Dummy

Autor Thema: Berchtesgadener Hochthron - Abstieg über's Mittagsloch !!!  (Gelesen 6969 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Online Reinhard

  • Administrator
  • *
  • Beiträge: 4800
  • Geschlecht: Männlich
    • Hüttenwandern
Über den Rother-Verlag erhielten wir folgende Nachricht von Siegfried Dolleisch, Tourenbegleiter der DAV Sektion Freilassing mit der Bitte um Beachtung. Wir geben den kompletten Text unverändert wieder:

Klettersteigboom: Sicherer Aufstieg – tödlicher Abstieg

Nach dem tödlichen Bergunfall am Untersberg im Bereich des Mittagsloches sind mir einige Gedanken durch den Kopf gegangen, die sicher auch für andere Bergsteiger nicht uninteressant sein dürften.
Am 29. September war ich im Bereich der Südwand in einer Kletterroute unterwegs. Es herrschte traumhaftes Herbstwetter. Als wir am Ausstieg unserer Tour ankamen, kam von Westen ein Rettungshubschrauber herangeflogen, der sofort mit den Sink- und Erkundungsflug im Bereich des Mittagslochs begann. Beim Blick in die Tiefe entdeckten wir eine markierte Unfallstelle. Der Hubschrauber nahm kurz darauf Kurs Richtung Berchtesgaden, um die Rettungskräfte aufzunehmen. Als wir nach einer kurzen Rast am Störhaus durch das Mittagsloch abstiegen, mussten wir am Steig einen kurzen Halt einschieben, da der Hubschrauber nur wenige Meter entfernt eine Person mit der Seilwinde aufnahm (siehe Photo) und davonflog. Zu diesem Zeitpunkt sah es für mich wie eine routinemäßig verlaufende Rettungsaktion aus ... Am Abend erfuhr ich dann, dass sich im Bereich des Mittagsloches ein tödlicher Bergunfall ereignet hatte.

Im Polizeibericht stand folgendes zu lesen:
"Am vergangenen Sonntag (27.09.2009) unternahm ein Ehepaar aus Bad Ischl eine Bergtour auf den Untersberg. Mittags durchstiegen sie den Berchtesgadener Hochthron und wanderten dann durch das sogenannte Mittagsloch bergab. In dem steilen Gelände darunter, das teilweise mit Stahlseilen gesichert ist, stürzte die Frau aus noch ungeklärter Ursache und fiel etwa 200 Meter in die Tiefe. Sie erlitt dabei tödliche Verletzungen. Der Ehemann musste später von einem Kriseninterventionsteam betreut werden. Im Einsatz befanden sich die Bergwacht Marktschellenberg, ein Rettungs- sowie ein Polizeihubschrauber. Der Unfall wurde von einem Bergführer der Polizeiinspektion Berchtesgaden aufgenommen."

Nachdem ich also am Abend vom tödlichen Ausgang erfahren hatte, betrachtete ich das Gesehene natürlich mit anderen Augen. Beim Abstieg durch das Mittagsloch befindet sich am Höhlenausgang eine ca. 1,5 Meter hohe kleine Leiter, die beim Betreten der „richtigen“ Sprosse sich plötzlich um 45 Grad in die Luft bewegt, wie mir das an diesem Tag auch passierte. Obwohl der direkte Weg durch die Höhle schon seit einigen Jahre etwas besser mit Stahlseilen versichert wurde, gibt es immer noch einige heikle Meter, wo dies nicht der Fall ist - warum eigentlich? Nach der Höhle geht es dann die Stahlseile weiter hinunter, wobei mitten auf einem Absatz ein Schalungsbrett auffällt, das wegen dem dort herrschenden Steinschlag montiert worden war. Leider ist das Stahlseil nach unten mehrmals an auch nicht einfachen Passagen unterbrochen. Ob der Unfall hier passierte? Blicke ich einmal 25 Jahre zurück, so war der Abstieg damals weit anspruchsvoller, da im Gegensatz zu heute bis auf wenige Stifte im Fels es fast keine Stahlseile gab. So hieß es in dem Alpenvereinsführer von 1982 warnend: „Ungeübte werden dringend gewarnt, vom unteren Lochausgang den Abstieg zu versuchen!“ Wurde der Steig aber früher hauptsächlich von Kletterern und Einheimischen benutzt, so hat sich mit dem neu errichteten Hochthron-Klettersteig eine völlig neue Situation ergeben. Viele Klettersteiggeher benutzen nun den „interessanteren“ Abstieg über das Mittagsloch, als auf dem Normalweg sicher zum Scheibenkaser zurückzukehren. An besagtem Sonntag überholten wir eine fünfköpfige Klettersteiggruppe, die sich auch hier an den Abstieg machte und nur langsam vorankam. Erschreckend hier die Tatsache, dass der Helm am Rucksack hing und nicht dort getragen wurde, wo er hingehört ...

