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Autor Thema: 15.04.22: Brandenb.Alpen: Wilder(er)Steig, Pendling Ost-Wand  (Gelesen 632 mal)

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Offline geroldh

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15.04.2022: Brandenberger Alpen: Via „Wilder(er)Steig“ durch die Pendling Ost-Wand

Ob dort, in diesem steilen und südostseitig ausgerichteten Gelände, in den vergangenen Jahrhunderten die Wilderer umtriebig waren, ist mir zwar nicht bekannt, aber davon ist wohl auszugehen. Einen (erkennbaren) Steig gibt es dort jedenfalls nicht, das Gelände ist durchwegs ursprünglich „rustikal“ gehalten – und somit als unerschlossen „wild“ anzusehen. Allerdings bietet es mindestens zwei „Aufstiegsmöglichkeiten“ (ohne einen Menschen zu begegnen):

Als ich vor vielen Jahren mal die Info aufgeschnappt hatte, dass durch diese markante Wand des Hausbergs von Kufstein eine (neue) Kletterführe gehen sollte (Erstbegeher: Zehetner, Lang, Schönauer am 24.9.1994), hatte dies zwar kurzzeitig mein Interesse geweckt, war dann aber zugunsten anderer Bergfahrten wieder im Hinterkopf verschwunden. Und dies war mit Sicherheit auch gut so, denn heute ist mir dank der modernen Medien bewusst, dass diese Kletterroute, als Weg der drei Hodalumpen (UIAA VII - Wandbild) bezeichnet, ein paar Nummern zu groß ist.
Sie sei vom Charakter her eine „häufig botanische Alpinkletterei. Ein alpines Abenteuer für Locals, denen die Wand schon lange ein Dorn im Auge ist.“

Demzufolge wurde und wird sie wohl eher selten „begangen“ – und offenbar nie „gelobt“. Ein durchaus als „alpiner Allrounder“ bekannter Zeitgenosse schreibt in seinem Berg-Blog (Mai 2007) von einem Zustieg = „mühsam !“, einem Einstiegsbereich = „gruselig !! und so blieb es bis zum Ausstieg !“ sowie „von 22 Seillängen, ... nur 4 die den Namen Kletterei verdienen, der Rest abenteuerlich (gefährlich)” und er sei „froh, wieder gesund & munter Daheim zu sein !!“ von dieser „Horrortour“.
Jahre später ist sogar von einem Unfall in der Pendling-Ostwand (April 2014) zu lesen: „... Im oberen Bereich der Wand auf einer Meereshöhe von 1241 m brach plötzlich ein Griff aus und der 22-Jährige stürzte, mehrmals am Fels aufschlagend, ca. 25 m in das Seil“, was mehrere Knochen-Brüche und eine Hubschrauber-Bergung zur Folge hatte.

Und was hat es nun mit der anderen „Aufstiegsmöglichkeit“ auf sich?


Pendling von Kufstein gesehen (mit der Festung Kufstein)  (Quelle: Wikipedia)

Eigentlich ist diese mehr als offensichtlich, wurde sicher bereits unzählige Male „gesehen“ (d.h. diese „Wand“ steht bei jeder Fahrt ins Gebirge so dermaßen penetrant im Blickfeld…) – doch möglicherweise als „Aufstiegs-Linie“ kaum wahrgenommen (d.h. diese „Wand“ ist in zwei Etagen aufgeteilt, die durch ein markantes Wald-Band getrennt sind...). Und wenn doch, dann vielleicht nicht in ihrer (kompletten) Form ausgeführt, denn eine (sichtbare) Dokumentation darüber scheint es keine zu geben (sollte ein Leser mehr dazu wissen, dann bitte um Rückmeldung), auch (aktive) Begehungsspuren des Homo Sapiens oder ein „Wandbuch“ sind mir keine aufgefallen. Na ja, womöglich ist dies hier dann zumindest die „Internet-Erstbegehung“ einer echten Abenteuer-Route mit später herrlichem Blick auf Kufstein und das Inntal – jedenfalls wenn das Wetter passt.

