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Lächeln gegen die Kälte

Geschichten aus dem Himalaya

Autor / Autoren:

»Mayr, Rudi«

Buchbild

Beschreibung:


Immer mehr wird der Himalaya zum beliebten Tourismusziel für Menschen auf der Suche nach dem Abenteuer, nach Gipfelsiegen oder Extremerfahrungen. Doch wer auch bereit ist, hinter die Kulissen dieser Vermarktung zu blicken, der lernt ein Land kennen voller Traditionen, Stimmungen und Unbegreiflichkeiten, das zugleich auf eine ganz andere Weise tief von den Bergen geprägt ist. Der Innsbrucker Schriftsteller und frühere Extrembergsteiger Rudolf Mayr zeichnet in seinen Erzählungen leise, feine Portraits jener Menschen, die in und von den höchsten Bergen der Welt leben, von ihrer Kultur, ihren Schicksalen und den Besonderheiten ihres Landes.

Inhaltsverzeichnis:


Lukla, der Whiskypilot und das Hotel Oriental
Mangale
Sundare
Urkien
Ang Kantschi und der geweihte Tschang
Der zornige Yak und sein seltsames Gedächtnis
Pasang Gyalzen und das Yakherz
Ang Nuri, der Bärenmensch
Kapa Gyalzen und die kosmische Höhenstrahlung
Nima Dorjee und der Wasserbüffel
Das Herz des Lamas und der schwarze Geier
Nima Dorjee und die Zaubersprüche
Herr L und die Rache der Bereisten
Der Kleine Tendy und der Heiler von Bodnath
Der Große Tendy und das Ende der Abstinenz
Santa Gurung
Die Hunza und ihre Lieder
Pasang und der Kulturtransfer
Lakpa Tiki und die Heimholung
Die Senner von Tangnag
Nima Dorjee und der Wunschbaum
Lukla, das Edelweißfeld und die weißen Yakkälber

Aus dem Inhalt:

