Mord am Grödner Joch
Kletter-Krimi in den Dolomiten: atmosphärisch, psychologisch, fesselnd
Hochsommer: Clara fährt mit ihren Freunden aus der Alpenvereinsgruppe in ein Ferienhaus in den Dolomiten, um einen unbeschwerten Kletterurlaub zu verbringen. Doch schon am ersten Tag entdeckt Clara ihren Schwager Henrik Behr, einen bekannten Erstbegeher, im Bett mit einer anderen. Bei einer Versöhnungstour mit seiner Frau Marianne stirbt er in der Wand qualvoll an einem allergischen Schock.
Für die Polizei ist schnell klar: Es muss Marianne gewesen sein. Doch Clara will nicht an die Schuld ihrer Schwester glauben. Sie findet heraus, dass jeder in der Gruppe ein Motiv gehabt hätte, Henrik zu ermorden. Doch wer hat es getan? Mit Mut und scharfem Verstand verfolgt sie die Spur des Mörders – und setzt dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel.
== Leseprobe ==
Prolog
1993
Eine so große und schwere Wand hatte Kuni noch nie durchstiegen. „,Pilastro’ an der Tofana di Rozes“, das klang wie ein Fanfarenstoß, sprach von Heldentum und Bewährung. Morgen würde er das Ding zusammen mit seinem Vater durchziehen. Kuni schob das Würstchen auf seinem Teller hin und her. Irgendetwas stimmte nicht mit seinem Magen. Eigentlich wäre es ihm lieber gewesen, die berühmte Tour schon hinter sich zu haben. Aber ihm konnte ja nichts passieren, Papa würde alles vorsteigen. Er war ein hervorragender Bergsteiger, der schon viele Gebirgsrouten im sechsten Schwierigkeitsgrad geschafft hatte – zu einer Zeit, als sechs plus noch als die Grenze des Menschenmöglichen gegolten hatte. Seit sein Vater nach Hannover gezogen war, hatte Kuni ihn nur noch alle paar Monate gesehen. Aber er hatte ihm versprochen, mit ihm im Gebirge zu klettern, sobald er alt genug war, um einen Erwachsenen zu sichern. Jetzt war Kuni fünfzehn. Bei einem Sturz würde er Papa gut halten können. Er beobachtete seinen Vater, der sich über ein dampfendes Hirschragout beugte. Ein grauer Haarkranz umrahmte eine kahle Insel auf seinem Schädel, die im Lampenlicht der Hütte glänzte. Er ging auf die sechzig zu.
„Hast du keinen Hunger, Bub?“ „Die Würstchen sind mir zu fett.“ „Angst?“ Kuni schüttelte den Kopf, schaute ihm fest in die Augen. Papa gab sich wortkarg. Vielleicht musste sich ein echter Bergsteiger so benehmen, aber seltsam war es doch. Früher hatte er viel erzählt, von schweren Bergtouren, seiner Firma, seiner neuen Frau. „Iss, Kuni. Du brauchst Kraft morgen.“ Kuni schnitt eine Scheibe vom Würstchen ab, spießte es auf die Gabel und schob es in den Mund. Es schmeckte wie gesalzenes Pappmaché. „Vielleicht sollten wir zuerst eine leichtere Tour machen, ich weiß ja nicht, wie gut du wirklich kletterst“, sagte Papa. Kuni starrte auf die Planken des Holzbodens. Was sollte das denn heißen? Er hatte seinem Vater doch erst kürzlich ein Foto geschickt, das ihn in einer mit dem siebten Grad bewerteten Route zeigte. Er räusperte sich. „Ein Sechser ist für mich nicht die Grenze, das weißt du doch.“ Sein Vater legte die Gabel weg und musterte ihn kritisch. „Du hast noch keine große klassische Gebirgstour gemacht und warst nur in Plaisirrouten unterwegs, wie sie dieser Schweizer seit kurzem propagiert. Wenn alles mit Bohrhaken perfekt gesichert ist, braucht man keinen Mut.
Der `Pilastro´ ist da ein ganz anderes Kaliber. Dort musst du dich auf rostige Haken gefasst machen und selber Sicherungen legen.“ „Passt schon.“
Der Junge war ziemlich still heute Abend. So kannte Norbert ihn gar nicht. Früher hatte er ständig geplappert. Vielleicht war es der Respekt vor der großen Tour. Den hatte Norbert auch. In den letzten Jahren war er kaum noch am Fels gewesen. Aber das würde sich bald ändern. Er würde sich ein Wohnmobil kaufen, kletternd durch die Alpen ziehen, besser und besser werden und die ganz großen Namen abhaken. Im Klettergarten hatte Norbert einen 65-Jährigen beobachtet, der den achten Schwierigkeitsgrad schaffte … Und in den Schulferien würde er zusammen mit seinem Sohn unterwegs sein. Er hätte sich mehr um ihn kümmern sollen, aber er war nur für die Firma dagewesen. Alles umsonst. Sie hatten ihn abserviert. Norbert beugte sich schnell über seinen Teller, damit Kuni seine Augen nicht sehen konnte. Er zog ein Taschentuch hervor und schnäuzte sich kräftig. Kuni schaute ihn an, sagte nichts.