Für unsere Erkundungstour der angedachten Linie hatten wir noch feuchte Witterungsbedingungen, aber für mögliche Schwierigkeiten im Aufstieg – sowie für einen geordneten Rückzug – eine gute Ausrüstung dabei (wollten wir auch an diesem Karfreitags-Feiertag keine „Kunden“ der Bergrettung werden): Neben Klettergurt, Klimbim und 60m-Halbseil sogar einen (Gras)Pickel für steilere Flanken. Gebraucht haben wir davon – nix.
Kein Wunder also, jetzt da ich „den Weg“ mit seinen Eigenschaften kenne, ich mir eine Wiederholung mit leichtem Gepäck bereits fest vorgenommen habe... ;)

Wer diese Tour als „Nachahmungstäter“ begehen möchte, sollte sich im Klaren sein, dass es keine „Wanderroute” ist. Ohne Verhauer und bei „richtiger“ Routenwahl sehe ich die allg. Begehungsschwierigkeit bei T5 mit kleineren Kraxeleinheiten im Bereich von UIAA II – nach oben hin allerdings offen... Eine gewissenhafte Vorbereitung* und später alpine Erfahrung, gutes Orientierungsvermögen und zuverlässige Trittsicherheit, sowie eine gewisse Ausdauer sind hier unbedingte Voraussetzung für ein genussvolles Gelingen.

Wichtiger Hinweis: Dies ist ein Erlebnisbericht – und KEINE Tourenempfehlung!
Wer dort hingeht, tut dies auf eigene Verantwortung – und wer sich dort versteigt, ist selbst schuld...

*Als gute Vorbereitungsmöglichkeit bietet sich analog zum BayernAtlas auf bayerischer Landesseite jenseits der Grenze der Kartendienst tirisMaps, das geografische Informationssystem des Landes Tirol, an. Durch entsprechende Hintergrundauswahl (hier Orthofoto) und dem gezielten Einblenden weiterer Layer (hier z.B. Höhenlinien nach dem digitalen Geländemodell) lässt sich ein guter Überblick von einem unbekannten Gebiet herausarbeiten – und sich später auch im (Steil)Gelände gut orientieren, dort wo GPS-Signale durch Abschattung und Reflexion bei ihrer Genauigkeit versagen. Ergänzt mit einem detailreichen Wandbild, und entsprechendem räumlichen Vorstellungsvermögen, ist eine Tourenmöglichkeit schon ausreichend gut abgeschätzt, vergleichbar mit einem Topo. Aufmerksamkeit, Erfahrung und Orientierungsvermögen im Gelände bilden dann einen weiteren wichtigen Baustein – auf „Wischbrett-Navigation“ kann dann verzichtet werden.


Pendling vom Süden Kufsteins aus gesehen (Nähe Bauernhof Hörfing) (Quelle: Wikipedia)
Genau in Bildmitte beginnt der weglose Anstieg – von hier optisch gesehen einem „S“ nach oben folgend.
Link zur Originaldatei ‎(4.988 × 3.174 Pixel, Dateigröße: 7,25 MB, Typ: image/jpeg)

#schild1#

Einige frühsommerlich warme Tage mit durch Saharastaub eingetrübtem Himmel liegen hinter uns, in der Nacht soll das Streifen einer schwachen Kaltfront für etwas Regen sorgen, aber spätestens ab (Vor)Mittag sei mit zunehmender Abtrocknung und Auflockerung zu rechnen – was für das Alpenvorland um Rosenheim herum sogar auch gepasst hat.

So haben sich almrausch und ich erst am späten Vormittag getroffen und wir starten etwa zum Mittagsleuten mit den Muskel-Bergradl vom Parkplatz am Stimmersee (ca. 550 m), um die mäßig ansteigende Forststraße mit den ausholenden Kehren nach oben zu treten. Von der letzten Kehre aus gäbe es einen letzten Einblick in die hoch über uns aufragende Pendling-Wand, doch heute beginnt wenig über uns nur der Nebel. Im Bereich eines kurzen Abzweigers auf etwa 680 m machen wir unser Radl-Depot und steigen weglos entlang einer alten Abholzungsfläche in südwestlicher Richtung durch den Hochwald leicht bergan. Beim Erreichen eines kleinen Bachbetts folgen wir diesem am südl. Rand nach oben, uns zunehmend weiter links/südlich haltend – es gilt einen im Luftbild markanten „Felstropfen“ zu umgehen. In dessen Umfeld lädt uns eine kleine erdige Rinne ein, mit den ersten Kraxel-Aufwärmübungen die Hände schmutzig zu machen. Dadurch gelangen wir kurz auf einen Geländerücken und stehen bald bei den aufblühenden Aurikeln am Wandfuß auf knapp 900 m (13:15 Uhr) – der Einstieg in die o.g. Kletterroute ist nicht weit entfernt.

