uns etwa auf der 1000m-Höhenlinie weiter hinüber auf den grasigen (Ski-)Hang mit dem Almkreuz über dem Berggasthaus Aschingeralm bringt (ca. 9:30 Uhr).

Von dort etwas absteigend umwandern wir den Aschinger Rieder, einen Almboden, und steigen nun auf dem markierten Steig zu einem kleinen felsigen Aussichtsbalkon kurz vor der Jovenalm (1342 m) auf. Von diesem versicherten Punkt breitet sich unterhalb nicht nur die Aschinger Alm schön aus, auch nach oben hin ist bereits ein Teil des zerklüfteten Nordostgrates zu sehen – und zwischen zwei Felsköpfl hindurch sogar das Gipfelkreuz der Jovenspitze.
Kurz darauf ist die frühere Almhütte erreicht (ca. 10:30 Uhr), die heute tw. verfallen offenbar als Jagdhütte genutzt wird. Nach wenigen Metern verlassen wir den Pfad und steigen anfangs durch Wiese, dann durch lichten Lärchenwald in südl. Richtung auf. Wir lassen uns etwas von Gamswechsel leiten, denn die kennen ihren „Wohnbereich“ ja am besten, und gelangen so durch grasige Latschengassen (etwas östl. orientieren) nach oben auf den Grat. Kurze, aber „blütenstaubige“ „Latschensechser“ müssen durchquert werden, an denen aber ersichtlich scheint, dass dort nicht nur die Gemsen untendurch schlüpfen, sondern auch Bergler hindurch steigen. Ich wundere mich kurz, warum hier noch kein „Fuchsschwanz“ den Durchschlupf angenehmer gemacht hat – aber so ist dies wohl bei kaum begangenen „Steigen“...

Etwa auf 1550 m (11:15 Uhr) wird der Grat felsiger, der Latschenbewuchs weniger und die ersten Felsköpfl müssen westseitig umgangen oder erkraxelt werden. Bereits hier zeichnet sich ab, dass der Kalk sehr splitterig und tw. überaus locker ist, also man wirklich(!) genau prüfen muß, worauf man steigt oder auch hinlangt, denn so manchen Griff hätte ich ohne großen Kraftaufwand in der Hand...
Dennoch macht das Kraxeln Spass und die rückwärtigen Tiefblicke von den Köpfln auf den Talbereich von Durchholzen mit dem Walchsee sind ungewöhnlich. Nach oben hin wird das Gelände immer zerklüfteter, aber stets findet sich irgendwo ein „Schlupf“. Gegen 12:15 Uhr geht es durch eine schrofige Rinne hinauf und an zwei kleineren, etwas anspruchsvolleren Aufschwüngen (UIAA II) steige ich vor und sichere den Bergspezl in etwas vereinfachter Form mit dem Seil nach.

Westseitig ersteigen wir nun einen etwas größeren Felskopf mit etwa der GPS-Höhe von 1850 m (13:30 Uhr) und sehen das Gipfelkreuz bereits ziemlich nah vor uns thronen. Doch was wir nun auch sehen, ist, dass nach einem schrofigen Abstieg in eine kleine Scharte, sich dazwischen ein größeres Felswandl aufbaut und offenbar ein Türmchen bildet. Also so war das nicht „geplant“, dass wir nun keine 50m unterhalb und kaum 100m entfernt vom sichtbaren Gipfelkreuz (und dem „Normalanstieg“) nicht mehr weiterkommen sollten.
Rechts bricht die Nordwestwand vom Gipfel in Richtung Scheiblingsteinkar ab, vor uns das durchaus strukturierte, aber doch gut 50m hohe Felswandl und links, östl. ein steiles Fels-Schrofen-Gelände.
So ein Mist! Mir huscht kurz der Gedanke - das Handy zu zücken und das „Gipfeltaxi“ anzurufen - durch den Kopf – es wären ja „nur“ ein paar Meter... :-\, aber dann beginnt die realitätsnahe alpine Situationsanalyse: Ich könnte zwar noch in die Scharte abklettern und dort die Verhältnisse prüfen, aber nach der bisherigen Erfahrung mit dem ziemlich spröden Gestein, der zu erwartenden Ausgesetztheit und das fehlende lange Kletterseil erscheint mir das Risiko, sich doch noch so zu verzetteln, dass ein kontrolliertes Umkehren nicht mehr möglich ist, einfach zu groß. Die Vernunft sagt „Ende im Gelände“ - wir werden auf dem Rückzug auch so noch Herausforderung genug haben...