<b>Lukla, der Whiskypilot und das Hotel Oriental</b><br />
<br />
Als im Jahre 1961 Sir Edmund Hillary die Idee kam, auf einem<br />
steil abfallenden Kartoffelacker am Eingang zu den großen<br />
Bergen des Himalaya ein Flugfeld zu errichten, konnte er<br />
nicht ahnen, welche Szenen sich Jahrzehnte später, mit dem<br />
aufkommenden Massentourismus, auf diesem plattgewalzten<br />
Kartoffelacker abspielen würden.<br />
Freilich hatte zur gleichen Zeit, in einer Art prophetischer<br />
Vorahnung, der junge Friedrich Dürrenmatt geschrieben, „…<br />
alles musste rentieren und rentierte: sogar die unermesslichen<br />
Steinhaufen und Geröllhalden, die Gletscherzungen und Steilhänge,<br />
denn seit die Natur entdeckt worden war und sich jeder<br />
Trottel in der Bergeinsamkeit erhaben fühlen durfte, wurde<br />
auch die Fremdenindustrie möglich: die Ideale des Landes<br />
waren immer praktisch.“<br />
Was für die Schweiz galt, würde, etwas zeitverzögert, auch<br />
für den Himalaya gelten.<br />
Lukla liegt auf etwa 2800 Metern Seehöhe und ist der Ausgangsort<br />
für Bergbesteigungen rund um den Mount Everest.<br />
Hier landet man, von Kathmandu kommend, mit kleinen,<br />
zweimotorigen Maschinen, die mithilfe von hoffentlich gut<br />
funktionierenden Bremsen und der nicht unbeträchtlichen<br />
Steigung des plattgewalzten Kartoffelackers es schaffen sollten,<br />
vor der großen Steinmauer, die das Ende der Landepiste<br />
markiert, auf Schritttempo abzubremsen, nach rechts zu rollen<br />
und sich schließlich wiederum für den Abflug zu positionieren.<br />
<br />
Damals, als König Birendra noch über eine beinahe unbegrenzte<br />
Machtfülle gebot, gab es in Nepal nur eine einzige<br />
Fluglinie, die Royal Nepal Airlines Corporation, abgekürzt<br />
RNAC. Sie gehörte der Frau des Königs und war in jeder Hinsicht<br />
konkurrenzlos. Die einzige Regelmäßigkeit bestand in<br />
den legendären Verspätungen und Abstürzen. Deshalb hieß<br />
die Fluglinie unter Insidern Royal Nepal Always Cancelled.<br />
Hierher, in dieses kleine Nest Lukla waren wir zurückgekommen,<br />
nachdem wir einen sechstausend Meter hohen Berg bestiegen<br />
hatten. Wir schrieben als Wochentag den Montag und<br />
waren guter Dinge, denn für den nächsten Tag hatten wir einen<br />
bestätigten Flug zurück nach Kathmandu und am folgenden<br />
Samstag mittels Around the World Ticket nach Bangkok,<br />
um in Thailand einen dreitägigen Badeaufenthalt zu genießen,<br />
bevor es wieder nach Hause ging. So saßen wir also mit unseren<br />
sonnenverbrannten Gesichtern, in der Linken ein Stück frisch<br />
erworbenen Käse, in der Rechten eine kühle Flasche Bier, auf<br />
einem Steinmäuerchen und blickten frohgemut das Rollfeld hinunter.<br />
Vereinzelt grasten Yaks darauf, auch spielende Kinder<br />
waren zu sehen und große Schlaglöcher, die mir schon beim<br />
Landen vor mehr als drei Wochen Rätsel aufgegeben hatten.<br />
Dass hier noch kein Bugrad davongeflogen war, erschien mir<br />
wie ein Wunder. Links und rechts der Rollbahn waren, seltenen<br />
Trophäen gleich, die Wracks von fünf oder sechs abgestürzten<br />
oder sonst wie zu Schaden gekommenen Maschinen drapiert.<br />
In der folgenden Nacht erwachte ich durch Donnergrollen<br />
und Blitze, die meine bescheidene Unterkunft bis in den<br />
letzten Winkel erhellten. Ein schwerer Dauerregen folgte. Ich<br />
schlief beruhigt wieder ein, denn Gewitter gelten in Asien von<br />
alters her als Glückszeichen. Am nächsten Morgen regnete es<br />
noch immer. Vor dem Büro von Royal Nepal Always Cancelled <br />
staute sich schon eine lange Schlange besorgter Bergtouristen.<br />
Vereinzelt drangen Rufe des Unmuts nach draußen. Denn<br />
das System der RNAC war nach nepalesischer Logik ausgeklügelt:<br />
Wer für den Montag beispielsweise einen bestätigten<br />
Flug hatte, wurde nicht automatisch am Dienstag eingereiht,<br />
falls der Montagflug ausgefallen war, nein: Diese Gruppe wurde<br />
wieder an das Ende gereiht und die Dienstaganwärter kamen<br />
dran. So konnte es einem passieren, dass Hunderte andere<br />
Fluggäste als Nächste zum Zug kamen und der ausgefallene<br />
Montagflug erst fünf Tage später nachgeholt wurde. Das Teuflische<br />
dieses Systems wurde uns erst bewusst, als es schon einige<br />
Tage geregnet hatte.<br />
<br />
Aber an diesem Tag waren wir noch guter Dinge, lächelten<br />
sogar etwas hämisch über die Ungeduld der anderen westlichen<br />
Touristen, die da vor uns standen und den Ort unbedingt<br />
verlassen wollten und so gar nichts von der berühmten asiatischen<br />
Ruhe angenommen hatten (die wir selbst glaubten, inzwischen<br />
gepachtet zu haben).<br />
Als es aber am nächsten Tag, dem dritten Wartetag, noch<br />
immer in Strömen regnete und wir um sechs Uhr früh beobachten<br />
konnten, wie die Flugfeldkommission über das inzwischen<br />
knöcheltief aufgeweichte Flugfeld stapfte, musste ich<br />
mir eingestehen, dass meine eigene asiatische Gelassenheit<br />
etwas ins Wanken kam. Denn der Samstag würde der einzige<br />
Tag eines Anschlussfluges von Kathmandu nach Bangkok sein,<br />
und dann eben wieder der Samstag eine Woche später. Es würde<br />
keinen anderen Flug geben, und wenn wir hungerstreikend<br />
vor dem Königspalast in Kathmandu Harakiri verübten.<br />
Inzwischen war es zwischen den westlichen Bergtouristen<br />
vereinzelt zu unschönen Szenen gekommen. Im Kampf<br />
um das letzte Stück Toastbrot in Nima Sherpas Laden an der<br />
Dorfstraße (der einzigen Straße Luklas, aber was heißt hier<br />
schon Straße) waren zwei Touristen mit Eispickeln aufeinander<br />
losgegangen, und in der Sherpa Coop Lodge am Rollfeld<br />
unten hatte ein Schweizer einen Neuseeländer mittels Uppercut<br />
auf die Bretter geschickt. Womöglich war Letzteres aber<br />
nur eine Eifersuchtsszene gewesen und hatte mit den verhinderten<br />
Flügen nichts zu tun.<br />
Auf jeden Fall stieg die Spannung in diesem kleinen Bergdorf<br />
langsam ins Unerträgliche und wurde noch gesteigert<br />
durch die Tatsache, dass jeden Tag etwa hundert neue Bergtouristen<br />
nach Lukla zurückkamen, die ihre Trekkingtouren<br />
und Bergbesteigungen vollendet hatten. Und jeden Morgen<br />
ab sechs Uhr fanden wir Expeditions- und Gruppenleiter uns<br />
erneut im Tower des Flughafens ein, einer schwindligen Bretterbude<br />
am Ende des Rollfelds, um die neuesten Wetternachrichten<br />
und Funksprüche aus Kathmandu zu hören. Aber es<br />
regnete ohne Ende. Und so wie die schweren Tropfen niedersanken,<br />
sank auch die Stimmung in meiner Gruppe.<br />
Ohnehin hatte ich von Anfang an zwei Aufwiegler dabeigehabt,<br />
die keine Gelegenheit zur Intrige ausgelassen hatten.<br />
Einer (nennen wir ihn Herrn Fröhlich), der Vater einer berühmten<br />
Persönlichkeit, war wochenlang durch seinen Geiz<br />
und seine Sticheleien aufgefallen. Sein bester Freund, ein milder,<br />
altersweiser, pensionierter Arzt, mit dem er zu Hause sein<br />
Leben lang jedes Wochenende auf Berge gestiegen war und<br />
nun, auf dieser Tour, das gemeinsame Zelt teilte, hatte deshalb<br />
schon seit dem vierten oder fünften Tag kein Wort mehr mit<br />
ihm gewechselt.<br />
Herr Fröhlich hatte am letzten Tag der Tour einen Dollar,<br />
einen einzigen Dollar, den Sherpas als Trinkgeld bezahlt für ihre<br />
wochenlangen Buckeleien, und den forderte er jetzt zurück.<br />
<br />
Denn seiner Meinung nach waren die Sherpas auch für das<br />
Wetter verantwortlich.<br />
Der zweite der beiden Spaltpilze war mir auf dem Gipfel<br />
des Sechstausenders besonders unangenehm aufgefallen, als<br />
er einem Arzt und seiner Frau aus meiner Gruppe, die ihn baten,<br />
mit ihrer Kamera ein Gipfelfoto zu machen, einfach im<br />
Bildausschnitt die Köpfe abschnitt (wie er mir unmittelbar danach<br />
stolz schilderte).<br />
Auch hatte er schon nach dem Abflug von Frankfurt mein<br />
ungläubiges Erstaunen erregt, weil er gleich nach Erreichen<br />
der Reiseflughöhe mit einer großen leeren Plastikflasche abwechselnd<br />
in jeder einzelnen Toilette verschwunden war. Mit<br />
der gefüllten Flasche kam er schließlich zufrieden grinsend<br />
zurück. Drin befand sich eine helle Flüssigkeit. Ich hatte nicht<br />
an mich halten können, als er sich vor mir wieder hinsetzte,<br />
und ihn gefragt, was das solle. Zufrieden grinsend hatte er sich<br />
umgedreht: „Ich habe ihnen das gesamte Kölnisch Wasser abgezapft“,<br />
sagte er und lehnte sich wieder in den Sessel zurück.<br />
Diesen Zweifüßer wollen wir Herrn X nennen, denn ich will<br />
keine Klage nach dem Pressegesetz riskieren. Er wird später in<br />
meiner Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen.<br />
Auf die Vorschläge dieser beiden eben genannten Herren<br />
zur Lösung der Situation will ich hier aus Gründen des Feingefühls<br />
nicht näher eingehen, sie waren jedenfalls nicht dazu<br />
angetan, die Stimmung in der Gruppe zu heben. Meuchlings<br />
unterstützt wurden sie von einem Dritten in der Gruppe, der<br />
den ganzen Tag halblaut vor sich hinsagte: „Meine Mission<br />
ist erfüllt!“ (Er war schließlich auf einem sechstausend Meter<br />
hohen Berg gestanden – sein Lebenstraum.) Er wiederholte<br />
diese Formel ungefähr dreihundert Mal am Tag bei jeder Gelegenheit<br />
und wurde dabei nicht gewärtig, dass die anderen,<br />
„normalen“ Mitreisenden dabei immer gefährlicher mit den<br />
Augen zu rollen begannen. Denn schon beim Anmarsch zum<br />
Berg, als ab einer Höhe von über viertausend Metern die meisten<br />
der Gruppe mehr oder weniger unter Kopfschmerzen zu<br />
leiden begannen, hatte er mit der gleichen Intensität ein anderes<br />
Mantra vorgebracht: „Unglaublich, wie ich beisammen<br />
bin. Überhaupt kein Kopfweh!“ Dies ebenso an die zwei- bis<br />
dreihundert Mal am Tag, beginnend beim Frühstück und endend<br />
beim Einschlafen. Nennen wir ihn Herrn L. Er war auf<br />
hundert Meter Entfernung an seiner Stoppelfrisur erkennbar,<br />
ein immerzu braungebrannter Troglodyt mit einer Knollennase<br />
aus einer Nachbargemeinde von Innsbruck, der in den Jahren<br />
der Winter-Olympiaden 1964 und 1976, jedoch an Hochsommertagen,<br />
angetan mit dem Pullover der österreichischen<br />
Skinationalmannschaft, auf der Schulter die Kneissl White-<br />
Star-Abfahrtsski, stundenlang die Maria-Theresien-Straße<br />
auf und ab marschiert war. So etwas macht einen ungemeinen<br />
Eindruck auf die weiblichen Touristen.<br />
Der Morgen des Donnerstags war da. In Lukla gab es inzwischen<br />
kein Brot mehr und kein Mehl, auch kein Gemüse, keine<br />
Schokoriegel und keine Kekse. Das Frühstück, bestehend<br />
aus Reis mit Linsen (Dhal Bat), fand nur mäßigen Beifall in der<br />