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Alles um uns herum ist noch feucht, auch die Luft verschafft uns mit ihrer Feuchtigkeit den Eindruck einer Waschküche, aber wenigstens ist es angenehm warm. Wir wollen, solange es gut vertretbar ist, an unserer Erkundung festhalten, notfalls den Rückzug antreten.
Ein Kontrollblick auf den mitgeführten Ausdruck mit dem Orthofoto (Luftbild, in das ich die Höhenlinien nach dem digitalen Geländemodell eingeblendet habe) zeigt, dass wir für unser Vorhaben genau richtig positioniert sind und nun direkt unter der Wand weiter ansteigen können bis wir zum hier etwas wasserführenden Bach zurück gelangen. Zivilisationsmüll aus Plastik, absichtlich oder unfreiwillig oben beim Pendlinghaus in den Abgrund gefallen, hat offenbar im Laufe der Jahre seinen Weg hierher gefunden – auch ein alter Bergstiefel ohne Schnürsenkel rottet im Wasser vor sich hin. Ein Fuß steckt keiner mehr drin, doch unweigerlich kommt mir die tragische Geschichte um die aufgefundenen Überreste von Günther M. in den Sinn...

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Da die hiesige Seite trotz des Baumbestandes zu steil ist, gewinnen wir jenseits des kleinen Grabens weiter an Höhe und wechseln an passender Stelle wieder zurück auf die südliche Seite, um uns nun etwas vom Einschnitt zu entfernen und einen kleinen Rücken zu ersteigen. Dort mit einer kleinen Kraxelstufe weiter ansteigend das untere Ende eines Schuttfeldes erreichend, bemerke ich oben auf einer kleinen Felskante einen exponiert gelegenen Jagdstand, und im Gelände weiter oben die offensichtliche Möglichkeit eines (Not)Ausstiegs in Richtung des östlich gelegenen Jägersteigs, der nach dem „Gipfelerfolg“ unseren Abstieg ermöglichen soll.
Wir orientieren uns nun weiter ansteigend in südlicher Richtung, um die Eng- und mögliche Schlüsselstelle mit einer markanten, von oben herabziehenden Rinne zu erreichen, die sich im Kreuzungsbereich mit der Kletterroute befindet und für beide Anstiege ziemlich genau „die Halbzeit“ markiert (ca. 1200 m / 14:30 Uhr). Mal sehen, vielleicht lasse ich dort am geschützten Wandfuß bei meiner nächsten Begehung ein „Wandbuch“ zurück... #buch#

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Oberhalb dieses Punktes ist die Rinne mit altbackenem Schnee gefüllt (von Tal aus als Referenz sichtbar) und bildet beizeiten den neuralgischsten Punkt bzgl. Lawinen- oder Steinschlaggefahr. Hier macht es uns die Nässe auf dem umgelegten Gras nicht einfach aufzusteigen, wir schlagen uns etwas „in die Büsche“ und streben weiter oben linkshaltend dem strukturierten Geländerücken zu. Auf diesem wird dann flott Höhe gemacht – ein weiterer kurzer Regenschauer geht über uns hernieder – und nach einer Stunde wird genau passend der Ausstieg auf etwas über 1400 m erreicht, den ich bei unserer letzten Tour vor drei Wochen bereits von oben her erkundet hatte.
Der nun folgende Anstieg ist uns bekannt und bald können wir auf einem „Jaga-Bankerl“ (sogar mit kleinem Beistelltischchen ausgestattet) Platz nehmen und mit den herauf getragenen Bierflaschen auf unseren Durchsteigungserfolg anstoßen. Anfangs schauen wir geradeaus durch ein paar Baumwipfeln hindurch noch auf eine gleichförmig graue Nebelwand, doch dann – es ist bereits um 16:00 Uhr – wird das Inntal frei und wir blicken zwischen unseren Füssen hinab auf den (Segel)Flugplatz Kufstein-Langkampfen sowie auf die hässlichen Dächer der Fertigungshallen des Industriegebiets.