Eine „echte“ Gipfelrast würde um einiges entspannter ausfallen, so aber werden nur noch Dokumentationsbilder gemacht und gegen 14:00 Uhr dann das vorsichtige Abklettern begonnen – es wird nun sogar mehr Konzentration benötigt als im Aufstieg. Bald die beiden Geländestufen erreichend, werden die Gurte angezogen und zur Risikominimierung das mitgenommene Abseil-/Sicherungsmaterial zum Einsatz gebracht – als Ankerpunkte dienen Latschen, die einen stabileren Eindruck machen als der Fels. Schließlich bringen wir auch die schrofige Rinne „fast steinschlagfrei“ hinter uns und die Kletterausrüstung kann wieder in den Rucksack zurück. Der weitere Abstieg zur Jovenalm (17:15 Uhr) und dann hinunter zum Almboden ist nach dieser „Pleite“ etwas lästig, inzw. klebt auch der Gaumen und das erste Bachwasser ist damit höchst willkommen. Noch einmal geht der Blick zurück und hinauf auf den Nordostgrat, der uns mit seiner Wildheit überrascht hat, die wir eher dem „großen Bruder“, dem Wilden Kaiser zugeschrieben hätten. Etwas Enttäuschung arbeitet innerlich und so ist es wenigstens ein kleiner Trost, dass wir nicht ganz zum Auto auf der Teerstrasse hinab latschen müssen, sondern ein Landwirt, der nach seinen Tieren auf der Weide geschaut hat, uns von der inzw. geschlossenen Aschingeralm (18:15 Uhr) ein großes Stück in Richtung Ebbs hinab mitnehmen kann.

Fazit: Gerade bei Touren, die nicht „aus der Konserve“ bzw. „von der Stange“ sind, und damit auch keine Erfolgsgarantie haben, schadet es nicht, mit etwas Reserve unterwegs zu sein.
Für das fehlende Stückchen kann ich nicht sprechen, aber für den „begangenen“ Gratabschnitt kann ich möglichen „Wiederholungstätern“ nur empfehlen, mind. im alpinen UIAA III geübt zu sein, um dort einigermaßen „sicher“ unterwegs zu sein.

Und abschließend würde mich natürlich die „fehlende“ Information interessieren, was dieses „kleine“ Verbindungsstück zum Gipfel betrifft. Hat jemand noch den Kaiserführer, 10. Aufl. 1978 [R 121 A] im Regal stehen?

Offline steiger

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Danke für die spannende Lektüre  :)

Hat jemand noch den Kaiserführer, 10. Aufl. 1978 [R 121 A] im Regal stehen?


Bitteschön

• 121A Abstieg über den Nordostgrat
Erstbegeher unbekannt. II (stellenweise), im unteren Teil Schrofen und Latschen. Mühsam, nur im Abstieg zu empfehlen, deswegen auch in diesem Sinne beschrieben. Kaum begangen. Gratlänge 0,8 km, Höhenunterschied ca. 550 m Im Abstieg 2—3 Std.
Abstieg: Die erste, von großen Klötzen und einer Felsnadel ge­ sperrte Grateinsenkung (auch überkletterbar) umgeht man besser in der Südostseite, indem man 50 Schritte vom nördl. Gipfel ent­ fernt durch Latschen etwa 40 m absteigt und dann quert. Vom Gratkopf nördl. der ersten Einsenkung über den Grat, bis ein senkrechter Abbruch, zu einer Umgehung in der Westflanke (Band und kleiner Kamin)Nötigt. Weiter auf dem stark zerrissenen, schrofigen, im unteren Teil Latschen tragenden Grat, einzelne Zacken bald rechts, bald links umgehend abwärts. Auf versteck­ tem Jägersteig durch Latschen zur Jovenalm (1342 m). Von hier in 1A Std östl. abwärts (R 99) zur Großpoiteralm und in xh Std nach Durchholzen.