Die aufgeführten Tatsachen, erkennbare Mängel am Steig, zunehmende Frequentierung durch die Kletterstieggeher beim Abstieg, machen ein Handeln aller Beteiligten (Gemeinde, Alpenverein, Bergwacht usw.) erforderlich. Mein Vorschlag: Am Einstieg zum Mittagsloch auf die Gefährlichkeit dieses Steiges hinweisen, Begehung nur mit Helm und auf eigene Gefahr. Diese Abstiegsmöglichkeit in den Klettersteigführern nicht erwähnen bzw. davor warnen. Als dritte Maßnahme sind Verbesserungen am Steig wünschenswert, d.h. Instandsetzung der Leiter und Überbrückung der wenigen fehlenden Meter. Dass es im unteren flacheren Gelände bei der Querung unter den Südwänden keine durchgehende Sicherung geben kann, ergibt sich schon aus dem Gelände selbst. Sollte alles beim Alten bleiben, werden wir die nächsten Jahre hier leider immer wieder ähnliches erleben müssen. Ruft man sich in Erinnerung, dass das heuer schon der 2 Tote auf diesem Steig ist – erst am 1. Juni 2009 war im Bereich des Mittagslochs ein Bergsteiger ca. 100-150 m abgestürzt und erlitt dabei tödliche Verletzungen – so wird ein Handeln immer dringender.

Bleibt die Bitte an neue Klettersteigerschließer auch an den Abstieg, bzw. an seine Abstiegsvarianten zu denken. Auch der Alpenverein hat in seinem „Kriterienkatalog für die Errichtung von Klettersteigen“ darauf hingewiesen, dass die spezifischen Gefahren des Abstiegs zu berücksichtigen sind. Der Abstieg vom neu errichteten Klettersteig auf die Drachenwand im benachbarten Salzburger Land dürfte wegen der offenkundigen Absturzgefahr in den nächsten Jahren sicher auch einmal in die Schlagzeilen kommen. Soweit sollte es aber erst gar nicht kommen. Auch der „Klettersteigpapst“ Eugen Hüsler sieht so manche heutige Entwicklung mit gemischten Gefühlen.

Ich persönlich habe schon meine Schlüsse aus diesem Ereignis gezogen. Bei Führungstouren für den AV werde ich bis auf weiteres nur mehr über den Normalweg absteigen, beträgt der Zeitgewinn durch das Mittagsloch doch auch nur wenige Minuten.

Quellen:
- Tödlicher Bergunfall am Untersberg: http://www.polizei.bayern.de/oberbayern/news/presse/aktuell/index.html/102305, 2. Okt. 2009
- Kriterienkatalog für die Errichtung von Klettersteigen: http://www.alpenverein.de/template_loader.php?tplpage_id=521, 9. Okt. 2009
- Auf dem Eisenweg, in: SZ v. 24.09.2009, Nr. 220, S. V2/4
- Zeller/Schöner: Alpenvereinsführer, Berchtesgadener Alpen, 15. Auflage 1982, Bergverlag Rudolf Rother • München


Siegfried Dolleisch, Tourenbegleiter DAV Sektion Freilassing, ehemaliger Jungmannschaftsleiter, S.Dolleisch [at] dolleisch.de

roBerge.de

  •  
    •  
Werbung
« am: 24.10.2009, 16:14 »

Offline untersberg

  • *
  • roBergler
  • Beiträge: 2
Berchtesgadener Hochthron - Abstieg über's Mittagsloch !!!
« Antwort #1 am: 02.11.2009, 17:56 »
Richtigstellung bzw. Anmerkung zum Post im Forum

"Klettersteigboom:  Sicherer Aufstieg – Tödlicher Abstieg"

Dieser Bericht kann so nicht unwidersprochen bleiben!

Ich möchte mich kurz vorstellen:  Mein Name ist Richard Koller, Bergführer, Erbauer des Berchtesgadener Hochthron Klettersteiges, sowie Wegbetreuer des Steiges vom Stöhrhaus durch das Mittagsloch zum Scheibenkaser.

Zunächst einmal einige allgemeine Anmerkungen:
Als wir vor einigen Jahren den Klettersteig fertigstellten, haben wir nach Absprache mit unserer AV Sektion, der Gemeinde und Behörden vereinbart, dass der Abstieg durch das Mittagsloch in keinem von uns verfassten Prospekt, Flyer bzw.  in Veröffentlichungen erwähnt werden soll.  Auch auf den Wegweisern wird bewußt auf diese Abstiegsvariante nicht hingewiesen.  Sogar die Bitte von einigen Leuten, den nicht leicht zu findenden Einstieg ins Mittagsloch zu markieren, wurde abgelehnt. Natürlich ist uns aber auch nicht entgangen, dass die Anzahl der Bergsteiger, welche dennoch durch das Mittagsloch absteigen, zugenommen hat.  Deshalb haben wir diesen Abstieg schon damals durch zusätzliche Stahlseile etwas verbessert.  Auch die meiner Meinung nach größte Gefahr, der Steinschlag, ausgelöst meist durch unvorsichtige Begeher, konnte durch den Holzverschlag am unteren Ende der Höhle, minimiert werden.

