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Forum => Highlights => Wer war wo? => Thema gestartet von: geroldh am 11.06.2019, 21:28

Titel: 9.6.19: Mangfallgeb: Via „Zick-Zack-Band“ durch die Salwand
Beitrag von: geroldh am 11.06.2019, 21:28
Der Schneefall zeigt im Gelände die weniger stark geneigten Stellen an, da er sich dort besser halten kann. Dieser Umstand ist Bergautist bei der roBerge-Ü60-Tour im März 2019 („Gemütliche Winterabschlusstour auf die Mitteralm“) an der südseitigen Salwand aufgefallen – und perspektivisch vom Weg bei Aipl aus betrachtet, zeigten die weißen Schneebänder einen Zick-Zack-Verlauf im westlichen Teil der strukturierten Wand, deren Mitte der markante Aiplpfeiler mit einer anspruchsvollen Kletterroute bildet. Somit stellte sich für ihn die Frage: „..., ob man da auch ohne besondere Kletterkünste hochkommt.“
Diese Fragestellung uns „als Floh ins Ohr gesetzt“ verlangte nach Aufklärung und so manche Frühjahrstour um den Monatswechsel April/Mai von ihm (Schneetour auf den Mutterberg (https://www.roberge.de/index.php/topic,9652.0.html)) und uns (Von Aipl auf die Hochsalwand) diente eindeutig der optischen Erkundung, festgehalten auf Fotos von versch. Standpunkten aus.

Dem Ganzen eher skeptisch gegenüber gestanden (so steil wie die Wand wirkt), weckte kürzlich ein Bericht vom Bergautist (Aiplpfeiler und Salwand am 24.5.2019 (https://www.roberge.de/index.php/topic,9690.0.html)) mein unmittelbares Interesse: Ich wollte nun einen möglichen Aufstieg über das „Zick-Zack-Band“ erkunden – und anschließend auf seiner (leichteren) Aufstiegsroute im östlichen Wandteil absteigen.
Zur Einschätzung des Geländes bzgl. der tatsächlichen Steilheit und Struktur wurden nun die vergrößerten Fotos von den versch. Aufnahmestandpunkten betrachtet, sowie als Übersicht und tw. als Detailausschnitt ausgedruckt, um in der Wand „den Überblick“ zu behalten. Ergänzt wurde diese Vorarbeit mit dem Luftbild aus dem BayernAtlas (Bereichsausdruck), der mir anhand des individuellen Baumbestandes weitere Orientierung im Gelände verschaffen sollte.

Die Vorarbeit am Rechner führte zu einer pos. Einschätzung und bestärkte mich für einen Versuch – und wie sich die Topografie dann tatsächlich darstellt, wird sich mir die Natur vor Ort offenbaren. Ich mußte mich aber darauf gefasst machen, dass ich irgendwo nicht weiterkommen könnte und damit einen gesicherten Rückzug antreten muß. Um vom alpinen (Rest)Risiko abgesehen nicht wg. „Dummheit“ die Bergwacht rufen zu müssen, da man schließlich weder vor noch zurück kommt, hatte ich neben einer Klettergrundausrüstung auch ein dünnes 60m-Seil im Gepäck, um das schwierigere und risikoreichere Abklettern ggfs. mit Abseilen zu entschärfen (Umlenkung v.a. an den Bäumen). Ansonsten wollte ich nur das kraxeln, was ich für mich situationsbedingt und mit „Reserve“ vertreten konnte, eine abschnittsweise Selbstsicherung nur im Ausnahmefall aufbauen.


Mit einem etwa 11kg schweren Rucksack starte ich am Bahnhof Brannenburg (475m; ca. 7:40 Uhr), um auf der ehem. Trasse (1912-1961) der Wendelsteinbahn stets leicht aufwärts zur heutigen Talstation zu gelangen. Eine „Abkürzung“ mit der (Zahnrad)Bahn spare ich mir, nicht nur weil der erste Zug erst in einer knappen Stunde fahren soll, auch entspricht der Fahrpreis zum (Bedarfs)Haltepunkt Aipl genau dem der höher gelegenen Mitteralm und ist m.E. damit ein paar Euro überzogen. Ein Steig führt mich nach St. Margarethen (ca. 640m; ca. 8:30 Uhr) hinauf und wenig später marschiere ich flott auf dem Wirtschaftsweg für die Mitteralm bis zum Bahn-HP Aipl (980m), den ich kurz nach dem ersten Zug erreiche (ca. 9:15 Uhr). Zuvor hat die Quelle „Schwarzer Ursprung“ meinen Flüssigkeitsvorrat auf zwei Liter aufgefüllt und niedriger Bewuchs zeigt mir vom Weg aus die Salwand in ihrer gesamten Breite.

