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Kreuz-Enzian bei Brannenburg

»Botanischer Streifzug im Mangfallgebirge«


Das Mangfallgebirge, das die Bergwelt zwischen Inn und Isar umfasst, ist eines meiner bevorzugten Wanderreviere. Zwar fehlen hier die ganz großen landschaftlichen Eindrücke wie in den Berchtesgadener Alpen oder im Karwendel, und auch die Gipfel erreichen nur bescheidene Höhen. Doch gerade der typische Voralpencharakter dieses Gebirges, die ausgedehnten Bergwälder, Almwiesen und die bis oben hin grünen Gipfel sind es, die diese Region so reizvoll machen.

Hier zählt nicht das »Höher, Schneller, Weiter« des heutigen Bergsports, sondern das bewusste Erleben eines einzigartigen Naturraums. Auch wenn ich Verständnis für fast alle sportlichen Aktivitäten in den Bergen habe und einige auch selbst ausübe, bin ich dennoch der Meinung, dass die Alpen nicht zu einem großen "Outdoor-Erlebnis-Park" degradiert werden und nur noch als Freizeitparadies dienen sollten, sondern wieder als einer unserer wichtigsten Natur-, Kultur und Lebensräume wahrgenommen werden. Statt also immer nur auf zurückgelegte Höhenmeter zu achten, sollte man sich als mündiger Bergsteiger oder -wanderer auch hin und wieder mit dem Naturraum beschäftigen, in dem man sich bewegt. Das Mangfallgebirge bietet sich dafür geradezu an, da es einen enormen Artenreichtum besitzt, wovon man sich bei den Wanderungen im Rotwand- und Brünnsteingebiet (Seite 135 und 144) überzeugen kann. Wem diese Vorschläge zu anstrengend sind, dem sei folgende Rundwanderung bei Brannenburg nordöstlich des Wendelsteins empfohlen, auf der man mit relativ bescheidenem Aufwand eine ähnlich große Anzahl seltener und attraktiver Pflanzen zu Gesicht bekommt.

Am Standortübungsplatz St. Margarethen befindet sich eines der größten Vorkommen des Kreuz-Enzians (Gentiana cruciata) in Bayern.

Eine markante alte Linde steht an aussichtsreicher Stelle mitten in den Trockenrasen.


Kurzinfo:

Region:Bayerische Voralpen
Tourenart:Bergtour (leicht)  
Dauer (Stunden):Ausgangspunkt - Breitenberghütte (1 1⁄2 Std.)
Breitenberghütte - Ausgangspunkt (45 Min.)
Gesamtgehzeit 21⁄4 Std.
Hunde:für Hunde geeignet
Beste Jahreszeit:Mai bis September
Touristinfo:Brannenburg

Anforderung:

Höhenunterschied:ca. 420 m
Schwierigkeit:Weg: leicht
Leichte Bergwanderung, auch für Kinder gut geeignet

Einkehrmöglichkeit:

Schlipfgrubalm:ganzjährig geöffnet, Mittwoch Ruhetag
Sa/So/Feiertag ab 9 Uhr, werktags ab 11 Uhr.

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Breitenberghütte (auch: Breitenberghaus):Ganzjährig geöffnet. Betriebsurlaub ab Ende August 3 Wochen. Mo/Di Ruhetag (nicht am Feiertag), Mi/Do 17-23 Uhr, Fr 10-23 Uhr, Sa/So/Feiertag 10 - 18 Uhr

Link zur Hütte ...mehr Info, hier klicken

Startpunkt:

Parkplatz Sagbruck (Holzparkplatz), 670m


GPS-Wegpunkt:

N47 44.341 E12 04.537  [@google-maps]

Umweltfreundliche Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln:

Mit der Bahn bis nach Brannenburg. Von dort mit dem Bus bis zum Posterholungsheim. Ab hier zu Fuß in 1,5 km (100 Höhenmeter) zum Wanderparkplatz.

Mit dem Pkw:

Inntalautobahn Ausfahrt Brannenburg links abbiegen. In Brannenburg bei der Kreuzung mit der Ampel geradeaus weiter in die Sudelfeldstraße, nach 800 m rechts in die Mühlenstraße. Nach weiteren 900 Metern links in die Schrofenstraße. Auf dieser bleiben, sie geht später in die Bergstraße über. Der geräumige Wanderparkplatz befindet sich am Ende der Straße (wo es rechts zur Gaststätte Kogl geht).



Größere Kartenansicht


Ab Rosenheim: 20 Km / 0:25 Std
Ab München: 75 Km / 0:50 Std
Ab Bad Tölz: 30 Km / 0:50 Std
Ab Salzburg: 90 Km / 1:00 Std


Mit dem Bike:

Von der o.g. Kreuzung in Brannenburg (die erste nach der Autobahnausfahrt) fährt man ca. 3,3 Kilometer mit dem Bike ungefähr 150 hm bis zum Wanderparkplatz.

