01.10.23: Leoganger SB: Via „Wilderersteig” auf‘s Birnhorn (Versuch)

Begonnen von geroldh, 08.10.2023, 22:48

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geroldh

...oder: Auf der Suche nach dem Südwestgrat...  #gruebelgruebel#

Anm.: Dies ist nach der letztjährigen Begehung der Haitzmannscharte eine weitere historische Tour in den Leoganger Steinbergen.


Das Birnhorn mit 2634 Meter als den höchsten Gipfel in den Leoganger Steinbergen kannte ich bisher nur auf den klassischen Wegen: Vor vielen Jahren von Ullach mit 'nem Abstecher am Birnbachloch vorbei via der Passauer Hütte und dem Melkerloch bzw. dem ,,Hofersteig" auf den Gipfel und dann via dem Kuchelnieder wieder zurück. Eine Überschreitung des Bergstockes von Nord via Hochgrub nach Süd ist noch länger her – vermutlich mit einer Hüttenübernachtung und einem Gipfelbesuch, doch weiter lassen sich keine Details mehr in meiner Erinnerung finden... #gruebeln#

Vor einigen Jahren wurde ich dann auf ein Video aufmerksam, das mich – inzwischen bereits anspruchsvoller und auch einsamer unterwegs – sehr angesprochen hat und sofort den Wunsch nach einer Begehung dieser historischen Route hat wachsen lassen:
Leoganger Steinberge, Wilderersteig, Birnhorn S-Wand (Okt. 2010)
ZitatEin vergessener Weg in den Leoganger Steinbergen ist der Wilderersteig durch die Birnhorn S-Wand. Dieser Steig, in der 2-höchsten Wand der Ostalpen, wurde von Werner Herzog filmisch in Scene gesetzt und eröffnet eine völlig neue Perspektive dieser großartigen Wand.
Hierbei handelt es sich um einen hervorragend gemachten Kurzfilm vom ,,kleinen" Werner Herzog, der als Lehrer im benachbarten Saalfelden zuhause sein soll und damit ein wenig ,,Zeitreise" in seinen Heimatbergen betrieben hat.

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Die Birnhorn-Südwand erwacht. Am ehem. ,,Lawinen-Gletscher" am Wandfuß (vgl. ,,Eiskapelle") wurde früher Eis für die Münchener Brauereien ,,abgebaut" und via Holzrutsche und Fuhrwerk zum Bahnhof Leogang gebracht.

Mit dem Wandbild und dem skizzierten Routenverlauf im Video (@1:15 Min.) gibt es den elementarsten Hinweis auf diese Möglichkeit einer ,,einfachen" Begehung der fast 1400 m hohen Südwand, die nicht nur eine imposante Szenerie bietet, sondern teilweise sehr steile Abbrüche aufweist und als zweit-höchste Wand der Ostalpen häufig mit der Watzmann-Ostwand verglichen wird. Alpin-Klettern in den oberen Schwierigkeitsgraden lässt es sich dort grundsätzlich überall...

Einfach nur dem Motto ,,Probieren geht über Studieren" zu folgen, kann im anspruchsvollen alpinen Bereich schnell zu ganz neuen ,,Lebenserfahrungen" führen, daher wollte ich gerne zusätzliche Informationen, um diese Tour besser einschätzen zu können. Eine aus zweiter Hand erhaltene Aussage wie ,,den Wilderersteig macht man am besten erst nachdem die Watzmann-Ostwand erfolgreich durchstiegen wurde" gibt mir mit einem mentalen ,,Erledigt-Häkchen" nur wenig mehr Zuversicht – auch erfahrene Berggänger können sich ,,saublöd" im unbekannten Gelände versteigen...
Dennoch: Die klassische Originalführe durch die Birnhorn-Südwand wurde schon um 1900 erstbegangen.

