16.07.2022: Kaisergeb.: Nur ‘ne Zettenkaiser-Überschreitung?

Begonnen von geroldh, 20.07.2022, 22:59

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geroldh

Oder vielmehr: Via dem "Leuchsweg" auf Scheffauer und Zettenkaiser (mit Westgrat) = "Kleine Westkaiser-Überschreitung"

Im Gipfelbuch vom Zettenkaiser war dieser Eintrag zu entdecken:
Zitat17.6.21 ... mit Ohne-Strom-Radl von Rosenheim über Kaindlhütte – Scheffauer (Widauersteig)
Von wem ... diese Zeilen stammen wird am Ende dieses Berichts stehen, doch darin sind gleich zwei Punkte enthalten, diese auf uns übertragen, wir uns (fast) ,,schämen" müssen...

Der erste Punkt ist, dass sich almrausch und ich um 07:30 Uhr am Bahnhof in Rosenheim treffen, um mit dem zweiten Zug des noch kühlen Tages nach Kufstein zu fahren. Mit ,,an Board" haben wir die e-Radl (Fahrrad-Tageskarte) – und hier ,,bahnt" sich bereits der zweite ,,Schampunkt" an: Wir starten unsere gemütliche Inntal-Fahrt im wenig besetzten Zug, sind eine halbe Stunde später am Bahnhof Kufstein (ca. 480 m) und fahren ebenso gemütlich durch die Römerhofgasse (,,Auracher Löchl") und gleich unterhalb der Burg entlang zur Almstraße, die uns am Aschenbrenner und der Brentenjochalm vorbei hinauf zur Kaindlhütte (1293 m, ca. 9:15 Uhr) führt, an der wir die Radl parken. Etwas zuvor habe ich noch kurz am ,,Erlöserbaum" angehalten, von dem ich erstmals in einem anderen Bericht gelesen hatte. Nicht aber, um dort innezuhalten, sondern um dem Radl-(Akku) einen kleinen Erholungsimpuls zu geben...

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Steinbergkapelle bei der Kaindlhütte mit Scheffauer und Zettenkaiser

Am nahe gelegenen Almbrunnen werden die beiden Trinkflaschen befüllt, es wird unterwegs kein (fließend) Wasser mehr zu finden sein. Via dem etwas längeren Steig erreichen wir den Fuß der Nordwand, verlassen den markierten ,,Weg", der später in den seilversicherten Widauersteig übergeht und steigen hinauf zum Einstieg zur ,,Ostler" (da möchte almrausch auch noch durch...) und ,,Leuchs" (ca. 1660 m, 10:15 Uhr).

Ein Wandbild mit der eingezeichneten Route ist bei Markus Stadler zu finden:


Übersicht über den Routenverlauf des Leuchswegs durch die Scheffauer-Nordwand

Ansonsten hatte ich vor einigen Jahren im Aug. 2015 den Bericht Scheffauer via Leuchsführe von daniel gesehen – und daraufhin diese Tour wenige Tage später dito erkundet (ohne Bericht).
Zwei Jahre später hat sich's dann auch ein Chiemgauer@hikr angesehen und dokumentiert: Scheffauer per Leuchsweg durch die Nordwand

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Noch auf der schrofigen Rippe – im Hintergrund der Zahme Kaiser

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Relikt aus einer anderen Zeit – irgendwie schön anzusehen...

Diese Route ist zwar alpines Kraxeln im wenig ausgeputzten Gelände, aber sonst kein ,,Hexenwerk". Zwischendurch wird die wenig ausgeprägte, leicht schrofige Rippe mit dem Latschenbewuchs schmal, hier ist etwas mehr ,,basteln" angesagt, und oben beim Queren des Rinnenansatzes ist es zunehmend bröselig. An einem schönen alten Haken vorbei gelangen wir nun zu einer kleinen Steilstufe – anfangs eher mittig, dann etwas luftiger nach links ausquerend ist diese II-III'er Stelle jedoch ganz gut zu überwinden. Da die Querung einen leicht abdrängenden Bauchansatz hat, wird hier für almrausch eine Schlinge um einen Felsen gelegt und mit dem kurzen Seilstück (12 Meter, die zum Abseilen auf dem Zettenkaiser-Westgrat benötigt werden) ihre Unsicherheit ausgetrickst. Ich erinnere mich zurück in das Jahr 2016, als nach der Ostlerführe der Kraxelopa und ich bei später aufziehendem Gewitter hier ,,abgestiegen" sind...