Tourenplaner / Online-Fahrpläne:

hier klicken


Tourenbeschreibung:

Parkplatz Sagbruck (Holzparkplatz), 670m


Vom Wanderparkplatz am Eingang zum Kirchbachtal westlich von Brannenburg folgt man dem mäßig ansteigenden Fahrweg Richtung Schlipfgrubalm, der bei Mountainbikern sehr beliebt ist. Diese radeln meist entlang des Kirchbachs hinauf, ohne auf die unglaubliche Pflanzen vielfalt zu achten, die in diesem Tal versammelt ist. Gleich schräg gegenüber vom Parkplatz fließt der Kirchbach durch einen auffallend lichten Kiefernwald, in dem die eine oder andere botanische Kostbarkeit zu entdecken ist. Warum findet sich gerade hier auf einer Höhenlage, in der sonst dichte Bergwälder dominieren, ein solch außergewöhnlicher Lebensraum? Im Jahre 1851 ereignete sich an der Nordwand des weiter oberhalb gelegenen Schrofens ein gewaltiger Bergsturz, wobei 1,8 Millionen Kubikmeter Gestein durch das Kirchbachtal stürzten und einen großen See aufstauten. Es drohte die Zerstörung großer Bereiche der unterhalb liegenden Ortschaften Brannenburg und Gmain, doch die folgende Mure zerstörte »nur« sieben Anwesen und zahlreiche landwirtschaftliche Flächen. Dank dieses relativ glücklichen Ausgangs wird bis heute jährlich eine Wallfahrt nach Rosenheim durchgeführt. Was für die damaligen Anwohner so nachteilige Auswirkungen hatte, bedeutete für die Natur einen Neuanfang. Das Bergsturzgebiet wurde im Laufe der Zeit von der Natur zurückerobert, und erste Pflanzen konnten sich ansiedeln. 160 Jahre danach befindet sich das Gebiet noch immer in einem Pionierstadium, was an der lückigen Baumvegetation gut zu erkennen ist, doch mit fortschreitender Bodenentwicklung wird sich auch hier irgendwann dichter Wald durchsetzen. Dem Pionierstadium ist es zu verdanken, dass hier aufgrund der guten Belichtung und den gering entwickelten Böden viele lichtbedürftige, konkurrenzarme Pflanzen ein Refugium gefunden haben, die in den dichten Wäldern sonst keine Chance haben.

Auch wenn man hier das abgezäunte Gebiet nicht betreten sollte, kann man doch vom Rand aus zahlreiche interessante Pflanzen beobachten. Dazu zählen viele Orchideen, wie das Große Zweiblatt (Listera ovata), verschiedene Knabenkrautarten (Dactylorhiza spp.), die Weiße Waldhyazinthe (Platanthera bifolia), das Langblättrige Waldvögelein (Cephalanthera longifolia), die Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea), die Vogel-Nestwurz (Neottia nidus-avis) und als kleine Rarität die Fliegen-Ragwurz (Ophrys insectifera). Entlang des Baches findet man sehr zahlreich das Gewöhnliche und Alpen-Fettkraut (Pinguicula vulgaris und P. alpina) und auch Mehr primeln (Primula farinosa) und Enziane (Gentiana spp.) fehlen hier nicht.

Einen Großteil der genannten Arten wird man auch entlang des Aufstiegs zur Schlipfgrubalm begegnen, die man nach kurzer Zeit auf der rechten Seite erreicht und die sich für eine erste Einkehr anbietet. Nach einer ersten Rast dort sollte man der Versuchung, bereits hier umzukehren, widerstehen, da die eigentlichen botanischen Höhepunkte erst noch folgen.
 
Der Fahrweg setzt sich bergauf entlang des Kirchbachs fort, und mit etwas Aufmerksamkeit kann man hier direkt am Weg den wundervollen Frauenschuh (Cypripedium calceolus) entdecken – eine spektakuläre Pflanze, die es mit ihren tropischen Verwandten ohne Weiteres aufnehmen kann.

An einer Weggabelung hält man sich links Richtung Breitenberghütte und wandert weiter auf dem sanft ansteigenden Waldweg, bis abermals links ein kleiner Steig in Richtung der genannten Berghütte abzweigt. Es geht durch einen schönen Bergmischwald, bis man am höchsten Punkt auf eine Almwiese trifft. Ab jetzt geht es nur noch bergab, doch man sollte sich auch hier Zeit lassen, da es in den Bergwiesen einiges zu entdecken gibt. Neben vielen der zuvor erwähnten Orchideen ist hier vor allem das seltene Kugel-Knabenkraut (Traunsteinera globosa) zu erwähnen, das man von Weitem leicht mit Skabiosen (Scabiosa spp.) verwechseln könnte. Wer jedoch die Pflanze eines näheren Blicks würdigt, wird feststellen, dass der kugelförmige Blütenkopf aus unzähligen kleinen Einzelblüten besteht, die alle den für Orchideen so typischen Aufbau aus einer gepunkteten Lippe und umgebenden Blütenblättern besitzen.