Mit nur einem im Internet gefundenen Tourenbericht Birnhorn - Wilderersteig am 01.11.2016 gibt es einige ergänzende Hinweise – und für mich das Verständnis, dass die (eigentliche?) Route ,,Wilderersteig" den III-ten Schwierigkeitsgrad nicht erreicht (u.a. endet das Video unterhalb des Gipfelaufbaus) und diese Kletterfähigkeit erst beim Ausstieg an zwei kurzen Felsstufen am Südwestgrat zu bewältigen sei (ergänzende Info aus dem AV-Führer: R 737: zwei kurze Stellen III, Rest I und II, 150 m, ca. 45 Min.) ...
[Anm.: Die im Bericht erwähnte Tafel beim Parkplatz mit ,,allen gängigen Kletterrouten ... Abbildung ... der Wilderersteig ist darauf mit dem Grad III angegeben" gibt es nicht mehr (wurde zuletzt gesehen im Sommer 2022) und ist offenbar ,,zum Jahreswechsel" durch die (neue) Klettersteig-Info ersetzt worden.]

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Auch der ,,Pinzgawurm" – Namensgeber für eine moderne Kletterroute – ist bereits aktiv. Sein späteres Bestreben uns zu ,,umarmen", bleibt aber erfolglos.

Achtung: Sollte sich aufgrund meines Erlebnisberichts jemand für diese Tour interessieren – hier mein gelerntes Fazit vorab (subjektive Einschätzung im Rahmen meiner bisher begangenen Route):
Bitte nicht nachmachen – wenn die Leistungsfähigkeit, aber auch das Durchhaltevermögen, die Orientierungsfähigkeit, Trittsicherheit, etc. oder die Witterungsbedingungen nicht passen!
Beim ,,Wilderersteig" gibt es lediglich einige Begehungshinweise und keinerlei Markierungen. Die Route bewegt sich in einer großen ,,Wand" überwiegend im T5-Bereich und hat Abschnitte T4 und T6.
Oben im reinen Felsbereich angekommen werden dann je nach Routenfindung wohl auch sichere (aber ungesicherte) Kletterfähigkeiten von UIAA III / ggfs. IV- erforderlich. Selbst bei unserem Ausqueren auf einem breiten, hängenden Schuttband mussten wir mind. zweimal eine kleine Rinne durchklettern, die an ihren Flanken unsere alpinen Kletterfertigkeiten forderten.
Ein Vergleich mit dem ,,Berchtesgadener Weg" in der Watzmann-Ostwand ist nicht abwegig.

Bei solchen großen (und obendrein unbekannten) Bergprojekten entsteht ein Gefühl der inneren Unsicherheit – und vielleicht wirkt auch die ,,Auslastung" u/o ,,Bequemlichkeit" in unserem Alltag etwas mit – so dass sich der Gedanke einstellte, nach jemanden zu suchen, der die Route bereits kennt und diese mal wiederholen würde... Hierbei ist die Wahrscheinlichkeit für einen ,,Erfolg" natürlich höher, doch während der Tour entfällt die Spannung bzw. der Spaß in Bezug auf die eigenständige Routenfindung – und am Ende noch die Freude, es auch selbst gefunden und geschafft zu haben.
Gerne gehe ich bei Anfrage eine Tour ,,einfach" nur mit, doch ich kenne auch die andere Möglichkeit, wenn man einer Idee folgend ein Gebiet entsprechend erforscht, eine Routenmöglichkeit findet und dann – sofern sich das Ganze als ,,lohnend" herausstellt – immer wieder seine Freude daran hat diese gefundene Tour zu wiederholen (und zu optimieren).

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Aufstieg "parallel" zur Kletterroute auf/in? die sog. ,,obere Küh". Die Kletterroute mit -zig Seillängen folgt dann irgendwo neben der Schlucht ,,Bretgraben"...