Mannschaft.<br />
Es regnete in Strömen. Durch den Morast watete ich zum<br />
Kontrollturm. Drinnen war die Zahl der Gruppen- und Expeditionsleiter<br />
auf etwa fünfunddreißig angewachsen. Die Zahl<br />
der wartenden Touristen hatte die fünfhundert überschritten.<br />
Der Flughafendirektor saß an seinem wackeligen Holztisch<br />
und trug die neuen Anwärter mittels Bleistift in sein Buch ein.<br />
Ich beobachtete, wie sein linkes Bein in leichtem, doch deutlich<br />
wahrnehmbarem Stakkato auf und ab ging. Er versicherte<br />
uns allen (zum tausendsten Mal), dass heute ganz gewiss zwei,<br />
wenn nicht drei oder gar vier Twin Otter kämen und alles, aber<br />
auch alles, wieder seinen normalen Gang ginge. Er war umgeben<br />
von vier oder fünf weiteren Offiziellen. Alle hatten sie das<br />
nepalesische Amtskäppchen aufgesetzt, als ob sie damit den<br />
Regen aussetzen könnten. Ein argentinischer Expeditionsleiter<br />
(seine Mannschaft war gerade vom Everest gekommen)<br />
fragte höflich nach, wie sie es denn schaffen wollten, bei diesem<br />
Regen Lukla anzufliegen. Denn er wäre mit seiner Gruppe<br />
an diesem Tag als Nächster an der Reihe gewesen.<br />
Der Oberkapo bekräftigte, dass es auf jeden Fall heute zu<br />
zwei, wenn nicht drei oder sogar vier Flügen kommen würde.<br />
Der Argentinier blickte kurz über die Schulter durch die verdreckten<br />
Scheiben in den Regen hinaus. Sein Gesicht nahm<br />
dabei eine seltsame Starre an. Er hatte erfolgreich seine Gruppe<br />
auf den Gipfel des Everest geführt und wieder heil heruntergebracht,<br />
doch nun schien er mit seinen Nerven am Ende.<br />
„I don’t believe you any more!“, sagte er schließlich für alle<br />
vernehmlich zum Oberkapo.<br />
Dessen Gesicht und die Gesichter der anderen Dienstkappenträger<br />
nahmen nun ihrerseits für einen Augenblick eine<br />
seltsame Starre an. Und während der Argentinier sich umdrehte<br />
und entrüstet über die hennenleiterähnliche Treppe<br />
nach unten stieg, nahm der Oberkapo gelassen einen Radiergummi,<br />
radierte die Argentinier in seinem Buch einfach aus<br />
und setzte sie sorgfältig wieder ein, aber an die letzte Stelle,<br />
am Ende der fünfhundert anderen Wartenden. Die Glaubwürdigkeit<br />
asiatischer Würdenträger sollte man niemals im Beisein<br />
ihrer Untergebenen in Zweifel ziehen.<br />
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass meine bergsteigerische<br />
Solidarität mit den Argentiniern nicht so weit ging,<br />
dass ich nun Protest einlegte. Denn anstelle der ausradierten<br />
Unglücklichen, die erst in vier oder fünf Tagen wieder drankommen<br />
würden, waren nun wir an die erste Stelle gereiht.<br />
Morgen war Freitag, und da würden wir ganz sicher fliegen<br />
und am Samstag den einzigen Anschlussflug der ganzen Woche<br />
nach Bangkok erreichen.<br />
Dies schienen nun auch die anderen Gruppenleiter zu erkennen,<br />
und wir arrangierten ein konspiratives Treffen in einem<br />
Hinterzimmer in Pasang Sherpas Flughafenlodge. Nach<br />
dem Mittagessen (Reis mit Linsen) trafen wir uns dort. Die<br />
meisten von uns waren in einer Demokratie aufgewachsen und<br />
deshalb versprachen wir uns einen durchschlagenden Erfolg<br />
im Verfassen von Beschwerdebriefen, die unsere Gruppenmitglieder<br />
ebenfalls unterzeichneten und die ich, als besondere<br />
Vertrauensperson, dem Tourismusminister in Kathmandu<br />
persönlich übergeben sollte. Alles in allem waren es fünfunddreißig<br />
Beschwerdebriefe mit etwa fünfhundert Unterschriften,<br />
die ich nun sorgfältig in meiner Brusttasche verstaute (in<br />
der Schweiz hätte dies beinahe für eine Volksabstimmung gereicht).<br />
Erheblich gestärkt durch diesen dicken Packen an Vertrauensvorschuss,<br />
machte es mir nun auch weniger aus, als ich<br />
in unserer Unterkunft durch die Worte „Meine Mission ist erfüllt“<br />
begrüßt wurde, während im Hintergrund Herr Fröhlich<br />
mit Herrn X halblaut die Möglichkeiten von Regressforderungen<br />
erörterte.<br />
Das Abendessen (Reis mit Linsen) verlief schweigsam.<br />
Das Alarmierende war, dass zusehends auch die „normalen“<br />
Mitglieder meiner Gruppe nervös wurden. Denn der Großteil<br />
der Gruppe war durchaus normal, angenehm im Umgang<br />
und wohlgesonnen. Doch ein jeder und eine jede, egal ob<br />
Arzt, Tankwart, Lokführer oder Sekretärin, musste ab dem be-<br />
stimmten Datum unserer gebuchten Rückkehr wieder zu arbeiten<br />
beginnen, und so blieb auch mir, ähnlich dem nepalesischen<br />
Oberkapo Stunden zuvor, nichts anderes übrig, als<br />
gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass morgen ganz sicher<br />
zwei, wenn nicht drei oder gar vier Flugzeuge kommen würden.<br />
Dabei blickte ich durch das Fenster nach draußen und<br />
dachte mir: „Das glaubst du wohl selbst nicht!“ Denn es regnete<br />
noch immer.<br />
Der erste Blick aus dem Fenster um sechs Uhr am Freitagmorgen<br />
zeigte mir, dass sich nichts verändert hatte. Nach dem<br />
Frühstück (Reis mit Linsen) folgte der zur Routine gewordene<br />
Gang zum Kontrollturm, in dem uns der Oberkapo eröffnete,<br />
dass Kathmandu Aufhellungen im Verlauf des Tages gemeldet<br />
hätte. Seine Assistenten lächelten uns zu, als hätten wir in der<br />
spanischen Lotterie den Hauptgewinn gezogen.<br />
Der Vormittag verging mit Nieselregen, Kaffeetrinken und<br />
meiner Gruppe zulächeln (Aufhellungen …), aber nach dem<br />
Mittagessen (Reis mit Linsen) begann sich auch meine Zuversicht<br />
zu verflüchtigen. Denn nach Lukla gab es damals nur am<br />
Vormittag Flüge, und nun blieben nur noch wenige Stunden<br />
bis zur Dunkelheit (in Nepal dunkelt es im Herbst schon um<br />
sechs Uhr abends).<br />
Gegen vierzehn Uhr hörte es plötzlich auf zu regnen, und<br />
die Nebel lichteten sich. Vereinzelt grasten wieder Yaks auf<br />
den schmalen Streifen von Grün zwischen den Schlaglöchern<br />
des Rollfeldes, und Kinder tollten im Gatsch herum. Eine<br />
Stunde später ging die Flughafensirene. Alles war in heller<br />
Aufregung und starrte angestrengt talauswärts, dorthin,<br />
wo das Flugzeug auftauchen musste. Ein Polizist rannte, aufgeregt<br />
auf seiner Trillerpfeife blasend, auf das Rollfeld und<br />
verjagte die Yaks und die Kinder. Dann legte sich wieder Stille<br />
über den Flughafen. So verging etwa eine halbe Stunde.<br />
Plötzlich rief einer unserer Sherpas: „Airplane, Airplane“ und<br />
deutete aufgeregt talauswärts. Tatsächlich, über dem Thaksindo-<br />
Pass schwebte eine Twin Otter heran, drehte in unsere<br />
Richtung ab und arbeitete sich zwischen den Nebelfetzen das<br />
schluchtartige Tal herein. Auf Höhe von Lukla drosselte sie<br />
die Motoren, drehte in Richtung des Flugfeldes, machte einen<br />
Moment den Eindruck, als würde sie in der Luft stehenbleiben<br />
und sich das Ganze noch einmal überlegen, sank dann schnell<br />
und setzte am untersten Rand der Piste auf. Sofort fing sie an<br />
abzubremsen und unter dem Geheul der Motoren schaukelte<br />
und schleuderte sie bis zu uns herauf und kam unbeschädigt<br />
zum Stehen. Gebannt hatten wir bei dem Manöver zugesehen<br />
und dabei gar nicht mitbekommen, dass noch eine zweite Maschine<br />
im Anflug war, die ebenso landete und sich neben der<br />
ersten Maschine auf dem kleinen Platz vor dem Flughafengebäude<br />
einreihte. Die Reifen der Maschinen hatten tiefe Spuren<br />
auf dem Rollfeld hinterlassen.<br />
In der Annahme, dass wir die Nächsten seien, die an der<br />
Reihe wären, näherten wir uns der ersten Maschine, deren<br />
Propeller gerade zum Stillstand gekommen waren. Unsere<br />
Sherpas waren schon dabei, das Gepäck heranzuschleppen,<br />
als mich der Pilot fragte, ob wir die italienische Gruppe seien.<br />
Hätte ich doch ja gesagt! Aber so blieb ich bei der Wahrheit<br />
und entgegnete: „Nein, wir sind die Österreicher.“<br />
Ja, dann, sagte der Pilot, seien wir erst beim nächsten Flug<br />
dabei, denn dieser sei für die Italiener reserviert. (Unsere südlichen<br />
Nachbarn, so dachte ich mir in diesem Moment, hatten<br />
wohl einen ziemlichen Packen Dollars unter dem Holztisch hinüberwandern<br />
lassen, auf dass der Oberkapo den Radiergummi<br />
an der richtigen Stelle ansetzt …). Aber wir hatten ja noch<br />
das zweite Flugzeug, also war die Sache nicht weiter schlimm.<br />
Doch während der Stationsmanager des Flughafens die italienische<br />
Expeditionsmannschaft zur Gangway der ersten Twin<br />
Otter hineintrieb, die Piloten die Motoren wieder starteten,<br />
und die Nebel am Ende der Rollbahn, dort wo sie ins Dudh-Kosi-<br />
Tal mit einer Klippe abbricht, in beängstigender Schnelligkeit<br />
abermals stiegen – was tat da die Besatzung unseres Flugzeugs?<br />
Sie stiegen seelenruhig aus dem Flugzeug, streckten die<br />
Rücken und reckten die Arme, als wandelten sie unter einem<br />
wolkenlosen Himmel, und wandten sich dann Dawas Himalaya<br />
Lodge zu. Als das Flugzeug mit den Italienern am obersten<br />
Ende der Rollbahn stand, mit festgezogenen Bremsen, und<br />
die Piloten die Motoren zur höchsten Umdrehung aufheulen<br />
ließen und dann die Bremsen lösten, um schaukelnd und<br />
schleudernd die aufgeweichte Piste hinunterzudonnern, waren<br />
unsere eigenen Eisheiligen bereits in der Tür von Dawas<br />
Lodge verschwunden. Ich sah der Italienermaschine nach, wie<br />
sie langsam dem Thaksindo-Pass zuschwebte, um gleich dahinter<br />
in einer Wolkenbank zu verschwinden, während eine<br />
weitere, wesentlich bedrohlichere Wolkenbank in spätestens<br />
einer halben Stunde das Ende der Rollbahn verschlucken würde.<br />
Ich spürte das unwiderstehliche Verlangen, den Oberkapo<br />
aufzusuchen und ihm seinen Radiergummi zum Essen zu geben<br />
und gleich anschließend unsere Eisheiligen bei den Ohren<br />
ins Cockpit zu hieven.<br />
Beim kurzen Anstieg zu Dawas Lodge beruhigte ich mich<br />
wieder etwas. Es blieb ja noch eine halbe Stunde Zeit, bis die<br />
Nebel wieder alles verschlungen hätten.<br />
Als ich die Lodge betrat, saß die Crew im Extrazimmer.<br />
Dawa, der Hotelbesitzer, den ich schon immer eines gewissen<br />
Opportunismus verdächtigt hatte, ließ ihnen gerade einen<br />
Imbiss servieren: Tee, Kekse, frischen Toast. Dawa musste<br />
heimlich gehortet haben, oder wenigstens rationiert, denn<br />
hier saßen sie nun, die beiden Piloten und die Stewardess und<br />
der Oberkapo und die lokalen Servicekräfte von Royal Nepal<br />
Always Cancelled, und mampften und tranken und lachten und<br />
ließen es sich schmecken.<br />
Ich sammelte all meinen in den vorherigen Wochen gesammelten<br />
asiatischen Gleichmut und räusperte mich vernehmlich:<br />