https://www.dropbox.com/s/7damdxjoegi4mg7/AVF-Kaiser_10A-1978_R121A.pdf?dl=0

Gruß
steiger

Offline geroldh

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#hallo#  steiger  und ein ganz großes #dankeschoen#  für deine unmittelbare Rückmeldung!  #gutgemacht#

Wie ich durchaus schon vermutet habe, steht dort nix von abseilen... sondern von einer Querung auf der Südostseite...
So richtig interpretieren lassen sich Beschreibungen sowieso meist nur im Gelände, aber ich nehme an, dass wir auf dem erwähnten "Gratkopf nördl. der ersten Einsenkung" gestanden sind...  :azn:

Irgendwann werde ich mir das Ganze von der anderen Seite mal ansehen, aber beim darüber-fliegen hatte ich bisher nie richtig auf diesen Gipfel geachtet...  ;)

Offline geroldh

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Eines gleich vorneweg: Dass wir vor drei Wochen auf unserer Kraxel-Tour am Joven-Nordostgrat umgekehrt sind, war die richtige Entscheidung. Bis zum erwähnten Vorköpfl hatten wir kurz zuvor neben einer steileren Schrofenrinne bereits zwei etwas anspruchsvollere Kletterstellen zu überwinden, die mit rund drei Metern Höhe noch „überschaubar“ waren, aber den Bergspezl bereits intensiver gefordert hatten. Das Gipfelkreuz war verlockend nah, aber was auf dem „Weg“ dorthin – bei ungünstigen Absicherungsmöglichkeiten – noch zu überwinden gewesen wäre, hätte sehr wahrscheinlich die Akzeptanzgrenze überschritten. Unser Abstieg zurück war dann ohnehin noch fordernd genug.

Dann wäre da noch die – meiner Meinung nach – zu knappe und als „harmlos“ zu interpretierende Beschreibung aus dem alten AV-Kaiserführer zu präzisieren: „Mühsam“ (im Aufstieg) ist ziemlich „relativ“, macht doch „der Weg nach oben“ meißt den herausfordernden Reiz im alpinen Gelände aus, insbes. beim Kraxeln. Nicht nur Kinder, auch junge Kätzchen müssen beizeiten lernen, dass der Weg auf den Baum hinauf noch „einfach“, aber diesen dann wieder hinunter der schwierigere Teil des Unterfangens ist. „Nur im Abstieg zu empfehlen, deswegen auch in diesem Sinne beschrieben“ und die Schwierigkeit (im Aufstieg?) „II (stellenweise)“ hatten mich vermuten lassen, dass das Abklettern im mir noch unbekannten, nicht einsehbaren Abschnitt vergleichsweise „einfach“ sein müßte. Selbst mit dem Wissen, dass die früheren Schwierigkeitsangaben (in den AV-Führern) heute in der UIAA-Abstufung etwas höher anzusetzen sind, also eine II in Richtung III- und eine III in Richtung IV(-), so ist mir durch zahlreiche Kletter-Touren schon bewußt, dass ich mit (alpinen) UIAA III-Passagen wenig Probleme habe.

Zitat von: geroldh
Irgendwann werde ich mir das Ganze von der anderen Seite mal ansehen, ...

Ich hatte die Vorstellung, beizeiten auf einer anderen Bergtour via dem Normalweg (I bzw. T5) auf die Jovenspitze zu steigen und dann gemäß der Beschreibung abzuklettern, unseren Umkehrpunkt am Vorköpfl zu erreichen, dadurch die fehlende Lücke zu schließen – und anschließend in der leichteren Richtung wieder zurück zum Gipfel hinauf zu steigen. Doch „glücklicherweise“ hat dies, wie es bereits in der Tourendiskussion mit dem Bergwanderspezl war, nicht geklappt, denn ich wäre wohl nicht weit gekommen. Heute möchte ich behaupten, dass dies aufgrund des steilen und unübersichtlichen Geländes eine unsinnige Aktion wäre und die Kletterer, die den NO-Grat wie „empfohlen“ als Abstieg wählen, hier vermutlich mindestens ihren Strick zum Abseilen einsetzen. Ich gehe davon aus, dass ich mit meinen Entscheidungen stets für das strukturierteste Gelände die leichteste Route gewählt habe, aber meiner Meinung nach waren da schon einige (luftige) IIIer-Stellen dabei, die ich nicht abzuklettern bereit gewesen wäre.
Wenn an diesem Gratabschnitt jemand eigene Erfahrungen macht, wäre es interessant hier in diesem Thread davon zu lesen...