Also hatte Ich vorab eine bestmögliche Vorbereitung betrieben:
Das Wandbild (aus dem YT-Video) mit der Routen-Skizze(!) wurde ausgedruckt – und ergänzend auch noch das Luftbild/Orthophoto, in das die dargestellte Route übertragen wurde. Im Nachhinein betrachtet hat es im Felsen/Latschen-Bereich ganz gut gepasst, auch was die Übereinstimmung der Skizze mit der Vor-Ort-Situation betrifft. Oben im Felsbereich gab es aber zu wenig Anhaltspunkte und die Linienführung wird durch die Geländeneigung verzerrt – so dass ich hier nur noch vermuten konnte und wir es dann eben nicht ganz ,,passend" erwischt haben (vgl. nachfolgende Ausführungen).
Ohne jegliche Ortskenntnis der Birnhorn-Südwand gab es einfach Fehlinterpretationen bzw. nach wie vor unklare Abschnitte aufgrund des im Internet gefundenen Tourenberichts sowie der knappen Beschreibung der Umgebungsrouten im entspr. AV-Führer (3. Aufl. 1991). Grundsätzliches Ziel war jedoch, durch Aufmerksamkeit im Gelände die ,,beste" Möglichkeit zu finden und nicht an die Leistungsgrenzen zu gelangen. Aus einem anspruchsvollen Gelände ist eine Rückzugsmöglichkeit meist schwierig, bei Überwinden von (persönlichen) Schlüsselstellen oft auch nicht mehr möglich – damit die Hoffnung oder die Notwendigkeit in der ,,Flucht nach vorne" – oder wenn's ganz blöd läuft, die Erkenntnis ,,in der Sackgasse" zu sitzen...

Später zufällig auch in den ,,Kletterführer Steinberge" (2021) von Adi Stocker hinein gespickt, gibt es darin auch ein Foto von diesem Wandbereich, in das der ,,Wilderer-Steig" ansatzweise skizziert ist und vermuten lässt (die Linie endet mit Pfeil), dass ,,auf Höhe des Wildzacken" die Ost-Querung zum beginnenden Süd-Grat (ggfs. dort als ein Teilstück des alten ,,Albin-Roessel-Weges"?) nicht erforderlich ist, sondern eher leicht nach links weiter zum großen schrägen Schuttband unter dem steilen Felsaufbau aufgestiegen wird – vielleicht um dann dort ,,auf der Höhenlinie" nach Westen zum Daubenkopf (2355 m) und dem Ritzenkar auszusteigen – eben ähnlich wie es am Ende auch wir gemacht haben. Die damaligen Wilderer dürften sicher mehr ,,Kraxler" als ,,Kletterer mit Gipfelambitionen" gewesen sein – insbesondere mit 'ner schweren Gams im Rucksack...
Hinweis: Der ,,Bergführer Steinberge" (ein Auswahlführer mit bekannten, neueren? Anstiegen – oder auch historischen Kraxelrouten?) von Adi Stocker als Neuauflage erscheint Ende Oktober 2023.

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Ausblick (nach West) von der ,,obere Küh" mit markantem Schaflzack'n (1735 m).

Diese Tour solo zu probieren, was auch ein kontinuierliches Erkunden und Entscheiden beinhalten würde, wollte ich nicht riskieren, dafür waren mir die Informationen zu vage, diese Wand insgesamt zu unbekannt – und definitiv zu groß. Eigentlich hätte auch almrausch Interesse an dieser Route gehabt, doch in diesem Jahr wurden ihr leider gesundheitliche Einschränkungen auferlegt, was einen Abstieg über viele hundert Höhenmeter betrifft.
Mit Herbert fand sich jedoch praktischerweise schnell jemand, der mit einer hervorragenden Kondition ausgestattet ist und viel bessere Kletterfähigkeiten hat als ich, dies kann und wird mich unterwegs ,,entlasten". Und sollte unterwegs doch etwas passieren, dann kann eine zuverlässige Begleitung einen entscheidenden Punkt darstellen.
Als weitere Reserve haben wir mit einer rudimentären Kletterausrüstung (Gurt, HMS und Tube, Schlingen und dünnes, kurzes Seilstück) die Möglichkeit im Bedarfsfalle uns etwas zu sichern oder bei einem ,,Verhauer" kurze Stufen abzuseilen. Am Ende der Tour werden wir es – ebenso wie die Hirnbirn und anderes Notfallmaterial – unbenutzt ,,spazieren" getragen haben.

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Der "Wächter" des ,,Rauriedl" – er lässt uns unbehelligt gewähren.

geroldh

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Blick zurück auf/in? die ,,obere Küh". Der ,,Bretgraben" dahinter wirkt ein wenig wie ein altersgrauer Gletscher...