Die Sonne streift uns nur noch von der Seite, es wird kühl und das “aussichtslose“ Gipfelkreuz des Pendling (1563 m) links liegen lassend, gehen wir am heute nicht-bewirteten Pendlinghaus (auch Kufsteiner Haus genannt) vorbei und beginnen auf dem nun fast schneefreien, aber durch die Nässe ziemlich rutschigen Jägersteig entlang des Ostgrates unseren Abstieg. Dieser steile Steig ist allenfalls marginal von unten herauf markiert und man darf weiter unten im Wald schon genau hinschauen, um die manchmal nur schwachen Steigspuren – mal nach links, bald wieder nach rechts abknickend – zu erkennen.
Ich habe mir vorgenommen die Augen auch bezüglich des möglichen Zugangs zum im Aufstieg gesehenen Jagdstandes auf der kleinen Felswand offen zu halten, und tatsächlich im geeigneten Gelände entdecken wir neben einer fast verblassten Markierung auch ein kaum sichtbares Steiglein. Diesem folgen wir ohne Rucksäcke ein gutes Stück ins Gelände hinein, doch irgendwann verläuft es sich und bis zum „Jagd-Horst“ bzw. der in der Nähe liegenden (Not)Ausstiegsmöglichkeit ist es einfach zu weit – ein anderes Mal vielleicht, wir kehren um, den als Jägersteig benannten Pfad weiter absteigend. Die Beine bzw. Knie freuen sich, als wir den kleinen Forstweg und alsbald auch die geparkten Räder erreichen.
Während wir etwas später bei Speis und Trank unseren Bergerfolg „feiern“, geht wieder ein Regenschauer hernieder – doch nun macht er uns noch viel weniger etwas aus... :)

#osterhase#

Offline almrausch

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War ein tolles Erfolgserlebnis, dass wir so gut durchgekommen sind und das Wetter ganz gut mitgemacht hat, auch wenn wir erst oben am Gipfel etwas die Aussicht genießen durften . Ich denke dass  bei trockenen Verhältnissen die 4 Steilstufen auch etwas leichter zu bewältigen gewesen wären.  Mit festem Schuhwerk, beherztem Kanteneinsatz waren die erdigen Steilstellen mit kaum Griffmöglichkeiten und der notwendigen Ruhe trotzdem machbar. Der Rest war zwar steil aber wiedererwarten relativ unproblematisch, wenn man mit so einem Gelände vertraut ist und den entsprechenden Geländeblick hat. Vorsicht, ohne diese Erfahrung und Vorbereitung wird man sehr sehr schnell ein Fall für die Bergwacht. Also lieber nicht nachmachen, ausserdem haben die wenigsten Leute Spass in so einem wilden mühsamen Steilgelände. Leider haben mich auch drei Zecken erwischt.
Almrausch

Offline geroldh

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28.04.2022: Brandenberger Alpen: NaturNah auf den Pendling 2
« Antwort #2 am: 30.04.2022, 16:16 »
Die Zwischenhochs kommen – und sie gehen wieder... Statistisch begründbar sind dies meist die Werktage – doch einzelne Tage wollen für anspruchsvollere Touren genutzt werden.
Mit
Zitat von: geroldh
Kein Wunder also, jetzt da ich „den Weg“ mit seinen Eigenschaften kenne, ich mir eine Wiederholung mit leichtem Gepäck bereits fest vorgenommen habe... ;)

habe ich auch gleich ein attraktives Vorhaben „in der Schublade“ – und so geht es am Morgen mit der BRB #musik2# nach Kufstein Bahnhof (ca. 490 m), an dem die Tour mit einer Wanderung zum Berg hin beginnt. Die ersten Höhenmeter des Tages stellt der „treppenartige Aufstieg“ zum Fußgängersteg über die Gleise dar, am anderen Ende spaziert es sich verkehrsberuhigt durch eine Wohnstraße sowie eine Lindenallee bis zu einem kleinen Kloster mit der Wallfahrtskirche „Maria Hilf“ am Ortsrand – vor mir baut sich die Pendling Ost-Wand auf und die Aufstiegsroute ist im mittleren Teil gut zu erkennen.