„Die Nebel steigen“, sagte ich. „Und zwar schnell.“<br />
„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der Pilot. „Wir werden<br />
fliegen!“<br />
„Wann?“<br />
„Heute. Wir nehmen hier nur noch einen kleinen Imbiss zu<br />
uns!“<br />
„In einer halben Stunde werden wir die Hand vor den Augen<br />
nicht mehr sehen!“<br />
„Wir werden fliegen!“, widersprach er.<br />
Ich überlegte. Ich war hier zweifelsfrei in einen Zirkel von<br />
Wahnsinnigen gelangt. Um einen Wahnsinnigen zu verstehen,<br />
sagte ich mir, musste man sich in das Innerste des Wahnsinns<br />
begeben, dort, wo keine Zirkulation mehr bestand. Wie<br />
in einem Taifun.<br />
„Tss, tss, das bisschen Nebel“, sagte ich deshalb, „und das<br />
bisschen Regen. Das macht uns doch eigentlich gar nichts<br />
aus.“ Ich lächelte zuerst den Captain, dann den Oberkapo an.<br />
„So ist es“, sagten sie fast zugleich und lächelten zurück.<br />
„Wir werden fliegen. Heute noch. Sie können sicher sein.<br />
Hundertprozentig.“<br />
Ich verließ den Gastraum, und sie wandten sich wieder ihrem<br />
Imbiss zu. Während ich überlegte, was ich meiner aufge-<br />
brachten Gruppe als Trost mitteilen sollte, hörte ich schon das<br />
vertraute Trommeln des wieder stärker werdenden Regens auf<br />
den Blechdächern. Das Ende der Landepiste war schon nicht<br />
mehr zu sehen, und die Nebel waren noch immer im Steigen.<br />
Es war vier Uhr nachmittags.<br />
In der Unterkunft angekommen, versuchte ich meine<br />
Gruppe zu vertrösten (beim ersten Aufhellen, und sonst morgen<br />
früh … usw. usf.). Dann sah ich aus dem Augenwinkel,<br />
wie die Crew die Lodge verließ und das Flugzeug ansteuerte.<br />
Für einen kurzen Moment tat mein Herz einen hoffnungsvollen<br />
Hüpfer, aber nein, knapp vor dem Betreten des Flugfeldes<br />
schwenkten sie gemeinsam nach links ab und steuerten die<br />
Sherpa Coop Lodge an. Das verhieß nichts Gutes. Ich ließ in<br />
meiner Unterkunft noch etwa eine halbe Stunde alle möglichen<br />
Drohungen inklusive Regressforderungen über mich ergehen,<br />
wartete das vertraute und überaus tröstliche „Meine<br />
Mission ist erfüllt!“ ab und suchte dann umgehend mein Zimmer<br />
auf. Hier halfen nur mehr drastische Maßnahmen.<br />
Ich entnahm der Deckeltasche meines Rucksacks ein handliches<br />
Päckchen Dollarscheine. Dies waren ungefähr zwei Monatslöhne<br />
eines Captains. Was die Italiener konnten, das sollte<br />
ich doch auch können. Entschlossen machte ich mich zur<br />
Sherpa Coop Lodge auf.<br />
Inzwischen war etwa eine Stunde vergangen.<br />
Das Innere der Sherpa Coop Lodge bestand in der Hauptsache<br />
aus einem großen Raum mit einem offenen Kamin. Draußen<br />
war es noch nicht dunkel, aber man hatte schon ein Feuer<br />
entzündet, und davor saßen nun meine Eisheiligen und wärmten<br />
sich die Hände. Eine zusätzliche Wärmequelle war der<br />
Whisky, der auf dem kleinen Tischchen stand. Freudig musste<br />
sich der Captain davon genehmigt haben, denn die Flasche<br />
Johnnie Walker Red Label war schon halb leer. Nur der Co-Pilot<br />
saß bescheiden daneben und nippte an seinem Tee.<br />
Ich bat den Captain höflich vor die Tür. Etwas schwankend<br />
folgte er mir.<br />
„Hören Sie“, sagte ich, „die Nebel lichten sich gerade etwas.<br />
Wir haben noch eine Stunde Zeit bis zum Dunkelwerden.<br />
Könnte nicht Ihr Co-Pilot …?“<br />
Ich hielt ihm das Päckchen Dollarscheine unter die Nase.<br />
Für einen kurzen Moment betrachtete er es, musste sich dann<br />
aber seines eigenen Schwankens allzu sehr bewusst geworden<br />
sein.<br />
„Der Co-Pilot schafft das nicht“, sagte er dann und hielt<br />
sich am Türstock.<br />
„Aber ich bitte Sie“, versuchte ich ihn zu ermuntern, „mit<br />
Ihrer Anleitung!“ Ich wedelte verführerisch mit dem Päckchen<br />
Dollarscheine unter seiner Nase. Wieder blickte er angestrengt<br />
hin.<br />
„Nein, nicht möglich“, lallte er dann und schwankte zurück<br />
zu seinem Tisch. Ich steckte das Päckchen mit den Dollars<br />
wieder ein und zog ein anderes heraus, das mit den Beschwerdebriefen<br />
von den etwa fünfunddreißig Gruppen, die<br />
sich hier in Lukla inzwischen angesammelt hatten.<br />
„Bist du nicht willig …“, so murmelte ich und baute mich<br />
vor dem Captain auf. Inzwischen hatte man ihm nachgeschenkt,<br />
und er tat einen tüchtigen Schluck. Sein Zustand<br />
drohte sich besorgniserregend zu verschlimmern, aber ich<br />
baute noch immer auf den Co-Piloten.<br />
Ich zog das Paket mit den Beschwerdebriefen aus dem Anorak.<br />
„Ich habe hier“, sagte ich und machte eine kurze dramaturgische<br />
Pause, bevor ich fortfuhr: „fünfunddreißig Beschwer-<br />
debriefe mit fünfhundert Unterschriften verschiedener Nationen.<br />
Die werde ich dem Tourismusminister vorlegen, wenn<br />
Sie es, verdammt noch einmal, nicht schaffen, Ihren Flieger<br />
klarzumachen und uns nach Kathmandu zu bringen.“<br />
Der Captain war aufgestanden und gerade dabei, die fünfunddreißig<br />
Zentimeter Mindestabstand zu meinem Gesicht,<br />
die für die Wahrung der Intimsphäre nun einmal notwendig<br />
sind, zu unterschreiten.<br />
„Dem Tourismusminister?“, fragte er. Seine Augen waren<br />
schon etwas blutunterlaufen.<br />
„Dem Tourismusminister“, bekräftigte ich.<br />
Da ließ er das halbvolle Whiskyglas demonstrativ fallen.<br />
„Das können Sie ruhig“, sagte er. „Aber es wird Ihnen<br />
nichts bringen. Der Tourismusminister ist nämlich mein Onkel!“<br />
Sagte es und ließ sich wieder in den Stuhl fallen, während<br />
ihm der Wirt ein frisches Glas brachte.<br />
Ich ging entlang der Rollbahn zurück zu meiner Lodge. Es<br />
hatte wieder stärker zu regnen begonnen. Der abendliche Reis<br />
mit Linsen wollte uns gar nicht recht schmecken. Morgen hätten<br />
wir vom Tagesanbruch bis zum Anschlussflug in Kathmandu<br />
allerhöchstens zweieinhalb Stunden, denn der Abflug<br />
nach Bangkok war um viertel nach elf angesetzt.<br />
Es regnete bis halb sechs Uhr früh. Um sechs blickte ich<br />
durch das Fenster der Lodge auf das Rollfeld. Drei Personen<br />
stapften darin mit gesenkten Köpfen auf und ab. Sie sanken bis<br />
zu den Knöcheln im Morast ein. Es waren der Oberkapo, unser<br />
Captain und ein weiterer Bediensteter. Ich putzte mir provisorisch<br />
mit Mineralwasser die Zähne und fuhr in die Hosen.<br />
Vor der Lodge prüfte ich die Bewölkung. Acht Achtel bedeckt,<br />
doch mit einer Schichtbewölkung. Der Thaksindo-Pass, die<br />
Einflugschneise für den Flugverkehr, war frei zu sehen. Hoffnungsfroh<br />
schlenderte ich den drei Eisheiligen entgegen.<br />
„Guten Morgen“, sagte ich.<br />
„Guten Morgen“, sagten sie.<br />
„Schaut nicht schlecht aus!“<br />
Der Captain wackelte traurig mit dem Kopf, um den ich ihn<br />
heute nicht beneidete. Lama Drum nennen die Sherpas solche<br />
Zustände postalkoholischer Natur, weil er sie mit seinem<br />
Trommeln an dasjenige der Lamas bei ihren Gesängen erinnert.<br />
„Werden wir jetzt endlich fliegen?“<br />
„Das ist nicht möglich!“ Ich fiel aus allen Wolken.<br />
„Wie das?“<br />
„Das Flugzeug ist kaputt!“<br />
„Kaputt?“ Wie konnte ein Flugzeug über Nacht kaputtgehen?<br />
„The hinge of the door“, sagte er.<br />
„Das möchte ich sehen!“ Auf dem Weg zum Flugzeug fiel<br />
mir wieder ein, was hinge hieß: Scharnier.<br />
Und tatsächlich: Die Einstiegstür des Flugzeuges hing<br />
schief in den Angeln, denn ein Scharnier war gebrochen.<br />
„Wer was das?“, fragte ich, doch etwas fassungslos.<br />
Der Captain zuckte mit den Schultern: „Materialermüdung,<br />
wahrscheinlich.“<br />
„Über Nacht?“<br />
„Das passiert.“<br />
„Sie warten hier!“ Und setzte ein höfliches Bitte! nach. Ich<br />
eilte in die Lodge und scheuchte meine Mannschaft auf, die<br />
gerade beim morgendlichen Reis mit Linsen saß. Ich berichtete<br />
in kurzen Worten das Geschehene, und wir eilten gemeinsam<br />
zum Flugzeug.<br />
„Die Ratte hat das Scharnier zerbrochen!“, stieß Herr X<br />
scharfsinnig zwischen den Zähnen hervor.<br />
„Was sollen wir jetzt tun?“<br />
„Wisst ihr was?“ Mir war eine blendende Idee gekommen.<br />
Ich ließ meinen Blick über die Flugzeugwracks am Rande der<br />
Piste schweifen. „Es hat doch ein jeder von euch ein Schweizermesser?“<br />
Alle nickten. „Dort unten, die Flugzeuge. Es<br />
müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht ein unversehrtes<br />
Scharnier finden!“<br />
Wir schwärmten aus, während die drei Eisheiligen wieder<br />
dem Tower zustrebten. Eine halbe Stunde lang durchsuchten<br />
wir die Wracks der fünf oder sechs Flugzeuge und konnten<br />
keine einzige Schraube, geschweige denn ein Scharnier<br />
darin finden. Enttäuscht machten wir uns wieder mit unseren<br />
Schweizermessern davon und versammelten uns vor unserem<br />
Flugzeug.<br />
„Wisst ihr was?“, sagte auf einmal einer aus der Gruppe.<br />
„Wir verkleben die Tür mit einem unserer breiten Klebestreifen<br />
und steigen dann durch die Tür des Cockpits ein.“<br />
„Und von innen sichern wir die Tür mit einem Kletterseil!“,<br />
setzte ich hinzu. Zwei von uns machten sich umgehend<br />
auf den Weg, den Klebestreifen und das Seil aus der Lodge zu<br />
holen, während sich der Rest von uns zum Tower begab. Dort<br />
unterbreitete ich dem Captain meinen Lösungsvorschlag.<br />
Doch hatte ich nicht mit seiner geradezu Nestroy’schen Beamtenmentalität<br />
gerechnet.<br />
„Das ist nicht möglich“, sagte er. „Denn eine solche schwierige<br />
Reparatur darf nur ein lizenzierter Fachmann durchführen.“<br />
(Das gebrochene Scharnier hatte auf jedem seiner zwei<br />
Flügel jeweils drei Kreuzschrauben. Ein schwer zurückgebliebener<br />
Zehnjähriger hätte diese Reparatur durchführen können.)<br />
„Und wann kommt ein solcher?“, fragte ich.<br />
„Der müsste mit dem Hubschrauber aus Kathmandu kommen.<br />
In den nächsten Tagen!“<br />
Von nun an ging auf einmal alles sehr schnell. Denn Herr<br />
X, der Kölnisch-Wasser-Entwender und Gipfelbild-Kopfabschneider<br />
(er war nicht sehr großgewachsen), drängte sich<br />
plötzlich mithilfe seiner Ellenbogen durch unsere Reihen<br />
nach vorn und baute sich vor dem Captain auf.<br />
„Kennen Sie Herrn …?“ Er nannte einen asiatischen Namen.<br />
Der Captain starrte ihn verständnislos an, und Herr X<br />
half seinen grauen Zellen auf die Sprünge: „Der Chef von …“<br />
und nannte eine Weltvereinigung von Fluglinien. Der Captain<br />
starrte ihn an. Herr X starrte zurück. „Wenn Sie uns nicht umgehend<br />
und sofort von hier wegbringen, dann können Sie Ihre<br />
Karriere beim Reinigungspersonal in der Flughafentoilette<br />
von Kathmandu beschließen!“<br />
Der Captain war wie ausgewechselt. Fast demütig gab er<br />