Frühes Aufstehen ist angesagt: Wir treffen uns um 5:00 Uhr an der A8-Ausfahrt in RO-Pfraundorf und fahren via Kufstein-Süd und St. Johann nach Leogang. Die Straßen sind um diese Zeit des Sonntages leer, dennoch sind Geschwindigkeitsbeschränkungen und die Straßenführung die limitierenden Faktoren.
Der Parkplatz Ullachtal (878 m / Trinkwasserbrunnen) wird gerade mit dem Einsetzen der Morgendämmerung um 6:30 Uhr erreicht. Anfangs auf dem Wirtschaftsweg, wenig später dem Wanderweg, haben wir den Birnbach an unserer Seite (hier gäbe es noch eine letzte Möglichkeit die Wasserflasche zu befüllen) und nach etwa einer halben Stunde haben wir den ersten guten Blick auf die vor uns aufragende Birnhorn-Südwand.

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Inmitten des ,,Rauriedl" – dies ist die Stelle vom YT-Video bis @3:35 Min. (= frisch geschnittene Latschenäste kurz vor dem Filmschnitt)

Der (alpine) Wandersteig weiter rechts hinauf zur Sehenswürdigkeit Birnbachloch (= ,,Quelle" dieses Bachs) wird verlassen und der trockene Graben nach links auf einen grasigen Schrofenhang gequert. Gegen 7:30 Uhr erreichen wir den vermuteten ,,Einstieg" in die Wand auf ca. 1250 m und machen dort gleich mal kurz Aus-/Umziehpause, da die Morgensonne bereits ihr wärmendes Licht zu uns schickt.
Der Abgleich der Routenskizze mit der Struktur in der Natur lässt uns noch etwas nach links / westlich aufsteigen, aber das hier noch taunasse Gras ist dabei wenig hilfreich, da zu rutschig. Die Schuhsohlen suchen daher kleine Absätze oder den direkten Felskontakt – Möglichkeiten zum Höherkraxeln gibt es hier einige.

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Blick nach rechts (Ost) – neben der Bildmitte ein ,,kleiner" Felsturm – möglicherweise noch unbestiegen...

Ein kleines Felsband ausweichend, tendieren wir nun etwas nach rechts / östlich und entscheiden uns einer kleinen Rinne weiter hinaufzufolgen, die uns direkt auf den fast latschenfreien Rücken neben dem großen Graben führt. Damit haben wir die ersten drei SL der Kletterroute Pinzgawurm umgangen und es folgt der wohl einfachste und gemeinsame Abschnitt für beide Routen (4. SL = ,,150m Gehgelände").
Etwa um 8:30 Uhr und auf ca. 1500 m wird die im Wandbild bezeichnete Stelle ,,Bretgraben" erreicht – kurz unterhalb befindet sich ein Standplatz (für 5. SL) der hier weiterführenden Kletterroute mit 45 SL(!).

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...und schräg nach oben – eine ,,kleine" Südwand in der großen Südwand...

Die nun erreichte, mit Gras und Latschen bewachsene Gelände"abflachung" unter der sich aufbauenden Wand wird im Video als ,,obere Küh" bezeichnet. Hier wird in westliche Richtung gequert und neben einer kleineren Rinne aufgestiegen, um den weiteren ,,Einstieg" zum kegelartigen, latschenbewachsenen Felshöcker, wohl als ,,Rauriedl" benannt, zu finden.
Auf einem ,,hängenden" Band und durch Latschen hindurch wird zügig Höhe gemacht. Mitunter durch das Fotografieren bin ich ,,im Nachstieg" und erkenne somit die Sequenz im Video wieder (@3:35 Min.), bei der mir am Vorabend noch frisch geschnittene Latschenäste aufgefallen sind. Dies sind natürlich eindeutige Hinweise darauf ,,richtig" zu sein. Etwas weiter oben gibt es bereits wieder mehr Interpretationsmöglichkeiten, doch mit dem Überschreiten der ,,Gipfelwiese" auf ca. 1750 m und etwa um 9:45 Uhr ist ein weiteres markantes Etappenziel erreicht. Bei einer kurzen Pause lassen wir unseren Blick hinüber zum Schaflzack'n (1735 m, Normalweg II bis III) schweifen, auf dessen bekreuztem Spitz gerade zwei Kletterer angekommen sind.

