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27.05.2022: Kaisergebirge: Jovenspitze-Nordostgrat

Begonnen von geroldh, 29.05.2022, 21:43

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geroldh

Als ich mir vor fünf Jahren die Fragestellung beantworten wollte, ob die Jovenspitze als Eckpfeiler des Zahmen Kaisers auch über den markanten nördlichen Grat zu erkraxeln sei, hatte der Überschreitungs-Versuch beinahe expeditionsartige Züge angenommen. Im zweiten Anlauf hatte ich allerdings Erfolg und durfte dabei etwas meine mentalen Grenzen austesten...
Mit der Zeit verklären sich die Erinnerungen, markante Erlebnisse bleiben länger erhalten und eine eher positive Gesinnung bildet sich aus. Nun gab es in mir zunehmend den Impuls, diese Bergfahrt zu wiederholen – irgendwie wuchs mein Interesse, wie ich heute damit zurechtkommen würde.

Doch vor dem neuen (Erlebnis-)Bericht ,,das Kleingedruckte" vorneweg: Obwohl der NO-Grat ,,nur" eine Länge von ca. 600 m Luftlinie aufweist, so sind diese durchaus anspruchsvoll ausgestaltet. Die tw. ausgesetzte Route ist nicht einfach zu finden, verläuft vor allem im oberen Teil nicht vorranging ,,am Grat" und beinhaltet mitunter auch kleinere ,,Abstiege" (Umgehungen). Das Gelände ist hoch-alpin, völlig ,,ungeputzt" und wild – der Fels alles andere als ,,zuverlässig", der jahrelange Frost hat das Gestein spröde gemacht. Geübte Felskletterer haben mit den technischen Schwierigkeiten (überwiegend II mit einzelnen Stellen III) kaum Probleme, aber an diesem Gelände kein Interesse. Dagegen müssen Kraxler ausreichend Redundanz in Erfahrung und Können mitbringen, um das Risiko zu minimieren, ein Fall für die Bergrettung zu werden.
Die Jovenspitze hat auch einen SW-Grat als Fortsetzung von einer Länge von ca. 200 m. Diesen ausgehend vom Steig zur Pyramidenspitze zu ,,überschreiten", vermittelt einen annähernden Eindruck der Herausforderungen am NO-Grat, nur darf man alles – auch die Intensität – mit dem Faktor drei erhöhen.


Zuerst an die ,,große Überschreitungs-Runde" gedacht, haben almrausch und ich uns kurzfristig für die Anfahrt zum Parkplatz Durchholzen-Winkelkar (ca. 730 m / ca. 7:30 Uhr) entschieden, da mit der ,,kleinen Überschreitungs-Runde" der Abstieg durchs Winkelkar vorgesehen ist.
Das zentrale Zwischen-Ziel ist die halbverfallene Jovenalm – und dorthin gibt es zwei offizielle Aufstiegsmöglichkeiten, doch beide erscheinen mir vom Parkplatz aus zu lang und unpraktisch. Im Hinterkopf habe ich, dass auf meiner alten AV-Karte der Ausgabe von 1986 nördl. der Alm ein (mark.) Steig verzeichnet ist und mit der Wahrnehmung, dass in der heutigen OSM ein Stück Forstwirtschaftsweg eingetragen ist, der von einer Wiese etwas den bewaldeten Hang hinaufführt, wird der Entdeckergeist geweckt und auch etwas die Hoffnung, dass es dort vielleicht eine kleine, unbekannte Verbindung gäbe.
Das Queren in der inzw. bereits recht hohen und taunassen Wiese zum Beginn des Weges ist nicht optimal, aber am Ende des Weges – leider ohne eine Fortführungsmöglichkeit – steilt sich der Waldboden ziemlich steil auf, dass dies eigentlich eine Sackgasse darstellt. Doch nun, da wir schon mal hier sind – aber ganz sicher kein zweites Mal – mühen wir uns tw. auf allen Vieren von Baum zu Baum den Steilhang hinauf. Oben an der Hangkante angekommen gibt es Markierungen der Gemeindegrenze und andeutungsweise eine Spur, der wir weiter aufwärts folgen. An einer Stelle, die logisch von einem Almweg zu erreichen ist, treffen wir auf ein verblasstes Blechschild der DAV-Sekt. Oberland: ,,Weg aufgelassen – nicht begehbar". Aha, danke für die Information. Wenig später kommen wir an einer Salzlecke vorbei – mit Sichtkontakt zum Ansitz – und an den Bäumen finden sich noch einige alte weiß-rote Markierungsstriche. Doch je steiler das bewaldete Gelände wird, desto unscheinbarer wird eine Steigspur – wohl eine Gams ,,schießt" von oben herab mit Steinen nach uns – und möglicherweise war hier seit Jahrzehnten niemand mehr unterwegs gewesen und dieser ,,Steig" bereits früher eher nur etwas für ,,Liebhaber". Auch wenn es hier ziemlich mühsam ist, wird gegen 9:30 Uhr die Jovenalm (1330 m) erreicht und mit einer kleinen Pause der Ausblick auf den Walchsee genossen. Noch kann die Sonne den Wolkenschirm kaum durchdringen, der oben auch die Gipfel umwabbert, doch vom westl. Voralpenland her nähert sich der blaue Himmel.