seine Zustimmung zum Verkleben der Flugzeugtür. Dann kletterte<br />
ich über das Cockpit in den Fahrgastraum und spannte<br />
die Tür mittels eines Zugknotens, den ich in das Kletterseil<br />
machte, in den Rahmen. So, es konnte losgehen.<br />
Und während ich noch sinnierte, über welch dunkle Kanäle<br />
unser Kölnisch-Wasser-Entwender den allerhöchsten Chef<br />
dieser Weltvereinigung kennen mochte, war meine Gruppe<br />
mithilfe der Sherpas schon fleißig dabei, unser Gepäck heranzuschaffen.<br />
Doch noch einmal widersetzte sich der Pilot<br />
unseren Wünschen, ein letztes Mal erfolgreich: „Sie müssen<br />
das Gepäck hierlassen“, sagte er, „denn sonst sind wir zu<br />
schwer. Nur die allernötigsten Kleidungsstücke, die Sie am<br />
Körper tragen, und die Waschutensilien, die können Sie mitnehmen!“<br />
„Wir werden Ihnen den Rest des Gepäcks nachschicken“,<br />
versprach der Oberkapo.<br />
„Umgehend. Mit einem der nächsten Flugzeuge!“ (Wir<br />
sollten unsere Ausrüstung nie wieder sehen.)<br />
Zweifelsfrei handelte es sich beim folgenden Start des Flugzeugs<br />
um den spannendsten in meinem Leben. Und das wird<br />
wohl so bleiben. Links und rechts der Rollbahn hatten sich<br />
sämtliche Touristen aufgestellt (es mussten inzwischen an die<br />
sechshundert sein), während der Captain und sein Co das Flugzeug<br />
in Startposition brachten. Die Schnauze wies nach unten.<br />
Die Piloten ließen die Motoren zur höchsten Umdrehungszahl<br />
aufheulen und lösten dann die Bremsen. Das Flugzeug<br />
raste und schleuderte und schaukelte über die butterweiche<br />
Rollbahn tiefer, während links und rechts die Touristenmenge<br />
klatschte und johlte. Die Mitglieder meiner Gruppe hatten<br />
sich angeschnallt, den Kopf auf die Arme gelegt und die Augen<br />
geschlossen, wie man es bei den Sicherheitshinweisen immer<br />
lernt, aber ich sah für mich selbst keine Veranlassung mehr dazu.<br />
Ich stand hinter dem Captain und sah, wie der Schweiß in<br />
Strömen von seinem Hinterkopf lief und sein Hemd verfärbte.<br />
Das Flugzeug schleuderte, bevor wir abhoben, wollte es noch<br />
seitlich ausbrechen, aber die Piloten hatten es im Griff und wir<br />
waren in der Luft! Sie richteten die Schnauze des Geräts wieder<br />
zur Flugrichtung. Im Fahrgastraum war es totenstill. Nicht<br />
einmal „Die Mission ist erfüllt!“ war zu hören. Und es blieb<br />
totenstill bis zur Landung. Als das Flugzeug auf dem Inlandsflughafen<br />
ausgerollt war, blieben wir alle noch eine oder zwei<br />
Minuten sitzen. Dann drehte der Captain langsam den Kopf<br />
und blickte mich lange an. Es lag in seinen Augen ein brüderlicher<br />
Ausdruck, etwas, das im Empfinden ähnlich sein mochte<br />
wie dasjenige von Flugzeugentführern und Geiseln, nachdem<br />
sie gerade eine gemeinsame Bruchlandung überlebt haben.<br />
Ich werde diesen Blick nie mehr vergessen. Er trug dazu bei,<br />
dieses Land in den folgenden Jahrzehnten wieder und wieder<br />
zu bereisen.<br />
Es war elf Uhr. Von der Ankunftshalle konnten wir hinter<br />
einer hohen Mauer die Heckflossen unserer Thai-Maschine<br />
sehen und die Triebwerke laufen hören. Sie war knapp vor<br />
dem Start. Wir eilten im Laufschritt zur Abflughalle des Internationalen<br />
Flughafens.<br />
Herr X steuerte, gemeinsam mit mir, eine Gruppe von Thai-<br />
Bediensteten an. Einer davon trug ein Funkgerät. Es musste<br />
der Stationsmanager sein. Herr X wechselte einige hastige<br />
Worte mit ihm, wieder verstand ich den gleichen Namen und<br />
die gleiche Vereinigung wie schon in Lukla.<br />
Der Stationsmanager sprach aufgeregt in sein Funkgerät.<br />
Wenige Minuten später hörte man, wie die Triebwerke der<br />
Thai-Maschine gedrosselt wurden.<br />
Ein allerletztes Riesenproblem war, dass wir keine Pässe<br />
dabei hatten. Denn in Nepal ist es üblich, am Beginn der Tour<br />
die Pässe im Büro der Expeditionsagentur in Kathmandu zu<br />
lassen, weil man sie ja zur Bergbesteigung nicht braucht, und<br />
stattdessen eine Besteigungsgenehmigung mit Namen mitführt.<br />
Wie aber kamen wir nun möglichst schnell zu unseren Pässen?<br />
Ich wollte mir ein Taxi nehmen und in die Stadt rasen,<br />
aber der Stationsmanager wies mich darauf hin, dass gerade<br />
der König samt Gefolge von einem Staatsbesuch zurückgekehrt<br />
war.<br />
„Und was hat das mit uns zu tun?“, fragte ich.<br />
„Nun ja, die Straßen zwischen dem Flughafen und dem Königspalast<br />
im Zentrum sind gesperrt. Wegen der Parade!“<br />
Auch das noch. Es blieb uns wirklich nichts erspart. Rat<br />
suchend blickte ich in die Runde, während ich draußen die<br />
Triebwerke der Thai-Maschine laufen hörte.<br />
„Wie lange werden die Straßen gesperrt sein?“<br />
„Nicht mehr lange, Sir. Vielleicht zwei oder drei Stunden.“<br />
Aus. Es war vorbei. Der einzige Weiterflug der ganzen Woche<br />
würde ohne uns abheben.<br />
„Kann man telefonieren?“<br />
„Wir haben normalerweise ein Telefon, Sir.“ Er wies mit<br />
dem Kinn zu einer Säule, an der ein schwarzes Telefon aus Bakelit<br />
hing. „Aber leider, Sir, es ist seit einigen Tagen außer Betrieb!“<br />
Ich ließ meinen Blick Rat suchend durch die Halle schweifen.<br />
An der Stirnwand hing ein Ölbild des Königs samt Familie.<br />
Ich beschloss, dass ich kein Monarchist war (niemand<br />
konnte damals ahnen, dass der arme Birendra samt Großfamilie<br />
fünfundzwanzig Jahre später bei einem konzertierten Attentat<br />
sein Leben lassen würde).<br />
„Und das Telefon funktioniert wirklich nicht?“<br />
„Nein, Sir. Leider, Sir.“<br />
Bedauernd blickte ich noch einmal zum Telefon. Da kam<br />
mir eine Idee. Neben dem Telefon stand schon die ganze Zeit<br />
ein etwa fünfzehnjähriger Nepalese und beobachtete uns. Er<br />
hatte ein sympathisches, offenes Gesicht und lächelte mir nun<br />
zu.<br />
„Willst du dir hundert Dollar verdienen?“, sagte ich zu<br />
ihm.<br />
„Aber gern, Sir.“<br />
„Hast du ein Motorrad?“<br />
„Nein, Sir. Das kann ich mir nicht leisten.“<br />
„Auch kein Fahrrad?“<br />
„Nein, Sir. Aber ich könnte mir eines ausleihen.“<br />
Ich kritzelte die Adresse des Stadtbüros unserer Expeditionsagentur<br />
auf einen Zettel. Dann übergab ich ihm fünfzig<br />
Dollar: „Nur die Pässe. So schnell wie möglich. Und wenn du<br />
zurückkommst, erhältst du die anderen fünfzig!“<br />
„Aber ja, Sir. Gern, Sir!“<br />
Ich sah ihn davonlaufen und wieder begann eine quälende<br />
Zeit des Wartens, in der wir die immer noch laufenden Triebwerke<br />
unserer wartenden Maschine hörten.<br />
Nach einer Stunde war der Junge wieder da und trug in einem<br />
Plastiksäckchen unsere Pässe. Am liebsten wäre ich ihm<br />
um den Hals gefallen.<br />
Wir eilten im Laufschritt unter Begleitung der Thai-Bediensteten<br />
zum Zoll. Aufgeregt sprach der Stationsmanager in<br />
sein Funkgerät. Die Papiere meiner Gruppe waren bald abgestempelt,<br />
als ich, als Letzter, aufgehalten wurde.<br />
„Was ist denn jetzt schon wieder?“<br />
Der Zollbeamte wies mit dem Finger auf einen handgeschriebenen<br />
Eintrag in meinem Pass. One Walkman With Him,<br />
stand da. Mein Gott, darauf hatte ich ganz vergessen. Ich hatte<br />
den Walkman beim Rückmarsch vom Berg der Frau eines<br />
bekannten Bergsteigers geliehen, die gerade zu einem hohen<br />
Berg aufbrachen. Und nun hatte ich ihn nicht dabei, um ihn<br />
wieder auszuführen. Ich versuchte mit Händen und Füßen<br />
dem Zollbeamten zu erklären, dass es sich hier nicht um eine<br />
groß angelegte Schmuggelaktion handele, sondern um ein<br />
Missverständnis, aber er verstand kein Englisch und verweigerte<br />
mir den Ausreisestempel. Durch die verdreckten Scheiben<br />
des Flughafens sah ich schon meine Gruppe die Gangway<br />
hinaufsteigen und mich alleine zurücklassen, da ergriff einer<br />
der Thai-Bediensteten in einem günstigen Augenblick einfach<br />
den Stempel des Zollbeamten, drückte ihn in meinen Pass, und<br />
sie nahmen mich an beiden Seiten und rannten mit mir auf das<br />
Rollfeld, während uns schreiend und protestierend der Zollbeamte<br />
nachlief. Aber ich hatte die Gangway schon erreicht,<br />
fand gerade noch die Zeit, mich bei meinen Rettern zu bedanken,<br />
und wurde schon vom Bordpersonal in Empfang genommen<br />
und zum Sitz geleitet. Das Flugzeug war, mit Ausnahme<br />
unserer freien Sitze, voll besetzt mit Amerikanerinnen reiferen<br />
Alters. Sie hatten tapfer und ohne Protest stundenlang wegen<br />
uns ausharren müssen. Das Flugzeug hob endlich ab, nach<br />
Erreichen der Reiseflughöhe servierten die Stewardessen gerade<br />
das Essen, als uns der Captain über den Bordlautsprecher<br />
als Himalayabergsteiger vorstellte. Da rührte keine der Amerikanerinnen,<br />
die neben uns saßen, ihr Essen an. Sie warteten,<br />
bis wir unsere Portionen aufgegessen hatten, und schoben uns<br />
dann die ihren unter mitleidigen Blicken herüber. Nie mehr<br />
in meinem Leben sind mir ältere Damen mit blauen Haaren,<br />
strassbeklebten Brillen und grünen Lippen so sympathisch gewesen.<br />
In Bangkok wurden wir von einem Bus abgeholt und ins reservierte<br />
Hotel gebracht. Es war das Hotel Oriental, das in diesen<br />
Jahren gerade zum wiederholten Male zum besten Hotel<br />
der Welt gekürt worden war.<br />
Wir betraten die Halle, in deren Mitte ein etwa dreißig Meter<br />
hoher Wasserfall herunterfiel und goldbetresste Bedienstete<br />
die Messinggeländer der Treppenaufgänge polierten, und<br />
näherten uns im Gänsemarsch der riesigen Rezeption. Die<br />
meisten von uns trugen noch ihre grauen, lodenen Knickerbocker,<br />
karierte Hemden und unförmige Expeditionsschuhe aus<br />
Plastik. In den Händen hielten wir durchsichtige Plastiksäckchen,<br />
darin gut sichtbar die Zahnbürsten und Waschutensilien,<br />
das einzige Gepäck, das mitzunehmen uns erlaubt gewesen<br />
war. So standen wir also, im besten Hotel der Welt, eine<br />
müde, stoppelbärtige Karawane, und zeigten unsere Pässe.<br />
Der Chefrezeptionist hüstelte.<br />
„Entschuldigen Sie, Sir, woher kommen Sie?“<br />
Wenn ich behauptet hätte, dass ich Amundsen sei und der<br />
neben mir stehende Herr X mein Begleiter Hansen und der<br />
Rest meiner Gruppe meine Schlittenhunde wären und wir gerade<br />
vom Nordpol oder Südpol kämen, hätten die Rezeptionisten<br />
auch nicht verwunderter geblickt. So aber sagte ich<br />
ganz einfach: „Aus dem Himalaya.“<br />
„Aus dem Himalaya“, wiederholte der Empfangschef.<br />
„So ist es!“<br />
„Sehr wohl, Sir!“<br />
Und während die Rezeptionisten uns alle für einige Sekunden<br />
ungläubig anstarrten, hörte ich aus der Warteschlange<br />
hinter mir halblaut die Worte: „Meine Mission ist erfüllt!“<br />
Ja, dachte ich mir. Die meine auch.