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Blick nach links (West) – woher nur leitet sich der Name ,,Schaflzack'n" ab?

geroldh

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Auf dem ,,Rauriedl" angekommen (,,Gämsen-Weide" und Pausenplatz) – irgendwo in Bildmitte geht's weiter...

Entsprechend der Skizze vom "Wilderersteig" befindet sich die Stelle ,,Gamssprung" auf dieser Höhe. Nach einem kurzen Absteigen gelangen wir zu ihr – es ist ein schmaler Felsspalt, der sich beidseitig in Rinnenansätzen nach unten fortsetzt und damit den ,,Rauriedl" etwas vom Bergstock absetzt. Sie dürfte einen knappen Meter breit sein und interessanterweise befindet sich drüben auf gleicher Höhe ein schmales Felsband. Ich schaue mir die Stelle genauer an und probiere etwas herum. Direkt auf einen leicht rutschigen Latschenast zu steigen und zu springen ist mir zu unsicher, aber den linken Fuß direkt unterhalb auf eine kleine Felsnase zu stellen und dann mit dem rechten hinüberspreizen ist zwar nicht so spektakulär, aber kontrollierter, zumal sich für die rechte Hand auch ein guter Griff zum Hinüberziehen findet.

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...doch dazwischen ist der ,,Gamssprung" zu bewältigen, mein anschließender Vorstiegs-Verhauer zu vermeiden und der kleine ,,Sims um's Eck" zu finden.

Danach ist das Gelände ein Mix aus Felsen und Schrofen – und vor allem (perspektivisch) etwas unübersichtlich. Ich bin voraus und kraxle einen Nasenansatz hinauf, in der Annahme, dass es dahinter weitergehen sollte. Da sich dies nicht ganz so einfach gestaltet, blickt Herbert nochmal in die Umgebung und folgt einer Intuition zwischen zwei Latschen hindurch – dahinter eine größere Schlucht, aber eben auch wiederum ein schmales Band, das zuerst um's Eck' und dann leicht abwärts dort hineinführt.

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Blick zurück auf eine historische Steiganlage – dahinter die ,,Gipfel-Wiese" des ,,Rauriedl".

Linkerhand dieser, nach oben hin breiter werdenden Rinne, geht der Aufstieg ebenso einfach und mit viel Freude weiter, um schließlich ganz den Rücken dieser großen Geländerippe anzustreben und darauf, mal etwas zur einen oder anderen Seite ausweichend, wenige hundert Höhenmeter zu bewältigen.

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Blick zurück von weiter oben – der Dunst stammt heute tatsächlich von alten Rußpartikel (Aerosole) der wochenlangen Brände in Kanada.

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Blick voraus – noch gibt das Gelände die einfachere Richtung vor – aber weiter oben wird es spannend...

geroldh

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Blick nach links (West) – nun wird der (anlehnungsbedürftige?) Wildzacken (2093 m) dominanter.

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Blick wieder voraus – immer noch gibt das Gelände die einfachere Richtung vor – aber bald wird es unübersichtlicher...

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Blick zurück von noch weiter oben – es könnte so gerne weitergehen...

Gegen 11:30 Uhr haben wir in etwa die Höhe des ,,Wildzacken" (bzgl. dem Wandbild) erreicht [Wildzacken (2093 m, Normalweg stellenw. III+)]. Unser Geländerücken ist inzwischen ziemlich breit geworden und nach oben hin wird es zwar etwas felsiger und steiler, doch ließe sich hier sicher gut weiterklettern.
In diesem Bereich, die Rinne hat sich noch weiter zu einer Art Mulde aufgeweitet, deutet die Skizze jedoch einen ,,Schwenk" nach Osten an und hat in der Folge die Beschriftung ,,S-Grat".
Somit beginnen wir, nun doch bereits etwas zu weit oben, leicht absteigend unsere Querung in Richtung Osten zum ,,Südgrat" hinüber, der nach unten hin keine Fortsetzung findet, wegen eines anschließenden Wandabbruchs.