Vor dem nachfolgenden Tourenbericht damit für potentielle „Nachahmungstäter“ auch das (persönliche) Fazit vorneweg:
Der Jovenspitz-Nordostgrat ist allenfalls im AUFstieg sinnvoll, als eine herausfordernde Bergfahrt in naher Umgebung bei wirklich stabilen Witterungsverhältnissen (nach Regentagen das Gelände einen Tag abtrocknen lassen). Konditionsstarke Bergsteiger (ausreichend Trinkwasser mitnehmen!), die einen alpinen 3er ohne Probleme klettern können (inkl. selbständiger Beurteilung der Griff-/Trittfestigkeit), einen guten Orientierungssinn und eine robuste mentale Stärke haben, dürften mit dieser abwechslungs- und aussichtsreichen Kraxel-Tour ihre Freude haben. Aber Achtung: Der Fels ist durchwegs brüchig („ungeputzt“) und die Route wird hintenraus teilweise ziemlich luftig, ohne dass es eingerichtete Stand- und Zwischensicherungen gibt. Zeitdruck erhöht das Risiko, doch mit den angegebenen pers. Zeitangaben sollte sich der erforderliche Zeitbedarf einigermaßen abschätzen lassen.


Tourenbericht:
Die „unfertige“ Tour hat mir keine Ruhe gelassen und drei Wochen später gibt es für einen neuen „blauen Montag“ wieder ein Zwischenhoch mit ganztägig stabilen Wetterbedingungen (Anm.: Bereits am Folgetag wird es ab nachmittags im gesamten mittleren Alpenraum großflächige Gewitter geben, die erst gegen Mitternacht abklingen).

Der Bergwanderspezl hat für diesen Tag ein anderes kleineres Bergprogramm geplant – und so starte ich solo um 7:30 Uhr wieder auf ca. 600 m an der Almstrasse von Ebbs zur Aschingeralm und steige in der morgendlichen Kühle den bekannten Weg bis zur Almwiese auf (8:15 Uhr). An einer alten Badewanne, die nun als Viehtränke dient, verlasse ich wieder den Wirtschaftsweg, der nun zum GH Köllenberg hinab führt, nach rechts-oberhalb und steige weglos die Richtung haltend durch den Wald auf, um am Wasserhochbehälter des Vd. Wörnsbaches eine Kehre des nächsthöheren Wirtschaftswegs zu erreichen. Wenig später ist das Almkreuz (ca. 1020 m; 8:45 Uhr) über dem Berggasthaus Aschingeralm erreicht – und spätestens hier muß ich eine grundlegende Entscheidung treffen: Entweder über einen Jägersteig aufsteigen und dann wie vorgesehen von oben die Lücke zu schließen – oder doch über den mir nun bekannten NO-Grat zu unserem Umkehrpunkt am Vorköpfl aufsteigen und von dort versuchen – wie in der Beschreibung angedeutet – ostseitig das Gipfelkreuz zu erreichen. Ich denke mir, dass es mit der weiteren Information aufwärts kletternd wohl einfacher möglich sein sollte, den „Lückenschluss“ herzustellen – und so fällt die Entscheidung für die ursprüngliche Überschreitungs-Idee aus.

Vom letzten Mal habe ich auch „dazugelernt“ noch eine zweite Wasserflasche mitzunehmen und mit dem Wissen, dass es etwas unterhalb des Almkreuzes am Weg von der Aschingeralm in den Aschinger Rieder das letzte Quellwasser gibt, werden dort die beiden bisher leeren Flaschen befüllt und der Rucksack um zwei Kilogramm erschwert. Auf dem Steig ist alsbald die Jovenalm (1342 m; 9:30 Uhr) erreicht und nach einer kurzen Rast (u.a. Sonnencreme auf die „Hautterrassen“ schmieren) geht es zügig auf dem bereits bekannten und beschriebenen Grat zum „Umkehr-Felsköpfl“ mit etwa der GPS-Höhe von 1850 m (12:15 Uhr!) hinauf. Auch heute faszinieren mich unterwegs die Blicke den zerklüfteten Grat hinauf und zum Walchsee (Kaiserwinkl) hinab. Mit den beiden Felsstufen habe ich die selben Mühen wie vor drei Wochen, aber ich verspüre schon deutlich die innere Abneigung, hier ggfs. doch wieder hinunter zu müssen. Am Morgen hatte ich mich auch wieder pro abgespeckter Kletterausrüstung entschieden und vorbereitend ziehe ich den Sitzgurt an und wickele mir den kurzen Strick um den Oberkörper – wenn es erforderlich sein sollte, dann kann ich so eine Selbstsicherung einrichten und mich ggfs. auch ein Stückchen abseilen.