1_Salwand_Aiplpfeiler.jpg


Eine alte Holzrückegasse führt mich am kleinen Aiplsee vorbei in nordwestl. Richtung abknickend an die Geröllfelder am Wandfuss heran. Den Baumbestand zwischen zwei Reißn nutze ich um aufzusteigen und dann den Helm aufzusetzen und mich mit Gurt und „Klimbim“ kletterfertig zu machen. Das Gelände bestmöglich nutzend steige ich gegen 10:00 Uhr den ersten Schrofen-Hang hinauf zu der Stelle, an der das ausgemachte Grasband beginnen soll. Trotz der Bäume auf den Fotos erhalte ich erst hier eine direkte Rückmeldung in Bezug auf die reellen Dimensionen des Geländes.

2_Salwand_Zick-Zack-Band.jpg


Der etwas ausgesetzte felsige Einstieg zum Grasband ist durch Gamsköttel gekennzeichnet und stellt mit T6 bzw. UIAA 2+ (ggfs. 3-) gefühlt die wesentliche Schlüsselstelle der Tour dar. Auf dem nach außen hängenden, schräg aufwärts führenden Grasband (ca. 5m breit), das mit etwas losen Steinen durchsetzt ist, steige ich vorsichtig bergseitig aufwärts (T4-5) – ein Ausrutschen würde ziemlich sicher einen Sturz über die tw. überhängende Geländekante zur Folge haben. Überraschend schnell erreiche ich ein Zwischenziel, einen kleinen Gras-Fels-Gupf, an dem eine kleine steile Rinne von links herauf kommt. Dieser Punkt dient mir zur weiteren Orientierung.

3_Salwand_Zick-Zack-Band.jpg

4_Salwand_Zick-Zack-Band.jpg


(Fortsetzung folgt)
Titel: 9.6.19: Mangfallgeb: Via „Zick-Zack-Band“ durch die Salwand
Beitrag von: geroldh am 11.06.2019, 21:36
Das knapp „darüber“ liegende Gelände hat auf den Fotovergrößerungen (u.a. mit Seitenlicht) einigermaßen strukturiert ausgesehen, ist nun aber doch steiler als in Erwägung gezogen. Ein „Schlupf“ mit einem abdrängenden Felsvorsprung darüber ist technisch wohl nicht schwierig, aber aufgrund der Ausgesetztheit besser mit Seilsicherung zu probieren. So bleibt die Fortsetzung der Rinne nach rechts-oben der naheliegendste Ansatz – hier hinauf sahen wir bei einer Erkundungstour auch ein Rudel Gämsen flüchten (T5-6). Ohnehin wollte ich diese Richtung (zum Aiplpfeiler-Gipfel hin) soweit als möglich erkunden. Der Rinnenansatz wird bald auch zu einem breiten, nach außen hängenden „Band“ mit durchsetztem Baumbestand. Die bergseitige Geländstufe läßt sich an einer Stelle, an der oberhalb zwei komplett vertrocknete Fichten des umstürzens harren, relativ leicht verlassen (T5). Doch ich erkunde noch die „Kraxelsackgasse“ nach oben, steige wieder etwas ab und verlasse dieses „Band“ an einer grasigen Stelle (T4), um dahinter auf eine baumbestandene, hängende Ebene zu gelangen, über der sich ein größerer Felsaufbau aufrichtet.

5_Salwand_Ausblick.jpg


Die Orientierung ist nun westwärts, um diesen massigen Felsriegel zu umgehen. Doch zuvor möchte eine grasige Geländerinne am oberen Ende gequert und ein Felsvorsprung linksseitig umgangen werden, so wie es auch die Gämsen hier machen. Danach gibt das Gelände den weiteren Aufstieg vor und es ist noch eine ca. 3m hohe botanische Kraxelei (T5-6) zu überwinden, um in der großen baumbestanden Südflanke der Salwand zu stehen.

6_Salwand_Tod-Leben.jpg


Hier orientiere ich mich nach rechts/östl. aufwärts, tw. am Grat des Felsriegels entlang, um in den Bereich zu gelangen, an dem sich der Gratansatz vom Salwand-Gipfel herab zieht. Diesen erreicht und abwärts gefolgt stehe ich bald am bzw. auf dem „Aiplpfeiler-Gipfel“.

7_Salwand_Aiplpfeiler-Gipfel.jpg


Auch hier ist äußerst vorsichtiges agieren angesagt, möchte man nicht auf direktem Wege zu seinem Einstiegspunkt hinabstürzen. Weiter abwärts steigend besuche ich noch den Ausstiegspunkt der Kletterroute „Sensation“ (UIAA VII+) und verlasse dann das Absturzgelände durch Wald aufsteigend zum Messpunkt der Salwand (1435m).

