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Autor Thema: Unterwegs im wilden Süden des Seehauser Kienbergs  (Gelesen 1770 mal)

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Offline BFklaus

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Der bekannteste und beliebteste Gipfel des Seehauser Kienbergs (auch Hochkienbergstock genannt) ist die Hörndlwand in seinem zentralen Bereich. Die bequemen Zugänge über Forststraßen und markierte Wanderwege aus dem Osten (Seehaus) und dem Westen (Röthelmoos) und die nahen bewirtschafteten Almen (Brander-, Dandl- und Langerbaueralm) sorgen für reichlich Gipfelbetrieb.

Dagegen ist der stille Süden, mit seinen steil zum Löden- und Mittersee abfallenden Flanken, Rinnen, Rippen und Schneiden, alles andere als Spaziergängerterrain. Zwar hat die Forst- und Jagdwirtschaft auch dort überraschend gut gepflegte Steige angelegt, die aber nicht gerade einfach zu finden sind und gelegentlich ziemlich abrupt enden, oder in einen Irrgarten aus Farbklecksmarkierungen und Pfadspuren führen können. Dann ist Weglosgehen in teils sehr steilem Gelände gefordert – oder Umkehren.

In den vergangenen Wochen war ich insgesamt vier Mal in dieser schroffen, einsamen Gegend unterwegs gewesen.

Die erste Tour am 06.05.2017 hatte ich ziemlich (fahr)-lässig vorbereitet. Ich wollte über einen alten, vergessenen Steig, den ich in der „Zeitreise“ des BayernAtlas gefunden hatte, durch die Südwand zur Schlösselschneid aufsteigen. Den gut versteckten Einstieg oberhalb der Lödenalm verfehlte ich knapp und tappte deswegen auf dem besser markierten Nachbarsteig aufwärts. Später verlor ich kurzzeitig die Orientierung, bis ich auf rote Farbmarkierungen traf (Foto 01), die mutmaßlich zum Gipfel führten. Als ich auch diese Markierung verlor, kämpfte ich mich - gegen jede Vernunft - weglos durch Latschenfelder, Felsrinnen und –rippen nach oben. Etwas ramponiert und ausgepowert stand ich schließlich auf einem namenlosen, unbekreuzten, mit oberschenkeltiefem Schnee bedeckten  Gipfel, dem P1496: 80 m zu hoch und 500 m zu weit westlich, was ich allerdings erst Tage später realisierte. Im Norden war die Forststraße gut zu sehen, auf die ich über eine steile, schneegefüllte Rinne vorsichtig abstieg.

Am 10.05.2017 startete ich meine Erkundung von Nordosten, vom Seehaus aus, auf dem Fahrweg zur Branderalm hoch. Von der martialischen Namensgebung des „Kamikazesteigs“ (so steht’s auf einem Baumstamm) ließ ich mich nicht aufhalten und überschritt die Schlösselschneid von Ost nach West bis zu ihrem bekreuzten Gipfel. Die Aussicht ist einfach nur großartig (Foto 02). Im Abstieg nach Nordwest sondierte ich schon mal potenzielle Südaufstiege.

Der südseitige Aufstieg klappte dann am 18.05.2017. Nachdem ich diesmal den richtigen Einstieg gefunden hatte, folgte ich einem gut präparierten, rot markierten Jägersteig (Foto 03) bis ins obere, sehr steile Wand-Drittel, wo sich der Steig in einer Schotterrinne verliert. Ich entschied mich, weglos am linken Rand der Rinne durch den lichten Wald aufzusteigen, was ziemlich anstrengend (und nicht ungefährlich) war. Gelegentlich glaubte ich Restabschnitte des alten Steigs zu erkennen. Kurz unterhalb der Kammscharte tauchen wieder rote Farbmarkierungen auf. Den Weg zum Gipfel ab Scharte kannte ich bereits.
Das kleine Gipfelbüchlein von 1994 ist etwa halb voll und enthält die üblichen mehr oder weniger amüsanten Kurz-Einträge der überwiegend einheimischen Besucher. Da hebt sich ein neuer, ganzseitiger Eintrag eines Auswärtigen mit beinahe philosophischem Inhalt schon deutlich ab  #nocomment#.
Nach einer ausgedehnten Brotzeit stieg ich wieder zur Scharte ab und folgte dem Kammverlauf auf angenehmen Steig weiter Richtung Westen. Durch frei geschnittene Latschengassen erreichte ich meinen P1496 von der ersten Tour, nur diesmal ohne Schneeschikanen. Über die Nordwestseite stieg ich nun in eine Senke ab und wechselte in die Südflanke, wo ich auf rote Farbmarkierungen traf, die vermutlich den Weg ins nahe Elsental weisen. Den Umweg über die verfallene Hochkienbergalm mit Abstieg über den Weitseesteig wollte ich aber nicht auf mich nehmen, sondern stieg weglos durch steilen Bergwald zum Lödenseesteig ab, der mich zurück zum Ausgangspunkt brachte.