Mit dem vorsichtigen Abstieg durch die schrofige, ostwärts gerichtete Rinne in die Einschartung hinab beschleicht mich ein Gefühl der leichten Unsicherheit, wie es für das Betreten von unbekanntem Neuland gerechtfertigt ist. Zusätzlich wird es durch das Bewußtsein unterstützt, hier allein unterwegs zu sein, auf eigene Entscheidungen zu bauen und nicht die „Sicherheit“ einer (Zweier)Gruppe zu genießen. Nun stehe ich unten auf der schneideartigen Scharte vor einem Felstürmchen und sehe mich um. Westseitig kommt eine geröllige Rinne herauf ([R120] „Nordwestwand“?), auf dieser Seite den Fels zu umgehen erscheint mir nicht vorteilhaft. Auch kann ich erst von hier aus erkennen, dass ich ostseitig nochmals etwas hinab klettern muß, bevor eine erste luftige Querung über eine ansetzende Rinne zu einem kleinen grasigen Plateau möglich ist, von dem kaminartig eine Verschneidung nach oben führt und den plausibelsten Eindruck für ein Weiterkommen vermittelt. Das weitere Gelände ist nicht einsehbar und unter der Annahme, dass es danach vielleicht doch einigermaßen einfach weitergehen könnte („...durch Latschen etwa 40 m absteigt und dann quert.“), wage ich umsichtig die Querung (II), um drüben einen direkteren Eindruck von den Möglichkeiten zu erhalten. In der Rinne ist es feucht, aber links außerhalb ist der aufstrebende Fels strukturiert – hmm, soll ich oder soll ich nicht? Der Gedanke nach einem (erneuten) Zurück ist wenig erquickend und so klettere ich diese (obere) IIer-Stelle hinauf, um etwa auf halber Höhe in den oberen Teil der Rinne hineinzusteigen und hierin zwar etwas leichter, aber dennoch luftig, einen schmalen, aufstrebenden und mit Latschen bewachsenen Felsgrat zu erreichen. Na toll! Dahinter die nächste Steilrinne, die erst etwas höher eine Querung zuzulassen scheint und über mir ein sich nach hinten neigendes Gelände. Steht dort droben vielleicht schon das Gipfelkreuz? Weit weg war es (optisch) ja nicht. An dieser Stelle ist die Gewissheit da, dass wir bis hierher vor drei Wochen wohl nicht durchgekommen wären – und ich andererseits nun auch nur wirklich erschwert zurück kann. Es drängt sich der Gedanke auf, dass die Lösung möglicherweise nur „in der Flucht nach vorne“ liegen könnte und gleichzeitig formuliert sich die mentale Bitte ans „Universum“, dass ich doch gut zum Gipfelkreuz durchkommen möge. Puh, nun heißt es ruhig und konzentriert bleiben, jeden Griff und Tritt sorgfältig auszuwählen. Der ostwärts ausgerichtete Latschengrat geht einige Meter nach oben (II), anschließend kraxele ich im einfacheren Gelände weiter – und stehe auf einem weiteren Felsköpfl (13:00 Uhr), ziemlich genau in der Hälfte zwischen dem „Vorköpfl“ und dem nun wieder sichtbaren Gipfelkreuz – und dazwischen eine weitere Scharte. Muß das sein? Also kurz rechts und links geknippst und dann vorsichtig wieder abgestiegen, bis eine kleine Stufe mich um eine Kante in den grasigen Teil oberhalb der Rinne hinein läßt. Hier habe ich den Eindruck, eine Art Spur zu erkennen. Sollte diese womöglich von einem häufigeren Abstiegsversuch von oben herab herrühren? Ich quere auf diesem Geröllbandl relativ einfach hinüber bis eine weitere Rinne ein weiterqueren unterbindet und stehe nun unter einem steileren Felsriss, in dem auf halber Höhe ein paar Steine eingeklemmt scheinen. Inzwischen ist meine Bitte etwas zum Mantra geworden, aber wirklich weit kann es doch nun nicht mehr sein... Ich vermeide das nach hinten-unten schauen, um mich nicht zu verunsichern, und mustere die vorhandenen Möglichkeiten: Rechts auf dem Fels ist es mir zu luftig, auch könnten weiter oben Griffmöglichkeiten zu spröde sein, ich werde im Riss aufsteigen und dabei die unsicheren Klemmblöcke meiden. Ist dies noch eine II oder vielleicht doch schon eine III-? Eigentlich ist die Antwort egal, ich spreize mich in den Riss und ziehe mich nach oben. Dort hätte ich nun die Möglichkeit rechterhand eine kleine Schlucht auf einem etwa einen Meter breiten und über zwei Meter langen Klemmblock zu überschreiten um dadurch auf den Grat hinauf zu gelangen oder geradeaus meinen Erfolg zu suchen – an dieser Stelle kann ich das Gipfelkreuz noch nicht erkennen. Ich entscheide mich für geradeaus – und tatsächlich das Gipfelkreuz ist einige Meter links vor mir, offenbar nur mit einem grasbewachsenen Grat verbunden. Wow, geschafft, ein Foto mit der Pyramidenspitze im Hintergrund gemacht – und gegen 13:30 Uhr bekommt das GK der Jovenspitze (1892 m) einen erleichternden Kuss von mir, es ist die Unsicherheit nicht doch in einer „Sackgasse“ zu landen, die nun von mir abfällt.