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Blick nach links (West) – nun sind wir ,,auf Höhe des Wildzacken" (ca. 2050 m) – also hier soll der ,,S-Grat" mit ins Aufstiegs-Spiel kommen...

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Blick nach rechts (Ost) – bereits auf dem (unteren) ,,S-Grat" unterwegs. Einfach grandios!

geroldh

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Blick wieder voraus – das Gelände gibt nun vermeintlich die ,,richtige" Richtung vor – und bald wird es immer unübersichtlicher...

Der Süd-Grat hält mit einem kleinen Köpfl, dem Ende der unten gequerten Schlucht, noch eine kleine Verhauer-Stelle bereit, die sich östlich relativ einfach umgehen lässt. Der nächste Aufschwung wird noch erklommen, dann gibt's etwa um 12:30 Uhr eine kleine Mittagspause, bei der wir erneut die Situation beurteilen. Wir haben die Sonne genau im Rücken als der Blick weiter hinauf wandert, daher ist das Gelände etwas wenig plastisch, doch offenbar sind wir nun etwas unterhalb eines größeren Felsaufschwungs mit einer kleinen höhlenartigen Nische angekommen, den die Skizze mit der angedeuteten Ausbuchtung umgeht.

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Nach der Mittagspause auf dem "S-Grat": Oben steilt es sich für den Gipfelaufbau deutlich auf.

In diesem Bereich nach links/westlich auszuweichen ist definitiv einfacher, auch wenn bei dieser leicht ansteigenden Querung wieder auf die losen Steine zu achten ist. Wir schauen immer wieder nach oben, denn die Route soll wenig später ja nach oben weiterführen, doch erkennen dort eher steiles (Kletter)Gelände.

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Wir sind vermutlich an der im Wandbild (vgl. Video) angedeuteten (kleinen?) Ausweichstelle – irgendwie ist über uns nur steileres Gelände erkennbar...

Nun verlieren wir die skizzierte Routenführung aus den Augen. Einerseits vertrauen wir der roten Linie im Wandbild nicht mehr und andererseits nehmen wir uns auch nicht die Zeit, das als zu steil erscheinende Gelände genauer anzusehen.
Aus der späteren Nachbetrachtung heraus hätte sich ab hier vermutlich der Aufstiegscharakter der Route verändert, indem zunehmend Felsstufen für den Gipfelaufbau zu erklettern gewesen wären. Die zwischendurch erreichten Bänder sind jedoch von unten nach oben gesehen nicht sichtbar und es kann vielmehr der Eindruck einer eher glatten Kletterwand gewonnen werden.
Dazu ist im Hinterkopf gespeichert, dass nach oben hinaus der Südwestgrat für das Gipfel-Finale erreicht wird. Unser Blick nach Westen zeigt (vermeintlich) einen nach Süden hinabziehenden Grat – das Hirn macht daraus kurzerhand ,,Südwestgrat" – und wir lassen uns dazu verleiten, in diesem einfacheren Gelände noch weiter zu queren...

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Über uns erscheint es ,,etwas" zu steil, um nur zu kraxeln – doch der Blick nach links-oben lässt ,,am Horizont" den Südwestgrat (hinauf zum Birnhorn-Gipfel) vermuten...

Zuhause bei der Nachbetrachtung der Tour wird mir klar, dass wir uns an der (im Wandbild verzeichneten) ,,Ausweichpassage" viel zu wenig Mühe gemacht haben, die mögliche Routenführung zu suchen... Perspektivisch hat sich zu steil und unnahbar (zum Kraxeln) das Gelände dort aufgesteilt. Dagegen sind wir dem objektiv einfacheren Gelände gefolgt, eben wie zwei Esel, denen man eine Karotte "Südwestgrat" vor die Nase hält...

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Der Blick bei der weiteren Querung auf dem schrägen Schuttband nach unten – hinter dem linken Höcker war unser vorheriger Aufstieg...

geroldh

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Aber beim Blick nach oben nur steiler Fels – ein alpines Klettern ist möglich, wie z.B. die Route ,,R 735 Westpfeiler" (IV-) aus dem AV-Führer (3. Aufl. 1991).