8_Salwand_Aiplpfeiler-Gipfel.jpg


Dem Ostgrat folgend wird meine eigentliche Gipfelpause dann am etwas tiefer gelegenen Nebengipfel sein, an dem ich auch endlich den Verschluß der Bierflasche ploppen lasse. Nach einem kleinen Arbeitseinsatz („Avatar“ gepflanzt) folge ich dem Gratverlauf weiter hinab, bis es an der Zeit ist mich südwärts zu orientieren, um den östlichen „Schlupf“ der Salwand vom Bergautist zu erreichen. Dank elektronischer Navigation in Bezug auf einen Referenzpunkt der OSM-Karte gelingt mir dies ganz gut, ich kraxle vorsichtig die Felspassagen hinunter und quere am Wandfuß in Richtung dem Ausgangspunkt zurück.

Eine kurze Begutachtung des Einstiegs der Kletterer in die tw. überhängende Aiplpfeiler-Route lasse ich mir nicht nehmen, dann merke ich im weiteren Abstieg durch den steinigen Wald wie sich die mentale Erschöpfung durchsetzt, doch mein nächstes Tourenziel ist nun der kleine Aiplsee, in dessen ziemlich frischen Wasser ich mich kurz komplett versenke. Wenig später am HP Aipl tröpfelt es etwas, dann freue ich mich auf das leckere kalte Wasser der Quelle „Schwarzer Ursprung“, von dem ich mir noch für den Rückmarsch zum Brannenburger Bahnhof einiges abfülle. Ich bleibe auf dem Wirtschaftsweg und später auf den gekiesten Fußwegen, stets leicht abwärts führend, entlang des Kirchbaches, denn hier kann ich getrost das Hirn ausschalten ohne in größerem Maß zu verunglücken.
Durchaus locker abgesprochen war an diesem Tag mit einem späteren Zug auch Bergautist wieder dort unterwegs (Salwandumrundung am 9.6.2019 (https://www.roberge.de/index.php/topic,9717.0.html)), um dankenswerter Weise einen fotografischen Blick auf mich zu werfen (Bilder Nr. 4 & 8; rote Kringel).


Nun, nachdem mir diese Tour geglückt ist und sich Erleichterung breit macht, mache ich mir Gedanken, ob dort auf dem „Zick-Zack-Band“ (und dem weiteren Verlauf) vor mir bereits jemand unterwegs gewesen sein könnte. Hat sich vllt. mal ein Wilderer die Mühe dieses Aufstiegs gemacht – wohl kaum, ist die Salwand doch viel einfacher zu erreichen. Könnte dort einer der früheren Alpinisten sich an diesen „Wand-“Durchstieg versucht haben – kaum nachvollziehbar, denn z.B. eine „Rostgurke“ wie in manchen alten Kletterrouten konnte ich keine erkennen. Und alpinistisch betrachtet – bzgl. einer „Dokumentation“ – ist das Internet einfach zu jung...
Hmm, eine „Erstbegehung“ des „Zick-Zack-Bandes“ durch die westl. Salwand wäre durchaus im Bereich des möglichen – wäre dort selbst in der heutigen Zeit durchaus nicht ausgeschlossen... ;) – schließlich wurde die Südwand des Aiplpfeilers auch erst im Frühjahr 2007 „in mehreren Angriffen von unten, in ehrenhafter Weise bestiegen.“

Jetzt wo ich „den Weg“ mit seinen Eigenschaften kenne, kann ich mir eine Wiederholung mit leichtem Gepäck an temperierten Tagen gut vorstellen. („Steinewerfende“) Gämsen habe ich während des Durchstiegs keine gesehen, denen war es in der Südflanke wohl zu warm.
Anderen „Nachahmungstätern“ sei dringend geraten, dass sie im steilen Schrofengelände erprobt sicher unterwegs sein müssen und problemlos die Kletterschwierigkeit UIAA III kraxeln können sollten (damit sollte ihnen bewußt sein, worauf sie sich einlassen) – bei „richtiger“ Routenwahl bleiben die Schwierigkeiten darunter, aber das meist stark ausgesetzte Gelände verzeiht keine größeren Fehler!
Abschließender Hinweis:  Dies ist ein Erlebnisbericht – und KEINE Tourenempfehlung!
Titel: Re.: 9.6.19: Mangfallgeb: Via „Zick-Zack-Band“ durch die Salwand
Beitrag von: Bergautist am 11.06.2019, 23:40
Da freue ich mich natürlich ganz besonders, dass der Versuch so gut geklappt hat! #prost#
 #gutgemacht#

Für mich wäre das im Erstversuch sicher eine Nummer zu groß gewesen! Umso größer das Erstaunen, was in unserer vollerkundeten Welt noch alles möglich ist. Und dass es augenscheinlich auch noch Spaß bereitet hat

Jetzt wo ich „den Weg“ mit seinen Eigenschaften kenne, kann ich mir eine Wiederholung mit leichtem Gepäck an temperierten Tagen gut vorstellen.

ist für mein Empfinden mindestens genauso gut wie wenn man es selbst geschafft hätte.
Titel: Re.: 9.6.19: Mangfallgeb: Via „Zick-Zack-Band“ durch die Salwand
Beitrag von: abi am 13.06.2019, 21:38
Ned schlecht geroldh :)