Lukla, der Whiskypilot und das Hotel Oriental

Als im Jahre 1961 Sir Edmund Hillary die Idee kam, auf einem
steil abfallenden Kartoffelacker am Eingang zu den großen
Bergen des Himalaya ein Flugfeld zu errichten, konnte er
nicht ahnen, welche Szenen sich Jahrzehnte später, mit dem
aufkommenden Massentourismus, auf diesem plattgewalzten
Kartoffelacker abspielen würden.
Freilich hatte zur gleichen Zeit, in einer Art prophetischer
Vorahnung, der junge Friedrich Dürrenmatt geschrieben, „…
alles musste rentieren und rentierte: sogar die unermesslichen
Steinhaufen und Geröllhalden, die Gletscherzungen und Steilhänge,
denn seit die Natur entdeckt worden war und sich jeder
Trottel in der Bergeinsamkeit erhaben fühlen durfte, wurde
auch die Fremdenindustrie möglich: die Ideale des Landes
waren immer praktisch.“
Was für die Schweiz galt, würde, etwas zeitverzögert, auch
für den Himalaya gelten.
Lukla liegt auf etwa 2800 Metern Seehöhe und ist der Ausgangsort
für Bergbesteigungen rund um den Mount Everest.
Hier landet man, von Kathmandu kommend, mit kleinen,
zweimotorigen Maschinen, die mithilfe von hoffentlich gut
funktionierenden Bremsen und der nicht unbeträchtlichen
Steigung des plattgewalzten Kartoffelackers es schaffen sollten,
vor der großen Steinmauer, die das Ende der Landepiste
markiert, auf Schritttempo abzubremsen, nach rechts zu rollen
und sich schließlich wiederum für den Abflug zu positionieren.

Damals, als König Birendra noch über eine beinahe unbegrenzte
Machtfülle gebot, gab es in Nepal nur eine einzige
Fluglinie, die Royal Nepal Airlines Corporation, abgekürzt
RNAC. Sie gehörte der Frau des Königs und war in jeder Hinsicht
konkurrenzlos. Die einzige Regelmäßigkeit bestand in
den legendären Verspätungen und Abstürzen. Deshalb hieß
die Fluglinie unter Insidern Royal Nepal Always Cancelled.
Hierher, in dieses kleine Nest Lukla waren wir zurückgekommen,
nachdem wir einen sechstausend Meter hohen Berg bestiegen
hatten. Wir schrieben als Wochentag den Montag und
waren guter Dinge, denn für den nächsten Tag hatten wir einen
bestätigten Flug zurück nach Kathmandu und am folgenden
Samstag mittels Around the World Ticket nach Bangkok,
um in Thailand einen dreitägigen Badeaufenthalt zu genießen,
bevor es wieder nach Hause ging. So saßen wir also mit unseren
sonnenverbrannten Gesichtern, in der Linken ein Stück frisch
erworbenen Käse, in der Rechten eine kühle Flasche Bier, auf
einem Steinmäuerchen und blickten frohgemut das Rollfeld hinunter.
Vereinzelt grasten Yaks darauf, auch spielende Kinder
waren zu sehen und große Schlaglöcher, die mir schon beim
Landen vor mehr als drei Wochen Rätsel aufgegeben hatten.
Dass hier noch kein Bugrad davongeflogen war, erschien mir
wie ein Wunder. Links und rechts der Rollbahn waren, seltenen
Trophäen gleich, die Wracks von fünf oder sechs abgestürzten
oder sonst wie zu Schaden gekommenen Maschinen drapiert.
In der folgenden Nacht erwachte ich durch Donnergrollen
und Blitze, die meine bescheidene Unterkunft bis in den
letzten Winkel erhellten. Ein schwerer Dauerregen folgte. Ich
schlief beruhigt wieder ein, denn Gewitter gelten in Asien von
alters her als Glückszeichen. Am nächsten Morgen regnete es
noch immer. Vor dem Büro von Royal Nepal Always Cancelled
staute sich schon eine lange Schlange besorgter Bergtouristen.
Vereinzelt drangen Rufe des Unmuts nach draußen. Denn
das System der RNAC war nach nepalesischer Logik ausgeklügelt:
Wer für den Montag beispielsweise einen bestätigten
Flug hatte, wurde nicht automatisch am Dienstag eingereiht,
falls der Montagflug ausgefallen war, nein: Diese Gruppe wurde
wieder an das Ende gereiht und die Dienstaganwärter kamen
dran. So konnte es einem passieren, dass Hunderte andere
Fluggäste als Nächste zum Zug kamen und der ausgefallene
Montagflug erst fünf Tage später nachgeholt wurde. Das Teuflische
dieses Systems wurde uns erst bewusst, als es schon einige
Tage geregnet hatte.

Aber an diesem Tag waren wir noch guter Dinge, lächelten
sogar etwas hämisch über die Ungeduld der anderen westlichen
Touristen, die da vor uns standen und den Ort unbedingt
verlassen wollten und so gar nichts von der berühmten asiatischen
Ruhe angenommen hatten (die wir selbst glaubten, inzwischen
gepachtet zu haben).
Als es aber am nächsten Tag, dem dritten Wartetag, noch
immer in Strömen regnete und wir um sechs Uhr früh beobachten
konnten, wie die Flugfeldkommission über das inzwischen
knöcheltief aufgeweichte Flugfeld stapfte, musste ich
mir eingestehen, dass meine eigene asiatische Gelassenheit
etwas ins Wanken kam. Denn der Samstag würde der einzige
Tag eines Anschlussfluges von Kathmandu nach Bangkok sein,
und dann eben wieder der Samstag eine Woche später. Es würde
keinen anderen Flug geben, und wenn wir hungerstreikend
vor dem Königspalast in Kathmandu Harakiri verübten.
Inzwischen war es zwischen den westlichen Bergtouristen
vereinzelt zu unschönen Szenen gekommen. Im Kampf
um das letzte Stück Toastbrot in Nima Sherpas Laden an der
Dorfstraße (der einzigen Straße Luklas, aber was heißt hier
schon Straße) waren zwei Touristen mit Eispickeln aufeinander
losgegangen, und in der Sherpa Coop Lodge am Rollfeld
unten hatte ein Schweizer einen Neuseeländer mittels Uppercut
auf die Bretter geschickt. Womöglich war Letzteres aber
nur eine Eifersuchtsszene gewesen und hatte mit den verhinderten
Flügen nichts zu tun.
Auf jeden Fall stieg die Spannung in diesem kleinen Bergdorf
langsam ins Unerträgliche und wurde noch gesteigert
durch die Tatsache, dass jeden Tag etwa hundert neue Bergtouristen
nach Lukla zurückkamen, die ihre Trekkingtouren
und Bergbesteigungen vollendet hatten. Und jeden Morgen
ab sechs Uhr fanden wir Expeditions- und Gruppenleiter uns
erneut im Tower des Flughafens ein, einer schwindligen Bretterbude
am Ende des Rollfelds, um die neuesten Wetternachrichten
und Funksprüche aus Kathmandu zu hören. Aber es
regnete ohne Ende. Und so wie die schweren Tropfen niedersanken,
sank auch die Stimmung in meiner Gruppe.
Ohnehin hatte ich von Anfang an zwei Aufwiegler dabeigehabt,
die keine Gelegenheit zur Intrige ausgelassen hatten.
Einer (nennen wir ihn Herrn Fröhlich), der Vater einer berühmten
Persönlichkeit, war wochenlang durch seinen Geiz
und seine Sticheleien aufgefallen. Sein bester Freund, ein milder,
altersweiser, pensionierter Arzt, mit dem er zu Hause sein
Leben lang jedes Wochenende auf Berge gestiegen war und
nun, auf dieser Tour, das gemeinsame Zelt teilte, hatte deshalb
schon seit dem vierten oder fünften Tag kein Wort mehr mit
ihm gewechselt.
Herr Fröhlich hatte am letzten Tag der Tour einen Dollar,
einen einzigen Dollar, den Sherpas als Trinkgeld bezahlt für ihre
wochenlangen Buckeleien, und den forderte er jetzt zurück.