Das Schweigen zwischen ihnen dehnte sich. „Wie geht´s deiner Mama?“ „Gut. Sie freut sich, dass deine zweite Ehe auch nicht geklappt hat.“ Das war ein gezielter Angriff, eine kleine Rache dafür, dass Norbert seinen Sohn und Anita verlassen hatte. „Dass wir jetzt miteinander klettern, gefällt Mama gar nicht. Sie hat Angst um mich.“ „Ich passe schon auf dich auf.“ Kuni legte Messer und Gabel auf den Teller und stand auf. „Ich bin müde. Ich habe gestern Abend noch auf die Physik-Schulaufgabe gelernt.“ Bisher hatte der Junge nur gute Noten geschrieben. „Brav. Weiter so. Du trittst in meine Fußstapfen. Ich war auch immer der Beste.“ Kuni stand auf. „Gute Nacht.“
Norberts Blick schweifte über die aus unregelmäßig geformten Natursteinen zusammengesetzten Wände mit den Hirschgeweihen, über die langen Tische, die von nur etwa einem Dutzend Leuten besetzt waren. Sie sahen wie Klettersteiggeher oder Wanderer aus, vermutlich hatten sie morgen am `Pilastro´ keine Konkurrenz – ein Glücksfall, die Route war berühmt und entsprechend beliebt. Es war Ende September, spät im Jahr für lange Touren; die Sonne ging gegen sechs Uhr unter. Abgesehen davon waren die Bedingungen günstig. Nach der langen Schönwetterphase war der berüchtigte Kamin, der „Mulirücken“, bestimmt trocken, und es würde
angenehm warm sein in der Südostwand. Erst in der Nacht zum Sonntag zog eine Kaltfront heran. Vielleicht war es in diesem Jahr die letzte Gelegenheit für eine große Bergtour.
Kuni hatte beim Frühstück nur eine Tasse Tee trinken können. Jetzt stand er neben seinem Vater auf dem großen Parkplatz vor der Dibona-Hütte. Es war früh am Morgen und noch duster; das Dach der Hütte hob sich kaum von einem dunklen Waldstreifen ab, und dahinter wuchs die Mauer der Tofana di Rozes empor, eine ungegliederte Masse, in Schatten getaucht und tiefschwarz. Nur die Gipfelwand strahlte im düsteren Rot glühender Kohlen, und das Stück Himmel darüber war von nachtdunklem Blau. Es sah aus wie bei einem Fantasy-Film vor dem Beginn einer großen Schlacht. Kuni schluckte. Sollte er seinem Vater sagen, dass er lieber eine Route an einem Berg machen würde, der nicht so groß war? Er würde zumindest zum Einstieg gehen, oft sah eine Wand von Nahem nicht mehr so bedrückend aus, und durch die Bewegung beim Anmarsch würde er sich bald besser fühlen. Sein Vater schaute ihn an. „Alles klar?“ „Alles klar.“
Sie marschierten los, auf einem breiten Weg, dessen Verlauf durch den hellen Sand trotz des Dämmerlichts deutlich erkennbar war. Beim Gehen knirschte es, die Karabiner klimperten, und der am Klettergurt angehängte Helm schlug rhythmisch gegen Kunis Oberschenkel. Während sie auf die Wand zuhielten, floss das Rot vom Gipfel wie ein Lavastrom abwärts und ließ mächtige Felspfeiler aufleuchten, die durch schwarze Schluchten voneinander getrennt waren. Sein Vater schritt langsam voran. Glaubte er etwa, dass er Kuni schonen musste? „Papa, können wir nicht ein bisschen schneller gehen? Meine Hände sind kalt.“ „Das wäre dumm. Man sollte beim Anmarsch auf keinen Fall ins Schwitzen geraten, sonst wird die Kleidung feucht und man friert später erst recht.“
Wenn Norbert das Tempo beschleunigte, würde er ins Schnaufen kommen, und Kuni würde merken, dass sein Vater keine Kondition hatte. Er hatte in den letzten Jahren nie Zeit für ein Ausdauertraining gehabt. Zum Glück würde seine Kurzatmigkeit beim Klettern nicht auffallen. Aber bald wäre das kein Problem mehr. Für Norbert begann heute ein neuer Lebensabschnitt. Der Weg führte nun fast eben durch Latschen und Geröll. Über ihm hing die Wand, eine dunkle Masse, aus der die Formen des Pfeilers kaum hervortraten. Die Route „Pilastro“ führte mitten durch seinen steilsten Teil. Sie stand schon seit dreißig Jahren auf Norberts Liste. Früher wäre er voller Begeisterung dort hinaufgestürmt. Aber jetzt … hatte er sich da nicht übernommen? Er blieb stehen und musterte die erste Seillänge, eine von einem Riss durchzogene Verschneidung. Sie war ganz schön steil. Und vermutlich noch feucht nach der kalten Nacht. Trotz der Anstrengung beim Anmarsch fröstelte Norbert. Er wandte sich zu Kuni um. „Magst du anfangen? Das ist nur eine Fünf minus, vierzig Meter, zwei Haken. Aber man kann gut mit Klemmkeilen sichern.“
Kunis Stimme zitterte. „Mir ist kalt, weil wir so langsam gegangen sind.“ „Das gibt sich.“ „Und ich habe einen schiefen Magen wegen der Würstchen gestern. Fang du mal an, Papa.“ Gestern Abend hatte Norbert immer wieder die Skizze mit der Route studiert. Wenn sie abwechselnd vorstiegen, würde derjenige, der die erste Seillänge übernahm, die beiden Dächer erwischen. Die würde Norbert mit Hilfe von Trittschlingen in den Haken bewältigen, in technischer Kletterei war er schon immer gut gewesen. Und Kuni würde sich mit dem „Mulirücken“ herumschlagen müssen. Wenn der Junge tatsächlich den siebten Grad klettern konnte, würde er das schon schaffen. Norbert machte sich zum Klettern bereit und steckte seine Wanderschuhe in den Rucksack. „Auf geht´s.“
== Ende der Leseprobe ==