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Unter die Autobahn hindurch muss für wenige Meter die Landstraße tangiert werden, dann wird der kleine Weiler Maistall angesteuert, hinter dem die Natur beginnt. Wenig später gelange ich an eine Weggabelung mit einem älteren, wohl vergessenem Self-Made-Verbotsschild: „ Wanderweg Gesperrt   <=  Umleitung “.
Der linke, untere Weg am Hangfuß soll benutzt werden – jedoch der von mir geplante, nach rechts oben ziehende (Höhen)Weg gemieden werden... Doch kein Problem, ab hier wird’s für mich naturnah... (und auch etwas tierisch) :-[
Die Morgensonne wärmt durch den vor wenigen Jahren ausgeholzten Wald hindurch, mit dem Überqueren der breiten Staumauer vom Stimmersee-Rückhaltebecken werden zwar wenige Höhenmeter wieder abgegeben, doch damit bin ich gleich an der oberen Forststraße unterwegs, von dessen letzter Kehre heute der Blick unverhüllt nach oben in die sich aufsteilende Wand schweifen kann.

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Der Einstieg in den nun folgenden Weglosanteil ist mir bekannt, die junge Vegetation (u.a. Brennnessel...) hat seit Karfreitag noch einige Zentimeter zugelegt und das heute trockene Buchenlaub fällt mir locker-flockig oben in den Schuh hinein. Nun gut, dann mache ich mir über die (heute) abgelaufene Sohle keine Gedanken mehr, fast die gesamte Aufstiegsroute zum Pendling-Gipfel geht sogar barfuß – und der „Gripp“ – natürlich bewusstes und gezieltes Steigen vorausgesetzt – war gar nicht mal so schlecht...  :laugh:
An der Aufstiegsroute ist im unteren Teil kaum mehr etwas zu verbessern, das Gelände gibt die Linienführung vor. Auch die kleinen Kraxel-Stellen machen bei Trockenheit keine Probleme – und heute ohne verhüllenden Nebelschleier strebt über mir die Wand steil empor zum Pendlinghaus.

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Erst oberhalb des kleinen Grabens variiere ich heute in den baumbestandenen Bereich hinein – und komme so am helllichten Tag an einer Salzlecke und damit quasi an des Jägers „Zielpunkt“ #gams# vom gegenüber befindenden Ansitz auf der kleinen Felswand vorbei. Durch die Bäume weht ein angenehmes (thermisches) Lüftchen, oben kreisen ein paar Vögel und auch die Aussicht kann sich heute sehen lassen: Unten das belebte Inntal mit Kufstein und dahinter das noch verschneite Kaisergebirge sowie weiter südlich der mit Cumulus-Wolken etwas verdeckte Alpenhauptkamm.

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Vergleichbar mit dem historischen „Kaunrad“-Aufstieg im Berchtesgadener Land befindet sich an der Aufstiegs-Engstelle (und dem Kreuzungspunkt mit der Kletterführe) ein „Wandbuch“ (ca. 1200 m).  #buch#
Nach einer kleinen Pause halte ich mich auch für die zweite Hälfte der weiteren Aufstiegsroute vorrangig an die Gamspfade – denn die „Einheimischen“ kennen nun mal die besten Möglichkeiten hier in diesem strukturierten Gelände, in dem auch ich mich „sauwohl“ fühle.

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Am „Jaga-Bankerl“ wird wieder ausgiebig mit Bier und Brotzeit pausiert – und anschließend noch die drumherum liegenden Zigarettenkippen eingesammelt, denn seit dem letzten Besuch hier, hatten wohl zwei „Bergschweine“ ihre Lunge intensiv nachteeren müssen...