Denn seiner Meinung nach waren die Sherpas auch für das
Wetter verantwortlich.
Der zweite der beiden Spaltpilze war mir auf dem Gipfel
des Sechstausenders besonders unangenehm aufgefallen, als
er einem Arzt und seiner Frau aus meiner Gruppe, die ihn baten,
mit ihrer Kamera ein Gipfelfoto zu machen, einfach im
Bildausschnitt die Köpfe abschnitt (wie er mir unmittelbar danach
stolz schilderte).
Auch hatte er schon nach dem Abflug von Frankfurt mein
ungläubiges Erstaunen erregt, weil er gleich nach Erreichen
der Reiseflughöhe mit einer großen leeren Plastikflasche abwechselnd
in jeder einzelnen Toilette verschwunden war. Mit
der gefüllten Flasche kam er schließlich zufrieden grinsend
zurück. Drin befand sich eine helle Flüssigkeit. Ich hatte nicht
an mich halten können, als er sich vor mir wieder hinsetzte,
und ihn gefragt, was das solle. Zufrieden grinsend hatte er sich
umgedreht: „Ich habe ihnen das gesamte Kölnisch Wasser abgezapft“,
sagte er und lehnte sich wieder in den Sessel zurück.
Diesen Zweifüßer wollen wir Herrn X nennen, denn ich will
keine Klage nach dem Pressegesetz riskieren. Er wird später in
meiner Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen.
Auf die Vorschläge dieser beiden eben genannten Herren
zur Lösung der Situation will ich hier aus Gründen des Feingefühls
nicht näher eingehen, sie waren jedenfalls nicht dazu
angetan, die Stimmung in der Gruppe zu heben. Meuchlings
unterstützt wurden sie von einem Dritten in der Gruppe, der
den ganzen Tag halblaut vor sich hinsagte: „Meine Mission
ist erfüllt!“ (Er war schließlich auf einem sechstausend Meter
hohen Berg gestanden – sein Lebenstraum.) Er wiederholte
diese Formel ungefähr dreihundert Mal am Tag bei jeder Gelegenheit
und wurde dabei nicht gewärtig, dass die anderen,
„normalen“ Mitreisenden dabei immer gefährlicher mit den
Augen zu rollen begannen. Denn schon beim Anmarsch zum
Berg, als ab einer Höhe von über viertausend Metern die meisten
der Gruppe mehr oder weniger unter Kopfschmerzen zu
leiden begannen, hatte er mit der gleichen Intensität ein anderes
Mantra vorgebracht: „Unglaublich, wie ich beisammen
bin. Überhaupt kein Kopfweh!“ Dies ebenso an die zwei- bis
dreihundert Mal am Tag, beginnend beim Frühstück und endend
beim Einschlafen. Nennen wir ihn Herrn L. Er war auf
hundert Meter Entfernung an seiner Stoppelfrisur erkennbar,
ein immerzu braungebrannter Troglodyt mit einer Knollennase
aus einer Nachbargemeinde von Innsbruck, der in den Jahren
der Winter-Olympiaden 1964 und 1976, jedoch an Hochsommertagen,
angetan mit dem Pullover der österreichischen
Skinationalmannschaft, auf der Schulter die Kneissl White-
Star-Abfahrtsski, stundenlang die Maria-Theresien-Straße
auf und ab marschiert war. So etwas macht einen ungemeinen
Eindruck auf die weiblichen Touristen.
Der Morgen des Donnerstags war da. In Lukla gab es inzwischen
kein Brot mehr und kein Mehl, auch kein Gemüse, keine
Schokoriegel und keine Kekse. Das Frühstück, bestehend
aus Reis mit Linsen (Dhal Bat), fand nur mäßigen Beifall in der
Mannschaft.
Es regnete in Strömen. Durch den Morast watete ich zum
Kontrollturm. Drinnen war die Zahl der Gruppen- und Expeditionsleiter
auf etwa fünfunddreißig angewachsen. Die Zahl
der wartenden Touristen hatte die fünfhundert überschritten.
Der Flughafendirektor saß an seinem wackeligen Holztisch
und trug die neuen Anwärter mittels Bleistift in sein Buch ein.
Ich beobachtete, wie sein linkes Bein in leichtem, doch deutlich
wahrnehmbarem Stakkato auf und ab ging. Er versicherte
uns allen (zum tausendsten Mal), dass heute ganz gewiss zwei,
wenn nicht drei oder gar vier Twin Otter kämen und alles, aber
auch alles, wieder seinen normalen Gang ginge. Er war umgeben
von vier oder fünf weiteren Offiziellen. Alle hatten sie das
nepalesische Amtskäppchen aufgesetzt, als ob sie damit den
Regen aussetzen könnten. Ein argentinischer Expeditionsleiter
(seine Mannschaft war gerade vom Everest gekommen)
fragte höflich nach, wie sie es denn schaffen wollten, bei diesem
Regen Lukla anzufliegen. Denn er wäre mit seiner Gruppe
an diesem Tag als Nächster an der Reihe gewesen.
Der Oberkapo bekräftigte, dass es auf jeden Fall heute zu
zwei, wenn nicht drei oder sogar vier Flügen kommen würde.
Der Argentinier blickte kurz über die Schulter durch die verdreckten
Scheiben in den Regen hinaus. Sein Gesicht nahm
dabei eine seltsame Starre an. Er hatte erfolgreich seine Gruppe
auf den Gipfel des Everest geführt und wieder heil heruntergebracht,
doch nun schien er mit seinen Nerven am Ende.
„I don’t believe you any more!“, sagte er schließlich für alle
vernehmlich zum Oberkapo.
Dessen Gesicht und die Gesichter der anderen Dienstkappenträger
nahmen nun ihrerseits für einen Augenblick eine
seltsame Starre an. Und während der Argentinier sich umdrehte
und entrüstet über die hennenleiterähnliche Treppe
nach unten stieg, nahm der Oberkapo gelassen einen Radiergummi,
radierte die Argentinier in seinem Buch einfach aus
und setzte sie sorgfältig wieder ein, aber an die letzte Stelle,
am Ende der fünfhundert anderen Wartenden. Die Glaubwürdigkeit
asiatischer Würdenträger sollte man niemals im Beisein
ihrer Untergebenen in Zweifel ziehen.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass meine bergsteigerische
Solidarität mit den Argentiniern nicht so weit ging,
dass ich nun Protest einlegte. Denn anstelle der ausradierten
Unglücklichen, die erst in vier oder fünf Tagen wieder drankommen
würden, waren nun wir an die erste Stelle gereiht.
Morgen war Freitag, und da würden wir ganz sicher fliegen
und am Samstag den einzigen Anschlussflug der ganzen Woche
nach Bangkok erreichen.
Dies schienen nun auch die anderen Gruppenleiter zu erkennen,
und wir arrangierten ein konspiratives Treffen in einem
Hinterzimmer in Pasang Sherpas Flughafenlodge. Nach
dem Mittagessen (Reis mit Linsen) trafen wir uns dort. Die
meisten von uns waren in einer Demokratie aufgewachsen und
deshalb versprachen wir uns einen durchschlagenden Erfolg
im Verfassen von Beschwerdebriefen, die unsere Gruppenmitglieder
ebenfalls unterzeichneten und die ich, als besondere
Vertrauensperson, dem Tourismusminister in Kathmandu
persönlich übergeben sollte. Alles in allem waren es fünfunddreißig
Beschwerdebriefe mit etwa fünfhundert Unterschriften,
die ich nun sorgfältig in meiner Brusttasche verstaute (in
der Schweiz hätte dies beinahe für eine Volksabstimmung gereicht).
Erheblich gestärkt durch diesen dicken Packen an Vertrauensvorschuss,
machte es mir nun auch weniger aus, als ich
in unserer Unterkunft durch die Worte „Meine Mission ist erfüllt“
begrüßt wurde, während im Hintergrund Herr Fröhlich
mit Herrn X halblaut die Möglichkeiten von Regressforderungen
erörterte.
Das Abendessen (Reis mit Linsen) verlief schweigsam.
Das Alarmierende war, dass zusehends auch die „normalen“
Mitglieder meiner Gruppe nervös wurden. Denn der Großteil
der Gruppe war durchaus normal, angenehm im Umgang
und wohlgesonnen. Doch ein jeder und eine jede, egal ob
Arzt, Tankwart, Lokführer oder Sekretärin, musste ab dem be-
stimmten Datum unserer gebuchten Rückkehr wieder zu arbeiten
beginnen, und so blieb auch mir, ähnlich dem nepalesischen
Oberkapo Stunden zuvor, nichts anderes übrig, als
gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass morgen ganz sicher
zwei, wenn nicht drei oder gar vier Flugzeuge kommen würden.
Dabei blickte ich durch das Fenster nach draußen und
dachte mir: „Das glaubst du wohl selbst nicht!“ Denn es regnete
noch immer.
Der erste Blick aus dem Fenster um sechs Uhr am Freitagmorgen
zeigte mir, dass sich nichts verändert hatte. Nach dem
Frühstück (Reis mit Linsen) folgte der zur Routine gewordene
Gang zum Kontrollturm, in dem uns der Oberkapo eröffnete,
dass Kathmandu Aufhellungen im Verlauf des Tages gemeldet
hätte. Seine Assistenten lächelten uns zu, als hätten wir in der
spanischen Lotterie den Hauptgewinn gezogen.
Der Vormittag verging mit Nieselregen, Kaffeetrinken und
meiner Gruppe zulächeln (Aufhellungen …), aber nach dem
Mittagessen (Reis mit Linsen) begann sich auch meine Zuversicht
zu verflüchtigen. Denn nach Lukla gab es damals nur am
Vormittag Flüge, und nun blieben nur noch wenige Stunden
bis zur Dunkelheit (in Nepal dunkelt es im Herbst schon um
sechs Uhr abends).
Gegen vierzehn Uhr hörte es plötzlich auf zu regnen, und
die Nebel lichteten sich. Vereinzelt grasten wieder Yaks auf
den schmalen Streifen von Grün zwischen den Schlaglöchern
des Rollfeldes, und Kinder tollten im Gatsch herum. Eine
Stunde später ging die Flughafensirene. Alles war in heller
Aufregung und starrte angestrengt talauswärts, dorthin,
wo das Flugzeug auftauchen musste. Ein Polizist rannte, aufgeregt
auf seiner Trillerpfeife blasend, auf das Rollfeld und
verjagte die Yaks und die Kinder. Dann legte sich wieder Stille
über den Flughafen. So verging etwa eine halbe Stunde.
Plötzlich rief einer unserer Sherpas: „Airplane, Airplane“ und
deutete aufgeregt talauswärts. Tatsächlich, über dem Thaksindo-
Pass schwebte eine Twin Otter heran, drehte in unsere
Richtung ab und arbeitete sich zwischen den Nebelfetzen das
schluchtartige Tal herein. Auf Höhe von Lukla drosselte sie
die Motoren, drehte in Richtung des Flugfeldes, machte einen
Moment den Eindruck, als würde sie in der Luft stehenbleiben
und sich das Ganze noch einmal überlegen, sank dann schnell
und setzte am untersten Rand der Piste auf. Sofort fing sie an
abzubremsen und unter dem Geheul der Motoren schaukelte
und schleuderte sie bis zu uns herauf und kam unbeschädigt
zum Stehen. Gebannt hatten wir bei dem Manöver zugesehen
und dabei gar nicht mitbekommen, dass noch eine zweite Maschine
im Anflug war, die ebenso landete und sich neben der
ersten Maschine auf dem kleinen Platz vor dem Flughafengebäude
einreihte. Die Reifen der Maschinen hatten tiefe Spuren
auf dem Rollfeld hinterlassen.
In der Annahme, dass wir die Nächsten seien, die an der
Reihe wären, näherten wir uns der ersten Maschine, deren
Propeller gerade zum Stillstand gekommen waren. Unsere
Sherpas waren schon dabei, das Gepäck heranzuschleppen,
als mich der Pilot fragte, ob wir die italienische Gruppe seien.
Hätte ich doch ja gesagt! Aber so blieb ich bei der Wahrheit
und entgegnete: „Nein, wir sind die Österreicher.“
Ja, dann, sagte der Pilot, seien wir erst beim nächsten Flug
dabei, denn dieser sei für die Italiener reserviert. (Unsere südlichen
Nachbarn, so dachte ich mir in diesem Moment, hatten
wohl einen ziemlichen Packen Dollars unter dem Holztisch hinüberwandern
lassen, auf dass der Oberkapo den Radiergummi
an der richtigen Stelle ansetzt …). Aber wir hatten ja noch
das zweite Flugzeug, also war die Sache nicht weiter schlimm.
Doch während der Stationsmanager des Flughafens die italienische
Expeditionsmannschaft zur Gangway der ersten Twin
Otter hineintrieb, die Piloten die Motoren wieder starteten,
und die Nebel am Ende der Rollbahn, dort wo sie ins Dudh-Kosi-
Tal mit einer Klippe abbricht, in beängstigender Schnelligkeit
abermals stiegen – was tat da die Besatzung unseres Flugzeugs?
Sie stiegen seelenruhig aus dem Flugzeug, streckten die
Rücken und reckten die Arme, als wandelten sie unter einem
wolkenlosen Himmel, und wandten sich dann Dawas Himalaya
Lodge zu. Als das Flugzeug mit den Italienern am obersten
Ende der Rollbahn stand, mit festgezogenen Bremsen, und
die Piloten die Motoren zur höchsten Umdrehung aufheulen
ließen und dann die Bremsen lösten, um schaukelnd und
schleudernd die aufgeweichte Piste hinunterzudonnern, waren
unsere eigenen Eisheiligen bereits in der Tür von Dawas
Lodge verschwunden. Ich sah der Italienermaschine nach, wie
sie langsam dem Thaksindo-Pass zuschwebte, um gleich dahinter
in einer Wolkenbank zu verschwinden, während eine
weitere, wesentlich bedrohlichere Wolkenbank in spätestens
einer halben Stunde das Ende der Rollbahn verschlucken würde.
Ich spürte das unwiderstehliche Verlangen, den Oberkapo
aufzusuchen und ihm seinen Radiergummi zum Essen zu geben
und gleich anschließend unsere Eisheiligen bei den Ohren
ins Cockpit zu hieven.
Beim kurzen Anstieg zu Dawas Lodge beruhigte ich mich
wieder etwas. Es blieb ja noch eine halbe Stunde Zeit, bis die
Nebel wieder alles verschlungen hätten.
Als ich die Lodge betrat, saß die Crew im Extrazimmer.
Dawa, der Hotelbesitzer, den ich schon immer eines gewissen
Opportunismus verdächtigt hatte, ließ ihnen gerade einen
Imbiss servieren: Tee, Kekse, frischen Toast. Dawa musste
heimlich gehortet haben, oder wenigstens rationiert, denn
hier saßen sie nun, die beiden Piloten und die Stewardess und
der Oberkapo und die lokalen Servicekräfte von Royal Nepal
Always Cancelled, und mampften und tranken und lachten und
ließen es sich schmecken.
Ich sammelte all meinen in den vorherigen Wochen gesammelten
asiatischen Gleichmut und räusperte mich vernehmlich:
„Die Nebel steigen“, sagte ich. „Und zwar schnell.“
„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der Pilot. „Wir werden
fliegen!“
„Wann?“
„Heute. Wir nehmen hier nur noch einen kleinen Imbiss zu
uns!“
„In einer halben Stunde werden wir die Hand vor den Augen
nicht mehr sehen!“
„Wir werden fliegen!“, widersprach er.
Ich überlegte. Ich war hier zweifelsfrei in einen Zirkel von
Wahnsinnigen gelangt. Um einen Wahnsinnigen zu verstehen,
sagte ich mir, musste man sich in das Innerste des Wahnsinns
begeben, dort, wo keine Zirkulation mehr bestand. Wie
in einem Taifun.
„Tss, tss, das bisschen Nebel“, sagte ich deshalb, „und das
bisschen Regen. Das macht uns doch eigentlich gar nichts
aus.“ Ich lächelte zuerst den Captain, dann den Oberkapo an.
„So ist es“, sagten sie fast zugleich und lächelten zurück.
„Wir werden fliegen. Heute noch. Sie können sicher sein.
Hundertprozentig.“
Ich verließ den Gastraum, und sie wandten sich wieder ihrem
Imbiss zu. Während ich überlegte, was ich meiner aufge-
brachten Gruppe als Trost mitteilen sollte, hörte ich schon das
vertraute Trommeln des wieder stärker werdenden Regens auf
den Blechdächern. Das Ende der Landepiste war schon nicht
mehr zu sehen, und die Nebel waren noch immer im Steigen.
Es war vier Uhr nachmittags.
In der Unterkunft angekommen, versuchte ich meine
Gruppe zu vertrösten (beim ersten Aufhellen, und sonst morgen
früh … usw. usf.). Dann sah ich aus dem Augenwinkel,
wie die Crew die Lodge verließ und das Flugzeug ansteuerte.
Für einen kurzen Moment tat mein Herz einen hoffnungsvollen
Hüpfer, aber nein, knapp vor dem Betreten des Flugfeldes
schwenkten sie gemeinsam nach links ab und steuerten die
Sherpa Coop Lodge an. Das verhieß nichts Gutes. Ich ließ in
meiner Unterkunft noch etwa eine halbe Stunde alle möglichen
Drohungen inklusive Regressforderungen über mich ergehen,
wartete das vertraute und überaus tröstliche „Meine
Mission ist erfüllt!“ ab und suchte dann umgehend mein Zimmer
auf. Hier halfen nur mehr drastische Maßnahmen.
Ich entnahm der Deckeltasche meines Rucksacks ein handliches
Päckchen Dollarscheine. Dies waren ungefähr zwei Monatslöhne
eines Captains. Was die Italiener konnten, das sollte
ich doch auch können. Entschlossen machte ich mich zur
Sherpa Coop Lodge auf.
Inzwischen war etwa eine Stunde vergangen.
Das Innere der Sherpa Coop Lodge bestand in der Hauptsache
aus einem großen Raum mit einem offenen Kamin. Draußen
war es noch nicht dunkel, aber man hatte schon ein Feuer
entzündet, und davor saßen nun meine Eisheiligen und wärmten
sich die Hände. Eine zusätzliche Wärmequelle war der
Whisky, der auf dem kleinen Tischchen stand. Freudig musste
sich der Captain davon genehmigt haben, denn die Flasche
Johnnie Walker Red Label war schon halb leer. Nur der Co-Pilot
saß bescheiden daneben und nippte an seinem Tee.
Ich bat den Captain höflich vor die Tür. Etwas schwankend
folgte er mir.
„Hören Sie“, sagte ich, „die Nebel lichten sich gerade etwas.
Wir haben noch eine Stunde Zeit bis zum Dunkelwerden.
Könnte nicht Ihr Co-Pilot …?“
Ich hielt ihm das Päckchen Dollarscheine unter die Nase.
Für einen kurzen Moment betrachtete er es, musste sich dann
aber seines eigenen Schwankens allzu sehr bewusst geworden
sein.
„Der Co-Pilot schafft das nicht“, sagte er dann und hielt
sich am Türstock.
„Aber ich bitte Sie“, versuchte ich ihn zu ermuntern, „mit