Während ich nun innerlich triumphierend das GK von beiden Seiten fotografiere kommt ein junger Bursch den Normalanstieg [R118a] herauf – und frägt mich, wie denn dieser Gipfel heißt. Häh!? Du steigst auf einen Berg ohne dessen Namen zu kennen, resp. dich damit zu beschäftigen bzw. vorzubereiten!? Nun gut, ich antworte ihm, es sei die Jovenspitze (die ich mir so hart erkämpft habe), worauf er antwortet, dann wäre er auf dem falschen Gipfel gelandet, denn die Pyramidenspitze wäre sein eigentliches Ziel... Ich tausche mich noch etwas mit ihm aus, zeige ihm auf der AV-Karte drei potentielle Abstiegsmöglichkeiten (inkl. ihrer Tücken) als Rundtour hinab nach Durchholzen/Walchsee – und während er absteigt widme ich mich dem Gipfelbuch. Dort ist nicht nur in der Einleitung erwähnt, dass viele Besteiger „vom rechten Weg“ abkommen und irrtümlich auf diesem Gipfel landen, sondern auch mind. jeder zehnte Eintrag erwähnt dieses Mißgeschick. Dabei fällt mir auch wieder ein Internetbericht ein, auf den ich bei der vorbereitenden Recherche gestoßen bin, und in dem berichtet wird, dass eine Gruppe/Familie sich ebenso in dieses Gelände verstiegen hatte und sich nicht mehr zurück trauend die Bergwacht gerufen hat, die sie dann gesichert zum Steig auf die Pyramidenspitze zurück geführt hat. Nun, wenn dies so oft passiert, warum wird dann unten am „Abzweiger“ kein „Depperl-Wegweiser“ angebracht?