Das Gipfelkreuz (1563 m) sieht mich auch heute nur vorbeigehen, denn ich habe mir nun mit meiner vorgesehenen Abstiegsroute eine anspruchsvolle Herausforderung vorgenommen: Diese beginnt mit einem kurvigen Wirtschaftsweg recht harmlos, doch dann bin ich (ohne Wander-Navi unterwegs) leicht orientierungslos und mäandere etwas durchs Gelände, um einen mir bekannten Einstiegspunkt in diese Route durch die steile Südost-Flanke zu finden. Diese bin ich bereits mehrmals „gegangen“, zuletzt vor einem Monat und nur dadurch darf ich meiner Einbildung für die kürzeste Route zur nächsten ÖPNV-Haltestelle nachgeben. Ist der sog. Jägersteig (via der NordOst-Kante) bereits anspruchsvoll genug (meine Abstiegs-Empfehlung!), so wird völlig berechtigt in anderen Beschreibungen von einem Abstieg hier in diesem Steil-Gelände abgeraten: Oft bin auch ich ziemlich „neben der Spur“ unterwegs (wenigstens ist es trocken!) – und einmal muss ich sogar mit einem kleinen Aufstieg zurück ganz heftig nachkorrigieren, um der Gefahr in einer steiler werdenden Grasrinne einen „Abflug“ zu machen zu entkommen. Geschafft! Das untere Drittel ist nun vergleichsweise einfach und am Hangfuß stehe ich bereits zwischen den Häusern von Langkampfen-Schaftenau.

Den passenden Bus zurück nach Kufstein habe ich im Aufstieg vertrödelt, auf den Nächsten möchte ich aber nicht warten, und so hatsche ich durch das ausufernde Industriegebiet an einer übergroßen Kettensäge vorbei zum Bahnhaltepunkt Schaftenau. Hier wartet dann noch eine letzte „echte“ Herausforderung auf mich: Bereits am richtigen Bahnsteig angekommen, kann ich keinen Fahrkartenautomaten erkennen, auch keinen Hinweis (Piktogramm) auf eine mögliche Existenz eines solchen. Doch ich habe noch ausreichend Zeit, kann mir ein Fehlen dieses elektronischen Zeitgenossen auch gar nicht vorstellen (noch bucht nicht jeder mit’ner App seine Tickets „im Ausland“...) und so gehe ich wieder unter den Gleisen hindurch in die Nähe des anderen Bahnsteigs in Richtung Innsbruck – und tatsächlich, hier recht unscheinbar wartet der Automat auf mein Kleingeld – aber auf die Idee „Bahnsteig in Gegenrichtung“ muss man auch erst mal kommen...  #gruebelgruebel#

Offline geroldh

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06.06.2022: Brandenberger Alpen: NaturNah auf den Pendling 3
« Antwort #3 am: 16.06.2022, 18:13 »
Nachdem eine markante Gewitterfront am Vorabend die schwüle Luft ausgeräumt hat, ist für den Pfingstmontag gutes (Berg)Wetter vorhergesagt, das ich – gesundheitlich leider nicht ganz fit – auch entsprechend nutzen möchte, nur wegen des Zieles bin ich mir lange unschlüssig. Am Ende überwiegt die Erkenntnis, dass ich derzeit „gratis“ (9,-Euro-Ticket) nach Kufstein fahren kann – und von dort ist der attraktive Pendling nicht weit. Warum also nicht, alsbald wieder auf dem „Wilder(er)Steig“ durch die „Ost-Wand“ hindurchzusteigen?

Am Kufsteiner Bahnhof angekommen, haben sich mit mir noch zwei Wanderpärchen auch auf den Fußweg zum Pendling gemacht. Am Naturdenkmal „Lindenallee” im Ortsteil Zell angekommen, ist zu sehen, dass das Gewitter am Vorabend die mehrere hundert Jahre alten Bäume stärker gerupft hat – auch ein langer „Ast“ (Durchmesser ca. 50 cm) ist abgebrochen und hat direkt neben dem Stamm in den Boden „eingespitzt“.