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Blick von der Jovenalm auf den Walchsee, im Hintergrund Geigelstein und Hochgern

Der Bewuchs der Jovenalm ist noch angenehm kurz, anfangs durch lichten Lärchenbestand gilt es bald die Latschengassen zu finden und einige Latschenbarrieren zu durchschlurfen. Mit ersten felsigen Kraxelstellen gewinnen wir zunehmend an Höhe – der Blick zurück in den sog. Kaiserwinkl und die Chiemgauer Alpen ist phänomenal – und mit das Besondere an dieser Tour.

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Ganz anders dagegen der Blick nach vorne oben: Ziemlich zerklüftet steilt sich der Grat auf und ich krame zunehmend in meiner Erinnerung, wo genau ich damals die beste Möglichkeit gefunden hatte, dort durch und hinaufzukommen. Auch wir müssen wieder etwas suchen, kleinere ,,Verhauer" korrigieren, uns wieder durch Latschen zwängen, eine bröselige Schrofenrinne durchsteigen, schließlich kleinere Felsabsätze erklettern – und stehen nun (12:30 Uhr) auf dem kleinen grasigen Gupf (mit Stoamo), an dem beim ersten Versuch umgekehrt wurde. Von hier aus werden sowohl die Nordwände über dem Winkelkar als auch der letzte Felsaufbau der Jovenspitze markant – und das Gipfelkreuz frohlockt bereits von oben herüber.

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geroldh

Eine gehörige Portion Zuversicht macht sich bei mir breit, nun ,,das Gröbste" geschafft zu haben und ,,nur noch" auf nun mir bekanntem Weg ,,hinüber" kraxeln zu müssen – so viel zum Thema ,,Erinnerungs-Verklärung". Ganz anders bei almrausch: Sie hat kurz vorher mit einem ausreichend großen, lockeren Stein Bekanntschaft gemacht, der sie auch kurz aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Vom grasigen Gupf muss man noch etwas am Grat entlang schleichen und anschließend in eine kleine Scharte absteigen. Von hier aus geht es ostseitig nochmal ein Stück hinunter, bis sich oberhalb einer kleinen Steilrinne eine Querung mit Gegenanstieg ergibt. Hier sichere ich das erste Mal nach, mit Fixpunkt Latsche.
Es folgt ein weiterer luftiger Aufschwung (mit Nachsicherung), dann etwas absteigend eine Schrofenquerung, und schließlich die unangenehme Stelle, an der ich mich damals in der Verschneidung hochgearbeitet hatte. Dieses Mal nehme ich den strukturierten Felsen rechts daneben und habe auch hier etwas zu kämpfen, stets zu vermeiden, mein ganzes Gewicht nur einem Griff anzuvertrauen. Für almrausch wird es einfacher: Dadurch, dass ich sie zum Schutz vor Steinen zur Seite geschickt hatte, erkennt sie an der nächsten Felskante eine einfachere Möglichkeit – dennoch wird hier nochmal nachgesichert. Dann noch eine Rinne hoch und das Gipfelkreuz steht auf Augenhöhe vor uns. Mit der letzten Kletterstelle hatten wir den interessanten Klemmblock rechts liegen lassen, daher dorthin noch ein kurzer Foto-Abstecher – und nun tatsächlich große Gipfelrast auf der Jovenspitze (1892 m / ca. 14:30 – 16:30 Uhr).

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Im Hintergrund der Talboden mit der Winkelalm

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Pyramidenspitze und Jovenspitze

Ich blättere wieder durch das Gipfelbuch, das einigermaßen aufschlussreich wiedergibt, wie viele Pyramidenspitz-Aspiranten sich hierher ,,verstiegen" haben..., doch die Mehrheit kommt ganz bewusst herauf – auch am heutigen Tage. Einige haben diesen Gipfel für ihre Winkelkar-Umrahmung auf dem Zettel, aber den NO-Grat hat offenbar in den letzten Jahren niemand gemacht.

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Wie es sich gehört, wird unsere Überschreitung mit dem SW-Grat komplettiert, dabei ist eine luftige Stelle abzuklettern, noch einmal eine Gelegenheit das Seilstück herauszuholen und almrausch per Köpfelstand hinunterzusichern.

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Noch ein letztes Mal durch oder besser über die Latschen und der Normalweg auf die Pyramidenspitze ist erreicht (17:30 Uhr). Diese schenken wir uns, da nicht auf Gipfelsammeltour unterwegs, und sind für diesen Tag wohl die letzten, die den durchaus anspruchsvollen Steig hinabsteigen – wir empfinden ihn nun nach unseren alpinen Herausforderungen aber fast wie eine Strasse... Inzwischen bläst ein frischer Wind und über uns wird die Wolke immer breiter und dunkler. An der DAV-Selbstversorgerhütte Winkelalm (1193 m / 18:45 Uhr) schaue ich mich nochmal um und auf den aufgestellten Wegweiser mit Warnung der DAV-Sekt. Oberland: ,,Pyramidenspitze – Nur für Geübte!". Mir huscht ein Gedanke durch den Kopf: Dann ist der Jovenspitze-Nordostgrat wohl nur etwas für Profis!
Gegen 19:30 Uhr erreichen wir wieder den Parkplatz, löschen unseren Durst mit einem bachgekühlten Hopfengetränk und steuern zum Abendessen den Landgasthof Ledererwirt (Buchberg) an. Auf der Terrasse können wir ,,unseren" Grat nochmals bewundern, vom Gipfelbereich ist aber nichts mehr zu sehen, die riesengroße dunkle Wolke hat sich abgesenkt und ,,erdrückt" den gesamten Zahmen Kaiser.



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