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Das Brockengespenst
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Beschreibung

"Pfingsten 1922. Hinterbärenbad ist überfüllt wie eine Jahrmarktbude. Es regnet. Mit Edi und Willi siedle ich in in den Hohen Winkel über, wo wir das schirmende Geäst einer mächtigen Fichte zu einem nadelgrünen Eigenheim ausbauen. Ein Feuer raucht, eine Suppe brodelt, und mit harzigen Händen essen wir unser Brot. Durch die Totensesselschlucht war, vom Frost losgesprengt, ein Felssturz niedergedonnert. Gelber Staub, Splitter und Blöcke bedecken den Winterschnee. Immer wieder schrecken uns die gellenden Schläge fallender Steine auf. Am Nachmittag steigen wir gegen die Karlsspitze an, aber ein Gewitter gönnt uns den Berg nicht.

Dafür schenkt uns der nächste Tag blauen Himmel und frohe Zuversicht! Kopftörlgrat! Wir kennen seinen Ruf als eine der schönsten und lohnendsten Kaiserfahrten und freuen uns wie die Geburtstagskinder. Die Türme sorgen für Abwechslung und Genuß. Auf Bänden und in Runsen lagert Schnee. Am Dritten Turm überholen wir zwei Seilschaften, die hilfsbedürftig sind und uns aufhalten. Mittags fliegen uns lichte, bauschige Wolken an und nehmen uns jegliche Sicht. Befangen tasten wir weiter, unter der Kapuze durch, die Verschneidung empor, stemmen durch den Gipfelkamin mit seinen Blöcken. Einmal steht Edi als erster auf einem Zacken, vergißt das Seil einzuholen und starrt gebannt in den Nebel. Was ist geschehen? In einem regebogenfarbigen Kreis sieht er sein dunkles Schattenbild groß und scharf umrissen. Ein Schemen? Das Brockengespenst!

Wie ich den Turmknauf betrete, sehe ich ebenfalls meinen Schatten in dem leuchtenden Kranze. Erstmals erlebe ich diese Erscheinung in den Bergen. Jede Bewegung ahmen die Schattenmänner getreulich nach; sie drohen mit erhobener Faust zurück, nicken mit dem Kopf, wie um uns zu schrecken und zu verhöhnen, dann verblassen sie, lösen sich körperlos auf in Dunst und Nebel.

Wir klettern weiter. Auf dem Gipfel sagt Edi, der sehr wortkarg geworden: "Es gilt im Bauernglauben, dass jeder, der dem Brockengespenst zuerst begegnet, bald sterben muss." Dabei blickt der kraftvolle blonde Kamerad eigenartig in die Weite wie in eine jenseitige Welt. Unser dritter Mann am Seil poltert rauh dazwischen: Alles Aberglaube und Unsinn! Ein ganz natürlicher Vorgang, eine Sonnenspiegelung, weiter nichts!

Dennoch griff eine dunkle Macht bald nach dem Leben unseres Weggefährten. Nicht mehr viele Fahrten waren ihm vergönnt. Wir wissen nicht, ob ihn die Todesahnung straucheln liess, ob ihm ein Griff ausbrach, ob sein Herzschlag stockte. Sein Ende in den Bergen blieb Geheimnis".



Diese Erzählung entnahmen wir dem seit langer Zeit vergriffenen "Buch vom Wilden Kaiser", geschrieben von Fritz Schmitt.



Die wissenschaftliche Erklärung ist einfach:

Erstmals wurde diese Naturerscheinung auf dem Brocken im Harz beobachtet. Der Brocken ist mit 1142 Meter der höchste Berg Norddeutschlands. Gerade auf diesem Berg herrscht an vielen Tagen im Jahr durch seine exzentrische Lage dichter Nebel. Durchschnittlich hat er über 300 Nebeltage im Jahr. Er wird auch Blocksberg genannt und ist von vielen Sagen umwoben. Selbst Goethe widmete ihm in seinem Drama "Faust" einen Handlungsort. Silberschlag erkannte schließlich im Jahre 1780 die wissenschaftliche Bedeutung des Naturphänomens..

Das Brockengespenst, auch "Ulloas Ring" genannt, nach dem berühmten spanischen Wissenschaftler und Kapitän Ulloa. Er ist eine einfach zu erklärende, aber faszinierende optische Erscheinung. Der stark vergrößerte Schatten eines Menschen wird auf einer Wolken- oder Nebelwand abgebildet. Man kann es mit einer Kinoleinwand vergleichen, auch hier ist der Schatten des Beobachers stark vergrößert. Allerdings hat der  Nebel im Gegensatz zur Leinwand keine glatte Oberfläche, so daß dreidimensionale Bilder entstehen, die sich durch Wallung des Nebels gespenstig verändern, ohne dass der Beobachter sich bewegt. Oft treten noch farbige Ringe um den Schatten auf, man spricht dann von einer Glorie. Diese ist eine Beugungserscheinung. Man kann sie auch manchmal aus einem Flugzeug heraus beobachten, wenn sein Schatten auf darunterliegende Wolken projiziert wird und meist von farbigen Ringen umgeben ist. Die Sonnenstrahlen beugen sich an winzigen Nebeltröpfchen. Diese lenken die Lichtstrahlen dabei zu einem Muster konzentrischer Kreise ab. Am besten ist die Glorie von erhöhten Standpunkten aus sichtbar (Berggipfel, Türme). Je weiter der Nebel erscheint ist, desto eher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein weiteres Phänomen hinzutritt: der Nebelbogen eine Spielart des Regenbogens.

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Reinhard

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Das Brockengespenst
« Veröffentlicht 05.06.2016, 01:05 »
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brockengespenst.jpg
Schlüsselwörter
Brockengespenst, Wildbarren
Fotograf
Reinhard Rolle
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