Ihrer Anleitung!“ Ich wedelte verführerisch mit dem Päckchen
Dollarscheine unter seiner Nase. Wieder blickte er angestrengt
hin.
„Nein, nicht möglich“, lallte er dann und schwankte zurück
zu seinem Tisch. Ich steckte das Päckchen mit den Dollars
wieder ein und zog ein anderes heraus, das mit den Beschwerdebriefen
von den etwa fünfunddreißig Gruppen, die
sich hier in Lukla inzwischen angesammelt hatten.
„Bist du nicht willig …“, so murmelte ich und baute mich
vor dem Captain auf. Inzwischen hatte man ihm nachgeschenkt,
und er tat einen tüchtigen Schluck. Sein Zustand
drohte sich besorgniserregend zu verschlimmern, aber ich
baute noch immer auf den Co-Piloten.
Ich zog das Paket mit den Beschwerdebriefen aus dem Anorak.
„Ich habe hier“, sagte ich und machte eine kurze dramaturgische
Pause, bevor ich fortfuhr: „fünfunddreißig Beschwer-
debriefe mit fünfhundert Unterschriften verschiedener Nationen.
Die werde ich dem Tourismusminister vorlegen, wenn
Sie es, verdammt noch einmal, nicht schaffen, Ihren Flieger
klarzumachen und uns nach Kathmandu zu bringen.“
Der Captain war aufgestanden und gerade dabei, die fünfunddreißig
Zentimeter Mindestabstand zu meinem Gesicht,
die für die Wahrung der Intimsphäre nun einmal notwendig
sind, zu unterschreiten.
„Dem Tourismusminister?“, fragte er. Seine Augen waren
schon etwas blutunterlaufen.
„Dem Tourismusminister“, bekräftigte ich.
Da ließ er das halbvolle Whiskyglas demonstrativ fallen.
„Das können Sie ruhig“, sagte er. „Aber es wird Ihnen
nichts bringen. Der Tourismusminister ist nämlich mein Onkel!“
Sagte es und ließ sich wieder in den Stuhl fallen, während
ihm der Wirt ein frisches Glas brachte.
Ich ging entlang der Rollbahn zurück zu meiner Lodge. Es
hatte wieder stärker zu regnen begonnen. Der abendliche Reis
mit Linsen wollte uns gar nicht recht schmecken. Morgen hätten
wir vom Tagesanbruch bis zum Anschlussflug in Kathmandu
allerhöchstens zweieinhalb Stunden, denn der Abflug
nach Bangkok war um viertel nach elf angesetzt.
Es regnete bis halb sechs Uhr früh. Um sechs blickte ich
durch das Fenster der Lodge auf das Rollfeld. Drei Personen
stapften darin mit gesenkten Köpfen auf und ab. Sie sanken bis
zu den Knöcheln im Morast ein. Es waren der Oberkapo, unser
Captain und ein weiterer Bediensteter. Ich putzte mir provisorisch
mit Mineralwasser die Zähne und fuhr in die Hosen.
Vor der Lodge prüfte ich die Bewölkung. Acht Achtel bedeckt,
doch mit einer Schichtbewölkung. Der Thaksindo-Pass, die
Einflugschneise für den Flugverkehr, war frei zu sehen. Hoffnungsfroh
schlenderte ich den drei Eisheiligen entgegen.
„Guten Morgen“, sagte ich.
„Guten Morgen“, sagten sie.
„Schaut nicht schlecht aus!“
Der Captain wackelte traurig mit dem Kopf, um den ich ihn
heute nicht beneidete. Lama Drum nennen die Sherpas solche
Zustände postalkoholischer Natur, weil er sie mit seinem
Trommeln an dasjenige der Lamas bei ihren Gesängen erinnert.
„Werden wir jetzt endlich fliegen?“
„Das ist nicht möglich!“ Ich fiel aus allen Wolken.
„Wie das?“
„Das Flugzeug ist kaputt!“
„Kaputt?“ Wie konnte ein Flugzeug über Nacht kaputtgehen?
„The hinge of the door“, sagte er.
„Das möchte ich sehen!“ Auf dem Weg zum Flugzeug fiel
mir wieder ein, was hinge hieß: Scharnier.
Und tatsächlich: Die Einstiegstür des Flugzeuges hing
schief in den Angeln, denn ein Scharnier war gebrochen.
„Wer was das?“, fragte ich, doch etwas fassungslos.
Der Captain zuckte mit den Schultern: „Materialermüdung,
wahrscheinlich.“
„Über Nacht?“
„Das passiert.“
„Sie warten hier!“ Und setzte ein höfliches Bitte! nach. Ich
eilte in die Lodge und scheuchte meine Mannschaft auf, die
gerade beim morgendlichen Reis mit Linsen saß. Ich berichtete
in kurzen Worten das Geschehene, und wir eilten gemeinsam
zum Flugzeug.
„Die Ratte hat das Scharnier zerbrochen!“, stieß Herr X
scharfsinnig zwischen den Zähnen hervor.
„Was sollen wir jetzt tun?“
„Wisst ihr was?“ Mir war eine blendende Idee gekommen.
Ich ließ meinen Blick über die Flugzeugwracks am Rande der
Piste schweifen. „Es hat doch ein jeder von euch ein Schweizermesser?“
Alle nickten. „Dort unten, die Flugzeuge. Es
müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht ein unversehrtes
Scharnier finden!“
Wir schwärmten aus, während die drei Eisheiligen wieder
dem Tower zustrebten. Eine halbe Stunde lang durchsuchten
wir die Wracks der fünf oder sechs Flugzeuge und konnten
keine einzige Schraube, geschweige denn ein Scharnier
darin finden. Enttäuscht machten wir uns wieder mit unseren
Schweizermessern davon und versammelten uns vor unserem
Flugzeug.
„Wisst ihr was?“, sagte auf einmal einer aus der Gruppe.
„Wir verkleben die Tür mit einem unserer breiten Klebestreifen
und steigen dann durch die Tür des Cockpits ein.“
„Und von innen sichern wir die Tür mit einem Kletterseil!“,
setzte ich hinzu. Zwei von uns machten sich umgehend
auf den Weg, den Klebestreifen und das Seil aus der Lodge zu
holen, während sich der Rest von uns zum Tower begab. Dort
unterbreitete ich dem Captain meinen Lösungsvorschlag.
Doch hatte ich nicht mit seiner geradezu Nestroy’schen Beamtenmentalität
gerechnet.
„Das ist nicht möglich“, sagte er. „Denn eine solche schwierige
Reparatur darf nur ein lizenzierter Fachmann durchführen.“
(Das gebrochene Scharnier hatte auf jedem seiner zwei
Flügel jeweils drei Kreuzschrauben. Ein schwer zurückgebliebener
Zehnjähriger hätte diese Reparatur durchführen können.)
„Und wann kommt ein solcher?“, fragte ich.
„Der müsste mit dem Hubschrauber aus Kathmandu kommen.
In den nächsten Tagen!“
Von nun an ging auf einmal alles sehr schnell. Denn Herr
X, der Kölnisch-Wasser-Entwender und Gipfelbild-Kopfabschneider
(er war nicht sehr großgewachsen), drängte sich
plötzlich mithilfe seiner Ellenbogen durch unsere Reihen
nach vorn und baute sich vor dem Captain auf.
„Kennen Sie Herrn …?“ Er nannte einen asiatischen Namen.
Der Captain starrte ihn verständnislos an, und Herr X
half seinen grauen Zellen auf die Sprünge: „Der Chef von …“
und nannte eine Weltvereinigung von Fluglinien. Der Captain
starrte ihn an. Herr X starrte zurück. „Wenn Sie uns nicht umgehend
und sofort von hier wegbringen, dann können Sie Ihre
Karriere beim Reinigungspersonal in der Flughafentoilette
von Kathmandu beschließen!“
Der Captain war wie ausgewechselt. Fast demütig gab er
seine Zustimmung zum Verkleben der Flugzeugtür. Dann kletterte
ich über das Cockpit in den Fahrgastraum und spannte
die Tür mittels eines Zugknotens, den ich in das Kletterseil
machte, in den Rahmen. So, es konnte losgehen.
Und während ich noch sinnierte, über welch dunkle Kanäle
unser Kölnisch-Wasser-Entwender den allerhöchsten Chef
dieser Weltvereinigung kennen mochte, war meine Gruppe
mithilfe der Sherpas schon fleißig dabei, unser Gepäck heranzuschaffen.
Doch noch einmal widersetzte sich der Pilot
unseren Wünschen, ein letztes Mal erfolgreich: „Sie müssen
das Gepäck hierlassen“, sagte er, „denn sonst sind wir zu
schwer. Nur die allernötigsten Kleidungsstücke, die Sie am
Körper tragen, und die Waschutensilien, die können Sie mitnehmen!“
„Wir werden Ihnen den Rest des Gepäcks nachschicken“,
versprach der Oberkapo.
„Umgehend. Mit einem der nächsten Flugzeuge!“ (Wir
sollten unsere Ausrüstung nie wieder sehen.)
Zweifelsfrei handelte es sich beim folgenden Start des Flugzeugs
um den spannendsten in meinem Leben. Und das wird
wohl so bleiben. Links und rechts der Rollbahn hatten sich
sämtliche Touristen aufgestellt (es mussten inzwischen an die
sechshundert sein), während der Captain und sein Co das Flugzeug
in Startposition brachten. Die Schnauze wies nach unten.
Die Piloten ließen die Motoren zur höchsten Umdrehungszahl
aufheulen und lösten dann die Bremsen. Das Flugzeug
raste und schleuderte und schaukelte über die butterweiche
Rollbahn tiefer, während links und rechts die Touristenmenge
klatschte und johlte. Die Mitglieder meiner Gruppe hatten
sich angeschnallt, den Kopf auf die Arme gelegt und die Augen
geschlossen, wie man es bei den Sicherheitshinweisen immer
lernt, aber ich sah für mich selbst keine Veranlassung mehr dazu.
Ich stand hinter dem Captain und sah, wie der Schweiß in
Strömen von seinem Hinterkopf lief und sein Hemd verfärbte.
Das Flugzeug schleuderte, bevor wir abhoben, wollte es noch
seitlich ausbrechen, aber die Piloten hatten es im Griff und wir
waren in der Luft! Sie richteten die Schnauze des Geräts wieder
zur Flugrichtung. Im Fahrgastraum war es totenstill. Nicht
einmal „Die Mission ist erfüllt!“ war zu hören. Und es blieb
totenstill bis zur Landung. Als das Flugzeug auf dem Inlandsflughafen
ausgerollt war, blieben wir alle noch eine oder zwei
Minuten sitzen. Dann drehte der Captain langsam den Kopf
und blickte mich lange an. Es lag in seinen Augen ein brüderlicher
Ausdruck, etwas, das im Empfinden ähnlich sein mochte
wie dasjenige von Flugzeugentführern und Geiseln, nachdem
sie gerade eine gemeinsame Bruchlandung überlebt haben.
Ich werde diesen Blick nie mehr vergessen. Er trug dazu bei,
dieses Land in den folgenden Jahrzehnten wieder und wieder
zu bereisen.
Es war elf Uhr. Von der Ankunftshalle konnten wir hinter
einer hohen Mauer die Heckflossen unserer Thai-Maschine
sehen und die Triebwerke laufen hören. Sie war knapp vor
dem Start. Wir eilten im Laufschritt zur Abflughalle des Internationalen
Flughafens.
Herr X steuerte, gemeinsam mit mir, eine Gruppe von Thai-
Bediensteten an. Einer davon trug ein Funkgerät. Es musste
der Stationsmanager sein. Herr X wechselte einige hastige
Worte mit ihm, wieder verstand ich den gleichen Namen und
die gleiche Vereinigung wie schon in Lukla.
Der Stationsmanager sprach aufgeregt in sein Funkgerät.
Wenige Minuten später hörte man, wie die Triebwerke der
Thai-Maschine gedrosselt wurden.
Ein allerletztes Riesenproblem war, dass wir keine Pässe
dabei hatten. Denn in Nepal ist es üblich, am Beginn der Tour
die Pässe im Büro der Expeditionsagentur in Kathmandu zu
lassen, weil man sie ja zur Bergbesteigung nicht braucht, und
stattdessen eine Besteigungsgenehmigung mit Namen mitführt.
Wie aber kamen wir nun möglichst schnell zu unseren Pässen?
Ich wollte mir ein Taxi nehmen und in die Stadt rasen,
aber der Stationsmanager wies mich darauf hin, dass gerade
der König samt Gefolge von einem Staatsbesuch zurückgekehrt
war.
„Und was hat das mit uns zu tun?“, fragte ich.
„Nun ja, die Straßen zwischen dem Flughafen und dem Königspalast
im Zentrum sind gesperrt. Wegen der Parade!“
Auch das noch. Es blieb uns wirklich nichts erspart. Rat
suchend blickte ich in die Runde, während ich draußen die
Triebwerke der Thai-Maschine laufen hörte.
„Wie lange werden die Straßen gesperrt sein?“
„Nicht mehr lange, Sir. Vielleicht zwei oder drei Stunden.“
Aus. Es war vorbei. Der einzige Weiterflug der ganzen Woche
würde ohne uns abheben.
„Kann man telefonieren?“
„Wir haben normalerweise ein Telefon, Sir.“ Er wies mit
dem Kinn zu einer Säule, an der ein schwarzes Telefon aus Bakelit
hing. „Aber leider, Sir, es ist seit einigen Tagen außer Betrieb!“
Ich ließ meinen Blick Rat suchend durch die Halle schweifen.
An der Stirnwand hing ein Ölbild des Königs samt Familie.
Ich beschloss, dass ich kein Monarchist war (niemand
konnte damals ahnen, dass der arme Birendra samt Großfamilie
fünfundzwanzig Jahre später bei einem konzertierten Attentat
sein Leben lassen würde).
„Und das Telefon funktioniert wirklich nicht?“
„Nein, Sir. Leider, Sir.“
Bedauernd blickte ich noch einmal zum Telefon. Da kam
mir eine Idee. Neben dem Telefon stand schon die ganze Zeit
ein etwa fünfzehnjähriger Nepalese und beobachtete uns. Er
hatte ein sympathisches, offenes Gesicht und lächelte mir nun
zu.
„Willst du dir hundert Dollar verdienen?“, sagte ich zu
ihm.
„Aber gern, Sir.“
„Hast du ein Motorrad?“
„Nein, Sir. Das kann ich mir nicht leisten.“
„Auch kein Fahrrad?“
„Nein, Sir. Aber ich könnte mir eines ausleihen.“
Ich kritzelte die Adresse des Stadtbüros unserer Expeditionsagentur
auf einen Zettel. Dann übergab ich ihm fünfzig
Dollar: „Nur die Pässe. So schnell wie möglich. Und wenn du
zurückkommst, erhältst du die anderen fünfzig!“
„Aber ja, Sir. Gern, Sir!“
Ich sah ihn davonlaufen und wieder begann eine quälende
Zeit des Wartens, in der wir die immer noch laufenden Triebwerke
unserer wartenden Maschine hörten.
Nach einer Stunde war der Junge wieder da und trug in einem
Plastiksäckchen unsere Pässe. Am liebsten wäre ich ihm
um den Hals gefallen.
Wir eilten im Laufschritt unter Begleitung der Thai-Bediensteten
zum Zoll. Aufgeregt sprach der Stationsmanager in
sein Funkgerät. Die Papiere meiner Gruppe waren bald abgestempelt,
als ich, als Letzter, aufgehalten wurde.
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
Der Zollbeamte wies mit dem Finger auf einen handgeschriebenen
Eintrag in meinem Pass. One Walkman With Him,
stand da. Mein Gott, darauf hatte ich ganz vergessen. Ich hatte
den Walkman beim Rückmarsch vom Berg der Frau eines
bekannten Bergsteigers geliehen, die gerade zu einem hohen
Berg aufbrachen. Und nun hatte ich ihn nicht dabei, um ihn
wieder auszuführen. Ich versuchte mit Händen und Füßen
dem Zollbeamten zu erklären, dass es sich hier nicht um eine
groß angelegte Schmuggelaktion handele, sondern um ein
Missverständnis, aber er verstand kein Englisch und verweigerte
mir den Ausreisestempel. Durch die verdreckten Scheiben
des Flughafens sah ich schon meine Gruppe die Gangway
hinaufsteigen und mich alleine zurücklassen, da ergriff einer
der Thai-Bediensteten in einem günstigen Augenblick einfach
den Stempel des Zollbeamten, drückte ihn in meinen Pass, und
sie nahmen mich an beiden Seiten und rannten mit mir auf das
Rollfeld, während uns schreiend und protestierend der Zollbeamte
nachlief. Aber ich hatte die Gangway schon erreicht,
fand gerade noch die Zeit, mich bei meinen Rettern zu bedanken,
und wurde schon vom Bordpersonal in Empfang genommen
und zum Sitz geleitet. Das Flugzeug war, mit Ausnahme
unserer freien Sitze, voll besetzt mit Amerikanerinnen reiferen
Alters. Sie hatten tapfer und ohne Protest stundenlang wegen
uns ausharren müssen. Das Flugzeug hob endlich ab, nach
Erreichen der Reiseflughöhe servierten die Stewardessen gerade
das Essen, als uns der Captain über den Bordlautsprecher
als Himalayabergsteiger vorstellte. Da rührte keine der Amerikanerinnen,
die neben uns saßen, ihr Essen an. Sie warteten,
bis wir unsere Portionen aufgegessen hatten, und schoben uns
dann die ihren unter mitleidigen Blicken herüber. Nie mehr
in meinem Leben sind mir ältere Damen mit blauen Haaren,
strassbeklebten Brillen und grünen Lippen so sympathisch gewesen.
In Bangkok wurden wir von einem Bus abgeholt und ins reservierte
Hotel gebracht. Es war das Hotel Oriental, das in diesen
Jahren gerade zum wiederholten Male zum besten Hotel
der Welt gekürt worden war.
Wir betraten die Halle, in deren Mitte ein etwa dreißig Meter
hoher Wasserfall herunterfiel und goldbetresste Bedienstete
die Messinggeländer der Treppenaufgänge polierten, und
näherten uns im Gänsemarsch der riesigen Rezeption. Die
meisten von uns trugen noch ihre grauen, lodenen Knickerbocker,
karierte Hemden und unförmige Expeditionsschuhe aus
Plastik. In den Händen hielten wir durchsichtige Plastiksäckchen,
darin gut sichtbar die Zahnbürsten und Waschutensilien,
das einzige Gepäck, das mitzunehmen uns erlaubt gewesen
war. So standen wir also, im besten Hotel der Welt, eine
müde, stoppelbärtige Karawane, und zeigten unsere Pässe.
Der Chefrezeptionist hüstelte.
„Entschuldigen Sie, Sir, woher kommen Sie?“
Wenn ich behauptet hätte, dass ich Amundsen sei und der
neben mir stehende Herr X mein Begleiter Hansen und der
Rest meiner Gruppe meine Schlittenhunde wären und wir gerade
vom Nordpol oder Südpol kämen, hätten die Rezeptionisten
auch nicht verwunderter geblickt. So aber sagte ich
ganz einfach: „Aus dem Himalaya.“
„Aus dem Himalaya“, wiederholte der Empfangschef.
„So ist es!“
„Sehr wohl, Sir!“
Und während die Rezeptionisten uns alle für einige Sekunden
ungläubig anstarrten, hörte ich aus der Warteschlange
hinter mir halblaut die Worte: „Meine Mission ist erfüllt!“
Ja, dachte ich mir. Die meine auch.

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Autor:
Mayr, Rudi
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