Unterhalb der Wiese trifft man auf die einladende Breitenberghütte, auf der man eine Pause einlegen kann, bevor man weiter auf dem breiten Fahrweg absteigt. Bald setzt sich die Bergblumenschau fort, da man nach kurzer Zeit auf große offene Bereiche beiderseits des Weges gelangt, in denen abermals viele seltene Pflanzen einen Lebensraum gefunden haben. Es handelt sich dabei um Kalk-Magerrasen im Bereich eines Truppenübungsplatzes der Bundeswehr, der bis heute genutzt wird. Die ehemalige Weidefläche, die früher durch die Beweidung offen gehalten wurde, verbuscht leider zusehends, seitdem der Bereich als Truppenübungsplatz genutzt wird, was an den vielen aufkommenden Farnen und Sträuchern deutlich erkennbar ist. Nichtsdestotrotz befindet sich auf den Trockenrasen eines der größten Vorkommen des seltenen Kreuz-Enzians (Gentiana cruciata) in Bayern. Die wunderschöne Enzianart, die in faszinierender Weise eng mit dem Auftreten einer seltenen Tagfalterart verbunden ist, blüht allerdings erst im Sommer ab etwa Juli. 
Besonders auffallend sind in diesem Gebiet auch einige riesige, uralte Linden und Eichen, die wohl schon mehrere hundert Jahre alt sind. Für Rosenfreunde sind die Flächen ebenfalls lohnend, da hier im Frühsommer zahlreiche Wildrosen blühen.

Man wandert auf dem breiten Fahrweg bergab, bis man auf eine kleine Straße trifft, die von Brannenburg herauf führt. Auf dieser geht man links leicht bergauf bis zu einem Haus und weiter auf einem Feldweg. Bei einer Gabelung hält man sich links und biegt in der darauffolgenden Linkskurve rechts in einen unscheinbaren schmalen Weg ein. Kurz darauf erreicht man den Kirchbach in Höhe des Ausgangspunkts am Parkplatz.


Flora und Fauna:

Kreuz-Enzian (Gentiana cruciata)

Merkmale: Ausdauernde, bis zu 40 cm hohe Pflanze, Laubblätter in einer
grundständigen Rosette sowie am Stängel kreuzgegenständig angeordnet,
breit lanzettlich, ledrig, bis zu 15 cm lang. Am Ende des kantigen Stängels
sowie in den oberen Blattachseln vierzählige Blüten, vier innere Kelchblätter
röhrig verwachsen mit vier spitzen Kelchzähnen, dunkelblau, im
Schlund heller und getupft, äußere Kronblätter grünlich.

Lebensraum: Kalkhaltige, lockere, trockene Böden, bevorzugt in lichten Wäldern, extensiv
beweideten Wiesen, Gebüschen, Trockenrasen.

Blütezeit: Juli bis September

Verbreitung: Europa und Westasien

Familie: Enziangewächse (Gentianaceae)

Gefährdung: Gefährdet, sehr selten

Besonderes: Der Kreuz-Enzian ist wohl einer unserer seltensten und zugleich interessantesten heimischen Enzianarten. Aufgrund seiner auffälligen kreuzförmigen Blattpaare wurde er im Mittelalter als Erlösungssymbol gedeutet und war dementsprechend begehrt, was seine heutige Seltenheit zumindest teilweise erklärt. Der Kreuz-Enzian besitzt aber eine noch weitaus größere Bedeutung für das Überleben einer seltenen Tagfalterart, dem Kreuzenzian-Ameisenbläuling (Maculinea rebeli). Genau wie der Lungenenzian-Ameisenbläuling (siehe Seite 76) ist auch dieser Tagfalter auf seine namensgebende Enzianart angewiesen, da er seine Eier ausschließlich auf dem Kreuz-Enzian ablegt. Die kleinen weißen Eier werden dabei nicht nur in den Blattachseln, sondern auch offen auf die Blätter und in die Blüten platziert und sind somit meist gut erkennbar.
Die Raupen bohren sich zunächst in die Pflanze und fressen dort einige Zeit, bis sie sich zu Boden fallen lassen und von den Wirtsameisen in ihren Bau getragen werden. Dort fressen die Raupen teilweise die Ameisenbrut, werden aber auch von den Ameisen gefüttert. Die Raupen überdauern im Ameisennest auch noch den Winter und schlüpfen erst im folgenden Frühjahr, worauf der Kreislauf von vorne beginnt. Dieses Beziehungsgefüge zwischen Bläuling, Enzian und Ameise ist sehr störanfällig. So kann zum Beispiel bei einer beginnenden Verbuschung des Lebensraumes sich der Kreuz-Enzian vielleicht gerade noch behaupten, wird aber dann kaum noch zur Eiablage angeflogen. Da offene, trockene Lebensräume immer seltener werden, ist es nicht verwunderlich, dass sowohl der Kreuz-Enzian als auch sein Bläuling als gefährdet gelten.


Literatur:

Wanderführer mit botanischen Beschreibungen:Blütenwanderungen in Oberbayern von 

Wiesmeier, Martin



Karte:



Galerie:

Weitere schöne Bilder sind in unserer Fotoshow

Diashow:


Wettervorhersage für Brannenburg:


 Autor: Martin Wiesmeier, aus «Blütenwanderungen in Oberbayern»   Autorenportrait auf roBerge.de