Meine vierte Begehung führte ich am 22.05.2017 mit meinem Pfälzer Spezl Erhard durch, dem ich die Schönheit meiner Chiemgauer Alpen demonstrieren wollte. Unser Tourenverlauf ist praktisch identisch mit der oben skizzierten zweiten Erkundung. Ein erstes Päuschen legten wir am ostseitigen Rand der Schlösselschneid ein, direkt gegenüber vom Seekopf (Foto 04), mit dem Sonntagshorn (Bildmitte) und dem Richtstrichkopf (rechter Bildrand) im Hintergrund und dem Förchensee unter uns. Weiter ging es zu einem Vorgipfel (Foto 05) mit nachfolgendem Gegenanstieg. Dieser „Kamikazesteig“ erwies sich im Nachhinein als ideale Trainingsstrecke für den Ostanstieg zur Nesselauschneid (Gruß an eli!) am nächsten Tag. Nach dem Adrenalinschub war die Stimmung während der Gipfelbrotzeit besonders ausgelassen. Mit etwas Pfadfindergespür wurde später ein gangbarer Weg zur Forststraße gefunden. Einen kleinen Umweg mit Pause auf der geschlossenen Branderalm gönnten wir uns noch, um dann locker und entspannt zum Seehaus zurück zu wandern.

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« am: 26.05.2017, 21:44 »

Offline geroldh

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Als BFklaus zu Anfang dieses Monats unter Referenzierung einer historischen Anstiegsmöglichkeit von seiner abenteuerlichen (Kletter-)Tour durch Latschen am Seehauser Kienberg berichtete, hatte ich einen kleinen Beitrag bzgl. meinen Nachforschungen mittels der Geländerelief- und Zeitreisefunktionen im BayernAtlas verfasst.

Wenige Tage später, am 10.05.17, konnte man durch eine schöne Bildauswahl (der Bericht sollte später folgen) kurzzeitig erfahren, dass BFklaus an diesem Tag erneut dort unterwegs war – ebenso wie AbseitsAufwärts – und sich beide irgendwie, nicht nur körperlich, sondern auch mental, „knapp verpasst“ haben mussten:  ???
Zitat von: roberge.de > Neueste Beiträge (Heute=10.05.2017)
Re: Schlösselschneid am 06.05.2017  von  AbseitsAufwärts  (Wer war wo?)  Heute um 20:10
Re: Schlösselschneid am 06.05.2017  von  BFklaus              (Wer war wo?)  Heute um 19:11
Re: Münchner versteigen sich am Hochgern: ...
...

Leider wurde der ganze Thread (inkl. aller fremden Zwischenbeiträge) offenbar aufgrund von „Irritationen“ noch am gleichen Abend (ca. 20:45) gelöscht. * - Derzeit etwas auf dem „Zeitreise-Tripp“ hatte ich mir diese Ecke in den Chiemgauern vorgemerkt, aber nun wollte ich den „Irritationen“ (bzw. GB-Eintrag) doch zeitnah auf den Grund gehen:

So sind wir, auch als „Auswärtige“ vom Inntal, nun zu dritt (almrausch war mit dabei  :) ) ins schöne „3-Seen Gebiet“ gefahren, um in der Nähe des Lödensees (ca. 750 m) zu parken. Wir wollten den historischen Südanstieg antesten, der in den frühen 1970er Jahren aus den Karten verschwunden ist. Im Gelände angekommen (Bild 1 oben) erging es uns, den heute sichtbaren Spuren folgend, sogleich wie BFklaus bei seinem ersten Versuch. Unser Irrtum war aber bald erkannt, wir waren dann zwischenzeitlich sogar „auf der richtigen Fährte“, doch die im DGM sichtbaren Steigserpentinen unterhalb einer Hangkante ließen uns erneut zweifeln und einen weiteren, dritten Versuch unternehmen. Dieser führte uns anfangs durch Gestrüpp und später mit einer kleinen Kraxeleinlage durch eine Trockenbachrinne schließlich doch noch auf den gesuchten Steig. Na ja, aller Einstieg ist schwer.