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Die kleine Wandergruppe bleibt nach dem Weiler Maistall auf dem (linken/unteren) Talweg, hat den Abzweiger rechts möglicherweise gar nicht bemerkt. Wie bereits einige Wochen vorher geht’s ab hier für mich barfuß und naturnah weiter. Die Vegetation hat gut angeschoben, man schlüpft nun stellenweise durch das noch regennasse Blattwerk hindurch. Im Bereich, an dem der untere Weg vom Stimmersee herauf einmündet, hat am Vorabend eine Fallböe einige Buchen umgeworfen und dadurch den Steig teilweise zerstört. Die Kleingruppe arbeitet sich von unten herauf durch das Gestrüpp, ich lasse ihnen den Vortritt und wurle mich anschließend über und unter das Bruchholz hindurch.

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Es ist aber nur ein kleinräumiger Bereich und wenig später marschiere ich über die breite Staumauer („Nur für Berechtigte“) hinüber – und bin dabei den Blicken vom Wanderweg schutzlos ausgeliefert. Diesen Weg flott leicht abwärts gekreuzt und auf einer für Wanderer uninteressanten Forststraße geht’s dem „Einstieg in die Wand“ entgegen – noch ist diese vom Hochnebel, der Restfeuchte des Vorabends, verdeckt, dieser wird sich aber in wenigen Minuten durch die kräftige Sonne auflösen. Um in den Wald zu kommen, muss ich mir zuerst einen Weg durch wucherndes Blattwerk, durchsetzt mit Brennnessel bahnen, der weitere Anstieg wird dann nur von Waldboden und Grasbewuchs geprägt sein. Von den Krankheitstagen zuvor geschwächt, komme ich nur etwas mühsam voran und auch das an der kleinen Felsstufe sichtbare Bachwasser ist mir heute zum Erfrischen und Nachfüllen recht willkommen. Hmm, der alte Bergschuh liegt nun anders da: Hat ihn das Wasser oder eine Gams verschoben? Oder sollte hier zwischenzeitlich gar jemand vorbeigekommen sein? ;)

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Die Aufstiegslinie ist geländebedingt nun kaum mehr zu optimieren und bereits auch ausreichend gut „beschrieben“. Beim Steig-/Wandbuch (kurz vor der großen Rinne) mache ich eine größere Pause, schaue den Segelfliegern vorm Berg zu und mühe mich dann weiter zum Wand-Ausstieg und dem Jaga-Hütt‘l hinauf. Puh, geschafft! Zur Belohnung schmeckt jetzt das Bier doppelt so gut – und die Schokolade gibt etwas Kraft zurück.

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Inzwischen ist es später Nachmittag geworden und nur noch wenige Ausflügler sind im Gipfelbereich unterwegs oder sitzen auf der beinahe leeren Terrasse des Pendlinghauses in der Sonne. Mit dem Abzweigen auf den kleinen Jägersteig (inzw. beschuht) werde ich wieder allein sein, diesen steilen Steig entlang des Ostgrats wird an diesem Feiertagsnachmittag niemand mehr heraufkommen...

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Unten am Wanderweg angekommen, gibt es gleich nach der Abzweigung auf den Höhenweg zurück in Richtung Kufstein im kühlen Bach eine kurze Erfrischung. Diesmal wird das Bruchholz von der anderen Richtung her über- bzw. unterwunden, dann hat mich der alte Höhenweg wieder. Ab dem Vormittag bin ich bereits dabei, immer wieder die kleinen Zecken wegzuschnippen – und nun vor dem Eintritt in die „Zivilisation“ suche ich mich besonders gründlich ab, um möglichst alle dieser Mistviecher in ihrem angestammten Habitat zu belassen – dennoch werde ich auch am nächsten Tag noch ein paar dieser Blutsauger auf den Weg zum Klärwerk schicken müssen.

In Kufstein bleibt noch etwas Zeit für eine Pizza – einige Regentropfen kündigen einen kleinen Wetterumschwung an (am nächsten Tag „müssen“ 99 SchülerInnen und ihre acht dämlichen Lehrkräfte größtenteils mit dem Hubschrauber aus ihrer T4-Bergnot am Heuberggrat gerettet werden klick) – dann fährt mich der mäßig besetzte Zug das Inntal hinaus dem finalen Weißbier eines dennoch schönen Bergtages entgegen.