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Blick aus dem Fels-Ausbruch hinab zur Steinbergalm mit Kaindlhütte

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Am Beginn der Leuchsschlucht – das Spaßkraxeln kann beginnen

Auf der Route ,,Nordwandliebe" sind gerade zwei Kletterer unterwegs – wir werden sie am späten Nachmittag beim Tourenbier auf der Terrasse der Kaindlhütte wiedertreffen. Ich sehe mir noch den kleinen höhlenartigen Ausbruch an, dann wird es mit der sog. Leuchsschlucht ein wahrhaft spaßiges Kraxeln, mit etwas Verrenkungen in der Schlucht oder auch mal leicht links außerhalb ,,umgehend". Wenn sich die Schlucht aufweitet, halten wir uns im noch leichten Gelände links und bald ist der gut besuchte Gipfel des Scheffauer (2111 m, ca. 13:00 Uhr) erreicht.

geroldh

Nach einer längeren (Mittags)Pause ist es uns dort nicht zumute, zu unruhig ist es – wenn auch durchaus interessant, was hier für Leute anzutreffen sind: Angefangen von einem älteren ,,Dauerredner" (und was der alles seinem Tourenpartner zu erzählen hat...), der uns bereits im Zug aufgefallen ist, bis zu einer jungen ,,Insta-Queen", die ihr Smart-Phone an einem Stein trappiert und via Fern-/Selbstauslöser mit ,,gymnastischen Posen" Material für ihren Kanal erschafft.
Wir packen ein und steigen hinab zum sog. Schafflersprung, einem mannshohen Spalt zwischen einem Felsblock und dem nächsten kleinen Grataufschwung. Hier ist die Kunst, mit dem richtigen Standbein am Felsblock leicht auf Reibung zu stehen, sich hinüberzulehnen und mit einem beherzten Zug am dort angebrachten Seilstück sich leicht aufwärtszuziehen, den freien Fuß gegenüber auch kurz auf Reibung zu belasten und mit dem andern Bein hinaufzusteigen. Auch wenn es für mich nicht das erste Mal ist, so verspüre ich eine leichte Unsicherheit (bzgl. dem der ständigen Sonne/Witterung ausgesetzten Seilstück). Bei almrausch ist diese natürlich grösser, dazu noch die kleinere Schrittlänge, doch selbst mit der angebotenen (eigenen) Seilsicherung ,,kneift" sie – und umkraxelt diese Stelle relativ einfach von Norden her. Jaja, da bin ich doch mal gespannt auf den sog. Gamssprung bei einer für den Herbst angedachten Tour, der aber wohl ähnlich mutig zu überwinden sein soll...

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Hintersteiner See und "Schafflersprung" und Pendling-Ostwand

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Wie viele Jahrtausende liegt dieser Block wohl schon dort oben?

Bald kraxeln wir unter dem schönen Klemmblock hindurch nach unten und gelangen teils am Fels abkletternd, teils auf Steilgras absteigend, weiter hinab in die Grüblerlucke, von der wir – nicht ohne zwischendurch kurz abwärts kletternd – auf den ruhigen Gipfel vom Zettenkaiser (1968 m, ca. 15:00 Uhr) hinaufkraxeln.

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Mit dem Zettenkaiser auf Augenhöhe...

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Der Zettenkaiser wie ein Schiffsbug...

Kurz zuvor war noch jemand droben, doch nicht jeder schreibt sich in das Gipfelbuch ein. Beim Durchblättern während der Rast fällt mir eine Woche später als das obige Zitat der Eintrag von Robert aus Kufstoa >Landler< übern Westgrat auf – doch viel mehr erfreut es uns, gleich auf der vorletzten Seite – und mit 9.7.22 nur eine Woche alt – den Eintrag von schneerose zu finden.  ;)

Wir verweilen hier eine ganze Weile und machen uns schließlich an den Abstieg. Diese Gipfelrast hat bei uns beiden merklich den Adrenalin-Spiegel abgebaut, wir merken eine gewisse Abnahme von Konzentration und ,,Biss", so dass sich sinnvollerweise almrausch dazu entschließt, den markierten Normalweg Riegensteig zur Kaindlhütte zurückzunehmen, während ich nun doch etwas flotter, den mir bekannten Westgrat angehen kann (ca. 2,5 m Abseilwandl), um meine ,,Standard-Runde" via dem Zwischengipfel Grüblerkaiser (1749 m) fertig zu machen. Natürlich geht es auch heute den feuchten Latschenschlurf nach Norden hinab zum Sattel, das Hochegg (1470 m) bleibt unbeachtet links liegen und bald ist nicht nur der erfrischende Almbrunnen, sondern auch die Kaindlhütte wieder erreicht (18:00 Uhr).

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Auf der Steinbergalm

Dort die hopfige Tourenbelohnung genossen, mit den beiden Kletterern geratscht und anschließend sich über die verfügbaren Elektronen gefreut, die uns beim leidigen Gegenanstieg hinauf zum Brentenjoch unterstützen. Ab dann gibt es kontinuierlich heiße Bremsscheiben, die erst drunten in Kufstein, bzw. im wiederum wenig besetzten Zug (Abfahrt 19:59 Uhr), wieder die Umgebungstemperatur annehmen.

Ach ja, der Autor des Eingangs-Zitats ist kein geringerer als – er wurde bereits erwähnt – Markus Stadler – etwas jünger als wir und ,,berufsbedingt" um einiges fitter, sei ihm dieser Tourenerfolg herzlich vergönnt.



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