Eine einstündige Gipfelrast mußte einfach drin sein, dann steige ich von einem Gipfelbucheintrag inspiriert, über den brüchigen Südwestgrat weiter auf den benachbarten Gipfelpunkt (14:45 Uhr). Ohne Steine als Gefahr für den tiefer verlaufenden Steig loszutreten kraxele ich teilweise luftig über dem Nordabbruch auf dem Grat weiter (dabei ist eine luftige IIer-Stelle im Abstieg zu überwinden!) der Pyramidenspitze (1997 m) entgegen, die ich völlig komfortabel auf dem gesicherten Steig mit der Klammerleiter erreiche (15:30 Uhr). Nun breitet sich auch das weite Gratplateau in Richtung Inntal aus, das es zur Vorderkaiserfeldenhütte zu durchqueren gilt. Während dort zwischen den Latschen Mittags oft die brütende Hitze steht, geht nun am späteren Nachmittag ein frisches Lüfterl, das auch die kleinen Gegenanstiege erträglich macht. Den kurzen Abstecher hinüber auf’s Petersköpfl (1745 m; 17:00 Uhr) nehme ich noch mit, der Blick an der Naunspitze vorbei hinab ins Inntal ist es allemal wert, dann führt der Steig an einer gefassten Quelle vorbei hinab zur Vorderkaiserfeldenhütte (1388 m; 17:45 Uhr). Da nun meine Beine „zum Maulen“ anfangen, gönne ich ihnen dort eine Pause – und mir ein „blondes isotonisches Kaltgetränk“ als verspätetes Gipfelbier. Etwas später als vorgesehen trete ich gegen 19:00 Uhr den weiteren Abstieg an und steige nun zügig auf dem mir bisher unbekannten „Musikantensteig“ [AV 811] dem Ausgangspunkt (600 m; 20:00 Uhr) entgegen, an dem ein bachgekühltes Bierflascherl auf mich wartet – Zeit diesen intensiven Bergtag im Angesicht der Zahmen Kaiser Nordwände noch einmal Revue passieren zu lassen.

Online Reinhard

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Servus Gerold,

ich habe deine Tour auf die Jovenspitze(n) mit Interesse gelesen!

Es ist schon wirklich ich schätze über 15 Jahre her, dass ich einmal auf die Jovenspitzen gegangen/geklettert bin (Normalweg). Insgesamt habe ich die Tour als nicht sehr angenehm Erinnerung, da ich im Aufstieg ein- oder zweimal umkehren musste, weil ich den falschen Weg eingeschlagen hatte. Eine Markierung gab es damals nicht. Das Gipfelerlebnis ist natürlich sehr positiv!

Seitdem bin ich aber vorsichtiger geworden bin, was die Veröffentlichung von schwierigen Tour betrifft.

Jovenspitze:   http://www.roberge.de/tour.php?id=178

Deshalb meine Frage, ob jemand diesen Normalweg gut kennt, und ob sich seitdem evtl. Änderungen ergeben haben? Gibt es inzwischen eine Markierung, oder ist der Weg inzwischen besser erkennbar? 15 Jahre sind ja doch eine lange Zeit.

 #danke1#

Offline geroldh

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Zitat von: Reinhard
...
Es ist schon wirklich ich schätze über 15 Jahre her, dass ich einmal auf die Jovenspitzen gegangen/geklettert bin (Normalweg). Insgesamt habe ich die Tour als nicht sehr angenehm Erinnerung, da ich im Aufstieg ein- oder zweimal umkehren musste, weil ich den falschen Weg eingeschlagen hatte. Eine Markierung gab es damals nicht. ...
...
Deshalb meine Frage, ob jemand diesen Normalweg gut kennt, und ob sich seitdem evtl. Änderungen ergeben haben? Gibt es inzwischen eine Markierung, oder ist der Weg inzwischen besser erkennbar? 15 Jahre sind ja doch eine lange Zeit. ...


Ich habe diesen sog. "Normalweg", der immerhin die "einfachste" und kürzeste Möglichkeit darstellt, nicht benutzt, aber von oben in das Gelände hinab geschaut.
Meiner Auffassung nach hat sich da in all den verg. Jahren nichts geändert, d.h. keine farbigen Markierungen (im Gegensatz zum offiziellen Anstieg auf die Pyramidenspitze) und allenfalls Trittspuren (im Gegensatz zu einem ausgeprägten Steig auf die Pyramidenspitze).
Wie in der Einleitung im derz. Gipfelbuch angedeutet, fixieren viele "Irrläufer" nach dem steileren Aufstieg aus dem Winkelkar nur noch das (falsche!) Gipfelkreuz und achten nicht mehr auf fehlende rote Markierungspunkte und ausgeprägte Begehungsspuren. Es ist also meißt einer mangelnden Aufmerksamkeit geschuldet...

Hier die Verknüpfung auf den erwähnten Einsatzbericht der Bergrettung Kufstein mit Bildern aus dem Gelände:
Personenbergung von der Jovenspitze (Juli 2015)