Kaum haben wir den vermeintlichen Südwestgrat erreicht, dürfen wir auch schon erkennen, dass es nur ein südlicher Ausläufer der darüber nach wie vor steilen Felswand ist und es westlich davon in ähnlicher Weise weitergeht, bis zu einem (vermeintlich) nach Süden hinabziehenden Grat...
Nun haben wir uns mental auf die Richtung eingeschossen und lassen uns auch vom Durchklettern einer schmalen und steilen Rinne nicht abhalten, auch wenn dies an der gewählten Stelle nicht ganz trivial ist. Abschließend gibt es eine weitere Rinne mit brüchigem roten Gestein, in die wir vorsichtig hinein und in ihr nach oben müssen, denn nun ist oben tatsächlich der ,,Südwestgrat" zu erkennen.

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Unsere Querung hat nun doch einen ,,Grat" (wohl den Daubenkopf (2355 m)?) gefunden: Aber wir sind zu tief – über uns der (steile) Jauzkopf (2492 m), ein dem Birnhorn-(Süd)Westgrat vorgelagerter Gipfel.

Gegen 14:00 Uhr wird eine kleine plateauartige Fläche erreicht, ein Steinmännchen grüßt von oben auf einem kleinen Absatz herunter, dahinter aber wieder steiler Fels. Wir sehen uns die Möglichkeit(en) an, diesen ersten Absatz hinaufzugelangen, aber es scheint wohl keine III mehr zu sein – und auch gibt es keinen (alten) Sicherungshaken, den wir an einer solchen Stelle erwarten würden...
Da wir uns auf etwa 2350 m befinden, müssen wir erkennen, wohl den Daubenkopf (2355 m, Normalanstieg via Gamskogel) gefunden zu haben – und der steile Felsgupf, der sich über uns aufbaut, wohl der Jauzkopf (2492 m), ein dem Birnhorn-(Süd)Westgrat vorgelagerter Gipfel, ist.
So erkunden wir dort das Gelände nach weiteren Möglichkeiten eine knappe Stunde lang und entscheiden gegen 15:00 Uhr eine Abstiegsquerung nordwestseitig in das Kar unter der
Ritzenkarscharte (ca. 2400 m) hinein, in dem bald (aufgefrischte) Markierungen zu erkennen sind.

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Unter der Ritzenkarscharte (ca. 2400 m) erreichen wir den markierten Steig und finden darauf das Ritzenkar hinunter bis zur Abzweigung zur Riedlspitz (1480 m).

So haben wir zwar nicht den Gipfel des Birnhorn's erreicht, aber doch ohne größere Probleme aus der großen Südwand seitlich herausgefunden. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit ist der Abstieg durch das Ritzenkar am sinnvollsten, auch wenn dann unten im Tal noch ein Hatscher zurück zum Parkplatz auf uns wartet.
Mit der Riedlspitz (1480 m / ca. 16:45 Uhr) haben wir wohl die Halbzeit vom Abstiegsweg, unterhalb der Riedlalm versuchen wir nun möglichst gut nach Osten zu gelangen, doch die Überwindung des Rückens Vorderer Sonnberg mit kurzen Gegenanstiegen bleibt nicht erspart.

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Bereits unter der Riedlalm (ca. 1200 m) noch einmal der Blick hinauf: Do drob'n samma umanand gstroaft ... (rechts der Bildmitte der Wildzacken).

Zurück am Parkplatz sind wir gegen 18:30 Uhr – und damit mit dem Einsetzen der Dämmerungsphase.
Die Rückfahrt geht zügig vonstatten, in Brannenburg gibt es einen Boxenstopp für das verdiente ,,Tourenbier" mit Pizza, am Ende noch etwas Radl-Fahrt und um 21:30 Uhr findet dieser lange Tourentag sein gutes Ende.

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Screenshot (Ausschnitt): Das obere Wandbild mit der ,,Soll-Route" – und unsere Ausquerung ,,auf der Suche nach dem Südwestgrat"... ;)

MANAL

Spannende Geschichte Gerold. Weit außerhalb dessen was ich machen kann und will, aber du nimmst einem mit deinem Bericht gut mit. Auch schaffst du es deine Leidenschaft für diese Art Bergsteigen zu vermitteln. Auch sehr positiv die Beschreibung von dem drumherum um überhaupt solch ungewisse Touren sicherer zu machen.