Wir folgen diesen alten Nutzsteig Serpentine für Serpentine nach oben und gelangen auch an die von BFklaus fotografierte Engstelle (Bild: 03_Südanstieg). Ich habe ein fast identisches Foto gemacht (Bild 1 unten) und muss dennoch sagen: Es ist ein reines „Marketing-Bild“: Im unteren Bereich vom Forst etwas hergerichtet, wird der Steig nach oben hin zunehmend verwachsener und ist im Schotterbereich ganz unsichtbar (Bild 2 oben). Rechterhand der großen Schotterfläche finden sich rote Punkte mit Pfeilen und Kreuzen an den Felsen, aber diese Markierungen dienen ausschließlich(!) dem Forst. So orientierten wir uns stets links der Rinne nach oben (Bild 2 unten) – und in der Tat sind dort für das inzw. geübte Auge ganz schwach uralte verschüttete Steigabschnitte auszumachen. Gaugelt das „Marketing-Bild“ noch „Sicherheit für jeden“ vor, so wird das Steilgelände im felsigen Durchschlupf ziemlich anspruchsvoll und ich möchte es mind. mit T4 einschätzen. Unzureichendes Schuhwerk und eine feuchte Witterung lassen es sicher schnell in Richtung T5 tendieren – auch für einen Abstieg ist es nicht unbedingt zu empfehlen. Nun ist der letzte Anstieg auf den 1416 m hohen „Vorgipfel“ vergleichsweise einfach und belohnt auch uns mit einer phantastischen Aussicht (Bilder 3).

Nach der Gipfelrast orientieren wir uns nach Westen und erreichen anfangs auf Steigen, später frei durchs Gelände, die „Wanderautobahn“ von der Branderalm herauf. Als „Geisterwanderer“ mit einigem "Gegenverkehr" sind wir nun am Nachmittag unterwegs hinauf zum Plateau und dem Westgipfel der Hörndlwand (1684 m; Bilder 4).
Als sinnvollen Abstieg für unsere Rundtour haben wir den im BayernAtlas verzeichneten Steig über die verfallene Hochkienbergalm und durch die schroffe Südflanke des Hochkienbergs ausgewählt (Bild 5 oben). Ein kühles Weissbier auf der Wiese am Mittersee (Bild 5 unten) rundet diesen gelungenen, wunderbaren Bergtag ab.

PS: Natürlich kenne ich den Namen des schneidigen „Vorgipfels“...  ;)


* Edit (19.01.2018):
Durch die automatische Speicherfunktion von Entwürfen wurde mein Beitrag "gesichert" - und über eine fast geglückte "Aufräumaktion" meinerseits habe ich ihn heute zufällig wiedergefunden:  :)

Wer war wo? / Re: Schlösselschneid am 06.05.2017
Zitat von: geroldh - Antwort « am: So, 07. Mai 2017, 18:41 »

Zitat von: BFklaus
... Vor ein paar Wochen kam ich nun mit einem alteingesessenen Ruhpoldinger ins (Gipfel)-Gespräch, der wusste, dass es früher mal einen "wilden" Aufstieg vom Lödensee zur Schlösselschneid gegeben haben soll. Ein Blick in die BayernAtlas-Zeitreise zeigte, dass 1964 noch ein Steig verzeichnet war. Ich machte mich also auf die Suche.
Auf dem östlicheren der beiden Zustiege zum Lödenseesteig ging es durch dichten Wald an zwei Jagdständen vorbei. Die in der 1964er Karte eingezeichnete Abzweigung nach Norden war dann schwer zu finden. Mehrfach folgte ich Spuren ins Nirgendwo, bis ich schließlich so etwas wie einen Pfad entdeckte, es kann aber auch ein Wildwechsel gewesen sein. ...

8) - Uii, noch ein "Zeitreisender"...  ;D

In der Zeitreisefunktion ist bei den Jahren 1970 - 1971 - 1972 (etwas fummelige Einstellung) der Übergang zwischen den Karten - und damit das "Verschwinden" des Steiges sehr gut nachzuvollziehen.
Hilfreich ist i.d.R. die Mitnahme eines "analogen" (Farb)Ausdruckes oder einer JPG-Datei (z.B. via einem "Snap-Tool) vom entsprechenden Kartenausschnitt, um sich dann vor Ort z.B. anhand der Felsformationen zu orientieren.
Alternativ läßt sich mittels der Funktion Werkzeuge -> Digitalisieren -> Linie der Steigverlauf abzeichnen, als GPX abspeichern und auf dem Handy/GPS-Gerät mit Kartenfunktion mitnehmen (ggfs. im Gelände frühere Referenzierungs-/Zeichnungs-Ungenauigkeiten einkalkulieren).
Unsere Erfahrung: Je steiler und baumfreier das Gelände, desto eher sind die kleinen Steigerl aus den 1960er Jahren verschwunden. Sie können aber einen Anhaltspunkt für meist anspruchsvolle wilde Anstiege bieten und oftmals wurden später in der Nähe angenehmere Alternativen gebaut...