Richtigstellung:

Im Bericht steht:
....     dass es in der Höhle immer noch einige heikle Stellen gibt, die nicht versichert sind       
Es gibt in der Höhle keine einzige Stelle an der Absturzgefahr besteht, dass einzige das jemanden passieren kann ist, dass man ausrutscht und sich auf den Hosenboden setzt.

....   dass, das Stahlseil dann im weiteren Verlauf nach der Höhle an mehreren nicht einfachen Stellen unterbrochen ist.
   Das Stahlseil ist insgesamt zweimal unterbrochen. An diesen Stellen ist es aber unschwierig. Wenn man an diesen Stellen ein Seil anbringen würde, so müsste man dann ebenfalls konsequenterweise vom derzeitigen Ende der Versicherungen quer unter den Wänden bis fast zur „alten Südwand“ eine Seilversicherung anbringen.  Da es sich aber hier um einen Steig handelt, der nicht mit einer Wegenummer versehen, bzw. nicht in Wanderkarten eingezeichnet, sowie,wie schon erwähnt, auf keinem Wegweiser angeschrieben steht, müsste dann eine Verkehrssicherungspflicht übernommen werden.  Das heißt, dass der Steig regelmäßig durch den Grundstückseigentümer (Forstbetrieb Berchtesgaden) die Gemeinde oder von unser AV Sektion, überprüft werden müßte, und im Falle eines Unfalles durch evt. beschädigte Versicherungen Regreßansprüche gegenüberstünden.

....   heuer schon zwei Tote auf diesem Steig.
   Der Bergsteiger, der im Juni tödlich verunglückte, ist laut Polizei und Bergwacht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht am Mittagslochsteig sondern vom Hochplateau des Untersberges abgestürzt.  Die Frau, welche am 27.09.09 verunglückte, stürzte nach Zeugenaussagen an einer mit Stahlseilen versicherten Stelle ab.

Insgesamt gesehen, glaube ich, dass zusätzliche Versicherungen am Steig nur noch mehr, und vorallem auch
ungeübtere Wanderer und Bergsteiger anziehen würde.  Das hätte dann auch zur Folge, dass die größte Gefahr
an diesem Steig, der Steinschlag, zunähme. Wenn man die Überlegungen des Herrn Dolleisch weiterdenkt, so
müßte man dann auch logischerweise viele andere Steige durchgehend versichern.  Wie zum Beispiel:  die
Überschreitung der drei Watzmannspitzen oder den Abstieg von der Watzmannsüdspitze in das Wimbachtal.  
Auch hier ereignen sich immer wieder tödliche Unfälle.  Wo fängt man an, wo hört man auf?

Bei drei Anregungen hat Siegfried Dolleisch allerdings recht.

Am Einstieg in das Mittagsloch muß ein Schild angebracht werden, das auf die Gefährlichkeit des Steiges
hinweist, und die kleine Leiter in der Höhle wird besser befestigt.  Außerdem weist Herr Dolleisch auch
richtigerweise darauf hin, dass der sichere Normalweg (Stöhrhaus – Stöhrweg – Roßlandersteig –
Scheibenkaser) gegenüber dem Abstieg durch das Mittagsloch keinen Zeitverlust bringt.

Offline Siegfried

  • *
  • roBergler
  • Beiträge: 1
Berchtesgadener Hochthron - Abstieg über's Mittagsloch !!!
« Antwort #2 am: 04.11.2009, 00:03 »
Hallo Richard Koller,

ich danke für die sachliche Kritik an meinem Diskussionsbeitrag!

Ich finde es sehr gut, daß die Klettersteigerbauer für die Abstiegsmöglichkeit über das Mittagsloch keine Hinweise angebracht haben, das ist mir auch schon positiv aufgefallen.

Was die Absicherung in der Höhle angeht, so sehe ich die Gefahr des Ausrutschens als nicht unerheblich an. Mein Vorgeher verließ die Höhle mit einer blutigen Hand  :(

Auch hier hat Richard Koller recht, besser ausgebaut, würde der Steig noch mehr Leute anziehen, was sicher nicht sinnvoll wäre.

Ein warnendes Hinweisschild beim Einstieg in das Mittagsloch ist laut Richard Koller beabsichtigt, was ich sehr begrüße.

Viele Grüße

Siegfried (Dolleisch)