Ich werde es nie nachgehen, aber ich lese gern deine Berichte. #danke1#

Bei mir steht nur irgendwann mal der Südwannsteig vom Birnhorn an. Für dich vermutlich ein Kinderspiel, für mich wohl eher Richtung Grenzerfahrung.

Bergautist

Da ich mich gerade auf mein Altenteil vorbereite, ist es schön, wenigstens solche spannenden Berichte lesen zu können. Weiter so!

geroldh

#danke1#  für euer Interesse an dieser Tour und die Rückmeldungen.


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* ScreenShot_2023-10-01_31.jpg
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Screenshot (Ausschnitt): Blick von der Ritzenkarscharte (ca. 2400 m) das Kar hinunter – der Daubenkopf (2355 m) – und unsere weitere Querung zurück in markiertes Gelände.

Nun, der Ton kann abgeschaltet werden... – aber das folgende YT-Video zeigt bis zur 12. Minute unseren Abstiegs- bzw. Rückweg...
Birnhorn (2634 m) Süd-West-Grat | Spektakuläre Tour - Tolle Grat-Kletterei (34:50 Min.)
...und danach, was uns am eigentlichen Südwestgrat – also oberhalb des Jauzkopf's (2492 m) – erwartet hätte.

Zu erkennen, dass wir uns ,,völlig verhaut" haben und der Birnhorn-Gipfel selbst nicht mehr vernünftig erreichbar ist, war für mich nicht ganz einfach zu akzeptieren und ich hatte das Ritzenkar hinunter im Hinterkpof damit gehadert.
Dennoch überwog zunehmend die Zufriedenheit, eine ungeplante Route im anspruchsvollen Gelände – sie hätte auch eine Sackgasse werden können – gut und ohne Verletzungen bewältigt zu haben.

Nun jedenfalls kenne ich die Begebenheiten dort oben besser – ich hatte in meiner Vorbereitung dann doch zu wenig Augenmerk darauf gelegt – und eine Nachrecherche zum Gipfelaufbau lässt mich vermuten, dass der ,,obere S-Grat" aus zahlreichen schrägen Bändern besteht, deren leichteren Übergangsstellen gefunden werden wollen, um dadurch idealerweise mit "um die III-" hinauf zu gelangen.
Mal sehen, da der untere Teil – der eigentliche ,,Wilderersteig" – ganz OK war, das nächste Mal sicher mind. eine Stunde durch Routenerfahrung eingespart werden kann, werde ich dort wohl nochmals hinauf suchen, um ,,die Linie" zu vollenden. Möglicherweise sind als ,,Hilfsmittel" dann die Kletterpatschen mit im Rucksack, denn damit kann ich mir einen Klettergrad zusätzliche Toleranz verschaffen.


Zitat von: Bergautist am 09.10.2023, 15:13Da ich mich gerade auf mein Altenteil vorbereite, ...

Passend zum heutigen #regen1# abschließend als Hintergrund-Wissen und "zum Träumen" noch ein paar Verknüpfungen:

Die Angst des Kletterers vor dem Älterwerden von Adi Stocker aus bergundsteigen - Ausg. 3/2014

Bergeistern - der alpine Podcast / Episode 031 (31. Juli 2023 / 38:28 Min.)

Salzburgs Lawinen kühlten Bayerns Bier (9. März 2021)
Birnhorn-Natureis: Einst Verkaufsschlager in Europa (16. März 2023)


Der Pinzgawurm am Birnhorn – die vielleicht längste bohrhakengesicherte Kletterroute in den nördlichen Kalkalpen (Erste durchgehende Begehung am 19. Juli 2012 in 8 1/2 Stunden Kletterzeit)

Topo zum Ausdrucken...


Ein für mich aufschlussreiches und sehr schönes Foto der Birnhorn-Südwand (Blick von Ost):

Links-unten der kleine ,,Rauriedl", dahinter der (anlehnungsbedürftige) Wildzacken, unser Schrofenband, das wir zum Daubenkopf ausgequert sind, darüber der Jauzkopf und schließlich der ,,flache" Südwestgrat...